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24. Jahrgang

Dienstag, den 20. April 1897.

lildiicrMZkitiiiig

mit Unterhaltimgs-KeUagr „Sterne und Klume«".

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — BierteliShrlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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[*] Die Arbeitszeit im Handelsgewerbe.

Heber ein Jahr ist verflossen, seitdem die Kom­mission für Arbeiterstatistik, die schon 1892 mit Er­hebungen über die Arbeitsverhältnisse im Handels­gewerbe begonnen hatte, sich über Vorschläge zu einem Schutzgesetze für das Ladenpersonal einigte. Sie wurden merkwürdiger Weise nicht zuerst durch den ,Reichsanzeiger', sondern durch die Karlsruher Zeitung' bekannt. Der wichtigste Vorschlag war, daß alle offenen Verkaufsstellen von Abends 8 Uhr bis Morgens 5 Uhr nicht nur für das Publikum ge­schlossen seien, sondern auch das Personal nicht be­schäftigen sollten. Ausnahmen sollten für einzelne Bezirke, aber nicht für gewisse Geschäftszweige oder Tage zulässig seien. Die Vorschläge erregten vielfach Widerspruch, weil man sie zil schablonenmäßig fand und namentlich eine Schädigung der kleinen Laden­besitzer davon befürchtete, sowie das Publikum un- nöthig belästigt glaubte. Zum guten Theil verbarg sich hinter dem so begründeten Widerspruch aber auch der Widerstand gegen alle Sozialreform und der Haß gegen den preußischen Handelsminister Frhr. v. Berlepsch.

Die Parteien, die sich im vorgeblichen Interesse des Mittelstandes den „Schutz" der Bäcker gegen die Bäckereiverordnung gewahrt hatten, beeilten sich, auch gegen den Achtuhrladenschluß Front zu machen, und vom preußischen Abgeordnetenhause wurde der frei­konservative Antrag angenommen, daß die Regierung den Vorschlägen der Kommission für Arbeiterstatistik keine Folge geben solle. Bei der Gelegenheit sprach der Abg. v. Kardorff offen aus, daß es sich darum handele, das Mißfallen der Mehrheit über die ganze sozialpolitische Gesetzgebung auszudrücken. Auch ein Theil des Cmtrums stimmte für den Antrag, ver­wahrte sich indeß gegen die Deutung des freikonser­vativen Redners. Seitdem hat man nicht viel von dem Achtuhrladenschluß gehört (von gelegentlichen Auslassungen für und wider in Zeitungen und Fach­blättern), bis in der letzten Reichstagssitzung die Sprache wieder darauf kam aus Anlaß des sozial­demokratischen Antrags auf Einführung des Laden­schlusses von 8 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens und des Centrumsantrages wegen Hebertragung verschie­dener Arbeiterschutzbestimmungen auf das Handels­gewerbe. Die einstimmige Annahme des Centrums- antrages beweist, daß grundsächlicher Widerspruch gegen die Stellung der Handlungsgehilfen und Lehr­linge unter den Arbeiterschutz und damit auch gegen die gesetzliche Regelung der Arbeitszeit im Handels­gewerbe nicht besteht oder sich wenigstens nicht hervor­wagt. Zwar machte der Reichsparteiler so viele Bedenken geltend, daß sie fast wie ein Nein aus­sahen und der Abg. v. Frege erklärte, daß ein großer Theil der Konservativen eine Spezialgeschgebung zur Beseitigung einzelner schreiender Mißstände nicht für

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benno.

39] ------ (Nachdruck verboten.)

VIII.

Ein bewegtes Lagerleben: Wachtfeuer, Zelte, Trompetenstöße und Trommelsignale, Patrouillen, hin und herfprengende Adjutanten und dazwischen'Ambu­lanzwagen, die man von allen Seiten gegen ein großes Gebäude, das in einem ausgedehnten, aber furchtbar verwüsteten Parke lag) über den gefrorenen Plan herankommen sah. Heberall lagen, theilweise in ganzen Haufen, Hniformstücke, Gewehre und Säbel, Kanonen­rohre und zerstörte Protzkasten umher. Umgestürzte Bagagewagen reckten die Räder in die Höhe. Nicht selten gewahrte man auf den einzelnen Schneestreifen jene dunkelrothen Spuren, bei deren Anblick den Be- fdjauer, der dadurch an das Vorausgegangene gemahnt wurde, unwillkürlich ein Schauer ergriff.

Die Franzosen hatten einen letzten Versuch zur Durchbrechung des eisernen Ringes gemacht, der sie umschloß. Sie waren jedoch durch die Tapferkeit der Deutschen wieder in die Stadt zurückgeworfen worden, und fester als je schloß sich die Kette, die das ver­zweifelnde Paris umgab. Freilich hatte das Blut Taufender dm welschen Boden getränkt, aber das todesmuthige Ringen belohnte auch ein glänzender Sieg.

nöthig hielten, aber gegen den Kernpunkt des Cen­trumsantrags hat Niemand gestimmt.

Die Vorschläge über den Achtuhrladenschluß sind, wie Direktor Dr. v. Woedke mittheilte, vom Reichs­kanzler dem preußischen Ministerium überwiesen morden, das dann Verhandlungen zwischen den ver­schiedenen Ressorts veranlaßt hat. Diese Verhand­lungen scheinen nicht sehr beschleunigt worden zu sein, doch sollen sie jetzt „in unverhältnißmäßig kurzer Zeit" zum Abschluß gelangen, lieber die Nothwendigkeit einer gesetzlichen Regelung der Arbeitszeit int Handels­gewerbe haben die Erhebungen der Kommission für Arbeiterstatistik keinen Zweifel gelassen. Ist doch in mehr als 50 Prozent aller Ladengefchäste eine Ar­beitszeit von 14 Stunden gang und gebe, bei 21 Proz. bis 16 Stunden, bei 6,5 Proz. sogar über 16 Stunden. Von den Lehrlingen haben 44 Proz. mehr als 14- stündige Arbeitszeit, 33,8 Proz. mehr als 15stündige, 7,6 mehr als 16stündige. Dabei sind Pausen fast gar nicht vorhanden. Man behauptet allerdings, es gebe in der sogen. Arbeitszeit viele Pausen, weil oft keine Käufer anwesend seien, aber bann hat das Personal anderweitig zu thun, z. B. die dem Kunden zum Kaufe vorgelegten Waaren wieder zu ordnen rc. Ueberdies herrscht "in vielen Geschäften nach alter Gegenatitation noch immer das Verbot des Sitzens. Das andauernde Stehen ist aber vielfach noch er­müdender, gesundheitsschädlicher als das Arbeiten.

Bei der Verhandlung im Abgeordnetenhause wurde von dem Abg. Bueck und sogar von dem konservativen Abg. Pastor Schall, diesem unglücklichsten aller Par­lamentarier, behauptet, daß die Abkürzung der Ar­beitszeit von ernster Arbeit abziehe und das sittliche Verhältniß der Angestellten zu ihren Prinzipalen ge­fährde. Mit Recht erwiderte Minister v. Berlepsch, damit sei der ganzen Arbeiterschutzgesetzgebung das Fundament entzogen. Der Abg. Frhr. v. Hertling aber hat im Reichstage zutreffend ausgeführt, daß die übermäßige Ausdehnung der Arbeitszeit nicht nur für die körperliche Gesundheit, sondern ganz ebenso nach der Seite der geistigen und moralischen Ausbildung der beteiligten Personen hin schädlich sei. Das wird bestätigt durch das Reichsgesundheitsamt, das in einem Gutachten über die Arbeitszeit im Handelsgewerbe bemerkt, das häufige Vorkommen gewisser Krankheiten unter dm Handlungsgehilfen spreche für die Ansicht, „daß die Gehilfen am Feierabend so abgespannt find, daß sie für geistige Beschäftigung und Genüsse keinen Sinn und nicht die erforderliche Willenskraft mehr besitzen, um niederen Trieben zu widerstehen". Da ist es doch schon im Interesse des kaufenden Publi­kums nothwendig, der übermäßigen Arbeitszeit ein Ende zu machen.

Umfragen, die von Handelskorporationen und Handels-Zeitschriften veranstaltet wurden, als die Er­regung über den geplanten Ach!uhrladenschluß sehr lebhaft war, haben zwar ergeben, daß die Mehrheit

In einem kleinen Zimrnerchen eines Landhauses, das in überstürzter Flucht von den früheren Bewoh­nern geräumt worden war, lag auf weichen Kissen ein deutscher Soldat. Das Gesicht war bleich, aber die Wangen leuchteten bereits wieder in jenem Glanze, der die sortschreitende Genesung verräth. An der Wand hing neben dem Säbel eine Ulanen-Uniform, die trotz des augenscheinlichen Bemühens, sie zu reinigen, noch da und dort Blutflecken zeigte, und auf dem Tischchen neben dem Bette schimmerte zwischen zwei Offizier- Epauletten an seidenem Bande das eiserne Kreuz.

Der junge Kriegsmann hatte die Hände gefaltet. In stummer Andacht hingen feine Blicke an der gegen­über liegenden Wand, wo ein prächtiges Oelgemälde, die Auferstehung Christi darstellend, angebracht war.

Da wurde die Thür behutsam geöffnet und eine hohe Gestalt trat herein. Sie war ganz in einen un­scheinbaren Militärmantel gewickelt und der Kopf war mit einer zerrissenen Jägermütze bedeckt.

Der junge Mann wandte die Augen dem Ein- tretenden zu. Sein schönes Antlitz wurde von dem Schimmer einer hohen Freude verklärt.

„Guten Morgen, Herr Oberst," grüßte er mit einer etwas belegten, aber doch klangvollen Stimme und reichte dem Angekommenen die Hand.

Dieser stellte sich an das Bett. „Du bist ja ganz

der Prinzipale gegen den Achtuhrladenschluß zu sei« scheint, aber sie ist nicht gegen die Regelung der Arbeitszeit überhaupt. Sie stimmt also mit großer Mehrheit der Volksvertretung darin überein, daß er­hebliche Mängel bestehen und ein staatliches Eingreifen am Platze ist (das wurde sogar im Abgeordnetenhause von den GegnemdesKommissionsvorschlagesanerkannt). Streit herrscht nur darüber, wie die staatliche Ge­setzgebung gehen soll. Auch die Abgg. Frhr. v. Hert­ling und Dr. Hitze haben im Reichstage betont, daß man mit dem Ladenschluß nicht schablonenmäßig vor­gehen könne, sondern der Verschiedenheit der Ver­hältnisse und Bedürfnisse Rechnung tragen müsse. Ebendasselbe spricht der Centrumsantrag aus. Nun wird zwar von manchen Leuten angeblich nur die Schablone und das Schematische bekämpft, während sie in Mehrheit die Sache überhaupt nicht wollen. Die Regierung kann auch nach den Reichstagsdebatten nicht darüber in Zweifel fein, daß es der Mehrheit ernst ist mit dem staatlichen Einschreiten wie gegen andere Mißstände und Mängel im Handelsgewerbe so auch gegen die übermäßige Arbeitszeit. Hoffentlich nimmt sie aus der Haltung des Reichstags einen neuen Ansporn, die im Gange befindlichen „Erwä­gungen" zu beschleunigen und bald Vorschläge zu machen. Die Ueberroeifung der Frage des Achtuhr­ladenschlusses an das preußische Ministerium hatte wohl ursprünglich den Zweck, sie angesichts der Oppo­sition zu verschleppen. Dazu liegt kein Grund mehr vor.

Deutsches Reich»

Berlin, 19. April.

* Der Kaiser wird am 23. ds. Mts. dem König Albert von Sachsen zu seinem Geburtstag persönlich seine Glückwünsche in Dresden barbringen. Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein, der Bruder der Kaiserin, hat sich mit der katholischen Prinzessin Dorothea von Koburg, Tochter des Prinzen Philipp von Koburg und der Prinzessin Louise von Belgien, verlobt.

* Im Reichstag haben am Sonnabend die Abgg. Rösicke und Genossen einen Gesetzentwurf betr. die Abänderung des Alters- und Jnvaliditätsversicherungs- Gesetzentwurfs eingebracht. Derselbe geht von den auf der Konferenz, die im Reichsamt des Innern im Herbst 1895 abgehalten wurde, entwickelten Grund­gedanken aus und versucht auch an Stelle des bis­herigen Markensystems eine andere Lösung dieser Frage.

* Das preußische Abgeordnetenhaus muß sich nun auch von den Freunden seiner Kartellmehrheit Vorwürfe machen laffen. So tadeln die,Köln. Ztg.' und die ,Deutsche Tagesztg.', daß es nicht einmal den Etat rechtzeitig fertiggestellt und damit den verfassungs­widrigen Zustand herbeigeführt habe, daß die Regierung

munter, Edgar!" sagte er mit einem sehr innigen Blicke auf den Kranken.

„Gott fei Dank, ja!" — wie ein Jubellaut kamen die Worte ans Edgar's Munde.

„Nun," meinte der Oberst, „da sieht man wieder, was unverdorbene Jugendkraft zu schaffen vermag. Die ungeschickten Leute "hätten Dich in ihrer Aufregung und Hast ohne mein Dazwischenkommen mit den An­deren in die Grube geworfen und kein Mensch hätte daran gedacht, daß ein Lebender verscharrt worden ist. Es ist etwas Furchtbares um den Krieg. Gott möge Demjenigen gnädig sein, der diese Greuel ver­schuldete und dereinst verantworten muß! Der Himmel meinte es gut mit Dir und mir. Dein Schutz­engel hat mich an den schrecklichen Leichenwagen ge­führt. Er ließ mich Dich erkennen und gab mir den Gedanken ein, den Wiederbelebungs-Versuch mit Dir anzustellen, der an dem bereits unter die Todten Ge­zählten mit einem so glückichen Erfolge gekrönt wor­den ist. Nun sind wir quitt, mein Junge; wenigstens vorläufig für jenen Dienst, durch welchen Du mich damals in Rodenbach vor einem gefährlichen Mißge­schick bewahrt hast. Es kommt noch Besseres nach. Einstweilen aber mußt Du Dich mit der Ernennung zum Lieutenant und dem eisernen Kreuze begnügen, das Dir der Kaiser für die muthvolle Rettung der Regimentsfahne verlieh. Ueberdies wirst Du, sobald