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Montag, den 26. April 1897.

24. Jahrgang

mit UnterhaLLmrgs-KeiLage „Sterne und KLrwrrn".

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Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

[§] Znr Handwerkervorlage.

Am nächsten Dienstag wird in Berlin der Deutsche Jnnungs- und Allgemeine Hand­werkertag zusammentreten, um zu der Handwerker­vorlage Stellung zu nehmen. Der engere Vorstand des Münchener" Allgemeinen deutschen Handwerker­bundes hat eine Betheiligung an der Einladung zu dem Handwerkertage ab gelehnt. Sie geht diesmal aus vom Centralausschuß der vereinigten Jnnungs- ausschüsse in Berlin und ist von 26 Jnnungsver­bänden unterzeichnet. Die Mitglieder der deutschen Handwerkerkonferenz vom September v. I. werden sich schon am Montag wieder in Berlin versammeln; doch ist die Versammlung nicht öffentlich. Wenn der Münchener Ausschuß einen Handwerkertag in diesem Augenblick nicht für opportun gehalten hat, weil er der Organisationssache voraussichtlich mehr hinderlich als sörderlich sein würde, so könnte er Recht behalten. Allem Anschein nach werden die Geister stark aufein­anderplatzen und dann werden die Gegner der Hand­werkerorganisation das für sie erfreuliche Schauspiel der Zwietracht in den Kreisen des organisirten Handwerks sehen; oder der Handwerkertag wird in Eintracht Beschlüsse fassen, die aussichtslos sind, und dann ist den Parteien, die für das Handwerk eintreten, die Aufgabe erschwert.

Die Erklärung, die der Centralausschuß ver­einigter Jnnungsverbände und die ständige Depu­tation des Jnnungsausschusses vereinigter Innungen Berlins dem Handwerkertage vorschlagen, kommt jedenfalls den Handwerksfreunden in der augenblick­lichen Lage nicht zu Hilfe. Sie hält fest an der Forderung der unbedingten Zwangsinnung nach den" Beschlüssen der Handwerkerkonferenz, lehnt die "fakultative Zwangsinnung sorvohl nach der Vor­lage wie nach dem Kommissionsbeschlufse (Antrag Gamp), wie in jeder andern Form ab, und empfiehlt, die ganze Vorlage abzulehnen, wenn die Be- stimniungen über die fakultative Innung nicht durch die neu vorgeschlagene ersetzt werde. Die neuen Vor­schläge besagen: Für den Bezirk einer auf dem Ge­biete des Lehrlingswesens wohl bewährten Innung kann bestimmt werden, daß Nichtinnungsmitglieder des betreffenden Gewerbes von einem bestimmten Zeit­punkte an Lehrlinge nicht mehr halten dürsen; diese Bestimmung muß erlassen werden, wenn der Innung die Mehrzahl der mit Gesellen und Lehrlingen ar­beitenden Gewerbetreibenden angehört: ferner kann für den Bezirk einer leistungsfähigen Innung, bezw. muß unter der oben erwähnten Voraussetzung be­stimmt werden, daß die statuarischen Vorschriften der Innung über das Gesellen- und Herbergswesen und

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benno.

44] —---- (Nachdruck verboten.)

Auch er schlug den Weg nach der Stadt ein und begab sich an der Wohnung des Doktors Sallust vor­über nach der Löwenwirthschaft. Vielleicht wäre es eine Genugthuung für ihn gewesen, wenn er gehört hätte, was zur gleichen Zeit in dem Arbeitszimmer des Doktors vorging.

Morbor hatte sich beim Betreten des Städtchens von Selma getrennt und seinen Geschästsgenoffen be­sucht. An die Launen Sallust's gewöhnt, war ihm der kühle Empfang nicht aufgefallen. Dagegen be­merkte er recht gut das lebhafte Interesse des Dok­tors, als er feinen Besuch im Krankenhause erwähnte und die Wahrnehmung, die von ihm über den Zu­stand der Mutter Selma's gemacht worden war.

Gleichwohl verlor Sallust kein Wort über dieses Thema. Er durchschritt mit finsterer Miene das Zimmer, öffnete dann sein Schreibpult und Holle eine Anzahl ausgefüllter Wechselformulare hervor.

„Von wem rührt diese Unterschrift her?" wandte er sich mit mühsam verhaltener Ausregung an Morbor, indem er diesem eines der Papiere vor das Gesicht hielt.

Wilhelm wechselte die Farbe. Sein Schreck

über den Arbeitsnachweis auch auf Nichtinnungsmit­glieder Anwendung finden. Man will demnach auf dem Wege über die bestehenden Innungen indirekt zu der Zwangsinnung kommen, wobei man namentlich auch die Heranziehung der fabrikmäßigen Betriebe im Auge hat.

Die Vorlage schreibt bekanntlich die Errichtung einer Zwangsinnung nur für den Fall vor, daß die Mehrheit der Handwerker zustimmt. Der Antrag Gamp will die Behörde ermächtigen, auch ohne diese Zustimmung eine Innung zu er­richten. Die obigen Vorschläge will die Zwangs­innung auf der Grundlage bewährter Innungen in der Weise errichten, daß diesen Befugnisse über die Nichtinnungsmitglieder eingeräumt, bezw. den letzteren Rechte entzogen werden. Dabei soll dieser indirekte Zwang zum Eintritt in die Innung angewandt werden, wenn die Mehrzahl der größeren (mit Gesellen und Lehrlingen arbeitenden) Gewerbetreibenden der Innung schon angehört, es kann aber auch geschehen, wenn dies nicht der Fall ist. Nun könnte man ja alle drei Vorschläge dahin auslegen, daß sie in der Praxis auf dasselbe hinauskämen: wenn die Mehrheit der Hand­werker sie will, ist die Zwangsinnung einzuführen, wenn nicht, so steht es der Regierung frei, die Ein­führung zu verweigern. Wie es aber gemeint ist, geht der Antrag Gamp prinzipiell von der Vorlage ab, und der Vorschlag der Handwerker wieder über diesen Antrag hinaus, namentlich insofern er die Fa­brikanten zur Zwangsorganifation heranziehen will.

Nun stimmen wir ja grundsätzlich den For­derungen der Handwerker zu, aber wir finden es nicht klug, die ganze Vorlage zu verwerfen, wenn diese Forderungen nicht durchgesetzt werden können. Es wird dann, das ist schon oft hervorge­hoben worden, in absehbarer Zeit gar nichts mehr für das Handwerk geschehen, während die Vorlage trotz aller Mängel doch eine Grundlage ist, aus der man weiter bauen und zur vollen Erfüllung der Handwerkerwünsche kommen kann. Es sieht ja recht handwerkerfreundlich aus, wenn man womöglich noch mehr verlangt als sie, und andernfalls alles abweisen will, — es ist es aber ganz und gar nicht. Viel über die Vorlage hinaus ist offenbar nicht zu erreichen; schon der Antrag Gamp wird, wie von verschiedenen Seiten behauptet wird, auf nachdrücklichen Widerstand bei der Regierung stoßen; da ist der Vorschlag der Handwerker erst recht nicht dnrchzusetzen. Die große Mehrheit des Centrums hat sich von vornherein auf den Standpunkt gestellt, daß es ein Fehler wäre, die Vorlage fcheitern zu laffen. Es ist daher z. B. ganz haltlos, wenn die,PosÜ von einem „Umfall" und einer „Frontveränderung" des Centrums redet für den Fall, daß es in äußerster Zwangslage auch auf den Antrag Gamp verzichten müsse. Wie die Dinge liegen, ist die Hauptsache, daß etwas zu Stande kommt. Wir nehmen es den Handwerkern nicht übel, daß sie unzu fried en sind, dauerte aber nicht lange. Er stieß erzwungenes Lachen hervor. „Beim Teufel", fluchte er, „wie kommen Sie zu diesem Wisch? Er ist noch gar nicht verfallen!"

Das Gesicht Sallust's färbte sich roth. Dennoch hielt er an sich. „Er ist noch nicht verfallen", ent­gegnete er mit heiserer Stimme, „ebenso wenig wie die anderen, die Sie sämmtlich auf meinen Namen gefälscht haben, und die der Agent Schnell zum Ein­züge erhielt. Sie sind ein großer Schreibkünstler, Her-r Morbor; diesmal hat Ihnen die Hand jedoch versagt. Von mir ist die Fälschung natürlich' auf den ersten Blick erkannt worden, aber auch Isidor Schnell schöpfte Verdacht. Er weiß, welchen ver­schwenderischen Lebenswandel Sie führen; er scheint noch mehr zu vermuthen, und als vorsichtiger Mann hat er mir die Papiere gezeigt. Ich löste sie ohne weiteres ein. Sie können sich denken, warum. Ich erkläre Ihnen jedoch, daß dies das erste und letzte­mal ist. Wohin soll das führen, wenn Sie auf diese Weise weiterwirthschaften? Das Geschäft geht ohne­hin schlecht. Wir verlieren Kredit und Vertrauen — ruiniren aber lasse ich mich durch Ihre wahnsinnigen Tollheiten nicht."

Wilhelm hatte sich wieder vollständig gesaßt. Er strich den Schnurrbart und lehnte sich nachlässig auf

wir sind es auch; aber wir hoffen, daß, wenn wir nur erst den Anfang einer guten Gesetzgebung haben, es den intelligenten und tüchtigen Handwerkern ge­lingen wird, mehr daraus zu machen, als sie selbst heute glauben.

Die für den Handwerkertag bestimmte Resolution behauptet, die Vorlage bedeute eine Verschlechterung des heutigen gesetzlichen Zustandes. Dabei ist wohl an die fakultativen Befugnisse der jetzigen Innungen in Bezug, auf das Lehrlingswesen gegenüber Nicht­innungsmitgliedern gedacht, wie sie die obenerwähnten Vorschläge verbergen. Jndeß werden die heute geltenden Bestimmungen doch offenbar durch die den Zwangsinnungen und den Handwerkerkammern zuge­dachten Befugnisse völlig ersetzt.

«MSJIfcKWW ll—XHMB WH.....W II WcyiHBUW«». WWMMBNM

Deutsches Reich.

Berlin, 24. April.

* Der Kaiser ist am Freitag Abend von Strehlen nach Karlsruhe abgereist und dort am Samstag Vor­mittag angelangt. "Auf dem Bahnhofe empfingen ihn der Großherzog von Baden, der Erbgroßherzog mit Gemahlin, die Prinzen Karl und Max von Baden und die Spitzen der Behörden. — Der neuernannte Chef des ostasiatischen Kreuzergeschwaders, Kontre- admiral v. Diederichs, begibt sich am 5. Mai von Neapel aus nach Hongkong, woselbst er etwa am 3. Juni eintresfen wird. — Der Senatspräsident am Reichs­gerichte, früherer Kolonialdirektor Dr. Kayser, soll derartig herzleidend sein, daß an eine Wiederaufnahme seiner Dienstgeschäfte in absehbarer Zeit nicht zu den­ken ist.

ft Im Asichstage ist nach den Beschlüssen der Redaktions - Kommission eine Zusammenstellung des Gesetzentwurfes, betr. die Abänderung der Nnfallver- ficherungs-Gesetze im ersten Theile der Gewerbe-Un­fallversicherung, ausgearbeitet worden und wird in den nächsten Tagen erscheinen. Seitens der verbün­deten Regierungen wird nach Beendigung der Oster­ferien der mit der Berathung des Entwurfes betraut gewesenen Kommission eine Art von Kompromiß zu ihren Beschlüssen unterbreitet werden.

* Die Ernennung des Wachfolflcrs Stephans ist bis zur Rückkehr des Kaisers nach Berlin ver­schoben worden. Neuerdings gelten außer dem Unter« saatssekretär Dr. Fischer, der bisher als dec alleinige Kandidat in Frage kam, noch der schon früher in dieser Verbindung genannte Präsident des Reichsversicherungs­amts Dr. Bödiker und der Generalmajor a. D. v. Podbielski als ernsthafte Kandidaten.

% Der bekannte schneidige Distriktskommissar a.D. v. Karnap stand am Freitag vor der Strafkammer in Liffa. Die Verhandlung war ein Nachspiel zum Opalenitza-Prozeß. Bei diesem war zur Sprache ge­kommen, daß v. Carnap vor etwa vier Jähren in Przinica in amtlicher Eigenschaft einen Nachtwächter und den Gemeindevorsteher mit seinem Säbel ge- seinen Stuhl. „Erhitzen Sie sich doch nicht, bester Herr Doktor," mahnte er; „was liegt denn dran, ob ich mir die Summen durch Wechsel verschaffte, oder ob ich sie baar der Kasse entnahm. Geld mußte ich haben, und", so fügte er mit scharfer Betonung hin­zu, „unter uns, das wissen Sie ja aus eigener Er­fahrung, nimmt man es mit diesen Papierchen und Namensunterschriften nicht so genau."

Sallust sprang auf. Er zitterte vor Wuth. Un­willkürlich flog fein Blick nach der Wand, wo die Jagdflinte hing.

Auch Wilhelm war aufgesprungen. Er hatte die drohende Bewegung des Doktors bemerkt. Gleich- müthig stellte er sich zwischen diesen und der Waffe. „Machen sie keine Dummheiten," warnte er; „unsere Verhältnisse ertragen sie nicht. Uebrigens würden Sie bei einem Gewaltversuche wahrscheinlich den Kürzeren ziehen. Denn ich bin kein täppischer Bauer wie der Wiesmüller, dem Sie, wie ich mir erzählen ließ, einst auch eine blaue Bohne zugedacht hatten, sondern ein ehemaliger Akrobat und schon etwas flinker als Sie. Doch nichts für ungut. Sie tragen selbst die Schuld, daß ich unfern gegenseitigen Stand­punkt in das richtige'Licht setzen mußte. Ich will für die prompte Bezahlung der Wechsel nicht undank­bar sein."