JVi 83
24. Jahrgang
Montag, den 12. April 1897
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mit Unterhaltrrngs-Keiiagr „Sterne und Klumen".
Erscheint täqlich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Zweites Klatt.
8
Der falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
34] ------ (Nachdruck verboten.)
VII.
Ein Ereigniß, wie es die Annalen Rodenbach's nur selten aufwiesen, zog in den nächsten Tagen die Ausmerksamkeit der Einwohner des ziemlich weit vom allgemeinen Verkehr abgelegenen Städtchens auf sich. Eine Kunstreiter-Gesellschaft fuhr mit zwei bunt bemalten Wagen auf den Marktplatz und errichtete dort ihren Cirkus. Am gleichen Abend noch sah man groß gedruckte Plakate an den öffentlichen Gebäuden, Brunnen und Wegweisern angeklebt. Sie besagten, daß der Direktor Masoff aus Warschau auf besondern Wunsch eine Reihe von Vorstellungen in Rodenbach geben werde und luden hierzu das verehrliche Publikum ein.
Während Jung und Alt diese außergewöhnliche Thatsache besprach, die dadurch einen noch interessantern Anstrich bekam, daß der Künstler - Gesellschaft von ihrem längern Aufenthalte in der Kreisstadt der beste Ruf vorausging, faßen in dem „Garderobezimmer" der Schaubude der Fabrikant Wilhelm Morbor und die junge Kunstreiterin Selma an dem einzigen, mit allem möglichen Plunder bedeckten Tische und ließen sich den Wein schmecken, der in einer bereits halb geleerten Flasche vor ihnen stand.
„Das ist schön von Dir, Selma," begann ersterer, „daß Du Wort hieltest. Euer Direktor wird zwar mit der hier erzielten Einnahme keine großen Sprünge machen. Das schadet jedoch nichts. Ich lege das Fehlende darauf. Die Hauptsache ist, daß wir eine Zeit lang bei einander sein können und ich nicht immer vorher den weiten Weg machen muß. Aber das sage ich Dir, Schätzchen, die Komödie mit dem verliebten Schreiber muß aushören; sonst werde ich ernstlich eifersüchtig und schlage dem buckeligen Kerl alle Knochen entzwei!"
Das Mädchen schüttelte die schwarzen Locken und lachte, daß eine Doppelreihe schneeweißer Perlen zwischen den rothen Lippen erschien.
„Du böser Wilhelm," schmollte sie, „wer wird denn auch so selbstsüchtig sein! Laß mir den Spaß! Du glaubst gar nicht, wie köstlich es sich ausnimmt, wenn der schöne Herr vor mir auf den Knieen liegt, wenn er mich mit seinen Fuchsaugen anblinzelt und dabei flüstert: „Ich liebe Sie, Selma! Sie sind mein Alles auf dieser Welt!" Und dann ist er, das will ich Dir nur sagen, nicht so geizig wie Du! Da fleh' her, diese Armspangen, dieses goldene Kreuz, dieser Gürtel und alle die hübschen Sächlein, die noch in meiner Schublade liegen, sind nicht von Stroh. Du hast mir außer diesem armseligen Ringe da mit dem blitzenden Steinchen noch gar nichts geschenkt!"
Das Gesicht Morbors röthete sich. Er bezwang jedoch seinen Unmuth. „Und doch stellt das armselige Ringlein," bemerkte er, „wahrscheinlich einen höhern Werth dar, als der ganze Kram, den Malang Dir zu Füßen gelegt hat. Wenn Dir übrigens an derartigem Zeuge etwas gelegen ist, so sollst Du es auch von mir haben; meinetwegen jeden Tag eine ganze Schürze voll. Es kommt mir nicht darauf an!"
Er hat ihr währenddeffen die goldene Spange von dem Arme gelöst und schleuderte sie, ehe Selma es hindern konnte, unter den Flitter, mit dem der Boden bedeckt war.
Das Mädchen sprang auf. Ein zorniger Strahl zuckte aus ihren dunklen Augen hervor.
„Unverschämter!" zifchte sie und wollte dem weg- geworsenen Kleinod nachstürzen, da trat ihr eine seltsame Gestalt in den Weg. Es war ein altes, häßliches Weib mit vertrockneten Formen und mit einem schleppenden Gange, deren von Pockennarben zerfressenes Gesicht sich zum Theil unter einem großen Augenschirme verbarg.
„Was gibt es?" rief sie mit schneidender Stimme. „Zankt ihr schon wieder? Gleich am ersten Abende? Das ist ein schöner Empfang!"
Selma's Zorn schien verraucht zu sein. Sie hatte sich wieder gesetzt. „Es ist kein Wunder, Mutter," stieß sie gleichwohl noch immer grollend hervor. „Wilhelm hat wieder einmal seinen ungenießbaren Tag. Er meint, weil er ein großer und reicher Herr geworden ist, müsse ich nach seiner Pfeife tanzen, und das mag ich nicht."
„Was gab es denn?" wiederholte die Alte ihre erste Frage.
„Einen Scherz, Mutter," entgegnete die junge Kunstreiterin, die einen raschen Seitenblick auf Morbor geworfen und deffen finstere Miene bemerkt hatte, plötzlich in einen heitern Ton fallend. „Gar nichts, als einen harmlosen Scherz. Wir sprachen von dem hübschen Kleinen, der mir in der letzten Zeit so angelegentlich die Kur gemacht hat. Ich neckte Wilhelm ein Bischen, da wurde er wild, das ist Alles! — Sei wieder gut, Heimchen," schmeichelte sie, „Du weißt ja, daß Du allein mein süßer Herzkäfer bist!"
Die Frau hatte ebenfalls Platz genommen. Morbor schob ihr ein gefülltes Weinglas hin.
„Wilhelm hat Recht," nahm sie nach flüchtigem Nippen mit hörbar gepreßter Stimme das Wort. „Man soll mit der Liebe nicht spielen. Glaube mir, Kind, nichts rächt sich so sehr auf dieser Welt als Untreue, Heuchelei und Verrath! Ich könnte Dir ein Lied davon singen, wie weh es thut, wenn die Reue unsere Seele zerfleischt, wenn die Gewissensbisse Tag und Nacht am Lebensmarke zehren und der furchtbare Ruf stets im Ohre klingt: Zu spät, zu spät!"
Das Mädchen war aufgestanden. „Da bin ich schön vom Regen in die Taufe gekommen," erklärte sie schnippisch. „Wenn die Mutter anfängt, ihr schwarzes Schulpferd zu reiten, hört sie so bald nicht mehr auf. Sie muß sich jedoch diesmal ohne Publikum behelfen: denn ich gehe in's Freie und hoffe, daß Du, Wilhelm, mir als galanter Ritter die Herrlichkeiten Rodenbachs zeigst."
Morbor nahm von der Aufforderung Selma's keinen Vermerk. Die Worte der Alten hatten augenscheinlich sein Interesse geweckt. Er rückte näher zu ihr hin und ergriff ihre abgemagerte Hand.
„Was drückt Euch denn, Mutter," fragte er. Kann ich nicht helfen? Ich thue es gerne!"
Die Alte wandte den Kopf nach ihm. „Du warst immer ein ordentlicher Bursche, Wilhelm," sagte sie, „wenn auch ein durchtriebener Schelm. Es freut mich aufrichtig, daß es Dir so gut geht. Mir kann Niemand mehr Helsen! Es ist, wie ich schon sagte, zu spät. Dagegen möchte ich so gerne glauben, daß meine Selma durch Dich glücklich gemacht wird. Aber es ist ja nicht möglich, es kann nicht sein! Der am treuesten Herzen, das je in einer Menschenbrust schlug, und am eigenen Fleisch und Blut begangene Frevel ist noch nicht gesühnt. Und Selma ist voll Flatterhaftigkeit und Leichtsinn! Sie ist das Ebenbild der schuldigen Mutter — o Gott, o Gott!"
Sie legte den Kopf auf die Hände, und ein krampfhaftes Weinen erschütterte den schwächlichen Körper.
Morbor rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Die Lage, in die er sich durch sein Bemühen versetzt sah, eine gefundene Spur zu verfolgen, behagte ihm nicht.
Als deshalb das rosige Gesicht Selma's hinter dem Vorhänge erschien und das Mädchen chm unbekümmert um das Weinen der Mutter winkte, brach er auf und begleitete Selma auf den Platz vor der Bude hinaus.
Er wollte mit ihr den Weg nach der Löwen- wirthfchaft einschlagen, da rollte der Wagen Adolfs heran. Dieser sah ihn und befahl dem Kutscher zu halten.
Morbor trat an den Schlag.
„Steig' ein!" drängte Seeburg. „Ich habe mit Dir zu sprechen."
Wilhelm warf einen Blick auf feine schöne Begleiterin, die sich, anscheinend ohne dem noblen Gefährt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, seitwärts aufgestellt hatte.
„Ich muß mich auf eine halbe Stunde beurlauben, Selma," wandte er sich im Flüstertöne an sie. „Entschuldige! Im Löwen treffen wir uns!"
Er stieg in den Wagen, und der Kutscher fuhr- weiter. (Fortsetzung folgt.')
Uerrnischtes.
* ^aris, 11. April. Woraus man nicht Alles in Paris sich einen Broderwerb zu schaffen versteht! Da hat beispielsweise die Militärverwaltung angeordnet, damit die Invaliden, die die Ehrenlegion oder die Militärmedaille tragen, auf der Straße nicht in angetrunkenem Zustande den Spott der Gassenbuben bilden, sei jedem Individuum, das einen etwas angeheiterten alten Krieger ins Jnvaliden- hotel bringt, eine Prämie von 75 Cts. zu gewähren. Das hat nun zu einer schamlosen Spekulation auf die Betrunkenheit der alten Stelzfüße Veranlassung gegeben. Findige Leute haben sich mit einigen Schankwirchen der Umgebung des Jnvalidenhotels dahin verständigt, für 25 Cts. die alten Herrn, die natürlich die Zeche bezahlen müssen, niederzutrinken, worauf sie diese heimführen und die Prämie von 75 Cts. erhalten, von der ihnen nach Abzug der 25 Cts. für den Schank- wirth noch 50 Cts. Reinverdienst bleiben. Dieses neue Metier soll seinen Mann nähren.
* Die deutsche Kokarde soll alsbald von allen Trup- pentheilen angelegt werden. Die Beschaffung der benöthigten Kokarden haben die einzelnen Truppenkörper aus vorhandenen beziehungsweise bereiten Mitteln zu bewirken, besondere Fonds werden ihnen nicht zur Verfügung gestellt. Nicht weniger wie nahezu 11,000 Stück Helmkokarden mrd etwas über 21,000 Mützenkokarden sind, nach der ,P. Zig/ für ein Infanterie- Regiment zu drei Bataillonen nothwendig. Rechnet man rund nur 10,000 beziehungsweise 20,000 Stück Kokarden, so ergibt sich allein für die 145 Infanterie-Regimenter mit drei Bataillonen und die 33 neuen Infanterie-Regimenter mit zwei Bataillonen die ungeheure Zahl von 1,669,978 Helmkokarden und von 3,339,956 Mützenkokarden. Wenn man die Beschaffungskosten nur zu 3 Pfg. pro Helmkokarde und zu 1 Pfennig pro Mützenkokarde veranschlagt — für welchen Betrag die Herstellung kaum denkbar erscheint, — so würde sich eine Summe von 50,099 Mark 34 Pfennig beziehungsweise von 33,399 Mark 56 Pfennig = 83,498 Mark 90 Pfennig ergeben.
* Ueber Eilenvatjn-Ertevnisse in Amerika plaudert ein Mitarbeiter im Pester Ployd'. Es heißt in dem amüsanten Aufsatz u. A.: Wenn man Amerika schon längst hinter sich hat, verspürt man noch immer etwas wie Heimweh nach den dortigen Eisenbahnen. Man möchte wieder einmal ruhig schlafen in einem Pullman'schen Schlafwagen, wo man sein Bett nicht von unten auf der Straße vorbeiraffelnden Fuhrwerken zittern fühlt, denn die Bewegung so eines Expreßzuges ist das absolute Dahinschweben. Sie stellen eines Morgens ein randvolles Glas Wasser hin und Abends ist kein Tropfen verschüttet. Und wie gut man da einschläft! Das Geräusch eines solchen fahrenden Zuges ist ein vortreffliches Schlafmittel. Es ist nicht das unangenehme viersilbige Gepolter eines europäischen, sondern eine einförmig singende, trommelnde und klingelnde Melodie. Sie besteht aus dem fortwährenden Geprassel des kleinen schwarzen Graupenhagels von Kohlenstückchen auf dem Dache, dann aus dem leisen Pfeifen des Bahrwindes, der zwischen den schief aufgesträubten schmalen latten des Milchglasdaches hindurchstreift und aus dem unaufhörlichen Geläute der fernen Maschine, deren Glocke das Vieh vom Bahndamme scheuchen soll. Weicht es nicht, so sprüht ihm die Maschine durch eine eigene Spritze heißen Dampf auf das Fell, das macht ihm doch Beine. Die amerikanischen Lokomotiven haben so allerlei kleine Privatbequemlichkeiten, die wir nicht kennen. So führt z. B. jede einen eigenen Hebelapparat mit, um, wenn sie ein wenig entgleist ist, wieder zurechtgehoben zu werden. Wegen einer solchen Kleinigkeit stieg ich nicht einmal aus meiner Badewanne. Bäder fahren ja selbstverständlich auch mit. Und eine Babierstube auch. Und eine Bibliothek ist auch im Zuge. In eleganten Mahagonikasten mit Glasscheiben stehen die besten Werke, auch wissenschaftliche, in allen Sprachen. Alles ist tadellos in Leder gebunden, mit den Vignetten der Gesellschaft in Gold. Sogar ein eigener Bibliothekar ist angestellt, selbstverständlich ein Neger, mit jenen gewissen großen weißen Zähnen zum freudigen Grinsen, wenn man sich von ihm das „Leben Abraham Lincolns" geben läßt. Und zurückzugeben braucht man das entlehnte Buch gar nicht, man läßt es einfach beim Aussteigen auf seinem Sitz liegen; stehlen würde es blos ein Europäer.
♦ Gescheidt. Die Frau Baronin von Zimperle geht mit ihrer Tochter, welche demnächst Hochzeit haben soll, in ein bedeutendes Herdmagazin, um für die neu einzurichtende Haushaltung letzterer einen passenden, schönen Herd auszusuchen. Verkäufer: „Sehen Sie, meine Damen, hier sind Herde der neuesten Systeme, von verschiedenen Größen und Fagons. Diese Reihe rechts sind lauter Gaskochherde, jene dort links Petroleumherde." — Tochter (zu ihrer Mutter gewendet): „Ach, Mama, laß Dir doch von dem Herrn au 'en Reblausherd zeiga. I möcht' zu gern seha, wie einer ischt; wo i scho so viel dervo g'hört hab'."
* Aus der Ankruktionsftunde. Unteroffizier: „Was hat schon so manchen Soldaten blind gemacht?" Rekrut: „Die Liebe!" Unteroffizier: „Sie olles Kamel, Sie, es heißt hier in der Instruktion „der Marschdienst", 9. Abschnitt, § 2: Kaltes Waschen, unmittelbar nach dem Marsche, hat schon manchen blind gemacht.
* Ein Kalauer. „Wer ist der größte Antisemit Deutschlands?" — „Der Norddeutsche Lloyd." — „Und warum?" — „Er hat: Ka—Jüt erster Klasse und Ka—Jüt zweiter Klasse und befördert Nor—deutsche—Leut!"
* Makiliöser Widerruf. „Meine Aussage, in dieser Stadt seien viele Leute, welche Herr Scharfer schon ruinirt habe, nehme ich hiermit zurück und erkläre dagegen gern, daß viele Leute hier sind, die er nicht ruinirt hat."