Donnerstag, den 15. April 1897.
24. Jahrgang
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iiIdakrMZkitiliig
mit Unterhaltungs-Krilagr „Sterne und Klume«''.
Der falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
M] ------ (Nachdruck verboten.)
Der Doktor überzeugte sich, daß er nicht belauscht werden konnte. Dann begann er: „Ich schwieg absichtlich in Anwesenheit Morbor's. Denn was ich Ihnen zu sagen habe, paßt für Wilhelm bei seinen nahen Beziehungen zu der jungen Kunstreiterin nicht. Er trägt sicherlich, wenn auch vielleicht nicht absichtlich, an dem peinlichen Auftritt von vorhin die Schuld. Ich kann mir den Vorfall nicht anders erklären, als daß die junge Dame durch ihn besonders auf uns Beide aufmerksam gemacht worden ist. Er hat dadurch eine Lage geschaffen, die ein offenes und unumwundenes Aussprechen zwischen mir und Ihnen noth- wendig macht. Sie waren Zeuge des Eindruckes, den die Nennung unserer Namen auf die alte Frau machte. Es blieb Ihnen auch nicht verborgen, wie ich außer Fasfung gerieth. Es ist kein Wunder, wenn ein Bild, das uns an die schlimmsten Stunden des Lebens erinnert, und das man längst begraben und vermodert glaubte, so unerwartet vor unser Angesicht tritt. Ich kenne die Frau, Herr Graf. Es ist jene Hanna, deren in dem bekannten Briefe Erwähnung geschieht. Sie ist aber noch mehr: die Schwester jenes weiblichen Wesens, das ich einst bis zum Wahnsinn geliebt habe, das mir aber ein Anderer wegstahl und dadurch alle bösen Geister in meiner Seele wachrief. Hat sich nicht auch in Ihrem Innern beim Anblicke der gebrochenen Gestalt eine besondere Empfindung geregt?"
Adolf war es zu Muthe wie einem Menschen, der auf schwankendem Stege über einem Abgrunde steht. Da grinste ja die Lösung der Fragen, vor denen er am Abeude vorher schon ein geheimes Grauen empfunden, bereits aus dem Dunkel heraus. Und er selbst trug mit Wilhelm an dieser gefahrdrohenden Entwickelung die Schuld. Die Angst vor dem Kommenden schnürte ihm die Kehle zusammen, so daß er kein Wort hervorbrachte. Wie im Stumpfsinne schüttelte er den Kopf.
„Ich wundere mich nicht," nahm der Doktor wieder das Wort, „wenn nach dem Geschehenen die Stimme der Natur nicht mehr spricht, und doch ist diese alte Kunstreiterin — Ihre Mutter!"
„Meine Mutter!" Adolf stieß die zwei Worte mit heißerer Stimme und mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke in dem bleichen Antlitze hervor.
„Sie ist es," fuhr Sallust fort, „die der Graf Ferdinand von Salmi einst heimsührte, und die ihm ein Söhnchen gebar. Ich habe das Kind nie gesehen und auch niemals erfahren, was später daraus wurde, denn wenige Wochen nach der Geburt wurde es, noch ungetauft, der Mutter entrisfen und heimlich versteckt. Hanna hörte nichts mehr von ihm. Sie hat sich freilich auch nicht viel darum bekümmert; denn damals schritt sie anders durch's Leben als jetzt. Sie, Herr Graf, vermögen wohl über die Schicksale des verschwundenen Kleinen eher Auskunft zu geben, denn Sie sind ja der Sohn, welchen Salmi schließlich anerkannt und zu seinem Erben eingesetzt hat."
Adolf hatte sich theilweise von seinem namenlosen Entsetzen erholt. Die Wolken verzogen sich. Es wurde Heller vor ihm. Der Doktor befand sich auf falscher Fährte. Von dem, was ihn mit einem Schlage aus seiner stolzen Höhe hätte herabschleudern und vernichten müsse, wußte Doktor Sallust nichts. Auch „die Mutter" brauchte er nicht fürchten. In dem jungen Manne ein neugeborenes Kind wieder zu erkennen, gehörte in das Reich der Unmöglichkeit. „Ich wurde von fremden Leuten erzogen," erklärte er mit ziemlicher Fasfung, „und habe weder Vater noch Mutter gekannt."
„So dachte ich mir die Sache von Anfang," versicherte Sallust, „und habe mich nur darüber gewundert, daß Salmi, statt sich mit dem Laffen Schirmer's zu begnügen, nicht Sie schon früher an seine Seite berief. Doch er erwies sich ja bekanntermaßen als ein Sonderling, dessen ganzes Leben aus
Widersprüchen zusammengesetzt war. Laffen wir die Vergangenheit! Die Gegenwart erfordert unsere volle Thatkraft. Sie stehen im Begriffe, mir verwandtschaftlich nahe zu treten, und die neueste Wendung ist ein abermaliger Sporn für mich, dafür zu sorgen, daß dies recht bald geschieht. Dann sind unsere Interessen die gleichen. Diese Interessen aber verlangen in erster Linie, daß jenes Weib, das zwar Ihre Mutter ist. Sie aber nicht kennt, auf Ihre Persönlichkeit auch keine Rechte besitzt, ungesäumt aus unserer Umgebung und zwar möglichst weit fortgeschafft wird. Morbor hat uns mit dieser Kunstreiterbande eine schöne Bescherung auf den Hals geladen; denn von ihm ging der besondere Wunsch aus, dem Masoff mit seinem Hierherzuge entsprach. Er soll sie nun auch wieder forlschaffen helfen und muß die Hand dazu bieten, auch wenn er unsere tiefer liegenden Gründe nicht kennt. Unter keinen Umständen dürfen wir dulden, daß uns ein Skandal aus dieser heillosen Begegnung erwächst."
Die Miene Seeburg-Salmi's heiterte sich immer mehr auf. Das gefahrdrohende Gewitter war nicht nur ohne Schaden vorübergegangen; unter seinem befruchtenden Niederschlage reiften sogar seine Wünsche und Hoffnungen einer raschen Verwirklichung zu. Er stimmte allen Vorschlägen bei, die von Sallust gemacht wurden, und er erklärte sich zu jedem Geldopfer bereit. Das bestimmte Versprechen des Doktors, den Widerstand Antoniens gegen die geplante Verbindung endlich brechen zu wollen, möge es kosten, was es wolle, hielt alle seine Besorgnisse und Bedenken in Schach.
Fast beruhigt verließ er das Haus und fuhr vom Löwenhause, wo sein Kutscher den Wagen eingestellt hatte, heim.
In einer viel weniger zuversichtlichen Stimmung befand sich der Doktor Sallust, der nach der Entfernung des Grafen mit großen Schritten das Zimmer durchmaß. Die so unvermuthet in drohender Verkörperung vor ihn getretene Erinnerung an die Vergangenheit hatte ihn aus seinem Selbstbewußtsein aufgerüttelt und mit der bangen Ahnung unbestimmter Gefahren erfüllt.
„Wie einem nur der Zufall einen so tückischen Streich spielen kann," dachte er wüthend. „An alles Andere hätte ich eher gedacht, als an eine Begegnung mit diesem Weibe. Oder sollte es am Ende kein Zufall sein, sondern etwas Anderes? Vielleicht der Anfang jener Abrechnung, mit der mir damals der freche Bauer gedroht? Pah, das sind Gespenster, durch die man kleine Kinder, aber keinen erfahrenen Mann schreckt! Was frage ich nach den Albernheiten, die der Pfaffe dem dummen Volke vorlügt! Genießen, fo lange der Becher schäumt, das ist die richtige Lebensweisheit, und alles Andere ist Unsinn. Ich werde mich auch durch die alte Hexe nicht stören lassen. Es drohten mir schon ganz andere Gefahren, aber noch jedesmal errang ich den Sieg. Gleichwohl ist es eine verdammte Geschichte. Zuerst diesen Brief und dann sie selbst! Sei's drum! Den Grafen feßle ich durch das Mädchen an mich, dem ich nun den Kopf ernstlich zurechtsetzen will. Morbor ist bei seiner Verschwendungssucht durch die ewigen Geldverlegenheiten gebunden, und Hanna wird, wenn sie Schlimmes gegen mich im Schilde führen sollte, einfach unschädlich gemacht. Uebrigens war sie ja bei jenem Handel selbst auch betheiligt, und es erginge ihr nicht besser als mir! Freilich würde sie sich schwerlich viel darum kümmern. Sie hat nichts zu verlieren, für mich aber steht der Ruf auf dem Spiel. Deshalb fort mit ihr und der ganzen Bande, wenn man auch diesem Herrn Direktor einige Tausend in den Schoß werfen muß" . . . ."
Der Doktor klingelte. Eine ältere Frau, mit einem Gesichte, das einst schön gewesen sein mochte, erschien.
„Gehe in den Keller, Lina," befahl der Doktor, „und hole etwas zum Trinken. Ich habe mich heute geärgert und dagegen hilft am schnellsten ein kräftiger Schluck."
Das Weib entfernte sich und kehrte nach wenigen Minuten mit einer versiegelten Flasche zurück. Sie entkorkte eine derselben, schenkte ein und reichte dem Doktor das perlende Glas. Dieser trank es auf einen Zug leer.
„Das mundet," fchmunzelte er. „Ein guter Trunk ist und bleibt doch immer das Beste. Warum kam Lisette heute nicht?"
„Sie ließ mir keine Ruhe," entgegnete die Aufwärterin, „bis ich ihr die Erlaubniß zum Zirkusbesuche gab. Das Mädchen ist überhaupt nicht gut auf Sie zu sprechen und hat mir heute ordentlich die Meinung gesagt. Ich nahm ihr's nicht übel. Sie versprachen schon mehr als ein Dutzend mal, mit der Heirath ernst zu machen, aber immer ist es nichts!"
Der Doktor hustete. Dann leerte er wieder ein Glas. „Höre Lina," bemerkte er ärgerlich, „laß mich heute mit dieser Geschichte in Ruhe. Ich will schon Anstalt machen, wenn es einmal Zeit ist."
Die Frau hielt die fleischige Hand vor das Gesicht. „So heißt es immer," entgegnete sie mir weinerlichem Tone. „Aber es ist Ihnen nicht ernst. Das ist fchlecht."
Das glatte Gesicht des Doktors wurde braunroth vor Zorn. „Da hört doch alles auf," fchäumte er und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Nächstens muß ich mich in meinem eigenen Hause schulmeistern lassen. Das fehlte mir noch. Wart, Schlange, nächstens halte ich Dir Dein Sündenregister auch vor. Denke nur an des Wiesmüllers Frau." (Forts, folgt.)
Vermischtes.
* Das Schwert des Darus, in welches sich der geschlagene kaiserlich römische kommandirende General von Anno 9 stürzte, hat dies Jahr noch Unfug angestiftet. Wie bekannt, wollte Direktor Knoke in Osnabrück im Habichtswalde im Osnabrück'schen das vielgesuchte Lager des Varus . aufgefunden haben, und an diesem Funde fehlte auch nichts, als der Beweis. Um diesen nun nachträglich zu liefern, sah sich ein Spaßvogel zum 1. April d. I. veranlaßt, in einem Münster'schen Blatte das Schwert des Barus an der erwähnten Stelle auffinden zu lassen. Diese Auffindung hätte nicht soviel Unglaubliches an sich gehabt, als die That- sache, daß eine ganze Reihe von Blättern den heillosen Ulk für ernst nahm und er in Folge dessen noch immer in den Zeitungen herumspukt. Im ,Hannov. Courir' finden wir ihn in folgender Orginalfassung: „Ein werthvoller Alter- thumsfund ist, wie man aus Osnabrück schreibt, bei dem von Dr. Knoke entdeckten Römerlager im Habichtswald gemacht worden. Die kürzlich im Schlachtengelände vom Archivar Dr. Minford aus Leyden veranstalteten Ausgrabungen hatten den Erfolg, daß an der Ostseite des Hügels, der nach Dr. Knoke von den Soldaten des Germanicus ausgeschüttet wurde, nachdem die gesammelten Gebeine der niedergemetzelten Römer vorher verbrannt worden waren, eine kleine Steinkiste bloßgelegt wurde, die etwa 1 m lang, 50 cm breit und 35 cm hoch war. Nach Hebung der Deckplatte fand man einige Aschenreste sowie ein Schwert in einer Scheide mit Bronzeringen verziert. Die römische Kleinkunst in den Schwertscheideringen und den beiden Elfenbeineinlagen (einen Hirschkopf und einen Bären darstellend) ist unverkennbar. Auch die noch deutlich lesbare Inschrift der Kliuge: Q. V. III. L. M. ist unzweifelhaft zu deuten mit , Quintihus Varus trium legionum magister“, was auch mit den geschichtlichen Traditionen stimmt. In nächster Zeit steht eine detaillirte Abhandlung über diesen wichtigen Fund zu erwarten. Das alte Römerschwert ist vorläufig im Museum des Münster'schen Alterthumsvereins ausgestellt." Der , trium legionum magister" ist besonders prächtig gerathen und wird namentlich bei den Philologen als Bereicherung der römischen Titelkunde Interesse erregen. Als Satire auf die Kuoke'schen „Funde," die offenbar beabsichtigt war, ist die Leistung nicht übel.
Literarisches.
Matur und Karis. Jllustrirte Zeitschrift für alle Naturfreunde. In Verbindung mit Professor Dr. K. Lampert, Vorstand des König!. Naturalienkabinets in Stuttgart, und P. Matschte, Kustos an der zoologischen Sammlung des König!. Museums für Naturkunde in Berlin, herausgegeben von Max Hesdörffer in Berlin. Vierteljährlich (8 Hefte) 1 Mark 50 Pfg.
Dieses ebenso anregende und lehrreiche wie schön illu- trirte Blatt sei zum Beginn des Frühjahrs allen Naturfreunden warm empfohlen. Jung und alt werden ihre Kenntnisse von den Gebilden der uns umgebenden Natur durch die Lektüre dieser mit großem Verständniß geleiteten Zeitschrift sehr erweitern und für die Ausübung von Liebhabereien auf naturkundlichem Gebiete eine Fülle von praktischen Rathschlägen und Anleitungen erhalten. Von dem reichen Inhalt der letzten sechs Hefte nennen wir: Mein Seewasser-Aquarium. Von E. Ringel. — Die Kunstbauten der Thiere. Von Prof. Müllenhoff. — Unsere Wildtauben. Von Frz. Obst. — Der deutsche Schäferhund. Von Max Hesdörffer. — Ueber Ziersträucher für kleinere Gärten. Von F. Rehnelt. — Gurami. Von Prof. Lampert. — Blattwespen-Gallen. Bon Dr. Ehr. Schröder. — Streifzüge eines Terrarienliebhabers in Italien. Von Dr. Schubert. — Das Braunkehlchen. Von R. Hermann. — Grassittiche. Von Prof. Heß. — Japanische München. Von Frz. Obst. — Der spanische Rippenmolch. Von Dr. Schnee. — Meerpinnen. Von R. Puschnig. — Kleine Mittheilungen. — Bücherschau. — Briefkasten. (Probehefte liefert der Verlag von „Natur und Haus," Berlin SW. 46.)