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Mittwoch, den 24, März 1897
24. Jahrgang
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Redaktion und Verlag der »Fuldaer Zeitung'.
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Deutsches Reich.
Berlin, 23. März.
* Der Kaiser hat angesichts der patrio tischen Bewegung, die allerorten im Lande durch die Feier der hundertsten Wiederkehr des Geburtstages Kaiser
Wilhelms I., insbesondere auch unter den alten seiner Führung unterstellt gewesenen Kriegern hervorgetreten ist, befohlen, daß auch den Veteranen der Feldzüge 1864, 1866 und 1870/71 die von ihm gestiftete Erinnerungsmedaille verliehen werden soll. Die Kosten der Herstellung der Medaille will der Kaiser aus eigenen Mitteln bestreiten.
* Bei der gestrigen Galatasel im Königl. Schlosse brachte der Kaiser folgenden Trinkspruch aus:
Ein Geist tief empfundener und hoher Festesfreude zieht durch das deutsche Volk, und ihm entsprechend haben sich die Fürsten zusammengefunden, um das Andenken des großen verewigten Kaisers zu feiern. Ich spreche Meinen erlauchten Vettern, Oheimen und Verbündeten Meinen tiefgefühltesten, innigsten Dank aus bewegtem Herzen aus; desgleichen allen Vertretern fremder Souveräne, die nicht haben zurückbleiben, sondern theilnehmen wollen an unserer Feier, von Neuem uns dadurch einen Beweis gebend, daß Europas Fürstenhäuser ein gemeinsames großes Familienband umschlingt und daß Freude und Leid in dem einen Hause von allen anderen mitgetheilt wird. Es ist nicht Meines Amtes, hier Meines großen Vorfahren, Meines Herrn Großvaters Verdienste zu feiern. Was wir eben erlebt, und wie unser Volk sich benommen, kündet, wie lebendig alle seine Werke, wie lebendig die gesammte Persönlichkeit des Verewigten vor aller Augen steht. Ich denke, sein Geist schreitet heute durch sein Volk hindurch und gewiß hat er heute Nacht bei seinen Fahnen einen Besuch gemacht. Wir gedenken seiner in seiner Demuth, schlichten Einfachheit und Pflichttreue; wir gedenken seiner als des Sohnes der herrlichen lieblichen Königin; wir gedenken seiner als desjenigen, der gesagt hat, daß er mehr durch seine Demüthigungen, als durch alle seine Erfolge gelernt hat. Für uns, Ihr hohen Fürsten und Verwandten, soll das Andenken an ihn ein erneuter Ansporn sein, für unsere Völker zu leben und zu arbeiten wie er, zum gemeinsamen Ziele der fortschreitenden Kultur und zur Aufrechterhaltung des Friedens. Wir aber, indem wir uns von Neuem zu innigem Bunde fester Freundschaft und Waffenbrüderschaft versprechen, wollen unsere Gläser erheben und mit dem Rufe auf das Wohl des deutschen Vaterlandes und des deutschen Volkes ihm und unseren Fürsten unseren Gruß entbieten: Das deutsche Volk, sein Vaterland und seine Fürsten hurrah! hurrah! hurrah!
* Vizeadmiral Koeher, Chef der Marinestation der Ostsee, ist, unter Belastung in dieser Stelle, zum .Admiral, Kapitän zur See Büchsel, Direktor des Marinedepartements des Reichsmarineamts, zum überzähligen Kontreadmiral ernannt. Die deutsche Marine hat also jetzt 3 Admirale (von Knorr, Hollmann, Koester), 2 Vizeadmirale (Karcher, Thomsen) und 11 Kontreadmirale. Admiral Koester ist 1864 Unterlieutenant zur See geworden, wurde am 29. August 1866 zum Lieutenant zur See und am 25. Januar 1870 zum Kapitänlieutenant befördert. Das Patent als Korvettenkapitän datirt vom 16. Januar 1875, am 17. Dezember 1881 wurde er Kapitän zur See, am 1. April 1889 Kontreadmiral, Vizeadmiral war er seit dem 10. Oktober 1892.
* Ceremonienmeister a. D. Leberecht von Kotze, welcher wegen seines bekannten Zweikampfes mit dem Ceremonienmeister Freiherrn von Schrader zu zwei Jahren Festungshaft verurtheilt wurde, ist jetzt begnadigt worden. Der Königliche Erlaß ging Montag Abend in Glatz ein. Herr von Kotze hat nun neun Monate Festungshaft verbüßt; er tritt bereits die
Der falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
20] ------ (Nachdruck verboten.)
Die Zurechtweisung des Freundes machte auf Morbor keinen besondern Eindruck. Er lachte. „Das verstehst Du nicht," hielt er entgegen. „Trotz Deiner vermeintlichen Klugheit kenne ich die Menschen doch besser als Du. Wer ihnen nobel und selbstbewußt entgegentritt, hat Vas Spiel schon halb gewonnen, und wenn er zehn Mal ein Luftikus ist. Bemerktest Du nicht, mit welchem Respekt ich von diesem Doktor Sallust betrachtet wurde, der sich doch sicher unter die sieben Weisen Rodenbachs zählt? Der Mann gefällt mir nicht übel, und ich werde dafür sorgen, daß die angebotene Freundschaft mir von Nutzen sein wird."
Die Miene Seeburg's heiterte sich nicht auf.
„So sag' mir doch nur um des Himmels willen," drängte er, „welchen Plan Du eigentlich verfolgst? Dich mit müßigen Händen den großen Herrn spielen zu lassen, reichen meine Mittel nicht aus. Ich . . ."
„Mache Dir keine Sorgen," fiel ihm Wilhelm in's Wort. Vorerst lebe ich aus meiner eigenen Tasche, und das Weitere ergibt sich von selbst. Ich habe mich in der letzten Zeit an einige junge Kauf
leute aus der Kreisstadt gemacht, die um jeden Preis einen Theil ihrer vollen Börsen an mich los werden wollten. Ich that ihnen selbstverständlich den Gefallen, und nach einem halben Dutzend Spielabenden hatten beide Theile ihre Absicht erreicht. . Ein Kerl wie ich findet überall fein Fortkommen. Auch hier werde ich mir zu helfen wissen, verlaß Dich darauf."
Die Ankunft des Extrapostreisenden und dessen Einlogiren im Löwen, das man in dem Städtchen noch am gleichen Tage erfuhr, machten begreiflicherweise nicht geringes Aufsehen. Der außergewöhnliche Fall trug die Schuld daran, daß sich an diesem Abende eine größere Anzahl von Gästen als gewöhnlich in dem Gasthause einfand.
Unter diesen befand sich auch der Sekretär Malang, der sich trotz seines wenig einnehmenden Aeu- ßern der besondern Aufmerksamkeit des interessanten Fremden erfreute. Morbor hatte bei dessen Begrüßung sogar die Farbe gewechselt, und den ganzen Abend ließ er den buckligen Schreiber nicht aus dem Auge. Dieser schien davon gar keine Ahnung zu haben. Mit seiner bekannten kecken Zudringlichkeit wußte er die Unterhaltung zu führen und den Gast auf die vielfachen Annehmlichkeiten hinzuweisen, die das Städtchen und seine Umgebung darboten.
Man trennte sich ziemlich spät. Gleichwohl dach-
Heimreise an. — Ferner wird aus Königsberg gemeldet: Der Gerichtsassessor Borchert, der vor einem Jahr den Premierlieuteant Seidensticker im Duell erschoß und zu zwei Jahren Festung verurtheilt worden war, ist begnadigt worden.
* Die Kanbtagsfeskon wird, wie man dem ,Hann. Cour/ berichtet, voraussichtlich sehr lange dauern. s,®ie Verhandlungen über den Etat haben im Abgeordnetenhause einen so langsamen Fortgang gehabt, daß eine Beendigung der zweiten Lesung vor Ostern ausgeschlossen und daß anzunehmen ist, daß eine Fertigstellung des Etats vor Pfingsten nicht möglich sein wird. Es wird unter diesen Umständen mit möglichst starkem Hochdruck gearbeitet, und keine Tage den Kommissionen freigegeben, vielmehr denselben überlassen werden, ihre Sitzungen des Abends abzuhalten. Zunächst werden die neuen Gesetze, betreffend Abänderung der Gesetze betreffend den Bau neuer Schifffahrtskanäle, betreffend das Chariteekrankenhaus in erster Lesung berathen und an die Kommissionen verwiesen werden müssen, dann muß die Beamtenbesoldungsvorlage in zweiter Lesung berathen werden und dann werden, soweit möglich, noch vor Ostern einzelne Etats zur Berathung kommen. Der Kultusetat, der voraussichtlich viel Zeit in Anspruch nehmen wird, wird erst nach Ostern an die Reihe kommen. — Ein Schluß des Landtags vor dem Julimonat erscheint hiernach schon jetzt ausgeschlossen.
* Der muthmaßliche Betrag, der neben dem zur Deckung der laufenden Renten erforderlichen Vermögen bei den staatlichen Derficherrrngsankakten vorhanden sein dürfte, beziffert sich für den Schluß der ersten zehnjährigen Beitragsperiode, also für das Ende 1900, auf 436,9 Mill. Mark. Dieser Ueber- schuß wird sich voraussichtlich in den nächsten Jahren noch steigern. Auf Grund dieser finanziellen Ergebnisse glaubt man in Regierungskreisen, wie "die ,Berl. Pol. Nachr/ mittheilen, von einer Erhöhung der jetzt für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung erhobenen Wochenbeiträge für immer ab sehen zu können.
* Weimar, 23. März. Heute Abend gegen 8 Uhr ist die Großherzogin von Sachsen- Weimar plötzlich einem Schlagfluß erlegen. (Die verstorbene Großherzogin Marie Sophie Luise war eine Prinzessin der Niederlande. Geboren 8. April 1824, erfolgte die Vermählung der Prinzessin mit dem damaligen Erbgroßherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar am 8. Oktober 1842 im Haag.)
Ausland.
* Athen, 23. März. Das Amtsblatt veröffentlicht eine Verordnung, nach der 10 neue Infanterie- Bataillone, zwei Euzonen- (Jäger-) Bataillone und 14 Batterien Artillerie, eine KompagnieWioniere und 6 Kompagnien Train errichtet werden.
ten Wilhelm und der Baumeister noch nicht an den Schlaf. In dem Zimmer des letztern gingen sie längere Zeit auf und ab und führten miteinander ein halblautes Gespräch, in welchem der Sekretär die Hauptrolle spielte.
„Ich gebe Dir mein Wort," hielt Morbor auf eine Bemerkung Seeburgs entgegen, die augenscheinlich Unruhe ausdrückte, „daß der Schreiber mich nicht erkannt hat. Ich beobachtete ihn genau. Er hat gar keine Ahnung davon, wer sich hinter dem von ihm mit so viel Liebenswürdigkeit behandelten Fremden verbirgt. Es ist auch nicht möglich. Zwanzig Jahre sind vorüber gegangen, seit ich mich als Laufbursche bei dem Buchhändler in der Hauptstadt befand, von dem ich freilich nicht selten in das Bureau des Beamten geschickt wurde, bei dem Malang als Hilfsschreiber angestellt war. Er hat sich auch stark verändert. Aber seine Spitzbubenaugen, von denen sicherlich kein zweites Paar existirt, führten mich sofort auf die richtige Spur. Er dagegen weiß nichts. Wie könnte es ihm auch einfallen, in dem noblen Reisenden jenen unreifen Knirps zu suchen, der von ihm, als jener aus Unvorsichtigkeit im engen Flur gegen ihn anrannte, mit einer Portion Ohrfeigen traktirt worden ist. Sie blieben ihm nicht geschenkt. Ich habe ihm seine Larve tüchtig verkratzt. Er