JV1 85 Mittwoch, den 14. April 1897. 24. Jahrgang
mit Unterhaltrrrrgs-Krrlage „Sterrre und KLuwrrr".
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Philipp Wasserburg f.
In Mainz ist gestern Nachmittag der hessische Landtagsabgeordnete und bekannte katholische Schriftsteller Wasserburg (Philipp Laicus) im Alter von 70 Jahren gestorben.
Gottes Wege haben diesen seltenen Mann, der auch den Lesern der,Fuldaer Zeitung' als der Redakteur d'er Sonntagsbeilage,SterneundBlumen' wohlbekannt ist, in seltener Weise geführt und ihn zu einem hervorragenden Werkzeuge gemacht. Seinem gewaltigen Geiste ist in der Jugend auch die „Sturmund Drangperiode" nicht vorenthalten geblieben. Geboren am 11. Oktober 1827 zu Mainz, wo er auch das Gymnasium absolvirte, wollte er dem juristischen Berufe sich widmen und hat auch im Jahre 1850 das erste juristische Examen bestanden, worauf er zwei Jahre als Accefsist (Referendar) am Bezirksgerichte in Mainz thätig war. Dazwischen war aber die revolutionäre Bewegung des Jahres 1848 gefallen, die auch Philipp Wasserburg in ihren Strudel zog und den jungen schwärmerisch veranlagten Mann um so leichter bethören und überwältigen konnte, als er, seinem eigenen Geständnisse zufolge schon vorher am Giauben Schiffbruch gelitten hatte. Die angebliche Gründung einer geheimen Verbindung brachte ihn im Jahre 1854 mit den Gerichten in Konflikt; er wurde zuerst von seinem Amte suspendirt, dann unwiderruflich entlassen und mußte seine demokratische Schwärmerei mit 10 Monaten Korrektionshaus büßen. Die Schilderungen, die er selbst von dieser Straf- werbüßung entworfen hat, sind für die heutige Zeit nahezu grauenerregend. Aber als das christliche Bewußtsein in ihm wieder stark erwacht war, hat er ebenso offen die Strafe als eine Buße aufgefaßt.
Die Existenzfrage nöthigte ihn, eine Stellung als Korrektor und Expedient am .Mainzer Journal' anzunehmen, und damit war er in eine Atmosphäre versetzt, die ihren klärenden und stärkenden Einfluß auf seine Geistes- und Willensrichtung nicht verfehlen konnte, wenn auch der geistige Umwandlungsprozeß mehrere Jahre dauerte. Aber zum katholischen Glauben zurückgekehrt, wurde er dann auch ein offener Bekenner und ein starkmüthiger begeisterter Ver- theidiger seines Glaubens, ein Vorkämpfer des Centrums.
Schon im Jahre 1870 hatte er, ein begabter Schriftsteller ein Werk „Liberale Phrasen" veröffentlicht, dann erschienen feine „Ringende Mächte," dann das „Evangelium der Toleranz." Ein fruchtbarer Schriftsteller, dessen Werke wir hier nicht fämmtlich aufzuzählen vermögen, fruchtbar namentlich auf dem Gebiete der Belletristik unter dem Namen Philipp Laicus, Redakteur des .Mainzer Journal,' dann der,Katholischen Bewegung in unseren Tagen' und schließlich Herausgeber der ,Wahrheit,' war er zugleich ein hervorragender Politiker. Mitglied -«MM 11III ITH H WMMBMBMBBWMCTMMWMMB——MW
Der falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
■36] ------- (Nachdruck verboten.)
Adolf schaute dem Genossen scharf in's Gesicht. „Du wirst doch nicht jetzt schon wieder in Verlegenheit sein?" forschte er. „Nachdem. . . " ,
„O nein, durchaus nicht," fiel Morbor dem Freunde in's Wort und schlug mit der Hand auf feine Tasche; „ich bin im Gegentheil noch ziemlich gut bei Kasse, aber ein kluger Mann sorgt für alle Fälle. Du wirst doch nicht verlangen, daß ich mein ganzes Leben in diesem Neste zubringen soll? Bis jetzt hat es sich gerade nicht schlecht angelassen. Aber die Wanderlust regt sich bereits wieder in meinen Gliedern und zum Reisen braucht man bekanntlich viel Geld. Es wird mir, wenn ich einmal Abschied nehme, nichs fehlen. Ich sorge schon selber dafür. — Doch verzeihe," unterbrach er sich, „wir haben nun vermuth- lich alles Nöthige gründlich besprochen und mein Urlaub ist um "
Damit kehrte et dem verblüfften Adolf den Rücken zu und eilte nach dem Städtchen zurück.
In neu erwachter Besorgniß folgte der falsche Graf seinem Wagen, der in einiger Entfernung auf der Straße still hielt.
„Ein unberechenbarer Mensch," dachte er, „die
des Stadtverordnetenkollegiums seiner Vaterstadt Mainz gehörte er auch dem hessischen Landtage als Vertreter für Offenbach an, als prinzipientreuer Centrumsmann und Führer des kleinen Häufleins seiner Freunde, die er durch Kampf zum Siege wenigstens so weit geführt hat, daß es möglich war, die hessische nationalliberale Zwingburg bei den letzten Wahlen zu vernichten.
Dem Manne und Charakter werden auch seine Gegner ihre Anerkennung nicht versagen." Selbst der demokratifche Mainzer Anzeiger' schrieb vor einigen Tagen, Wasserburg könne die tröstliche Gewißheit haben, daß ihm die Theilnahme der ganzen Vaterstadt und aller Parteien begegnet. Der Verblichene hat auf seinem Schmerzenslager noch alle wichtigen Vorkommnisse auf staatlichem und kommunalem Gebiete mit dem lebhaftesten Interesse verfolgt. Am Donnerstag empfing er mit großer Andacht die hl. Sterbesakramente, Bischof Haffner ertheilte ihm auch den päpstlichen Segen.
Alle, die den bescheidenen und liebenswürdigen Mann näher gekannt haben, und insbesondere die Kollegen von der katholischen Presse werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. R. I. P.
Deutsches Aerch.
Berlin, 13. April.
* Der Kaiser hörte heute den Vortrag des Chefs des Militärkabinets, des Chefs des Generalstabs, des Kriegsministers und des Generals der Infanterie Vogel von Falckenstein, der mit Wahrnehmung der Geschäfte des Chefs des Pionierkorps und des Generalinspekteurs der Festungen beauftragt ist.
h Die Kronprinzessin Sophie von Griechen- kand (Schwester des deutschen Kaisers) war, wie die übrigen Mitglieder des königlichen Hanfes, zur Centenarfeier eingeladen worden. Sie richtete darauf an den Kaiser ein Entschuldigungsschreiben, worin es Athener Blättern zufolge u. a. hieß: „Die Einladung Em. Majestät führt mir den schweren Kampf vor Augen, den ich als schwaches Weib zwischen der Elternliebe und der Liebe zum Vaterlande durchringen muß Wie sollte ich in den Kreisen der Fröhlichen verweilen können, während mein neues Vaterland, dem ich mein ganzes Sein gewidmet habe, in tiefster Trauer verharrt ? Auch dürfte ich mich jetzt, wo täglich hundertfaches Leid von meiner schwachen Hand Linderung fordert, meinen Pflichten nicht einen Tag entziehen."
X Der Großßsrzoz von WekkenSilrg- Schwerin soll nach der ,Ag. Hav.' seinem Leben und seinen Leiden selbst ein Ende gemacht haben. Er habe in der letzten Zeit, schreibt das erwähnte Blatt, sehr viel gelitten. Am Sonnabend habe er seinen Arzt gebeten, ihn einen Augenblick allein zulasten, um ausruhen zu können. Darauf sei er aus feiner Villa gegangen und habe sich von einer in der Nähe
reinste Wetterfahne, die jedem Luftzuge nachgibt. Er setzt sich mit Leichtsinn und mit einer Gleichgiltigkeit über die drohenden Gefahren hinweg, die mir unbegreiflich erscheint. Fort will er? Es wäre in der That das beste, wenn ich ihn los würde — ihn und den Andern; eher komme ich nicht aus meinen Sorgen heraus. Dieses fortwährende Spüren und Graben nach vergangenen Dingen gefällt mir gar nicht. Wilhelm will in der alten Kunstreiterin jene Hanna gefunden haben, die nach dem Briefe des ehemaligen Direktors der Truppe zu dem Grafen Salmi in nahen Beziehungen stand. In welchen? — Die mit ihrem Gatten an dem alten Herrn einen schweren Frevel beging? ■— Worin bestand dieser? Eine wachsende Unruhe quält mich. Am Ende beschwört die gewaltsame Lösung dieser Fragen auch gegen mich die schlum- meniden Geister herauf. Und doch mag ich das Vorgehen Wilhelms nicht hindern. Nur wenn Sallust bedingungslos zu mir hält, komme ich in den Besitz Antoniens, ohne die ich nicht leben kann und die um jeden Preis mein werden muß."
Mittlerweile hatte er feinen Wagen erreicht. Er stieg ein und befahl dem Kutscher, weiter zu fahren. Dieser schlug auf einem Umwege am See vorüber die Richtung nach der Villa ein.
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befindlichen Brücke herabgestürzt. Nachdem er aufgefunden worden, sei er eine halbe Stunde später in feiner Villa gestorben. Dieser Sensationsnachricht steht die authentische Mttheilung des Wolff'schen Telegr.-Bur. gegenüber, wonach die Kräfte des Patienten infolge zweier schlafloser Nächte so sanken, daß eine Herzlähmung den Tod herbeiführte. Der Großherzog war zuletzt außer Stande, das Bett zu verlasfen und ist im Beisein seiner Familie gestorben. (Vgl. „Neueste Post". Die Red.)
* Die KalHokikenverkarrrmkung in Landshut wird, wie nunmehr endgiltig festgesetzt ist, in der Zeit vom 31. August bis 4. September stattfinden.
st In Handwerkerkreisen bricht sich mehr und mehr die Ansicht Bahn, daß man die Kand- wersiervorkage nicht an der Schwelle abweisen dürfe, sondern als Abschlagszahlung mit möglichster Verbesserung annehmen müsfe. In diesem Sinne haben sich auch die am 11. April in Hannover versammelten Vertreter des korporirten Handwerks der Provinz Hannover ausgesprochen, wobei sie mehrere Abänderungsvorschläge machten und insbesondere dem Kommissionsbeschluß empfehlen.
* Wegen finanzieller Schwierigkeiten ist die Auf- kösmkg der sozialdemokratischen Aröeiter- Aikdungsschuke in Verkitt beschlossen worden. Dieselbe war vor 7 Jahren errichtet worden. Sie bestand ursprünglich aus nicht weniger als 9 Einzel- schulen in den verschiedenen Stadttheilen. Jrn Laufe der Zeit schrumpfte diese Zahl bis auf 2 zusammen.
* In den deutschen Mnnzsiätten wurden im Monate März geprägt an Doppelkronen für 10,295,100 M., an Kronen für 1,140,040 M., an Zehnpfennigstücken für 26,422,40 M., an Fünfpfennigstücken 28,121,95 M., und an Einpfennigstücken 5,008,49 M.
* Irier, 13. April. Ein Schreiben des hl. Vaters an den Bischof von Trier, welches Zeugniß gibt, mit welcher sorgenden Siebe Leo XIII. auch die deutschen kirchlichen Verhältnisse im Auge behält, wird vom Kirchlichen Anzeiger der Diözese Trier'veröffentlicht. Das Schreiben lautet: „Leo XIII. Ehrwürdiger Bruder, Gruß und Apostolischen Segen! Wenn alle Deine Briefe als Bekundungen Deiner innigen Ergebenheit und Siebe gegen Uns zur Freude Uns gereichen, fo hat Uns Dein letzter Brief mit ganz besonders süßem Tröste erfüllt. Erblicken Wir doch darin einen besonders deutlichen Beweis der aufrichtigsten Verehrung, welche Dich und Dein Volk befeelt gegen den von der göttlichen Vorsehung als Oberhaupt der Kirche bestellten römischen Papst. Diese Verehrung in Euer aller Namen zum Ausdrucke zu bringen, fühltest Du Dich bewogen durch das Rundschreiben über die Einheit der Kirche, welche Wir kurz vorher erlassen hatten. Es war ja auch Unsere Absicht, in diesem Schreiben das wahre Bild der Kirche getreu und anschaulich darzustellen, um sowohl die Katholiken
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Am folgenden Abend fand in dem Cirkus Masoff die erste große Vorstellung statt. Es waren bereits alle Plätze von Zuschauern besetzt, als der Graf Seeburg - Salmi mit feinen Freunden Morbor und Dr. Sallust erschien.
In ihrem phantastischen Kostüm, über und über mit reichem Goldschmucke behängt, saß Selma an der Kasse und neben ihr die Mutter, die sich heute ebenfalls herausgeputzt hatte. Sie trug auch den Augen- fchirm nicht.
Die Herren traten zu ihr und zogen ihre Börsen. Ohne daß die Anderen es merkten, wechselte Morbor und das Mädchen einen flüchtigen Blick.
„Ach", rief Selma plötzlich, jedes Wort scharf betonend und streckte ihre kleine Hand znm Gruße aus: „Herr Doktor Heinrich Sallust, Herr Graf Salmi!" — Sie kam nicht weiter.
Wie elektrisirt war ihre Mutter emporgefprungen und stieß wie ein gellendes Echo: „Ferdinand, allmächtiger Gott, Heinrich Sallust!" hervor. Dann brach sie bewußtlos zusammen.
Fast die gleiche Wirkung hatte die unerwartete Szene auf den Doktor geübt. Er war todtenbleich geworden, und mit schlotternden Knieen wankte er über das erhöhte Podium nach der Straße. Morbor mußte ihn stützen, sonst wäre er zusammengebrochen.
Dieser gab dem gleichfalls zu Hilfe geeilten Grafen