Samstag, den 10. April 1897
24. Jahrgang
mit Urtterchaltrmgs-Kettage „Sterne und Klurnen".
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xh Das Wittern von Jntriguen spielen
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t>at sich in unserer Presse in den letzten Jahren zu einer Art Sport entwickelt. Den Zeitungsredakteuren und nach Neuigkeiten jagenden Berichterstattern kommt das einigermaßen zu gute. Denn wenn sie eine D um m- he it oder ein Versehen machen, oder auch — was ja leider bei gewissen Blättern nicht gerade selten ist — mit einer Lüge aufwarten, so wird das im Publikum nicht gewürdigt als das, was es ist, sondern man wittert gleich etwas ganz besonderes dahinter. Die Dummheit muß eine feine Schlauheit in sich bergen, die man leider nur nicht gleich zu durchschauen vermag, und die Lüge muß auf „Hintermänner" zurückgeführt werden, die eine niederträchtige Jntrigue eingefädelt haben. So erhalten die „Autoren" einen ganz unverdienten Nimbus. Wir unsererseits sind seit dem ProzeßLeckert-Lützow sehr mißtrauisch geworden gegen alle „Hintermänner"-Geschichten. Alle staatsanwaltlichen Talente des Staatssekretärs Freiherrn v. Marschall haben in diesem Prozeß keine „Hintermänner" zu entlarven vermocht, und wir glauben, die Leckert und v. Lützow hatten außer Herrn v. Tausch auch keine.
Jetzt haben wir wieder eine „Jntriguen"-Geschichte, bei der bereits nach „Hintermännern" gefahndet wird. Wieder dreht es sich um den Fürsten Bismarck, und der „Held" dieser „Jntrigue" ist derselbe Herr de Grahl, der mit dem Breslauer Zarentoast so viel Unheil angerichtet hat. Das Wolff'sche Telegrapheu- Bureau brachte bekanntlich am 1. April die Meldung, der Kaiser habe dem Fürsten Bismarck durch ein in sehr herzlichen Worten abgefaßtes Telegramm zu seinem Geburtstage beglückwünscht. Verschiedene Bismarcks-Blätter erklärten dies alsbald für unrichtig. Das Wolff'sche Bureau hält aber feine Mittheilung unter Berufung auf die Zuver- läfsigkeit seines Hamburger Korrespondenten aufrecht. Nunmehr jedoch muß es zugeben, daß sie falsch war. „Um unbegründeten Kombinationen vorzubeugen", theilt es mit, es habe die Nachricht von dem Hofberichterstatter Otto de Grahl mit dem Bemerken schriftlich erhalten, sie fei durchaus zutreffend, ihm aber nicht für den Hofbericht zugegangen. Auf wiederholte Anfrage habe er noch am Abend des 3. April brieflich die Richtigkeit der Nachricht bestätigt.
Warum „Wolff" die Meldung einem Hamburger Korrespondenten zugeschrieben und aus Hamburg datirt habe, wird nicht aufgeklärt. Bei der herrschenden Liebe für „Jntriguen" ist es nicht zu verwundern, daß man in der falschen Meldung einen kleinen Friedrichsruher Streich sah. Man ist aus Friedrichsruh ja an manches gewöhnt. Und da gleichzeitig die ,Hamburger Nachr/ so lebhaft klagten, daß Fürst Bismarck bei der Hundertjahrfeier offiziell mit keinem Worte erwähnt worden sei (wir find objektiv genug, diese Klage durchaus gerecht- fertigt zu finden. D. Red.), so lag die Vermischung nahe, daß hinter der falschen Meldung der Verdruß über das Ausbleiben des erwarteten Glückwunsch- Telegramms stecke. Nachdem nun der Urheber derselben bekannt geworden ist, kann man nicht wohl mehr Friedrichsruh dafür verantwortlich machen. Flugs kamen aber die Bismarck-Blätter und drehen den Spieß um: es handelt sich um eine Jntrigue gegen den Fürsten Bismarck.
Daß ein Hofberichterstatter so viel Unglück mit semen Nachrichten hat, ist allerdings ausfallend. Herr de Grahl hat sich in seinem Leben etwas vielseitig bewiesen; gleichwohl trauen wir ihm nicht zu, daß er sich auf seinem Posten bewußt mit Jntriguen abgibt. Den Zarentoast hat er nach seinen eidlichen Aussagen so gehört, wie er ihn an „Wolff" gemeldet hat. Ungenügende Kenntniß des Französischen ist zwar für einen „Hofmann" ein Mangel, aber es ist kein Charakterfehler. Seine Aussagen über den fatalen Trinkspruch anzuzweifeln, liegt gar kein Grund vor. Nicht fo leicht, wie diese Falschmeldung, ist die jüngste zu erklären. Irgend ein Hofbeamter muß Herrn de Grahl doch Mittheilung von dem Tele
gramm gemacht und zwar jedenfalls in deutscher Sprache, fo daß ein Jrrthum ausgeschlosfen war. Herr de Grahl hat die Meldung sicher nicht frei erfunden und auf eigene Faust weitergegeben. Er ist irre geführt worden, und es fragt sich, ob absichtlich oder unabsichtlich. Die Bismarckpresse zweifelt nicht, daß Jemand da ein „schändliches Jn- triguenspiel" getrieben habe, um Verstimmung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck zu erzeugen und zu schüren. Natürlich möchte man auch gleich den „Hintermann" wissen. Wir unsererseits können nicht gleich in diesem Sinne mitthun, ehe wir nicht wenigstens irgend einen Anhaltspunkt haben. Die Sache liegt möglicherweise äußerst harmlos. Vielleicht haben die ,Berl. Reuest. Nachr/, die als Bismarck-Blatt doch gerne das Schlimmste voraussetzen, mit der Annahme recht, daß ein solches Telegramm zur Absendung bestimmt gewesen, dann aber zurückgezogen worden sei. Zwischen Berlin und Friedrichsruh hat ja die Stimmung so häufig gewechselt, daß sie wohl auch am ersten des Aprilmonats wechseln kann. Vielleicht war der Auftrag zu dem Telegramm schon ein paar Tage vorher gegeben, dann aber hat ein bestimmter Artikel der ,Hamb. Nachr/, oder z. B. die bloße Meldung, Fürst Bismarck habe am Tage der Centenarfeier so und so viel tausend Glückwünsche erhalten, die Beiseitelegung veranlaßt. Ob Herr de Grahl, wie vielfach in der Presse von ihm erwartet wird, nunmehr selbst das Wort ergreifen wird, müssen wir abwarten. Möglicherweise ist das Ergebniß der ganzen Haupt- und Staatsaktion, daß er wegen seinen unglücklichen Nachrichten seinen bequemen Posten verliert. Bei „Wolff" soll er bereits auch seiner Stellung als Hofberichterstatter entlassen worden sein. Herr de Grahl wird vielleicht zu klagen haben, daß' es nicht immer gut sei, allzuviel Eifer in der Berichterstattung zu zeigen, und das wird, wie mir glauben und hoffen, bei dieser neuesten „Jntrigue" Alles sein, was herauskommt.
Deutsches Deich.
Berlin, 9. April.
* Der Kaiser hörte heute einen langem Vortrag des Reichskanzlers in dessen Palais.
* Der ,Reichsanz/ meldet, daß dem General- Adjutanten des Kaisers, Irhrn. v. Loe, das Kreuz und der Stern der Großkomthure der Hohenzollern- schen Hausordens mit Schwertern am Ringe, sowie dem Chef der Abtheilung für Landeskultur und -Vermessung beim Gouvernement in Deutsch-Ostafrika Dr. Stuhlmann der Charakter als kaiserlicher Regierungsrath verliehen sei.
Aus Anlaß des Ablebens des Staatssekretärs Dr. v. StepH-rn hat der Kaiser an dessen Gemahlin ein Beileidstelegramm gerichtet, in welchem es heißt, es möge der Hinterbliebenen zum Trost gereichen, daß mit ihr um den Entschlafenen der Kaiser, das Vaterland und die Welt trauerten. Wie die Geschichte die Erinnerung seiner genialen Schöpfungen bewahren werde, so werden dem Kaiser die hohen Verdienste, die sich der Verstorbene um das Vaterland erworben, und die unentwegte Treue, die er unter vier Königen und drei Kaisern bis zum letzten Athemzuge bethätigt habe, allezeit unvergessen sein. — Die Beileidskundgebungen, die der trauernden Familie und dem Reichs-Postamt zugehen, sind dem,Reichs- anzeiger' zufolge so zahlreich und zeugen von so tiefer Empfindung, daß man aus ihnen mit Wehmuth ersieht, einer wie allgemeinen Werthschätzung der Verstorbene sich erfreut hat. Nach vielen Hunderten zählen die seit gestern Morgen aus dem'In- und Auslande einlaufenden Telegramme und Beileidsschreiben. Hoch und niedrig/Arm und Reich, Fürst und Arbeiter senden Worte der Theilnahme um den Verlust des rheuren Todten. Berge von Kränzen und Blumen sammeln sich schon jetzt an und nehmen von Stunde zu Stunde an Zahl zu. Die Beerdigung des Herrn Dr. v. Stephan findet Sonntag den 11. April um halb ein Uhr vom Lichthof des Postmuseums, Ecke der Leipziger- und Mauerstraße, aus nach dem Kirchhof der Dreifaltigkeitskirche, Barutherstraße, statt. (Herr v. Stephan war zweimal vermählt, zuerst mit Anna Tömaia, einer ungarischen Opernsängerin, die er als junger Postsekretär in Köln kennen lernte, wo
sie Primadonna am Stadttheater war. Der Ehe ist ein Sohn, Heinrich, entsprossen, der Jura studirte und eine Zeit lang als Referendar thätig war, sich später aber der Journalistik widmete. Nach dem (1862 erfolgten) Tode seiner Gemahlin vermählte sich Stephan in zweiter Ehe mit Elisabeth Balde, einer Tochter des Oberpostdirektors Geheimen Raths Balde in Potsdam. Aus dieser Ehe ist ein Sohn hervorgegangen, der einige Jahre als Offizier bei der Artillerie stand und jetzt als Gutsbesitzer in Amerika lebt; ferner zwei Töchter, von denen die ältere mit dem Hauptmann v. Napolski vom 2. Garde-Feld- artillerie-Regiment vermählt, die zweite noch unver- heirathet ist.)
X Hofrath de OraHk hat ein wahres Unheil mit seinerfalfchen Nachricht über das Kaisertelegramm an den Fürsten Bismarck angerichtet. Wie zu erwarten war, greifen auch die,Hamburg. Nachr/ die Sache gierig auf und forschen nach deren „Hintermann". Wir glauben noch immer nicht, daß Grund vorliegt, eine Sensations- und Jntriguen-Sache aus dem Vor- kommniß zu machen, daß ein Nachrichtensammler des Wolff'schen Bureau etwas Falsches gemeldet hat. Nicht allein von Herrn de Grahl erhält Wolff falsche Nachrichten. Dem,Reichsboten' wird als vollkommen richtig bestätigt, daß de Grahl lediglich bo:ia fide gehandelt habe. Er habe „Wolff" ausdrücklich mit- getheilt, es sei keine Hofnachricht und nur mit der Einschränkung „wie verlautet" zu veröffentlichen. „Wolff" hat daraus aber eine Nachricht seines zuverlässigen Hamburger Korrespondenten gemacht und sie gegen Dementis aufrecht erhalten. Hat „Wolff" etwa auch einen „Hintermann"? De Grahl kann die Sache sehr wohl als Gerücht von harmloser Seite erhalten haben. Daß die Nachricht wahr fei, lag nahe, denn früher hat der Kaiser den Fürsten ebenfalls zu seinem Geburtstage beglückwünscht. Sollen wir an 1895 erinnern? Als Nachrichtensammler wird de Grahl sich an diesem Tage erkundigt haben, ob das übliche Telegramm abgeschickt sei und da ist er davon falsch berichtet worden. Dahinter braucht wirklich nichts zu stecken. Uebrigens ist er dem /Reichsboten' zufolge von Ueberanstrengung neroenleidend und in eine Heilanstalt in der Nähe von Berlin überführt worden. Nun also!
* Das Organ des Bundes der Landwirthe, die ,Deutsche Tageszeitung' behauptet, „vom Cent rum" habe der Abg. Dr. Werz bei der Berathung der Margarine-Vorlage gegen den Antrag v. Ploetz gestimmt. Wir machen das Blatt darauf aufmerksam, daß es einen Centrumsabgeordneten Dr. Merz gar nicht gibt, wohl aber einen nationalliberalen, der in der angegebenen Weise gestimmt hat.
* Das StaatsmiuiSeriam hatte heute Nachmittag eine Sitzung unter dem Vorsitz des Fürsten Hohenlohe.
* Zum Import des Duekkunfugs in unseren Kolonien liegt ein neuer Beitrag vor. Aus /bem Vorjahr ist das Duell zwischen Finanzdirektor Bennigsen und dem Oberrichter Eschke in Deutsch-Südwestafrika erinnerlich. Jetzt haben sich dortselbst wieder zwei Reichsbeamte geschossen, der Vorsteher der kaiserlichen Hauptpostagentur in Wmdhoek, Oberpostsekretär Sachs und der Oberlandmesser Dürling. Sachs ist schwer verwundet worden, so daß er lange Zeit dienstunfähig fein wird, vorausgesetzt, daß es gelingt, ihn dem Leben zu erhalten. Was müssen die Schwarzen einen Begriff von der christlichen Nächstenliebe bekommen, die ihnen gepredigt wird!
* lieber den Kandeksvertrag zwischen Deutsch- kand und Aicaragna sind am Mittwoch die Ratifikationsurkunden in Guatemala ausgetauscht worden. Das Telegramm, welches dieses Faktum berschtet, fügt hinzu, daß der Vertrag gleichzeitig mit dem Austausch der Ratifikationen in Kraft trete.
* Ein Kanplmittet zur Lösung der Kand- werkerfrage hat, wie die ,Germ' mittheilt, ein Jesuitenpater angegeben. P. Dulae 8. J. hielt vor einiger Zeit in Paris eine Predigt über die „Charitas", das ist die werkthätige Nächstenliebe, vor einem höchst erlesenen Publikum, unter welchem sich eine Menge eleganter und reicher Damen und Herren befanden. Plötzlich sagte der Kanzelredner: „Vielleichterwarten Sie nun, nachdem ich so lange von der Charitas gesprochen, von mir, daß ich Sie um ein Almosen oder