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Samstacs, den 27 März 1897

mit Unterhaltungs-Beilage ^Sterne und Klumen".

F M 70

24. Jahrgang

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvrcis ohne Briugerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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1H „Gute Freunde"

hat die Regierung an den „Konservativen" aller Schattierungen, aber Freunde von der Art, von welcher das Wort gilt: „ Gott behüte mich vor meinen Freunden!" Der Schaden, den solche „Freunde" anstiften, wird noch "größer, wenn er nicht durch ihre Ungeschicklichkeit, sondern durch Hinterlist und Falschheit verursacht wird. Bei den Herren Graf Lstnburg, v. Plötz, Frhr. v. Stumm ist aber nicht sowohl Ungeschicklich­keit, als Hinterlist der Grund, weshalb sie und ihre Presse jetzt nach Möglichkeit das Wasser zu trüben suchen; man gedenkt eben, im Trüben zu fischen! Diesen Herren ist ja ohnehin das allgemeine Wahl­recht und der Reichstag, der aus diesem hervorge­gangen, ein Dorn im Äuge; und das um so mehr, nachdem die Zeiten des Kartells, das ihnen doch wenigstens die Herrschaft im Reichstage gab, endgiltig vorbei sind. Um wieder zur politischen Macht zu gelangen und dann, auf diese gestützt, kräftig für die Befriedigung ihrer materiellen und sozialen Sonder­interessen sorgen zu können, streben sie danach, diesen Reichstag und damit das allgemeine Stimmrecht über­haupt aus dem Sattel zu heben. Und da sie bei den Wählern (mit solchen Bestrebungen keinen Erfolg er­hoffen dürfen, halten sie sich an die direkte Ein­wirkung auf den Träger der Krone und suchen diesen in einen Konflikt mit der Volksvertretung hineinzutreiben, dessen Ausgang nach ihrer Ansicht nur die Beseitigung des allgemeinen Stimmrechts sein könnte.

Man wende uns nicht ein, wir sähen Gespenster unter dem Einflüsse der Drohungen, mit denen Herr v. Stumm und Genossen in der Kreuzerfrage ge­arbeitet haben. Wir stehen ja in dieser Auffassung keineswegs allein, und besonders die National­liberalen, die doch, wie in den meisten anderen Fragen, so auch in der Kreuzerfrage unsere größten Gegner sind, beobachten sorgfältig alle verdächtigen Regungen im „konservativen" Lager und begleiten sie mit nachdrücklichen Warnungen an die Re­gierung, sich nicht in einen Konflikt hineindrängen zu lassen. So hat ja schon Herr v. Bennigsen bei der Marinedebatte vor einer solchen Abenteuer­politik gewarnt, und das Parteiorgan, die „National- lib. Korresp." schreibt Tag für Tag in demselben Sinne. Man könnte meinen, das geschehe nur, um dem Centrum das Gruseln beizubringen, damit es in der dritten Lesung doch noch wenigstens einen Kreuzer bewillige, wenn nicht gerade die „Nationallib. Korresp." und die „Nationalztg." am Schärfsten die Grusel- politik verurtheilten,indem sie denHerrnv.Stumm, den Hauptbangemacher, für die Ablehnung der Kreuzer verantwortlich machen. Darin, daß das Centrum erst infolge der Stumm'schen Drohungen einmüthig gegen die Kreuzer Stellung genommen hätte, irren die nationalliberalen Blätter freilich, denn das Centrum hat in dieser Frage nicht einen Äugenblick geschwankt, aber darin haben sie freilich Recht, daß die Politik der Drohungen am allerwenigsten geeignet ist, eine Partei, die etwas auf sich hält, nachgiebiger zu stimmen.

In der Behandlung der Marinefrage besteht also zwischen der Rechten und den Nationalliberalen ein starker Unterschied. Letztere können einen Konflikt, wie ihn die Herren v. Stumm, v. Plötz u. s. w. erstreben, nicht wünschen, weil sie ganz genau wissen, daß da­bei die nationalliberale Partei am meisten in Gefahr wäre, in die Brüche zu gehen, denn wie heute die Dinge liegen, kann sich eine Konfliktsregierung nur — um mit der „Nationalztg." zu sprechen — auf die „acherontischen Elemente der agrarischen und jeder anderen Demagogie" stützen, deren sich die National­liberalen schon jetzt kaum noch erwehren können.

Und die Regierung? Sie, das heißt ihre ver­antwortlichen Mitglieder wissen wohl auch sehr gut die Gefahr zu beurtheilen, die auch für sie und ihre im Allgemeinen doch besonnene Politik in den Künfliktstreibereien der Stumm, Plötz und Genossen liegt. Die Schärfe, mit welcher am Mittwoch Ad­miral Hollmann Herrn von Stumm entgegentrat, gibt in dieser Hinsicht zu denken. Bleibt also nur noch die Frage, ob die verantwortlichen Rathgeber der Krone auch hier, an der zuletzt nun einmal aus­schlaggebenden Stelle, mit ihrer Auffassung, die zweifel­los dem Konflikt abhold ist, durchdringen werden. Diese Frage muß einstweilen als eine offene gelten; wir hoffen aber doch, daß sie durch die Thatsachen bejaht werden wird.

Herrisches Keich.

Berlin, 26. März.

* Der Kaiser wird sich zur Beisetzung der ver­storbenen Großherzogin Sophie nach W e i m a r begeben.

* Kaiser Wilhelm wird als Gast des öster­reichischen Kaisers zu den Kaisermanövern in der Gegend von Totis erwartet. Wie nun weiter ge­meldet wird, werden auch die Könige von Sachsen, Rumänien und Serbien dort anwesend seien. Nach Beendigung der Manöver wird Kaiser Wilhelm sich mit dem Kaiser von Oesterreich aus einige Tage nach Budapest begeben. — Für die Feier des 100jährigen Jubiläums der Königsgrenadiere zu Liegnitz hat der Kaiser nunmehr das ihm vorgelegte Festprogramm genehmigt. Darnach trifft der Monarch am 16. Juni zwiWn 11 und 12 Uhr Vormittags in Liegnitz ein. Um IL^UHr ist Festgottesdienst, und um 1 Uhr findet die feierliche Grundsteinlegung für das Kaiser Wil- Helm-Denkmal statt.

62 Die .Post' ist sehr betrübt über den für ihre Partei ungünstigen Ausgang der Deichslags-Krsatz- waHk in Horgau - Kieöenwerda, wo ihr Mann, der freikonfervative Generalarzt a. D. Busse- nius, sehr viel weniger Stimmen erhalten hat, als 1893 der bisherige freikonservative Vertreter, der da­mals im ersten Wahlgange mit 800 Stimmen Mehr­heit über die Freisinnigen und Sozialdemokraten siegte. Diesmal ist Stichwahl zwischen Bussenius und dem freisinnigen Volksparteiler Knörcke nöthig ge­worden, wobei vermuthlich die Sozialdemokraten mit ihren 1800 Stimmen den Ausschlag zu Gunsten des Freisinnigen geben werden. Natürlich spielten auch die Flottenpläne eine große Rolle bei dieser Er­satzwahl. Der Ausgang derselben ist daher ein nicht zu mißachtendes Warnungs-Signal für die Flottenschwärmer, die sogar an Reichstags-Auf­lösung und Neuwahlen mit einer Flotten-Parole ge­dacht haben. Jetzt wird man wohl einsehen, daß das Volk von der Flottenvergrößerung mit „weltpoliti­schen" Zielen nichts wissen will.

ft Ob die Dsvekke zum preußischen Dereins- gefetz, deren Vorlage in sichere Aussicht genommen ist, vor Ostern dem Landtage zugehen kann, steht, wie offiziös verlautbart, dahin. Dagegen ist es sicher, daß die sogenannte Sekundärbahnvorlage, welche außer den in Aussicht stehenden Erweiterungen des Staats­bahnnetzes voraussichtlich wieder eine Forderung zur Unterstützung des Kleinbahnbaues enthalten wird, nicht mehr vor Ostern dem Abgeordnetenhause zugehen wird. Es liegt in der Absicht, nach Erledigung der für Freitag auf der Tagesordnung stehenden dringlichen Eingemeindungsfragen nunmehr die zweite Lesung des Etats soweit als möglich zu fördern. Am Montag soll dann in die Berathung des Etats des Finanz­ministeriums, in welchem die Beamtenbesoldungsver­besserungen enthalten sind, eingetreten werden, sodaß nur der Kultusetat noch bis nach Ostern ver­bleiben dürste.

O Betreffs der Maifeier richtet der geschäfts­führende Ausschuß der Sozialdemokratie einen Aufruf an die Parteigenossen, um den 1. Mai zu einem Weltfeiertag zu machen. Der kapitalistischen Produktion wird darin ein baldiges, jähes Ende pro­phezeit. Auch das kleinste Zugeständniß an die Ar­beiter sei der Bourgeoisie ein Greuel, wie dies hin­länglich die Verhandlungen über den Achtstundentag ergeben hätten. Die Feier des 1. Mai solle gegen die kapitalistische Ausbeutung, die Grundursache des

Elends und der Klassen- und Völkerverhetzung, ein flammender Protest sein. Das Ruhenlassen der Arbeit an diesem Tage sei die wirkungsvollste Form des Protestes nnd danach müsse jeder organisirte Ar­beiter handeln, wo es ohne Nachtheil für die Be­treffenden geschehen könne. Der Äufruf schließt mit der Aufforderung, die Genossen sollten stark, froh, besonnen, kühl, erwägend und abwägend vorgehen, aber der Kämpfer froh in der Hoffnung auf den Sieg der gerechten Sache.

* Wir lesen in der Münchener,Allg. Ztg.': Die militärischerseits fortgesetzt angestellten Versuche in der Verwendung des Fahrrades zu kriegerischen Zwecken haben auch die Nothwendigkeit der Her­stellung eines tragbare« Iagrrades dargethan; ein solches zusammenlegbares Kriegsrad wurde nun auch angefertigt, versucht und brauchbar befunden. Dieses ist ein 16,5 Kilogramm wiegendes Zweirad, das sich Zusammenlegen und mittels eines Riemens, ähnlich wie der Tornister, auf dem Rücken befestigen läßt, nur 68 Zentimeter hohe Räder hat, in einer halben Minute zusammengelegt und in ebenso viel Zeit wieder fahrbar gestellt werden kann. Der Mann kann, ohne das Fahrzeug zu verlasfen, zwischen beiden Rädern stehend seine Feuerwaffe gebrauchen. Die bisher angestellten Versuche haben die besten Ergeb­nisse geliefert; auch glaubt man, ohne Gefährdung der Sicherheit eine Einschränkung des Gewichtes an- streben zu können.

* Dürnberg, 26. März. Der Kaiser wird nach den diesjährigen Manövern sich nach Nürnberg begeben und für kurze Zeit hier Wohnung nehmen. Es ist dies das erste Mal, daß Nürnberg den Be­such Kaiser Wilhelms erhält. Bei Schweinau wird dann der Kaiser eine große Parade abhalten. Eine hochgestellte Hofpersönlichkeit war unlängst in Nürn­berg, um die nöthigen Anordnungen betreffs des kaiserlichen Besuches zu treffen. Die Stadt wird den Kaiser festlich empfangen.

* Straßburg, 25. März. Auf Grund des Diktaturparagraphen wurde das ,Mülh. Vo Iksbl.' und die ,Colm. Zeitung' verboten. Anlaß zu dieser Maßregel bot ein anläßlich der Centennarfeier erschienener gemeinschaftlicher Leitartikel der beiden Blättern, ;der die Ueberschrift trug: „Wir machen nicht mit."

Ausland.

* Daris, 26. März. Die Veranstaltung einer neuen internationalen Sanitätskonferenz ist geplant, der die Aufgabe zufallen soll, gewisse Widersprüche, die zwischen den Beschlüssen der frühem internationalen Sanitätskonferenzen in Paris, Dresden und Venedig bestehen, zu beseitigen und die gesammten Bestimmungen, auf die sich die Entscheidungen dieser Konferenzen erstreckten, einheitlich zu gestalten.

* Daris, 26. März. Ueber die Absetzung der Königinvon Madagaskar durch den französischen Gouverneur General Gallieni kommen jetzt aufklärende Meldungen an. Darnach hat es sich herausgestellt, daß die Königin, welche vom Heidenthum seinerzeit zum Protestantismus übergetreten war, sich in eine Verschwörung gegen das Leben Gallienis und gegen die französische Herrschaft eingelassen hatte. Dieselbe wurde geschürt durch die englischen protestan­tischen Missionäre, und es ist ziemlich sicher, daß auch die französischen protestantischen Missionäre nicht ganz reine Hände in der Sache haben. Daß sie seit lange die englische Sache auf der Insel aus konfessionellem Haffe zum Schaden ihres eigenen Vaterlandes begünstigten, ist offenkundig. Sogar ein protestantischer französischer Reisender, Herr Gros- claude, der soeben von Madagaskar zurückgekehrt ist, schreibt dem Pariser ,Figaro' u. a. wie folgt:

Ich habe an dieser Stelle in einem Briefe aus Tananariva klar ausgesprochen, was ich über die Rolle der französischen Protestanten auf Madagaskar denke, daß ich der Ansicht bin, sie stifteten das größte Unheil für ihr Land und gleichzeitig auch für ihre eigene Sache. Sie wurden in unserer neuen Kolonie vertreten durch Pastoren, deren gute Absichten ich nicht bestreiten will, die aber das Unrecht begehen, mit den Feinden Frankreichs gemeinschaftliche Sache zu machen auf einem Boden, wo nach der Bekehrung Ranavalos was fran­zösisch ist selbstverständlich als katholisch, was englisch ist, als protestantisch gilt. . . . Die englischen Protestanten entfalten zu Gunsten des britischen Reiches einen Eifer und eine zähe, diplomatische Konsequenz, welche den wohlgemeinten Eifer