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24. Jahrgang

Dienstag, den 6. April 1897

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mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und KLumen".

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Die Reichstagsbeschlüsse zum Jesuitengesetze

haben bei gewissen Leuten wieder alle kulturkämpferischen Instinkte aufgeregt. Am kleinlichsten und kläglichsten, wie immer in sülchen Dingen, geberdet sich der ortho­doxe ,Reichsbote', dessen Fanatismus, sobald es sich um Katholisches, handelt, von feinem Mangel an Wahrheitsliebe womöglich noch übertroffen wird. Wenn der Evangelische Bund nächstens einen Warnungsruf an den Bundesrath veröffentlicht, werden wir darin dasselbe zu hören bekommen, was der ,Reichsbote' vorträgt. Es sind die tausendmal auf­gewärmten „ollen Kamellen" von der Stiftung des Jesuitenordens zur Bekämpfung der evangelischen Kirche, seine friedenstörenden Tendenzen, seine Unfähig­keit zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, seinem Streben nach der Weltherrschaft des Papstes, feinem Haß gegen das deutsche Reich und den evangelischen Kaiser usw. Auch die Anstiftung des 30jährigen Krieges durch die Jesuiten wird selbstverständlich wiederaufgetischt. Wußte der Abg. v. Marquardsen zum Beweise der Schlechtigkeit der Jesuiten eine italienische Zeitschrift zu ziüren, fo führte uns der ,Reichsbote' noch viel weiter. Er gibt einen langen Bericht der protestantischen ,Allg. Missionszeitschrift' wieder, worin in dem üblichen Stile über „Verfolgung" der Protestanten in Madagaskar durch die Jesuiten Klage geführt wird. Der Artikel setzt mit der all­gemeinen Behauptung ein, die Jesuiten hätten die Gelegenheit des Postenwechsels in der Generalresidentur Madagaskars benützt, „um eine von früher her schon vorbereitete Zwangsbekehrung der evangelischen Mis­sionsgemeinden ins Werk zu setzen". Aber mit dem Nachweis dieser „Zwangsbekehrung" sieht es sehr dürftig aus. Was an Thatsachen angeführt wird, sind im Wesentlichen Regierungsmaßregeln, und daß die französische Regierung so jesuitenfreundlich sei, um den Jesuiten bei den „Zwangsbekehrungen" ihnen Beistand zu leisten, wird uns nicht so leicht einzureden sein. Unbestimmte Vermuthungen und Behauptungen lassen wir uns auch nicht als Thatsachen vorstellen.

Im übrigen pflegen sich Berichte aus protestantischen Missionen nicht immer durch Zuverlässigkeit auszuzeichnen, namentlich wo sie von „Verfolgungen" durch die „Römischen" reden. Oder follen wir etwa auch die spanischen Geschichten des Evangelisators Fliedner für baare Münze nehmen? Jedenfalls geht es uns nichts an, was die Franzosen in einem neu­eroberten Lande im Süden Afrikas machen. Wir wollen die deutschen Jesuiten wieder haben; diesen mögen die Gegner etwas nachweisen, was sie gefähr­lich macht für Deutschland. Wer nicht glauben will, daß sie auch der Sozialdemokratie Abbruch thun könnten, der braucht es ja nicht. Es ist das aber auch kein Grund, sie fern zu halten oder unter Polizei­willkür zu stellen. Wenn wir alle in unserem Vater­lande, die mit den Sozialdemokraten nicht fertig werden können, unter ein Ausnahmegefetz stellen wollten.

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benno.

29] ------ (Nachdruck verboten.)

Antonie hatte den Onkel aufzuhalten versucht. Mit gefalteten Händen flehte, sie ihn an, den Wunsch des Wiesmüllers zu erfüllen, und auch Severin beschwor den Doktor unter heißen Thränen, doch dieser blieb hart. Ohne ein Wort zu sagen, schritt er über die Treppe in seine Wohnuyg hinauf.

Severin war ihm auch dahin über einige Stufen gefolgt. Er fah jedoch die Vergeblichkeit seiner Be­mühungen ein. „So geht denn!" rief er, vor Schmerz und Zorn fast weinend. „Unser Herrgott wird auch mit Euch abrechnen, Ihr hartherziger Mann!" Er kehrte wieder an das Lager Schirmers zurück, wo er Antonie fand.

Mit Staunen gewahrten die beiden, daß durch die peinliche Szene nicht die von ihnen befürchtete Wir­kung auf den Kranken hervorgebracht worden war. Seine ruhigen Züge waren von einem wunderbaren Frieden verklärt, und sogar ein mattes Lächeln spielte um seinen Mund.

Er ergriff Toni's Hand. „Grüße mir Edgar," flüsterte er, „und vergiß nicht, was Du versprachst.

so hätten wir ja nicht einmal einen Polizeimann zur Ausführung dieses Gesetzes zur Verfügung. Die Ge­schichte von der Stiftung des Jesuitenordens zur Ausrottung des Protestantismus nochmals zu wider­legen, lohnt sich beim ,Reichsk>oten' nicht. Er wieder­holt ja trotz aller Widerlegnngen auch alle anderen Lügen über den Katholizismus unverdrossen, wiewohl er dem Protestantismus einen ganz besonderen Sinn für Wahrheit nachrühmt. Uebrigens möchten wir ihm eine Frage vorlegen: Der Protestantismus ist doch ohne allen Zweifel gegründet worden zur Ver­nichtung des „Papismus" und der „römischen Ab­götterei". Was würde der duldsame ,Reichsbote' sagen, wenn man mit dieser Begründung die Prote­stanten aus katholischen Ländern ausweisen, oder sie unter die Polizeiwillkür stellen wollte?

Das Häuflein, das gegen die Jesuiten noch mit den Phrasen von 1872 zu agiren wagt, ist im Reichs­tage sehr klein geworden und auch draußen wird der Jesuitenhaß in der Hauptsache nur noch von den protestantischen Pastoren wachgehalten. Etwas klüger als der beschränkt-fanatische ,Reichsbote' geben andere Blätter ihrem Aerger über die Reichstags-Be­schlüsse Ausdruck. Sie jammern über die „Centrums- Herrschaft" im Reichstage, die sich da wieder gezeigt habe und beklagen, daß das Volk diesen Zustand duldet. Sie benutzen also die Jesuiten-Beschlüsse als Hebel, um das verhaßte Centrum aus dem Sattel zu heben. Wir wüßten nun nicht, inwiefern das (Zentrum in seiner „Herrschbegier" die Konservativen, Rational- liberalen ec. gezwungen hätte, zu Gunsten der Jesuiten zu stimmen. Es stand doch jedem frei, wie er stim­men wollte. Nachdem nun aber einmal eine so große Mehrheit sich wenigstens für die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes ausgesprochen hat, erweist der Bundesrath nicht mehr dem Centrum einen „Liebes­dienst", wenn er zustimmt, sondern er erweist dem Reichstage die Rücksicht, auf die er Anspruch hat.

Unserer Ansichtnachsollten alle, denen die „Centrums- Herrschast" ein Dorn im Auge ist, die Regierung dringend rathen, nicht allein § 2, sondern das ganze Jesuitengesetz schleunigst aufzuheben. Ist das Volk wirklich fo erbittert auf die Jesuiten, wie behauptet wird, so wird „ein Schrei der Entrüstung durch das Land gehen", das Volk wird sich „aufraffen", die „Centrums - Herrschaft" als eine Schmach empfinden und einen Reichstag wählen, in dem das Centrum eine ganz untergeordnete Rolle spielt. Dann haben wir unfern Willen mit den Jesuiten und die Gegner den ihrigen mit der Wiederherstellung der „nationalen" Reichstags-Mehrheit. Diese Mehrheit kann das Je- suitengesetz wieder Herstellen und wir sind die „blamir- ten Europäer".

Deutsches lUtdp

Berlin, 5. April.

P Die neue Denkmünze, welche am orange­gelben Bande auf der Brust getragen wird (Apfelsinen- Die Bosheit triumphirt zwar gegenwärtig und fcheint die Oberhand gewinnen zu wollen. Aber ich bin fest überzeugt, daß einst der Tag kommen wird, wo unser Herrgott der Wahrheit und dem Rechte zum Siege verhilft. Ich grolle Niemandem mehr. Der Betrüger und Erbschleicher möge es mit einem höhern Richter ausmachen, der auch mir gnädig fein wird. Es thut mir weh, daß Heinrich unerbittlich ist; ober dennoch scheide ich ohne einen bittern Gedanken von ihm. Möge einst die Erinnerung an diese Stunde ihn nicht ge­reuen; möge auch ihm der liebe Gott, wenn er zum Sterben kommt, die Gnade der Erkenntniß und des Friedens verleihen, mit der er mein letztes Stündlein versüßt!"

Schirmer verstummte für einige Sekunden und gab dann dem bitterlich weinenden Knechte die andere Hand. „Ich danke Dir, Severin," begann er wieder. „Oft bin ich auch gegen Dich rauh und unfreundlich ge­wesen, aber Du trägst mir nichts nach. Du hast viel­mehr ausgehalten, als mich Alles verließ."

Der Priester, der von der gefährlichen Lage Schir­mers in Kenntniß gefetzt worden war, erschien. Er blieb eine Z-at lang bei dem Sterbenden allein.

Als Severin und Toni wieder das Zimmer be­traten, hörten sie, wie der Müller dem neben seinem

erben), ift sämmtlichen Reichstagsabgeordneten, welche auf der Reichstagstribüne der Enthüllungsfeier am 22. März beigewohnt haben, verliehen worden. Diese Medaille wird auch fämmtlichen Marinebeamten verliehen.

W Das Befinden des Staatssekretärs v. Stephan ist sehr ungünstig und gibt wenig Hoffnung, daß der Patient am Leben bleibt. Das heute Nachmittag gegen 3 Uhr ausgegebene Bulletin lautet: Kräfte noch immer schwach, viel Schlaf, keine Schmerzen. — Der Kaiser war am Sonnabend von der Operation benachrichtigt worden und ließ durch seinen Flügeladjutanten Er­kundigungen nach dem Befinden des Patienten ein­ziehen und dessen Familie seine Theilnahme ausdrücken. Auch von anderer Seite, nicht allein aus Deutschland, sondern auch aus dem Auslande gehen Kundgebungen der Theilnahme ein.

* Der Gouverneur von Berlin, Generaloberst Frhr. v. Koe, sieht sich in Anbetracht seines Gesund­heitszustandes genöthigt, von der beabsichtigt gewesenen Rückkehr nach Berlin bis auf Weiteres Abstand zu nehmen, und kann fein 50jähriges Dienstjubiläum hier nicht feiern. Er wird sich am 7. April, dem Tage des Jubiläums, in Bonn befinden, woselbst er im Hotel Kley wohnt.

tt Jürg Mismarck hat an seinem Geburtstage fast 3000 Telegramme mit 85,000 Worten erhalten. Daß eine telegraphische oder sonstige Begrüßung irgend welcher Art seitens des Kaisers stattgefunden hat, wird von den Berliner und den Leipziger,Neuesten Nachrichten' im Gegensatz zu der vom Wölfischen Telegraphenbureau verbreiteten Meldung bestritten.

P Im kgl. Schlosse fand am Sonntag eine größere Frühstückstafel zu 27 Gedecken statt, bei der auch der Nordpolfahrer Mausen zugegen war. — Nansen hat sich heute früh von Berlin nach Kopenhagen begeben.

* Das „WoHkwokken" der Konservativen für den Mittelstand hat am Samstag im Abgeord­netenhaufe eine fcharfe Beleuchtung erfahren, daß wir diesen Umstand besonders hervorheben zu sollen glauben. Es handelte sich um die Einführung des Dreiklaffenwahlrechts für die Stadt- verordnetenwahlen in der Provinz Hessen- N aff au, um eine Neueinführung in dem ehemals hessischen Theile der Provinz. Der Antrag Kircher, diesem Theil das alte gleiche Wahlrecht zu belassen, und auch der Eventualantrag Cahensly-Kircher, dem plutokratischen Dreiklassenwahlsystem dadurch die Spitze abzubrechen, daß in der ersten Wähler klasse mindestens zehn Prozent und in der zweiten Wähler- klasse mindestens zwanzig Prozent aller Wähler Auf­nahme finden follen, sogar der weitere Eventual­antrag, welcher diese Prozentzahlen auf 5 bezw. 10 Prozent ermäßigte: alle diese Anträge fanden keine Gnade vor den Augen der Konservativen. Als die ausschlaggebende Partei des Abgeordneten­hauses dekretirte sie das plutokratische Drei­klaffenwahlsystem und entzog damit, wie selbst der nationalliberale Abg. Dr. Euneccerus feststellte,

Bette knieenden Seelsorger mit gefalteten Händen die Worte nachfprach: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigem."

Dann stockte sein Äthern. Noch einige krampfhafte Bewegungen und der Kranke hatte ausgelitten.

Das leise Weinen Tonis und Severins vermischte sich mit dem inbrünstigen Gebete des Priesters, der die Seele des Geschiedenen der Gnade und Barmherzig­keit des ewigen Richters empfahl.

VI.

Schirmer war zur Erde bestattet. Ein einfaches, aber würdiges Denkmal, das Severin und Antonie, natürlich ohne daß Sallust etwas davon wußte, ge­meinsam hatten Herstellen lassen, schmückte das Grab.

Äus dem Nachlasse des Müllers wäre die An­schaffung eines solchen unmöglich gewesen. Die lieber« schwemmung hatte entsetzlich gehaust. Von der Wies- mühle war fast kein Stein auf dem andern geblieben, und auch der an anderen Gebäulichkeiten, namentlich aber in den Feldern und Gärten angerichtete Schaden war sehr groß. Der Rentner, der das Kapital auf die Mühle ausgeliehen hatte, deckte die Hand auf die noch vorhandenen Trümmer und den Bauplatz. Ihr Werth reichte aber bei weitem nicht aus, so daß die