mit Unterhaltungs-Kettage ^Sterne und Klumen".
24. Jahrgang
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K. Die Novelle zum preußischen Bercinsgcsctze
soll nun endlich am Freitag vom Staatsministerium nach den Vorschlägen des Ministers des Innern angenommen worden sein. Da sie auch alsbald dem Abgeordnetenhause zugehen soll, wird unsere Neugier ja nächster Tage befriedigt werden. Sie ist wirklich groß diese Neugier, nicht nut bei uns, sondern auch bei anderen Leuten; meinte doch die ,Post' dieser Tage, man werde die Regierung interpelliren müssen, wenn die versprochene und sehnsüchtig erwartete Vorlage nicht bald komme. Zwei Umstände haben der Novelle einen besonderen Reiz verliehen: ihr langes Ausbleiben und die strenge Geheimhaltung ihres Inhaltes. Was der Reichskanzler versprochen hat, war ein Gesetzgebungswerk, das sich in zehn Minuten schassen ließ. Inhalt: § 8 des Vereinsgesetzes wird ausgehoben. Begründung: § 8 ist ganz veraltet und unhaltbar.
Warum ist die Vorlage fast 5 Monate nach Eröffnung des Landtages noch nicht erschienen? Der Grund ist: inan will nicht blos § 8 aufheben, sondern auch sonst die „bessernde Hand" an das Vereinsgesetz legen. An und für sich ist eben das noch keine ausreichende Erklärung für die Verzögerung. Vielmehr muß man annehmen, im Ministerium hat man sich über die Vorlage nicht verständigen können oder Herr v. d. Recke hat nicht recht darüber schlüssig werden können, welche „Verbesserungen" er bei dieser Gelegenheit anbringen solle. Herr v. Köller, in dessen Bahnen sein Nachfolger so gerade werter wandert, daß man im Lande gar nichts von dem Minister- wechsel merkt, hätte ohne Zweifel frischer und kecker zugegriffen. Wiederholt hat man sich im Abgeordnetenhause nach dem Gesetze erkundigt; Herr v. d. Recke antwortete immer nur: abwarten. Anscheinend wartete er selbst ab, nämlich das erneuerte Urtheil des Oberverwaltungsgerichts in Sachen der polnischen Versammlungen. Wir haben schon vor einem Vierteljahre gesagt, wenn er daraus warten wolle, käme das Gesetz in dieser Session wahrscheinlich nicht mehr, denn mit den Entscheidungen des Oberverwaltungs- Berichts pflege es etwas lange zu dauern. Das scheint nun auch Herr v. d. Recke eingesehen zu haben, denn er ist endlich mit seinem Opus an seine Kollegen herangetreten.
Warum hat er, wenn er eine andere Praxis in der Handhabung des Versammlungsrechts gegenüber den Polen sür nothwendig hielt, nicht alsbald einen bestimmten Vorschlag gemacht, statt die Rechte der polnischen Bevölkerung im Widerspruch mit der früheren Entscheidung des Oberverwaltungsaerichts in einer Reihe von Fällen verkürzen zu lassen unter keinem andern Rechtstitel, als daß möglicherweise das Gericht jetzt anderer Ansicht sei? . Offenbar ist es bequemer, dem Gerichte die Verantwortung und vor allem die Formulirung zu überlassen. Denn wir
Der falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
35] ----— (Nachdruck verboten.)
Zunächst drehte das Gespräch der Beiden, sich mit Rücksicht auf die Nähe des Rosselenkers in ziemlich unverfänglicher Weise um die Kunstreitergesellschast und insbesondere um . die schöne Selina, deren Ver- hältuiß zu Morbor dem Freunde nicht unbekannt war.
Eme Strecke vom Städtchen entfernt verließen sie den Wagen und schickten diesen voraus.
„Sallust war heute bei mir", nahm der Graf, als er sich unbelauscht sah, in unverkennbarer Aufregung das Wort. „Er hat mich in nicht geringe Unruhe versetzt. Der Doktor fand heraus, daß Antonie eine geheime Verbindung mit Severin, dem Hausknecht des Löwenwirths, unterhält, uns dieser war bekanntlich früher bei dem Wiesmüller Schirmer. Der Zweck dieser Zusammenkünfte war leicht zu er« rathen. Der Sohn des Müllers, dessen Ansprüche natürlich der Vertraute des Vaters verficht, steckt dem Mädchen im Kopf. Das ist der einzige Grund, warum sie ihre Entscheidung von einer Woche auf die andere hinausschiebt. Sallust gerielh über diese Entdeckung in furchtbare Wuth. Er machte feiner Süchte die heftigsten Vorwürfe und fparte auch die
halten es nicht für möglich, den Grundsatz, daß das Ueberwachungsrecht der Polizei nicht durch die in einer Versammlung gebrauchte Sprache illusorisch gemacht werden dürfe, gesetzgeberisch so zu formulinn, daß Willkür und gröbster Mißbrauch ausgeschloffen sind. Die Mehrheit des Landtags ist ja polenseind- lich und im faror teutonicus blind genug, auch dem Verwegensten zuzustimmen. Immerhin konnte man aber doch nicht wissen, ob sich nicht schließlich Rechtssinn und Klugheit genug fand, dem Minister seinen Vorschlag abzulehnen. Dem suchte Herr v. d. Recke zu entgehen, so lange es ihm eben möglich schien.
Als würdiger Nachfolger des großen Köller wird Herr v. d. Recke sodann den Beruf in sich fühlen, dem Umsturz zu Leibe zu gehen. Schon sein zweiter Vorgänger, Graf Eulenburg, hielt ja dazu die Polizeigesetzgebung vor allem für geeignet. Für Herrn v. d. Recke fcheint indeß auch das ein saures Stück Arbeit gewesen zu sein. Sonst wenn große Dinge im Werke sind, sickern doch einige Andeutungen darüber nach außen. Hier tiefstes Stillschweigen bis auf den heutigen Tag. Und da soll man nickt neugierig werden! Vielleicht aber erleben wir eine Enttäuschung. Die Nationalliberalen scheinen für eine Rückwärts- revidirung des Vereinsgesetzes keinen rechten Sinn zu haben, vielleicht weil sie fürchten, es könnte so etwas wie eine „klerikalisirte" Umsturzvorlage dabei herauskommen. Ohne die Nationalliberalen aber wird nichts zu machen fein. Hat nun etwa jüngst Herr v. d. Recke aus feinen Ansühlungen bei den Kartellparteien entnommen, daß für „größere" Ideen die Zeit nicht günstig fei, und deshalb rasch entschlossen seinen Kollegen ein Gesetzchen vorgelegt, das keine Meinungsverschiedenheiten Hervorrufen konnte?
Der Geheimrath der ,Posck widmet der Sache heute seinen so und so vielten Leitartikel. Früher war er sehr eifrig für schneidige Maßregeln nicht allein gegen die Sozialdemokratie, sondern gegen die Demokratie in jeglicher Gestalt. Jetzt weiß er, abgesehen von dem oft erörterten Verbot der Theilnahme von Schülern und Lehrlingen (ober Minderjährigen) an politischen Versammlungen, selbst nicht recht, was er will. Er findet es zwar sehr wünschenswerth, daß gegen den „Mißbrauch" des Vereins- und Versammlungsrechtes etwas geschehe, aber er hat doch auch entdeckt, daß es ungemein schwer sei, etwas Wirksames auszufinden, das nicht zur Unterdrückung jeglicher oppositioneller Bestrebungen mißbraucht werden könnte. Ueberdies fürchtet er, wenn man wieder einen Versuch mache, könne man zu einer „klerikalisirten" Vorlage kommen, die nur den Weltmachtbestrebungen der katholischen Kirche diene und die freie Kritik ihrer Lehren und Einrichtungen hindere. Endlich meint er, man mache auf diesem Wege überhaupt nicht viel. Sollte der Geheimrath mit diesen Ausführungen die dem Minister des Innern beigebrachte Ueberzeugung aussprechen, so wird die verspätete Novelle wohl in diesem Punkte harmlos aussehen.
Drohungen nicht. Statt aber durch das brutale Vorgehen des Onkels gefügig zu werden, raffte das Mädchen sich auf und trat ihm in einer Weise gegenüber, daß der Doktor selbst die Fassung verlor. Severin muß durch den Wiesmüller wenigstens theil- weise in das gefährliche Geheimniß eingeweiht worden sein. Aus den leidenschaftlichen Auslassungen der durch den Onkel zum Aeußersten getriebenen Antonie geht hervor, daß sie die Wahrheit ahnt. Es wurde dabei auch Dein und Malang's Name genannt. Wäre es möglich, daß Du und der Sekretär vor Zeugen über Dinge gesprochen hättet, durch deren Bekanntwerden unsere ganze Herrlichkeit ein Ende mit Schrecken erhält?"
Morbor erbleichte. Er dachte an seinen Streit mit dem Sekretär und erinnerte sich, daß er nachher dessen Kutscher, den Hausknecht Severin, in der Nähe erblickt hatte.
Er erzählte den Vorfall und sprach die Ver- mu.hung aus, daß ihre in der Hitze begangene Unbesonnenheit möglicherweise von dem Knechte belauscht worden sei. „Er kann jedoch nichts damit anfangen", suchte Wilhelm den Grafen zu beruhigen, dessen grenzenlose Bestürzung er sah. „Selbst wenn Severin, was ich nicht glaube, jedes gefallene Wort gehört hätte, fände er den Zusammenhang nicht."
Der Hebel, so wird uns schließlich von dem Geheim- rath auseinandergesetzt, fei nicht beim Vereins- und Versammlungsrecht anzusetzen, fondern bei der Presse. Das gehört aber vor den Reichstag. Da mag man nur kommen.
Deutsches Deich.
Berlin, 12. April.
* Der Äaifer hörte heute Vormittag den Vortrag des Chefs des Civilkabinets, Dr. von Lucanus und später die Marineoorträge. Abends wohnte der Kaiser einem Kriegsspiel im Schlosse bei, welches den Schluß des vor einigen Monaten begonnenen Kriegsspiels darstellen soll. — Aus Anlaß des Todes des Großherzogs von Mecklenburg hat der Kaiser eine dreiwöchige Hoftrauer ungeordnet.
* Mriuz Ludwig von Mayern wird morgen (Dienstag) einer Einladung des Kaisers entsprechend mit seiner Tochter Maria in Berlin eintreffen und sich von hier nach Stettin begeben, wo Prinzessin Maria auf der Werft des „Vulkan" am Mittwoch Mittag die Taufe eines neuen Kreuzers vollzieht.
* Der Staatssekretär I>r. v. Stephan wurde am Sonntag Mittag zur letzten Ruhe bestattet. Um 12'/, Uhr fand die Trauerfeierlichkeit im Sterbehause statt. Aus der großen Anzahl der Theilnehmer an derselben heben wir das Kaiserpaar, den Reichskanzler, die Staatssekretäre, die Minister und die Botschafter fowie Gesandten am hiesigen Hofe hervor. .Kurz vor 1'/, Uhr setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Eröffnet wurde er durch das Musikkorps der Postillone in Gala. Es folgten dann etwa 8000 Postunterbeamte in Uniform, denen sich mehrere tausend von mittleren und höheren Postbeamten, anderen Beamten und Herren aus der Bürgerschaft anschlossen. Dann kam der Katafalk-Paradewagen, mit Kränzen überschüttet. Vier Rappen, geführt von Postillonen, zogen ihn. Dem Leichenwagen folgten drei Wagen mit Kränzen. Alsdann tarnen zwei leere kaiserliche Wagen, denen sich die Wagen der Hinterbliebenen, der Fürstlichkeiten. und anderer Personen anreihten. Aus den verschiedenen Deputationen verdient diejenige der Firma Siemens und Halske hervorgehoben zu werden. Sie bestand aus 100 Personen unter Vor- aufmarsch des Gardedragoner-Musikkorps. Die lieber» führnng der Leiche währte eine Stunde.
* Der Präsident des Ober - Landeskulturgerichts Minteken ist, ivie der ,Reichsanz.' meldet, an Stelle des ausgeschiedenen Geh. Ober-Reg.-Raths Dr. Hermes zum Mitgliede der Prüfungskommission für höhere Verwaltungsbeamte ernannt worden.
* Ein eigenes Organ werden nach der ,Welt am Montag' sich in der allernächsten Zeit die Anhänger der foziaikonservativen Richtung, zu der Männer wie Hintzpeter, v. Maffow u. a. gehören, begründen und zwar ist zunächst die Gründung bezw. der Erwerb eines Wochenblattes in Aussicht genommen worden.
„Er hat ihn gefunden," stöhnte der Graf in wachsender Angst. ' „Ich fühlte es ans der auffallenden Zurückhaltung des Doktors, der ebenfalls stutzig gemacht ist. Ihr werdet alles verderben und erst Vorsicht lernen, wenn sie uns nichts mehr hilft. Ich glaubte, mit dem Tode des Wiesmüllers seien alle Gefahren beseitigt; und nun erwächst uns in diesem Knechte eine neue Gefahr, die noch größer wird, wenn Edgar aus dem Felde heimkehrt und wenn er, dessen bedeutungsvollen Antheil an der Sache Tu kennst, diese schlimmen Dinge erfährt. Wir müsfen jeden Konflikt möglichst vermeiden. Statt dessen aber schaffst Du uns weitere Gegner. Bist Du denn von Sinnen, daß Du in dieser Weise mit Malang verfährst, mit diesem schrecklichen Menschen, von dem man glauben könnte, er stehe mit der Hölle im Bunde. Er hat damals ein Wort fallen lasten, dessen entsetzliche Tragweite ich erst später begriff. Wenn der Betrug an's Tageslicht käme, hielte der Glaube an einen natürlichen Tod Salmi's nicht Stand. Er würde vielmehr mit unserer That in eine fürchterliche Verbindung gebracht. Ich beschwöre Dich, Wilhelm, reize Malang nicht mehr! Gehe ihm aus dem Wege, und wenn er von dem Mädchen nicht ablassen will, so ziehe lieber Du Dich zurück, sonst werden wir alle miteinander durch den unheim-