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Kriselt es doch?
Herr Hollmann tritt, wie die ,Kreuzztg/ bestimmt versichert, einen „längeren Erholungsurlaub" an, und das pflegt ja allerdings bei Ministern und Staatssekretären die Einleitung zum Rücktritt zu sein. Im Reichstage wurde die Annahme des Hollmann'schen Entlassungsgesuches am Dienstag auch vielfach schon als zweifellos bezeichnet — ob aus näherer Kenntniß oder — nur aus naheliegender Vermuthung, vermögen wir nicht zu entscheiden. Wir sagen: „aus naheliegender Vermuthung," denn es erregte Aussehen, daß der Kaiser am Dienstag unmittelbar nach einander den Staatssekretär Hollmann und den Reichskanzler empfing. Freilich hat er am Montag Abend auch Herrn v. Marschall und am Dienstag den Eisenbahnminister Thielen empfangen, aber diefe Thatsachen stehen wohl kaum in enger Verbindung mit dem Empfange des Marinesekretärs und des Kanzlers; Frhr. v. Marfchall z. B. wird — das ist wenigstens die naheliegende Annahme — dem Kaiser wohl über die Entwickelung der Dinge im Orient Vortrag gehalten haben. Da sieht's freilich auch kritisch genug aus.
Ist denn nun auch die innere Lage in Deutschland kritisch? Das ist die große Frage, die heute jedensalls die ganze politische Welt beschäftigt. Wir meinen nun, daß man wohl daran thut, nicht gleich an eine große, allgemeine Regierungskrisis zu denken. Ob Herr Hollmann geht oder nicht, das ist an sich noch von keiner großen Bedeutung, wenn auch ein anderer Admiral kaum in ein so gutes Verhältniß zum Reichstag kommen würde, wie es Herrn Hollmann infolge seiner angenehmen persönlichen Eigenschaften gelungen war. Die Frage ist nur die: Wird auch der Reichskanzler Fürst Hohenlohe sich bewogen fühlen, feinen Abschied zu nehmen? Es ist ja der einzige verantwortliche Beamte im Reich, die Staatssekretäre sind nur seine ausführenden Organe, man könnte sagen: seine „Handlanger." Wäre daher der Reichstagsbeschluß gegen die Kreuzer und weitere Flottenpläne der wirkliche Grund sür den Rücktritt Hollmanns, so müßte viel eher noch der Reichskanzler sich durch jenen Beschluß veranlaßt fühlen, abzudanken.
Aber man darf ruhig annehmen, daß der Reichstagsbeschluß nur die Gelegenheit sür Herrn Holl-
Drr falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
26] ------ (Nachdruck verboten.)
V. '
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am folgenden Morgen die Kunde durch das Städtchen, daß Graf Ferdinand Salmi plötzlich gestorben sei. Margreth, die den alten Herrn entseelt am Boden liegend fand, hatte die Schreckensnachricht in halber Verzweiflung zuerst in den „Löwen" und dann zu dem Bürgermeister gebracht.
Mit letzterem, dem Arzte, dem Notar und noch mehreren anderen Personen eilte der Baumeister, der eine tiefe Erschütterung zur Schau trug, zu dem Häuschen hinauf. Das kleine Stübchen war bald mit Menschen gefüllt, und auch außerhalb begann sich eine Schaar von Leuten zu sammeln, welche entweder Neugier oder Theilnahme herbeigelockt hatte. Der Arzt waltete seines Amtes und stellte „Herzschlag" als Todesursache fest. An eine Gewaltthat irgend welcher Art dachte kein Menfch.
Adolf war neben dem Bette, auf das man den Todten gelegt hatte, niedergekniet. Er bedeckte die erkaltete Hand mit Küssen und sogar einige Thränen fielen darauf. Die Anwesenden schauten mitleidig aus
mann abgegeben hat, um seine Entlassung zu erbitten, daß aber in Wahrheit Herr Hollmann das Feld räumt oder räumen möchte, weil ihm seine Stellung durch die unverantwortlichen Rathgeber der Krone, die Stürmer und Dränger, verleidet ist, die ihn in einen unheilbaren Konflikt mit dem Reichstage hineindrängen würden, wenn es nach ihren Wünschen gehen sollte. Und Herr Hollmann ist seiner ganzen Veranlagung nach kein Mann des Konflikts. Um nicht in eine Konfliktspolitik hineingezogen zu werden, zieht er sich — wenn sein Rücktrittsgesuch in der That genehmigt werden sollte — lieber bei Zeiten ins Privatleben oder auch in eine weniger aufregende Kommandostellung zurück.
Nun kann man freilich sagen: Auch Fürst Hohenlohe ist seiner ganzen 9latur nach kein Mann des Konfliktes und könnte sich daher ebenso gut wie Herr Hollmann bewogen fühlen, „nicht mehr mitzumachen". Daß dies möglich ist, können wir nicht in Abrede stellen, aber als sicher oder nothwendig können wir diese Schlußfolgerung doch nicht anerkennen. Denn erstens braucht Fürst Hohenlohe nicht derselben Meinung wie Herr Hollmann darüber zu fein, daß die Konslikspolitiker unfehlbar siegen würden, und zweitens würde er, wenn er es auch nur für noch möglich hielte, mit seinem Einflüsse die Bestrebungen der Konfliktspolitiker vereiteln oder auch nur zeitweise zurückdrängen zu können, nur patriotisch handeln, wenn er trotz aller Widerstände im Amte bliebe, solange es irgend geht, um jenen Treibereien sich^ntgegenstemmen zu können.
Wir können also weder nach der schlimmeiOnoch nach der guten Seite hin uns Vermuthungen hin- geben, wir müssen einfach den weiteren Verlauf der Dinge abwarten, indem wir uns auf alle Fälle gerüstet halten. Eine „latente",d. h. stille, schleichende Krisis besteht ja zweifellos fchon lange; ob sie in der nächsten Zeit „akut" wird, zum offenen Ausbruch kommt, und welche weiteren Folgen daraus entstehen mögen, das entzieht sich einstweilen der Be- urtheilung. Es ist jedenfalls nicht nöthig, sich deswegen fchon jetzt zu beunruhigen.
Deutsches Keich.
Berlin, 31. März.
Dem Reichskanzler, welcher heute feinen 78. Geburtstag feierte, brachte das Kaiserpaar persönlich seine Glückwünsche dar. Der Kaiser schenkte dem Kanzler ein werthvolles Album mit Ansichten von Breslau und der dortigen Kaiserzusammeickunft; die Kaiserin ließ einen Blumenaufbau überbringen. Später erschienen die Mitglieder des Staatsministeriums, die Chefs der Reichsämter, der Chef des Civil- kabinets und andere Mitglieder der hohen Gesellschaft zur Gratulation. Auch der Reichstagspräsident Frhr. v. Buol sowie die Abgg. Prinz Arenberg, Dr. Lieber den trauernden Neffen. Sie ehrten seinen Schmerz und störten ihn nicht.
Nach einer Weile wurde jedoch auch er von den indessen vollzählig eingetroffenen Gerichtspersonen ersucht, vorerst das Haus zu verlassen. Die amtliche Handlung begann. Alles wurde unter Siegel gelegt. Nur das obere Zimmer, in dem man den Verblichenen ausgebahrt hatte, blieb für die Zu- und Abgehenden frei.
Seeburg brachte fast den ganzen Tag mit der untröstlichen Margreth int Trauerhaufe zu. Er schien sich von der sterblichen Hülle des Onkels nicht trennen zu können. Diesen Eindruck machte wenigstens sein Benehmen auf die einfache Bauersfrau, die ihn im Gegensätze zu früher, wo sie wenig mit dem Baumeister verkehrt hatte, auf einmal mit ganz anderen Augen ansah.
Es fiel anfangs allgemein aus, daß der Wies- müller Schirmer nicht an der Bahre des hingegan- genen Freundes erschien. Man erfuhr jedoch durch Severin, daß der Müller bei der Nachricht von dem plötzlichen Tode Salmi's einen Rückfall bekommen hatte und wieder bettlägerig war.
In Folge deffen fand sich Schirmer auch nicht bei dem Leichenzuge ein, an dem sonst fast die ganze Ein- wohnerfchafk von Rodenbach sich beteiligte. Der gute
und Spahn gratulirten dem Kanzler persönlich. Zahlreiche Depeschen liefen ein.
X Der frühere Kultusminister, jetzige Oberlandes- gerichtspräsident Dr. Jalk beging gestern fein 50- jähriges Dienstjubiläum. Als Gratulant hatte sich selbstverständlich auch die nationalliberale Partei eingestellt. In einer von v. Bennigsen, Dr. Hammacher, Frhr. v. Marquardsen und Dr. v. Cuny unterzeichneten Adresse der nationalliberalen Fraktion des Reichstags wurde dem Exkulturkampfsminister der Dank ausgesprochen, daß er „an hoher und verantwortungsvoller Stelle erfolgreich für Geistesfreiheit und Bildung eintrat und für das Deutschthum gegen antinationale Bestrebungen getreue Grenzwacht hielt". Ach ja, das waren schöne Zeiten! Damals waren die National- liberalen auch noch etwas stärker als heutzutage. Die ,Nat.-Ztg/ und andere kulturkämpserische Blätter feiern Herrn Falk in noch höheren Tönen als die nationalliberale Fraktion. Im Grunde war er eben nur ein „Handlanger" Bismarcks.
Vt Der SeniorenKonvenI des Reichstags hatte heute eine Besprechung über die Geschäftsordnung der nächsten Tage. Danach ist zu erwarten, daß die Jnvaliditätsversicherungs-Novelle am Donnerstag und Freitag in 1. Lesung erledigt wird. Sonnabend kommt wahrscheinlich die Margarinevorlage zur Berathung. Auch das Handelsgesetzbuch soll vor den Ferien noch erledigt werden.
* Dem Reichstage sollen nach dem ,Hamb. Korr/ nach der Osterpause noch zwei kolonialpolitische Vorlagen zugehen betr. die Ueberuahme des Neu- Guinea-Schutzgebiets und die Uebernahme der Usambara-Eisenbahn auf das Reich.
□ Die RudgetKommisston des Reichstags fetzte heute die Berathung der Besoldungsvorlage fort. Nach derselben sollen 60% aller Hauptleute und Rittmeister die Bezüge der I. Klasse erhalten, während dies jetzt bei der Infanterie nur für 57%, bei der Kavallerie nur bei 41% der Fall ist. Abg. Müller-Fulda (C.) wollte es bei dem jetzigen Zustande belassen. Auf Antrag Dr. Lieber (C.) und Dr. Paasche (nl.) wurde 58% gesetzt. Es sind demnach etwa 108,000 M. an Mehrforderung für Versetzung von 90 Hauptleuten 2. Kl. in die 1. Kl. gestrichen. — Das Gehalt der Majors (Stabsoffiziere) foll von 5400 M. auf 6000 M. erhöht werden. Abg. Dr. Paasche (nl.) beantragte nur 300 M. Erhöhung. Abg. Müller-Fulda (C.) erklärte, er sei gegen jede Erhöhung, so lange nicht die Verbesserung der Abendkost für die Mannfchaften eingeführt fei. Abg. Richter (frs. Vp.) war ebenfalls gegen die Erhöhung, da das Gehalt im Verhältniß zu anderen Beamtenklassen schon ohnehin zu hoch sei. Die Offiziere möchten die Kabinetsordre bezüglich des unnöthigen Aufwandes beherzigen, dann sei ihr Gehalt ausreichend. Staatssekretär Dr. Graf v. Posadowsky und der Kriegsminister traten für die Erhöhung ein. Abg. Dr. Lieber (C.) empfahl
alte Herr hatte ja, wenn er auch ein Sonderling gewesen^ war. Niemandem etwas zu Leid gethan. So urtt)eilten die Leute, und doch mochte sich so Mancher unter dem Trauergeleite befinden, der dem Todten die Rettung aus Noch und Elend verdankte — ohne daß er selbst eine Ahnung davon hatte.
Sogar Dr. Sallust erschien zum Begräbnisse. Er tadelte auch Antonie nicht, von welcher der Verstorbene unter den vielen gespendeten Kränzen, mit heißen Thränen aufrichtigen Schmerzes benetzt, den schönsten erhielt.
Bei dem Mangel an irgend welchen Verwandten vertrat Seeburg deren Stelle und warf auch die erste Scholle in das offene Grab.
Adolf kehrte nach der Feierlichkeit nicht in das Häuschen zurück, wo nun ungesäumt die Entsiegelung durch die Beamten und die Ordnung des Nachlasses begann. In säst auffälliger Weise hielt er sich vielmehr im Hintergründe und gab sich den Anschein, als bekümmere er sich nicht im Geringsten darum. Mcht einmal im Städtchen blieb er. Er machte vielmehr mit der Bemerkung gegen die Bekannten, daß er mit seinem Schmerze allein sein müsse, einen Spaziergang in die Wiesen hinaus.
So kam es, daß die Einwohnerschaft Rodenbachs durch den Amtsdiener noch vor dem glücklichen Erben