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Dienstag, den 27. April 1897

24. Jahrgang

mit Unterchaltrmgs-Kettage „Sterne und KLumen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

^7 Der Reichskommissar z.D.Dr. Peters ist von der kaiserlichen Disziplinarkammer für die Beamten der deutschen Schutzgebiete der ihm zur Last gelegten Schänd- und Greuelthaten schuldig besunden worden. Das Nrtheil lautet: Der Reichskommissar z. D. Dr. Karl Peters ist des Dienstvergehens schuldig und deshalb mit Dienstentlassung zu bestrafen; soweit er schuldig ist, ist er auch die Kosten zu tragen gehalten.

Das ist die höchste Strafe, die im Disziplinar­verfahren möglich ist, aber der „Bismarck Ostafrikas" kann noch von Glück sagen, daß er nur vor dem Disziplinarrichter und nicht vor dem Strafrichter stand, sonst wäre ihm mindestens eine langjährige Zuchthausstrafe sicher gewesen. Also lediglich dem Umstande, daß die Verordnung, welche auch die Deutschen in den Schutzgebieten dem heimischen Straf­recht unterstellt, zur Zeit der Peters'schen Schand- thaten noch nicht in Kraft war, verdankt es dieser „Civilisator", daß er am Zuchthaus noch einmal vorbeigekommen ist.

Die Verurtheilung dieses sonderbaren Kolonisators ist zugleich eine empfindliche Niederlage für seine An­hänger, die nicht nur ihren Helden unablässig und „unentwegt" feierten, sondern auch alle begeiferten und verdächtigten, die sich weniger für ihn zu be­geistern verniochten. Insbesondere den Kolonial­direktor Dr. Kayser hat man so afrikanermäßig mit Gehässigkeiten verfolgt, bis er schließlich seines Amtes überdrüssig geworden war. Dabei hatte Dr. Kayser den Dr. Peters noch recht glimpflich behandelt, denn bei einer früheren Untersuchung gegen diesen war be­kanntlich nichts Sicheres erwiesen worden. Die Zu- muthung, ihn gegen die Anschuldigungen des Abg. Bebel durch dick und dünn zu vertheidigen, war doch allzu starker Tabak für Jemand, der den „großen Afrikaner" einigermaßen kannte, wie es bei dem Kolonialdirektor der Fall war. Wenn dieser in seiner „Abschiedsrede" im Kolonialrathe bemerkte, das Straf­gericht sei schon über seine Verfolger hereingebrochen, so hat ihm der Spruch des Disziplinarhofes am Samstag Recht gegeben. Die Peters - Leute liebten es, von Zeit zu Zeit die Nachricht zu verbreiten, das Verfahren sei eingestellt. Peters sei ehrenvoll ans der Untersuchung hervorgegangen. War es Siegesgewiß­heit oder die ihm eigene Dreistigkeit oder das einfache Pflichtgefühl des Beamten, was Dr. Peters veran­laßte, von London zu der Gerichtsverhandlung Heim­zukommen.

Die Verhandlung hat nun zwar nicht alles be­stätigt, was Bebel behauptet hatte, insbesondere existirt der angebliche Brief an den anglikanischen Bischof

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benno.

45] ------ (Nachdruck verboten.)

Am Abende dieses Tages sah Severin, wie ein Taglöhner einen Koffer aus dem Zimmer Selmas forttrug. Der Mann hatte eine Zeit gewählt, wo sich das Gesinde in der Regel beim Nachtessen befand. Es kam ihm auch in der ifjat Niemand in den Weg als der Hausknecht, der etwas verspätet von einem Ausgange heimkehrte. Dieser aber kümmerte sich nicht weiter darum.

Dagegen hatten die glühenden Augpn eines An­dern durch die Spalte einer zum Theil geöffneten Thüre gespäht, und diese Augen beobachteten scharf den Mann, der sich mit dem Koffer entfernte. Gleich darauf wurde die Thür ganz geöffnet, und der Sekretär trat heraus. Er eilte die Treppe hinab und verschwand in dem Dunkel der Nacht.

X.

In der weiten Bahnhofshalle der Residenz stand der Schnellzug zur Abfahrt nach dem Norden bereit. Gepäckwagen rollten auf dem zwischen den Geleisen sich hinziehenden Bahnsteige von Wagen zu Wagen, und Dutzende von Händen rührten sich mit der

Tucker nicht; auch ergibt sich der Zusammenhang der „Hinrichtung" des schwarzen Dieners und der ent­laufenen Negerin mit dem Ehebruch nicht in der Weise, wie Bebel ihn dargestellt hatte. Aber es blieb doch genug übrig, um den Gerichtshof zur Strafe der Amtsentlassung, der höchsten, die er verhängen konnte, zu veranlassen. Hat Peters den berüchtigten Brief nicht geschrieben, so hat er sich doch im Sinne dieses Briefes, nur mit noch mehr Cynismus, Freunden und Bekannten gegenüber renommistisch ausgesprochen. Sehr- stark spricht es gegen ihn sodann, daß er über die Hinrichtungen und'seine Schneidigkeit gegenüber einem Häuptlinge falsche Berichte an den Gouverneur ge­schickt hat; er war sich also seines Unrechts wohl be­wußt. Der Gerichtshof hat die Verdienste des Dr. Peters um die Kolonialpolitik anerkannt. Auch die ihm befreundete Presse hebt diese Verdienste sehr stark hervor, um den Eindruck des Urtheils ahzu- schwächen, wohl auch anzudeuten, daß man gnädiger mit ihm hätte umgehen können.

Wir vermögen diese Verdienste nicht so hoch zu werthen, zumal wenn wir ihre Motive betrachten. Nicht um für Deutschland etwas zu thun, noch weniger um den „Wilden" Sitte, Christenthum, Civilisation, Kultur, Freiheit und Sicherheit zu bringen, ging Dr. Peters nach Afrika, sondern einzig und allein, um ein Mann zu werden, von dem man in der Welt spricht. Dieser ganz gewöhnliche eigen­süchtige Ehrgeiz gestattete ihm nicht, sich einen Namen mit den Mitteln zu erwerben, die andere Afrika- forscher angewendet hatten. Er wollte imponiren durch „Schneidigkeit" und spielte deshalb bei den „Wilden" den „Uebermenschen", der aufspießt, hängt, sengt und brennt, um sich Respekt zu verschaffen, sich selbst an keine Sitte und kein Gesetz gebunden achtet, dafür aber die Schwarzen hängt und prügelt, sobald sie den Geboten seiner Tyrannenlaune nicht unbedingt gehorchen. Vor Europa suchte er das mit dem Ge­bote der Selbsterhaltung, der Sicherheit der deutschen Interessen u. s. w. zu entschuldigen; wenn er einen spitzbübischen Diener oder eine entlaufene, der Prügel überdrüssige Schwarze hängen lassen will, so tritt ein „Kriegsgericht" zusammen, d. h. nach der Aussage eines betheiligten Zeugen, „man sitzt eben zusammen und berathschlagt, was man wohl am besten thue," und dann erfolgt eine „Verurtheilung zum Tode"; ob das Verbrechen todeswürdig ist, ist Nebensache; man ist ja in Afrika, wo ein Menschenleben nicht viel gilt.

Die ,PosL meint, in England lege man an das Verhalten „kolonialer Bahnbrecher" nicht einen solch strengen Maßstab wie bei uns; und manche Kenner erblickten in der Gleichgiltigkeit gegen sittliche Schwächen von Kolonialpionieren eine der Ursachen der Erfolge der englischen Kolonialpolitik. Nun, wir überlassen Herrn Peters gern den Engländern. So weit hat uns glücklicher Weise die Sorge um das „Geschäft" noch nicht gebracht, daß wir ruhig zusehen, wenn, unsere ameisenartigen Geschäftigkeit, wie sie durch das Zeit­alter der Eisenbahnen erzeugt worden ist. In buntem Durcheinander wogten die Reisenden hin und her.

Hier galt es einem Abschied, dort rief ein Reisender nach seinem vermißten Gepäck. Die Schaffner_zählten die Fracht- und Postgegenstände, die Packleute mahnten mit lauter Stimme, Ächtung vor den rollenden Wagen zu geben. Es war ein Summen, Lärmen und Schreien, daß man das eigene Wort nicht ver­stand.

Ein vornehm gekleidetes Paar hatte sich etwas außerhalb des Gewühls in die Nische von zwei Pfeilern gestellt. Die Dame war tief verschleiert und bei dem Manne bedeckte ein mächtiger Vollbart den untern Theil des Gesichts.

Der Mann hatte ein kleines Handköfferchen auf die Holzbank gestellt, die sich an der Wand hinzog. Es schien sehr schwer zu sein und eine sorgfältige Behandlung zu beanspruchen, da der Reisende es nicht aus dem Auge ließ.

Mit sichtlicher Ungeduld warteten die Beiden auf den entgegenkommenden Zug, dessen Eintreffen der Schnellzug ab warten mußte. Endlich lhat ein durch­dringendes Pfeifensignal sein Herannahen kund. Lang­sam bewegte er sich in die Halle herein. Die Reisenden verließen die Wagen und schlugen theils

Kolonialhelden bei den Wilden allen bösen Instinkten der Wollust und Grausamkeit die Zügel schießen lassen, wenn ihre Thätigkeit fast nur Profit bringt. Gewiß kann man in Afrika ohne eine bei uns uiinöthige Strenge nicht auskommen, aber wir müssen verlangen, daß unsere Beamten auch fern von europäischer Cioili- sation und deutscher Polizei die Grundsätze der Sitt­lichkeit und Gerechtigkeit beobachten. Unsere Kolonien dürfen nicht zum Tummelplätze für schlimme Subjekte werden, die sich einmal nach Herzenslust austoben möchten. Wer es treibt wie die Leist, Wehlau, Schröder, Peters, der richtet trotz alles Renommirens mit seinen „Verdiensten" um das Vaterland mehr Schaden als Nutzen an.

Die Freunde des Verurtheilten möchten zur Lin­derung seines und ihres Schmerzes Herrn Dr. Kayser schließlich noch einen Strick drehen. Man wirft ihm vor, daß das Verfahren gegen Peters nicht aus der Initiative der Kolonialoerwaltung hervorgegangen ist, sondern der Sozialdemokratie wieder neuen Nimbus verleiht. Die ,Deutsche Tagesztg/ ruft sogar nach einem Disziplinarverfahren gegen Dr. Kayser, weil er Peters noch definitiv angestellt und ihm die Landes­hauptmannschaft am Tanganjika-See angetragen habe, nachdem er alles, was jenem zum Vorwurf gemacht werde, bereits gekannt und untersucht habe. Also zuerst wüthet man gegen den Kolonialdirektor, weil er überhaupt ein Disziplinarverfahren gegen Peters eingeleitet hat, jetzt greift man ihn an, weil er es nicht schon früher mit Erfolg gethan hat.

* Der „große Afrikaner" hat in Deutschland seine Rolle endgiltig ausgespielt, sowohl als Kolonialpolitiker wie als Vorkämpfer für eine „Weltflotte". Er wird sich nun wohl ganz den Engländern zur Verfügung stellen, die Persönlichkeiten feines Schlages besser zu würdigen wissen als wir engherzigen und philiströsen Deutschen. Mit seiner Verurtheilung ist nun hoffent­lich die Epoche der deutschen Kolonialpolitik endgiltig abgeschlossen, die so voll von Skandalen, Aergernissen und Mißgriffen war.

Deutsches Deech»

Berlin, 26. April.

X Zum griechisch - türkische« Krieg äußert sich eine von dem offiziösen Telegraphen aus Berlin übermittelte offiziöse Note, welche die Auffassung der deutschen Regierung wiederspiegelt, dahin, daß die jetzt vorliegenden Nachrichten keinen Zweifel darüber bestehen ließen, daß die griechische Armee aus sämtlichen Positionen an der thessalischen Grenze zurückgedrängt sei und fid) in einer theilweise un­geordneten Rückzugsbewegung befinde. Bei allen Kabineten zeige sich die volle Geneigtheit, wie früher für die Erhaltung, so jetzt für die Wieder­herstellung des Friedens sich zu bemühen. Naturgemäß aber müsse nach den gemachten Er­fahrungen jedem derartigen Schritt die bindende

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den Weg nach der Stadt ein, theils eilten sie nach dem bereitstehenden Zuge, für den gleichzeitig das zweite Zeichen zum Abfahren ertönte.

Die verschleierte Daine gab dem Manne einen Wink. Dieser schüttelte jedoch, nachdem er hin- und hergespäht hatte, den Kopf. Das dritte Glocken­zeichen wurde gegeben.

„Einsteigen, einsteigen!" mahnten die Schaffner. Nun raffte der Herr fein Köfferchen auf und stürmte, seine Begleiterin vor sich herdrängend, dem nächsten Wagenabtheil zu, in bessern Innern er mit der Dame verschwand. Die Thüre wurde zugeschlagen, der Zug- meister gab das Zeichen, und der Zug setzte sich in Bewegung — da stürzte mit wirren Haaren und ohne Hut eine unscheinbare Gestalt aus dem Ge­dränge hervor. Mit einem gellenden Wuthschrei schwang sie sich auf bas Trittbrett unb klammerte sich an dem Fenster an, hinter dem der Herr mit der verschleierten Dame sich befand. „Hall, halt!" schäumte der Sekretär Malang, „laßt ihn nicht fort den Betrüger, den . . . !"

Ein Schaffner hatte das wahnsinnige Unterfangen des Schreibers bemerkt. Er suchte ihn ans feiner gefährlichen Sage von dem bereits in starkem Laufe befindlichen Zuge auf den Bahnsteig zu reißen. Doch der Sekretär entglitt in Folge des zornigen Wider-