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Samstag den 17. April 1897

Jahrgang

mit Unteryaltrrngs-Keilage „Sterne nnd KLnmen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmundzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

„ver Iiingk, brr iH ms orriwitn roorörn.“

„Der Junge, der ist uns verdorben worden. Früher, da war er fromm und brav und ging in die Kirche. Und jetzt ist er frech und unbotmäßig und kümmert sich um keine Eltern und keinen Pfarrer mehr. Hätten wir ihn doch nicht auf diese Werkstatt gethan, da ist er verdorben worden!"

Diese Klage hört man gar häufig, und dann schieben die unvernünftigen Eltern aller Welt die Schuld zu. 3kur an sich selbst denken sie nicht und glauben nun, mit Klagen und Lamentiren ihre Pflicht wiederum erfüllt zu haben.

Wie liegt nun die Sache?

Gewöhnlich ist es um die Bravheit, die ein solcher Junge mit dreizehn, vierzehn Jahren in so bohem Grade besessen haben soll, doch etwas eigenthümlich bestellt. Die Lehrer in der Schule haben doch schon manchmal geklagt über das Betragen und beit Fleiß des Sohnes, und die Zeugnisse, die er mit heimbringt, sind auch nicht gerade glänzend. Aber die Lehrer, die können ihren Sohn nicht leiden, die wollen ihm immer etwas, und wenn er in der Schule einmal Prügel bekommen hatte, dann stellte es sich gewöhn­lich heraus, daß andere die Schuld trugen. Mit einem Wort: der Sohn war brav.

Und nun war er in die Lehre gekommen. Ein Freund des Vaters, den derselbe gar häufig des Abends im Kegelklub, im Kriegerverein getroffen, hatte gerade einen Lehrling nöthig, und so wurde denn der Sohn ohne weiteres bei diesem in die Lehre gethan. Es siel dem Vater nicht ein, sich erst über die Geschäftsführung, die Tüchtigkeit des Meisters zu erkundigen. War ihm derselbe doch als ein ehrenwertster Mann bekannt. Würde der Vater aber Erkundigungen eingezogen baden, so würde er herausgefunden haben, daß der Meister, der Abends auf der Bierbank das große Wort führte, Morgens erst um 9, 10 Uhr zur Werk­statt kam, daß die Gesellen, so lange sich selbst über­lassen, nichts arbeiteten, sondern allerlei Allotria trieben, schlechte Reden führten und böse Witze rissen, die der Unschuld und Reinheit Verderben bringen; denn wie der Herr, so der Knecht, und einfache, gediegene und folide Gesellen hielten nicht lange auf der Werkstatt aus.

Und jetzt ging der Sohn zur Werkstatt Morgens und Mittags, und Abends kam er wieder. Ob aber derselbe Morgens beim Aufstehen und Abends beim

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benno.

38] ------ (Nachdruck verboten.)

Wie von einer Natter gebissen, zuckte das Weib zusammen. Ihre Augen funkelten. „Sie haben es nothwendig", kreischte sie und wurde immer heftiger dabei, „mich immer wieder an jenen nichtswürdigen Streich zu erinnern. Durch wen ist die Sache aus- gedacht und eingefädelt worden? Durch Sie! Ich that blos, was Sie verlangten, weil ich ein armes Weib war und gut bezahlt worden bin. Sie be­fahlen jnir die Briefe, zu schreiben und die Gerüchte in der Stadt auszusprengen. Wer ist nun schuldiger, ich oder Sie? Wer hat die arme Lisa auf dem Gewiffen, die über die ihr angethane Schande sich zu Tode gegrämt hat? Wäre übrigens der Müller kein hitzköpfiger Narr gewesen, so hätte er die Sache gar nicht geglaubt."

Die Stimme versagte ihr und sie machte eine kleine Pause. Der Doktor schwieg. Da fuhr sie fort in der Auffrischung alter Geschichten: „Nun, er ist ja auf die richtige Spur gekommen; aber beweisen konnte er nichts, und feiner bereits dem Tode ver­fallenen Frau gegenüber war es zu spät. Jener Streich hat mir schon genug Sorgen gemacht. Das entsetzensvolle Gesicht des unglücklichen Weibes, als der Wiesmüller mich als Zeugin berief, als ich meiner Rolle gemäß unter erheuchelter Angst zwei­deutige Antworten gab und Herr Schirmer sich dann

Schlafengehen sein Morgen- und Nachtgebet verrichtete, oder ob er stumm wie ein unvernünftiges Thier und ohne seinem Schöpfer zu danken, Morgens aufstand, wußten die Eltern nicht. Konnte doch niemand verlangen, daß sie Morgens schon um 6, 7 Uhr aufstehen und sich davon überzeugen sollten. Ging er doch Sonntags regelmäßig zur Kirche und erfüllte seine Christenpflicht, das genügte. Allerdings ging er zur Kirche, aber aus dem Hochamt war bald eine Elfuhrmesse geworden, und wenn die Eltern aufgemerkt hätten, würden sie gefunden haben, daß, wenn der Sohn sich anzog und das Gebetbuch vom Brette langte, es schon längst zu spät war, daß es schon bald zur Wandlung läutete. Nach der Messe wurde sich dann ein gediegener Frühschoppen geleistet. Das war ja einmal so Brauch, und die andern thaten es auch. Aber nicht lange dauerte es, da mar der Frühschoppen die Hauptsache. Der Sohn steckte nur für einen Augenblick die Nafe zur Kirche hinein, und wenn dann die Eltern glaubten, daß der Sohn pflichtschuldigst seine Messe hörte, saß der schon längst im Wirthshaus und rauchte und trank. Ein Mucker und Frömmler, wie er von seinen Kameraden früher genannt wurde, wollte er nicht sein.

Die monatliche hl. Kommunion, an die er von der Schule aus war gewöhnt worden, war schon bald in Vergessenheit gerathen. Alle zwei, drei Monate, das war vollständig genug. Ueberhaupt war man ja nur Ostern zum Sakramente-Empfang verpflichtet.

Wozu also? Die Eltern gingen auch nur an den höchsten Festen zum Tische des Herrn und sagten sich: der Junge ist kein Schulkind mehr; er muß wissen, was er zu thun oder zu lassen hat; in solche Ange­legenheiten mischen wir uns nicht ein, das ist seine persönliche Sache. Natürlich die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Schimpf- und Fluchworte, die er auf der Werkstatt gelernt hatte, führte er beständig im Munde. Spöttische und verächtliche Reden über Kirche und Priester, schmutzige und gemeine Gespräche über sogenannte pikante und interessante Verhältnisse verdarben die Unschuld und richteten Herz und Ge- müth zu Grunde. Und schließlich waren, ohne daß die Eltern es wußten, seine Seele und sein Herz der Sünde und dem Laster verfallen. Erst als den spöttischen Reden über Priester und Vorgesetzte kränkende und verächtliche Worte gegen die Eltern folgten, als Frechheit, Zügellosigkeit und Unbotmäßig- keit an Stelle des früheren Gehorsams und Ehrfurcht getreten war — da schlugen sie die Hände über dem Kopfe sufammen und fragten sich: Wie kommt der Junge daran, wo hat er das gelernt? Ach, hätten wir ihn doch nicht auf diese Werkstatt gethan, da ist er uns verdorben worden: denn früher war er brav und fromm. Ja gewiß, da war er verdorben wor­den. Aber durch wessen Schuld? Wer hatte haupt- roie ein Wahnsinniger geberdete — das alles ver­gesse ich in meinem Leben nicht. Lassen Sie nur jene Angelegenheit ein für allemal beruhen, Herr Doktor, und feien Sie froh, daß sie für uns ohne fchlimme Folgen verlief."

Sallust hatte, während die Frau sprach, ein Glas ums andere hinuntergestürzt. Der Ausdruck einer wilden Schadenfreude erschien auf seinem Ge­sichte. Er stieß ein höhnisches Lachen hervor. „Du hast Deine Rolle damals wirklich vortrefflich gespielt, Sina," sagte er. „Es war ein Meisterwerk und eigentlich der einzige Schlag, der mir gegen den ver­haßten Müller ganz gelang. Darum mag es Dir auch hingehen, wenn Du manchmal vergissest, daß ich der Herr im Hause bin."

Er stand auf und ging an seinen Schreibtisch, dem er einige Goldstücke entnahm. Er gab sie der Frau. „Kauft Euch damit, was Ihr wollt," sagte er, „und nehmt Vernunft an. Deiner Tochter kannst Du ja sagen, sie möge sich gedulden, bis Antonie aus dem Hause ist, was nicht mehr lange anstehen wird, und nun: gute Nacht!"

Die Aufwärterin entfernte sich.

Sallust leerte vollends den Rest der Flasche und warf sich dann in feinen Lehnsessel.

„Heirathen!" brummte er, „sonst nichts! Und vollends diese Zierpuppe, die schwerlich aus der Art schlägt."

Er versuchte zu schlafen. Es gelang ihm jedoch nicht. Allmählig verfiel er in eine Art Halbschlummer.

sächlich durch seine Unachtsamkeit, seine Nachlässigkeit dieses Unglück verschuldet? Die Zeiten sind vorbei, wo noch der Meister sich um das außergeschäftliche Betragen seines Lehrlings bekümmert. Der sorgt nur, daß derselbe sein Handwerk lernt und daß er etwas an ihm verdient. Wenn die Werkstattthür geschlossen ist, dann fragt heutzutage kaum noch ein Arbeitgeber danach, wie feine Angestellten ihre freie Zeit benutzen. Da ist es vor allem und in erster Linie Pflicht der Eltern aufzumerken, damit sie in den wenigen Stunden, während deren sie den Sohn unter Augen haben, all den verderblichen Einflüffen entgegentreten können, denen derselbe den ganzen Tag über ausgesetzt ist. Denn Aufsicht haben die jungen Leute noch nöthig in diesem Alter, mag auch manch einer darüber vielleicht anderer Ansicht sein. Es ist dies die gefährlichste Zeit für sie, wo eine ganz neue Welt vor ihnen aufgeht, wo die Sünde mit all ihren Lockungen und Reizungen ihrem unerfahrenen und leichtgläubigen Herzen naht. Wenn diese Zeit gut und rein überstanden ist, dann mag der junge Manu nur getrost in die roeiie Welt gehen. Er wird schon brav bleiben. Und er wird immer wieder auf den Weg der Tugend zurückkehren, falls er ihn einmal für kurze Zeit verlassen haben sollte.

Deutsches Deich.

Berlin, 15. April.

ft Der ,Reichsanzeiger^ veröffentlicht die Ver­ordnung des IuSizmiuisters und des ZKiniflers des Innern, welche, „einer Anregung von kirchlicher Seite entsprechend," bestimmt, daß die Vorschrift des § 82 des Personenstandsgesetzes vom 6. Februar 1875 auf den Formularen zu Bescheinigungen über das angeordnete Angebot (§ 13 der Ausführungsbestimm­ungen des Bundesraths vom 22. Juni 1875), über die Eheschließung (§ 54 des Gesetzes) und zum Zwecke der Taufe (Gebührentarif, Ziffer l) durch Abdruck ihres Wortlauts am Fußende der Formulare in Er­innerung zu bringen ist und daß ferner die Stand es- beamten bei Ausnahme der Verhandlungen über Aufgebote, Eheschließungen und Geburten die Betheilig- ten auf ihre kirchlichen Verpflichtungen hin­zuweisen haben.

ft Da auf eine Aufhebung der fBädtcret - Neu­ordnung nicht zu rechnen ist, will ein Theil der Bäckermeister auf die weitere Agitation gegen dieselbe verzichten, dafür aber im Verein mit ihren Gesellen darauf hinwirken, daß der Maximal-Arbeitstag auch für die Großbetriebe, die sogen. Brodfabriken, Gel­tung erlange. Sie meinen, daß dadurch der Gefahr eines Unterganges der Kleinbetriebe im Bäckerei-Ge­werbe vorgebeugt würde.

Die fortwährende Bewegung der Hände und das un­verständliche Selbstgespräch bekundeten jedoch, daß er sich unter dem Einflüsse peinlicher Träume befand.

Ein verworrenes Getöse, das von außen herein­drang, erschreckte ihn. Verwirrt sprang er auf und eilte ans Fenster. Trommelschlag schallte dumpf an fein Ohr, die Sturmglocken wurden geläutet, und auf dem Marktplätze schlug eine Helle Lohe zum Nacht- himmel auf.

„Feuer, Feuer!" tönte es von der Straße herein.

Sallust griff nach feinem Hute und stürmte hin­aus. Da sah er, daß nicht nur die Zirkusbude lichterloh brannte, sondern auch das Feuer zu den Fenstern der beiden Wagen herausbrach.

Von allen Seiten eilten Leute zur Rettung herbei. Auch die Feuerwehr mit der Spritze erschien. Es war jedoch nicht mehr viel zu Helsen. Das Feuer hatte das ausgedehnte Holzwerk und die leicht brenn­baren Stoffe bereits zum größten Theil verzehrt.

Der Doktor näherte sich einem Menschenknäuel, der sich neben dem Marktbrunnen angesammelt hatte. Aengstliche Rufe trafen fein Ohr. Er drängte sich durch. Da bemerkte er, wie die alte Kunstreiterin Hanna todtenbleich und stöhnend auf einigem Flitter­werk lag; der Arzt war mit ihr beschäftigt. Sie hatte sich, wie Sallust erfuhr, zu spät gerettet; und so hatte sie an mehreren Stellen des Körpers nicht unbedeutende Brandwunden davongetragen.

Einige Männer brachten eine Tragbahre, und die Verwundete wurde nach dem Löwen geschafft.