Einzelbild herunterladen
 

Donnerstag, den 22. April 1897.

24. Jahrgang

nü) iitr

mit Unterhaltrmgs-KeUage „Sterne und Blumen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Ps., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

V Das Vereinsgesetz

scheint für die Zeit der Osterstille auf dem Gebiete der heimischen Politik die Rolle der Seeschlange übernommen zu haben. Die Nachrichten darüber lassen auch insofern an Abenteuerlichkeit zu wünschen nichts übrig, als sie sich von einem Tage zum an­dern völlig widersprechen. Am Freitag vor der Charwoche hatte das Staatsministerium sich mit dem Entwurf des Kollegen v. d. Recke beschäftigt und ihm zu gestimmt, so daß er „in den nächsten Tagen" dem Abgeordnetenhause zugehen werde. In den „nächsten Tagen" wurde uns dann aber erzählt, soweit sei die Sache noch nicht; es sei zwar alles in schönster Ordnung, das Ministerium vollkommen einig, aber —. Wiederum in den „nächsten Tagen" hieß es abwechselnd, die Einbringung der Vorlage stehe „unmittelbar" bevor, und, sie werde am Dienstag nach Ostern erfolgen. Dazwischen meldete ein Bericht­erstatters, der selbst eine dieser Lesarten verbreitet hatte, der Entwurf begegne „an den entscheidenden Stellen" Schwierigkeiten, weil man dort ein „scharfes" Vorgehen gegen den „Mißbrauch" des Vereins- und Verfammlungsrechts wünsche. Dann kam die ,Natztg/ mit einer wunderlichen Form der Dementirung von Kanzler-Krisengerüchten und die ,Köln. Ztg/ meldete, die Vorlage werde kaum noch in dieser Session an den Landtag gelangen.

Mit dieser überaus klaren Sachlage gingen wir in die Ostertage. Es kam der Osterdienstag, aber die Vorlage erschien im Abgeordnetenhause nicht, die Verbreitung widerspruchsvoller Meldungen nahm ihren Fortgang. Wir wurden auf Mittwoch vertröstet, aber auch heute ist nichts eingetroffen. Dafür über­rascht uns indeß die ,Nat. Ztg/ mit der Nachricht, das Gesetz habe dem Staatsminifterium bis jetzt überhaupt nicht vorgelegen, vielleicht habe Minister v. d. Recke in der Audienz, die er unmittelbar vor der Abreise des Kaisers nach Wien bei diesem hatte, die Ermächtigung zur Einbringung im Staatsministerium eingeholt.

Unseres Wissens ist die Einholung einer solchen Ermächtigung nicht die Regel; der einzelne Minister kann ohne sie den Kollegen einen Vor­schlag machen; das Ministerium holt dann die Er­mächtigung zur Einbringung der Vorlage im Land­tage ein. Doch darauf kommt es hier nicht an. Als feststehend darf man jetzt ansehen, daß es mit diesem Entwürfe des Herrn v. d. Recke an mehreren Stellen nicht klappt. Der Reichskanzler will die einfache Aufhebung des § 8 des Vereinsgesetzes, wie er sie versprochen hat. Herr v. d. Recke hält „Kompen­sationen" für dies großmüthige Zugeständnis für er­forderlich und will geschwind das Vereins- und Ver­sammlungsrecht ein wenig zu beschneiden den Versuch machen. Bei einem Theile des Ministeriums scheint er damit Beifall zu finden, bei einem andern nicht. Auch der Kaiser neigt zur „Schärfe", wie sie König Stumm als Allheilmittel gegen den Umsturz anpreist.

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benno.

41] ------ (Nachdruck verboten.)

Mit begreiflichem Staunen hatten Edgar und Julius auf die Worte des Obersten gehört. Obgleich Julius dem Grafen nicht so nahe gestanden 'hatte roie_ der Freund, trat in seinem Mienenspiel doch eine größere Entrüstung als bei jenem zu Tage.

„Ha, der nichtswürdige Mensch!" brauste er auf. „Er war also nicht nur ein erbärmlicher Schleicher und Denunziant! Auch noch Schlimmeres hielt er hinter seiner Maske versteckt! Dem Himmel sei Dank, daß die Wahrheit zur rechten Zeit ans Licht gebracht wird! Du bist von einem weitern Unglücke bedroht, Edgar: Antonie ist mit Seeburg verlobt!"

Der Ausdruck eines namenlosen Schreckens er­schien auf des jungen Mannes Gesicht.

„Toni — verlobt?" brachte er fast tonlos über seine bebenden Lippen hervor.

„Ohne Zweifel," erklärte Julius, „hat man sich auch zur Erreichung diefes Erfolges der verwerf­lichsten Mittel bedient; denn freiwillig, davon bin ich fast überzeugt, that meine Schwester diesen Schritt nicht. Jetzt weiß ich, warum Seeburg sich während

Eine Verständigung unter den verschiedenen Anschau­ungen ist noch nicht erzielt, wird vielleicht überhaupt nicht erzielt werden.

Kennzeichnend für den „schwierigen" Stand der Dinge ist der auffallende Umstand, daß bei dem vielen Hin- und Herreden über das Gesetz noch niemand etwas über seinen Inhalt zu melden gewußt hat. Bei anderen Gesetzen hört man lange, ehe sie reif sind, allerlei über ihre Einzelheiten; hier völliges Schweigen, als handele es sich um das theuerste Staatsgeheimniß. Der Geheimrath der ,Post' sprach allerdings wiederholt von dem Ausschluß der Minderjährigen von politischen Vereinen und Versammlungen, aber das war offen­bar nur ein Gedanke, den er selbst empfehlen wollte. Er wußte, daß die Nationalliberalen wenig Neigung für ein Gesetz nach dem Geiste der Konservativen haben, und rieth der Regierung, sich mit seinem Vor­schläge zu begnügen, damit doch wenigstens etwas zu Stande komme.

Wie es scheint, bemüht Herr v. d. Recke sich ganz umsonst, mag er nun die Aufhebung des § 8 mit oder ohne „Aequivalente" vorschlagen. Einer Verschlechterung des Vereins- und Versammlungsrechts dürfte das Abgeordnetenhaus nicht zustimmen, weil die Nationalliberalen die Rechte dabei im Stiche lassen würden. Im Herrenhaus aber, wo das ostpreußische Junkerthum mit seinen reaktionären Polizei-Ansichten das Heft in der Hand hat, wird nach einer Andeutung der,Kreuzztg/ die bloße Auf­hebung des § 8 keine Mehrheit finden. Angesichts dessen wird es am Ende Herrn v. d. Recke das liebste sein, wenn er die Sache für diese Session ad acta legen kann oder wegen der Zwiespältigkeit in den höheren Regionen muß. Wir unsererseits könnten uns freilich damit nicht zufrieden geben. Der Reichs­kanzler, d. h. die Staatsregierung, hat die einfache Aufhebung des § 8 ohne Klauseln zugesagt. Es ist nicht zu rechtfertigen, wenn man diefe so leicht zu erfüllende Zusage nicht hält. Etwaige ungünstige Aussichten einer Vorlage im Landtage sind kein Grund, daß die Regierung sich ihres Versprechens für ent­bunden halten könnte. Zur Abkürzung der Land­tagssession würde die Einbringung der Vorlage allerdings nicht beitragen und das Bestreben, die „Thätigkeit" des Landtages über Pfingsten hinaus zu verschleppen, würde durch sie eine wesentliche Unterstützung erfahren. Anscheinend hat man aber auch in Regierungskreisen den Wunsch, noch vor Pfingsten dem unerbaulichen Spiele ein Ende zu machen. Wenigstens führen, die ,Berl. Pol. Nachr/ deren Offiziösität freilich unklar ist, im Anschluß an die Dementirung einer von vornherein unglaublichen Zeitungsnotiz aus, daß eine Vereinsgesetznovelle keines­falls mehr vor Pfingsten verabschiedet werden könne, möglicherweise aber auch der Abschluß der Etats- berathung bei Unterbrechung durch die Novelle so verzögert werde, daß der Sessionsschluß vor Pfingsten nicht mehr erfolgen könne. Wir wünschen desgleichen ein baldiges Ende der Session, müssen aber die

meiner kurzen Anwesenheit in Rodenbach mir auf so auffallende Weise zu nähern versucht hat. Schon da­mals hatte er ein Auge auf Toni geworfen, wenn er auch seine Absichten verbarg. Ich kann mir die Maßregeln denken, die man gegen die arme Schwester anwandte und bei denen der Onkel schwerlich eine edle Rolle gespielt hat. Galt es doch, dem Sohne des Mannes das Herz der Braut zu entfremden, der noch auf dem Sterbebette von seiner Rachsucht ver­folgt worden ist. Die durch die Nachricht von Deinem Tode hervorgerufene Hoffnungslosigkeit Tonis hat dann wahrscheinlich zum Ziele geführt. Doch die Herren fallen sich täuschen. Glücklicherweise ist die Hochzeit erst auf das Frühjahr bestimmt. Ich werde unter keinen Umständen dulden, daß meine Schwester von einem solchen Menschen zum Altäre geführt wird."

Um die Lippen des Obersten spielte ein geheimniß- volles Lächeln. Er legte die Hand auf die Achsel des erregten jungen Mannes und richtete seine Augen mit innigem Ausdrucke auf Edgar.

„Diese Sorge überlassen Sie mir," sagte er. „Ihr dürft beide beruhigt in die Zukunft blicken; denn sie wird eine freundliche sein! Nicht umsonst hat mein Bruder fein Geheimniß mit so großer Vorsicht behan-

Regierung um die Erfüllung ihrer Zusage bitten selbst auf die Gefahr hin, daß „dieser" Landtag noch einige Wochen nach Pfingsten redete.

Deutsches Deich.

Berlin, 21. April.

£ Der deutsche Kaiser ist heute in Wien ein­getroffen und dort vom Kaiser Franz Joseph, den österreichischen Erzherzogen, sowie zahlreichen Staatswürdenträgern feierlich empfangen worden. Sowohl die österreichische wie die ungarische Presse begrüßt den Kaiser Wilhelm in sympathischen Artikeln und erblickt in der Kaiserzusammenkunft den Ausdruck des festen Zusammenhaltens beider Monarchen in ihrer Bestrebung, den europäischen Frieden zu erhalten. Wie bereits gemeldet, begibt sich Kaiser Wilhelm von Wien nach Dresden und von dort nach Karlsruhe. An den Aufenthalt in Karlsruhe wird sich bekanntlich ein mehrtägiger Aufenthalt beim Grafen Schlitz gen. v. Görtz in Schlitz anfchließen, von wo der Kaiser am 2. Mai wieder im Neuen Palais bei Potsdam eintreffen wird. Am 4. Mai wird der Kaiser dem Stapellauf des für den Norddeutschen Lloyd gebauten Dampfers „Kaiser Wilhelm der Große" auf der Werft des Stettiner Vulkan beiwohnen. Am 7. Mai ge­denkt das Kaiserpaar nach Schloß Urville in Loth­ringen abzureisen. Die Kaiserin hat sich diesen Morgen früh zu den Beifetzungsfeierlichkeiten nach Ludwigslust begeben.

* Der Reichskanzler stattete am Sonnabend in Paris dem französischen Minister des Aeußern Hanotaux einen Besuch ab, welchen dieser bald darauf erwiderte. Es handelte sich hierbei um einen Akt der Höflichkeit.

* Fürst Ferdinand von Aukgarien folgte am Dienstag einer Einladnng des hier weilenden Geh. Raths Krupp zum Diner. Heute begab sich der Fürst nach Ludwigslust, um der Beisetzung des Großherzogs Friedrich Franz beizuwohnen.

* Der ,Reichsanzeiger' meldet, daß der kaiserliche Reg.-Rath Moöokski, Mitglied des Patentamts, zum Vertreter des Präsidenten des Patentamts unter Beilegung des Charakters als Geheimer Regierungs­rath, der Ober-Regierungsrath v. Bischofshausen zu Schleswig zum Präsidenten der Regierung in Minden ernannt worden und daß dem Direktor der Staatsarchive Dr. Koser der Charakter als Geh. Ober-Regierungsrath verliehen worden ist.

* In dem Prozeß des früher« Kokoniak- direklors Kayser gegen Dr. Schröder hat die Staatsanwaltschaft die beim Reichsgericht gegen das den Dr. Schröder freisprechende Urtheil eingelegte Revision zurückgezogen.

* Die diesjährige IrüHzaHrsparade des Garde- Korps wird in Berlin am 3. Juni, in Potsdam am 4. Juni, die Herbstparade am 28. August stattfinden.

ft. In den bereits bekannt gewordenenAendernnge« in den hötzern Kommandostelken in der Armee bringt eine Extraausgabe des ,Mil. Wochenbl/ u. a.

delt und mich zum Mitwisser und Zeugen gemacht. Ich werde den Knoten durchhauen und wie ein Salomo der Wahrheit zur Ehre verhelfen, der Wahrheit, daß nicht jener Adolf Seeburg der rechtmäßige Sohn und Erbe des Grafen Ferdinand von Salmi ist, sondern unser junger Freund hier — Edgar Schirmer!"

Der Eindruck, den diese Enthüllung hervorbrachte, war so groß, daß sie den Freunden für den Augen­blick die Fähigkeit der Sprache benahm.

„Ja, Edgar," fuhr der alte Herr fort, „Du bist meines leider nur zu früh Heimgegangenen Bruders Ferdinand leiblicher Sohn, den er als solchen zwar nicht öffentlich anerkannt, aber immer so gehalten und geliebt hat. Du bist auch, allerdings ohne Zuerken­nung sämmtlicher Familienrechte, zum Erben seines Vermögens bestimmt. So wenigstens vereinbarten wir früher. Doch auch das soll anders werden, nach­dem Du Dich durch Deinen Heldenmuth in so glän­zender Weise unseres Namens würdig gemacht hast. Ich begrüße Dich und erkenne Dich als meinen Neffen an, als ein ebenbürtiges Mitglied unseres edlen Ge­schlechtes."

Er drückte mit seinen beiden Händen die Rechte des jungen Mannes, der aus den umflorten Augen mit einem Blicke der zärtlichsten Verehrung zu ihm