Freitag, dcn 2. April 1897 24. Jahrgang
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weiter bauen, und wir verstehen es nicht, wie man das beachtenswerthe Gute, das die Vorlage bietet verwerfen kann, weil man Besseres nicht haben kann' Käme es dem Centrum nur darauf an, sich bei den Handwerkern beliebt zu machen, so hätten sie es dies jetzt sehr bequem: die Abgg. Dr. Hitze usw. brauchten sich nur recht frech zu geb erben, gegen die Regierung zu donnern und feierlich zu erklären, baß sie sich nie unb nimmer auf so kleinliche Angebote einließen, sonbern „voll unb ganz" die Forderungen bes Hand- werks verträten unb sich auf keine Halbheiten einließen. Sieverschmähen diesen bequemenWeg zur „Popularität", weil sie es nicht vor bem Handwerkerstände verantworten zu können glauben, wenn sie die Vorlage zum Scheitern brächten. Sie nehmen bas Gebotene als Abschlagszahlung a', suchen es möglichst zu verbessern und verzichten auf keine einzige ih -er Forberungen. Ob bie Vorlage in biefer Session noch zu Stande kommt, ist zweifelhaft. Dann wirb sie es aber sicher in ber nächsten, unb mir sind überzeugt, die Handwerker werden es später dem Centrum und den anderen Parteien Dank wissen, daß sie bie Vorlage nicht kurzsichtig unb eigensinnig haben scheitern lassen.
lassen, das ist ganz richtig; einen edlen, herrlichen Sohn! Aber dieser nichtswürbige Bursche ist's nicht! Wenn er gleichwohl Beweise beibrachte, bann sinb sie gefälscht. Heraus aus biefem Haufe, in's Zuchthaus mit ihm!"
Kaum mehr seiner selbst mächtig war ber Müller, einem Betrunkenen gleich, vorwärts geschwankt. Drohend schwang er den einen Stock, während der andere beinahe unter bem Gewichte seines Körpers zerbrach.
Der Bürgermeister gab bem Amtsbiener einen Wink. Auch anbere griffen zu, unb Schirmer wurde mit Gewalt ans bem Zimmer gezerrt.
Draußen jedoch ermannte er sich trotz feiner Hinfälligkeit und schleuderte die Angreifer wüthend von sich. Vor Grimm unb Aufregung brachte er jeboch keine Worte, sondern nur unverftändliche Laute hervor.
„Ihr seid berauscht, Schirmer," donnerte nunmehr der Stadtvorstand, der bei diesem Anblicke die Geduld verlor, dem Rasenden zu. Ich werde Euch im Arrest Zeit und Gelegenheit geben, wieder nüchtern zu werden. Vorwärts, Ihr Leute," wandte er sich an die Umstehenden, die sich eingeschüchtert fern hielten, .„warbt den rabiaten Menschen unschädlich. Ins Gefängniß mit ibm!4
Ein ganzes Dutzend stürzte sich auf den Müller. Mit ber Kraft ber Verzweiflung wehrte er sich, erlag
organisirten deutschen Handwerks. Man beschloß, die $ibgg. Jakobskötter, Euler und Metzner zu einer demnächstigen Sitzung zu labett mit dem Ersuchen, ihre Stellung zu kennzeichnen. Hebet bie Debatten wirb nur mitgetheilt, sie seien erregt gewesen. Wir irren gewiß nicht in ber Annahme, baß babei scharfe Worte gegen Centrum und Konservative gefallen sinb. Auch auf bem nach Leipzig berufenen allgemeinen Handwerker- unb Innungs-Tage werben ohne Zweifel bie Wogen ber Debatten seh? hoch gehen. Wir begreifen auch vollkommen die Aufregung der-Handwerker. Rach jahrelangem Bemühen hatten sie dem Ziele nahe zri sein geglaubt und nun soll doch vorerst nur ein Theil ihrer Wünsche befriedigt werden.
Es fragt sich nur, womit dem Handwerkerstände mehr gebient ist: mit bem „unentwegten" Festhalten an bem Berlepfch'schen Entwürfe und der grundsätzlichen Abweisung aller Minbergebote, ober mit ber Annahme des Gebotenen als Abschlagszahlung unter Aufrechterhaltung der übrigen Forderungen. Wir müssen bie Handwerker immer wieder auf die nüchterne Thalsache verweisen, baß bie Gesammtheit ihrer Forberungen für absehbare Zeit gar keine Aussicht hat. Verwirft also der Reichstag'die jetzige Vorlage, fo wirb gar nichts für das Handwerk geschehen; ändert er sie nach seinen und der Handwerker Wünschen völlig um, so nimmt ber Bunbesralh sie nicht an, also ist ebenfalls nichts erreicht. Man rebe sich nur nicht ein, baß wenn ber Reichstag nur „fest" bleibe, ber Bundesrath nach einem oder zwei Jahren anderen Sinnes werden und alles bewilligen würde. Es wird auf lange Zeit hinaus gar nichts geschehen. Mit dieser leidigen Thatsache ist nun einmal zu rechnen. Kräftige Reden ber Handwerkerfreunde im Reichstage unb heftige Ausfälle auf bie Regierung würden daran nichts ändern.
Bei ruhiger Ueberlegung nun werden sich bie .fjanbioerfer doch selbst gestehen müssen, daß es liesstr für sie ist, bie Vorlage wird Gesetz, als daß gar nichts zu Gunsten des Handwerks geschieht. Ja, wenn die Vorlage absolut werthlos wäre, bann könnte man sie leichten Herzens verwerfen. Sie bietet aber bie Handwerkskammern, also die Organisation des Handwerks, und bie Regelung bes Lehrlings wesen in allem Wesentlichen nach bem Berlepfch'schen Entwürfe. Die Bestimmungen über die Ausbildung von Lehrlingen enthalten sogar einen Ansatz zum Befähigungsnachweise. Endlich fehlt auch die Zwangsinnung nicht, nur wird sie nicht obligatorisch durch Verfügung von oben eingeführt, sondern es wird ganz in die Hand der Betheiligten gelegt, ob sie die Zwangsinnung wollen ober nicht. Wir haben schon früher ausgeführt, baß der Berlepsch'sche Entwurf im Prinzip bas Gleiche wollte, unb daß es bei ben weit auseinandergehen- ben Anschauungen ber Handwerker selbst ber Billigkeit entspricht, bie Mehrheit entscheiben zu lassen. Unzweifelhaft läßt sich auf dem Gebotenen erfolgreich
Deutsches Nerch.
Berlin, 1. April.
st Bei bem Reichkanzler Iürstev KoHeukoHe erschien gestern auch bie Kaiserin Friedrich zum .Gratulationsbesuch. Vom Fürsten Bismarck traf ein herzliches Glückwunschtelegramm ein, auf welches ber Reichskanzler burch einen Glückwunsch zu bem heutigen Geburtstage des Fürsten Bismarck antwortete. - Im Namen bes Staatsministeriums hat Fürst Hohenlohe auch an ben Oberlanbesgerichtspräsidenten und ehemaligen Kultusminister Dr. Falk ein Glückwunsch- telegramm geschickt.
st Der Kaiser hat bem Iurffcn Bismarck aus Anlaß seines heutigen Geburtstags ein in sehr herzlichen Ausbrücken abgefaßte Glückwunschtelegramm geschickt. - Die,Hamb. RachrL bringen zum Geburtstag des Fürsten Bismarck einen Artikel, worin lebhaft Beschwerbe darüber geführt wird, daß bei allen offiziellen Kundgebungen ' ber Hundertjahrfeier mit höchster Sorgfalt vermieden worden sei, auch nur den Namen des Fürsten Bismarck zu nennen.
* Der Bureaudirektor des Abgeordnetenhauses Geheimer Regierungsrath Kleinschmidt feiert heute fern üöjähriges Jubiläum. Von ben gegenwärtigen unb von früheren Mitgliedern, ber Presse usw. gingen ihm zahlreiche Glückwünsche zu. Präsident v. Köller überreichte als Jubelgabe des Hauses ein kostbar aus- gestat tetes Büffet mit Silberzeug. Namens der frühem Abgeordneten wurde ein Prunkschrank, gefüllt mit herrlichen Krystallgeräthen, überreicht. Die Presse hatte als Jubiläumsgabe eine Zimmereinrichtung gelüftet, für welche in schöner Mappe die Zeichnungen
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<A Die Handwcrkervorlage
wird, wie schon jetzt für feststehend erachtet werben kann, im Reichstage eine sichele Mehrheit finden. -Centrum, Konservative unb Reichspartei werben -(vielleicht mit biefer ober jener, jedenfalls vereinzelten Ausnahme) für bas Zustandekommen des Entwurfs tbätig fein; auch ein Theil ber Nativnalliberalen wirb sich nicht ablehnenb verhalten. Voll befriebigt ist ja ckaum jemanb bavon; man Urb sich deshalb in ber Kommission um bie möglichste Verbesserung bemühen. Die Mehrheit wirb sich aber nicht auf ben Standpunkt stellen: Alles ober nichts, und darum von Befchlüssen absehen, die auf keinen Fall im Bundesrathe angenommen werden.
Für „Har.dwerkerfreunbe", die keine praktische Politik zu treiben brauchen unb baher bie rabifalften Forberungen ohne Sorgen mit ber größten „Entschieden- heit" vertreten können, mag das freilich eine sehr .„schwächliche" Haltung bes Reichstags fein. In Blättern, bie „nichts danach zu fragen" haben, liest man denn auch schon recht saftige Schmeicheleien für das Centrum unb die Konservativen. Das Stöcker'sche ,Volk' hat mal wieder bie Entdeckung gemacht, bas Centrum wolle Regierungspartei bleiben. Bald so, bald so, wie's trifft! Das eine Mal macht man bem Centrum Vorwürfe, weil es ber Regierung nicht zu Willen sei ans Rücksicht auf feine Wähler, das andere Mal, weil es sich um bie Interessen des Volkes nicht kümmere ans Rücksicht auf die Gunst ber Regierung. Es erübrigt sich, auf bergleichen Dinge etwas zu er- wibern.
In Haubwerkerkreisen wird es gewiß ebenfalls nicht an Anklagen gegen die Mehrhell bes Reichstags fehlen. In ber städtischen Deputation des Berliner Jnnnngsausschusses erklärte man sich mit ber Auffassung, daß bie Vorlage einen annehmbaren Keim enthalte, absolut nicht einverstanben, sondern man hielt an bem Berlepfch'schen Entwürfe unb ben Abänderungs- b.Müssen bet vorjährigen Handwerkerkonferenz fest. Die Stellungnahme des Abg. Jakobskötter, fo würbe betont, entspreche keineswegs den Anschauungen des
Der falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
------- (Nachdruck verboten.)
Et hielt nun auch seinerseits nicht mehr an sich. Und wenn er auch nicht gerade die direkte Behauptung aufstellte, er fei sich von Anfang an ber ihm winkenden Zukunft bewußt gewesen, so ging doch aus seinen versteckten Anspielungen etwas Aehnliches hervor.
Als Herr des Hauses glaubte Seeburg nunmehr und) den aufmerksamen Wirth machen zu müssen. Er ging selbst in den Keller unb holte für bie höflichen Herren einige flaschen herauf. Er fchenkte ein unb man trank.
Da entstaub unter ben Leuten, von benen eine ganze Schaar neugierig das Häuschen umstand, aus einmal eine auffallende Bewegung. Verworrene Stimmen schallten in das Zimmer herein.
Die -igüre flog auf und auf zwei Stöcke gestützt erfüllen der Wiesmüller Schirmer. Barsch brängie er ben Amtsbiener, ber ihn aufzuhalten versucht hatte, zurück.
Währenb Seeburg für einen Augenblick die Farbe wechselte, erhob sich einer ber Gerichtsherren unb trat auf ben Eingedrungenen zu. „Was wollt denn Ihr, Müller?" fragte er. „Die Beerdigung ist schon lange vorüber, Ihr kommt zu spät."
Schirmer hatte dem Baumeister einen Blick zugeworfen, vor dem dieser die Augen niederschlug. Erholte tief Äthern und wischte sich den Schweiß von der Stirne, ber sich dort in großen Tropfen ange- fammelt hatte.
„Was ich will," rief er bann, „das werde ich Euch sagen, Ihr Herren! Einen Betrüger entlarven, der mit Euch Komödie spielt, einen Schurken, ber durch Fälschung unb Lüge das Vermögen des Grafen Salmi an sich reißen will!"
In begreiflicher Bestürzung hatten sich bie Herren bei dieser Anklage erhoben. Auch Adolf stand auf. Um feine Lippen schwebte ein Lächeln, bas aber nur schwach bie furchtbare Angst in feinem Innern verbarg.
„Seid Ihr wahnwitzig, Schirmer?" hielt ber Notar dem Müller entgegen. „Ober was ficht Euch an? Glaubt Ihr benn, wir handeln nur fo in's Blaue hinein? Die unanfechtbarsten Beweise liegen vor, daß Gras Salmi verheirathet war, baß er" einen recht- mäßigen Sohu hinterließ unb daß diesem fein ganzes Vermögen vermacht worden ist!"
Der Wiesmüller fuhr sich mit der Hand über bie Stirne. Seine Augen traten weit aus ihren Höhlen hervor. „Und jener Mensch soll dieser Sohn sein?" schrie er, mit feinem Stocke auf Seeburg deutend. „Ich sage Euch noch einmal, daß dies eine Lüge ist, ein schamloser Betrüg! Salmi hat einen Sohn hinter-
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