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Deutsches Reich.

Berlin, 22. März.

* In einer besonderen Ausgabe des,Armee-Ver- ordn.-Bl/ wird folgender Aufruf des Kaisers ver­öffentlicht :

An mein Heer! Das Vaterland begeht heute festlich den Tag, an dem ihm vor 100 Jahren Wil­helm der Große geschenkt wurde, der erhabene Herr­scher, welcher nach dem Willen der Vorsehung das deutsche Volk der ersehnten Einigung zugeführtz ihm wieder einen Kaiser gegeben hat. Als feindlicher An­fall Deutschlands Grenzen bedrohte, seine Ehre und Unabhängigkeit antastete, fanden sich die lange ge­trennten Stämme nus Nord und Süd wieder; die auf Frankreichs Schlachtfeldern mit Strömen von Heldenblut besiegelte Waffenbrüderschaft der deutschen Heere ward der Eckstein des neuen Reiches des die Fürsten und Völker Deutschlands unauflöslich um­schließenden Bundes. Dieser Einigung ist das hehre Denkmal, welches die mit Ehrfurcht gepaarte Liebe des deutschen Volkes seinem Großen Kaiser, dem Vater des Vaterlandes, heute widmet, ein erhebendes Zeug- niß. Unauslöschlich wird diese Feier eingezeichnet bleiben in allen Herzen, die für Deutschlands Ehre und Wohlfahrt schlagen, unvergeßlich vor allem denen sein, welche den steggekrönten Fahnen Wilhelms des Großen gefolgt sind und gewürdigt waren, das Werk seines Lebens vollenden zu helfen. Eine besondere Weihe will ich diesem Jubeltage dadurch geben, daß Mein Heer von nun an auch die Farben des ge­meinsamen Vaterlandes anlegt: das Wahr­zeichen der errungenen Einheit, die DeutscheKokarde, welche nach dem einmüthigen Beschlüsse Meiner hohen

verräthst. Widme Dich in der nächsten Zeit voll und ganz Deinem Berufe, dann wirst Du die Erfahrung machen, daß man es in jeder Hinsicht gut mit Dir meinte und daß die Sorge um Deine Zukunft auch von Denen, die Dich lieben, nicht versäumt worden ist."

Salmi gab dem jungen Manne noch verschiedene eingehende Rathschläge, dann kehrte Edgar nach der Mühle zurück.

In der Zeit zwischen dem Ziehungs- und Muster­ungstermin ereignete sich in dem Städtchen nicht viel. Der Spektakel, den die Rekruten machten, war ein alljährlich so gleichförmiges Vorkommniß, daß er schließlich Niemandem mehr besonders auffiel.

Edgar Schirmer und Julius Sallust beteiligten sich nur selten daran. Da Ersterer des Doktors Haus nicht mehr betrat, besuchte Julius den Freund täglich in der Wiesmühle und begleitete ihn häufig auch zu Graf Salmi, wo er die liebenswürdigste Aufnahme fand. Dem Baumeister Seeburg, der sich ihm wieder­holt zu nähern versucht hatte, ging er geflissentlich aus dem Wege.

Endlich kam der entscheidende Tag. Er änderte an dem mit ziemlicher Sicherheit vermutheten Ergeb­nisse nicht viel. Der Eine oder Andere von Den­jenigen freilich, welche sich für tüchtig gehalten und bereits in ihr Schicksal ergeben hatten, wurden doch

beträgt also rund 60 Stimmen, ist somit groß genug, um jeden weiteren Versuch, die neuen großen Flotten­pläne ins Werk zu setzen, zu vereiteln. Geschlossen stimmte außer der freisinnigen und süddeutschen Volkspartei, den Sozialdemokraten, Polen, Elsässern, „Welfen" und Bauernbündlern das Centrum gegen die Kreuzer u. s. w. Dazu kamen fünf Mann von der „freisinnigen Vereinigung", während zehn davon mit Ja stimmten, zwei Antisemiten — die anderen Antisemiten stimmten für einen der Kreuzer — und der Däne Johannsen. Die Minderheit bestand, ab­gesehen von der Mehrheit der „sreis. Vereinigung" und der Antisemiten, aus den beiden „konservativen" Fraktionen und der nationalliberalen Partei.

Es soll bis zu dieser Abstimmung immer noch unverbesserliche Optimisten unter den Flottenschwärmern gegeben haben, welche die Hoffnung nicht aufgeben wollten, daß wenigstens ein Theil des Centrums, wenn auch nur ein kleiner, für wenigstens einen Kreuzer stimmen werde. Ja, am Freitag wurde in den Wandelhallen - Gesprächen sogar mit voller Be­stimmtheit genau sechs Certrumsmitgliedern nachgesagt, daß sie „umfallen" wollten. Und am Samstag hielten manche Zeichendeuter wenigstens noch an der Be­hauptung fest, daß Prinz Arenberg als hervor­ragendes Mitglied der Kolonialgesellschaft — Vor­sitzender der Abteilung Berlin-Charlottenburg — unmöglich gegen die Kreuzer stimmen könne. Ja, es gab Leute, die glaubten, sich verhört zu haben, als dann Prinz Arenberg doch mit Nein stimmte. Man kann getrost behaupten, daß gewisse Politiker die Ab­lehnung der Kreuzer leichter verschmerzen, als die Thatsache, daß das Centrum in der Marinefrage ge- fchlossen stimmte. Es wäre doch auch gar zu schön gewesen, wenn man ähnlich wie bei der Militär­vorlage von 1893, aber — wie man hoffte — mit besserem Erfolg, unter Benutzung einer Lossplitterung vom Centrum mit der Aufstellung von bewilligungs­eifrigen „guten Katholiken" in die katholischen Wähler­kreise bei Neuwahlen hätte Verwirrung und Uneinig­keit hineintragen und so das verhaßte Centrum in die Luft sprengen können! Damit ist es nun nichts, das werden sie jetzt wohl selbst einsehen. Wir unsererseits brauchen freilich kaum erst besonders zu betonen, daß auch bei Absplitterung einiger Centrums­abgeordneten in den katholischen W ä h l e r kreisen mit einer Flottenparole ganz und gar nichts zu erreichen gewesen wäre. Trotzdem ist es selbstverständlich für das Centrum von der größten — insbesondere mora­lischen — Bedeutung, daß es in einer so wichtigen Frage wie der gegenwärtigen sich für Freund und Feind in voller Geschlossenheit und Ein- müthigkeit gezeigt hat. Wir stehen nicht an, zu bekennen, daß wir auf diesen Beweis innerer Festigkeit gerade in den jetzigen kritischen Zeit­läuften noch viel mehr Gewicht, als auf die Ablehnung der Kreuzer selbst legen.

Wenn je die Neigung zur Heraufbeschwörung

eines Konflikts, zur Reichstagsauflöfung oder gar zum Staatsstreich — die ja an gewissen nicht verantwortlichen Stellen zweifellos be­steht — auch an verantwortlichen Stellen eine Zeit lang getheilt worden sein sollte, so wird die große Mehrheit vom 20. März, besonders aber die Ein­helligkeit des Centrums hoffentlich jede solche Neigung erstickt haben. Indem das Centrum so ein nicht zu übersehendes Warnungszeichen aufstellte, hat es, wie wir hoffen, auch allen Staatsstreichgelüsten einen starken Stoß versetzt und damit nicht nur sich, sondern auch allen verständigen Staatsmännern auf den ver­antwortlichen Posten innerhalb der Regierungen, hat es dem ganzen Vaterlande und namentlich gerade der Monarchie einen großen Dienst geleistet. Das wird hoffentlich auch von den Rathgebern der Krone noch einmal erkannt und bekannt werden; das Volk, das keine abenteuerliche Weltpolitik und darum auch keine ausschweifende Flottenvergrößerung will, weiß die Haltung des Centrums ohnehin zu würdigen. Ins­besondere der katholische Volkstheil wird seinem Centrum dafür herzlich danken, daß es fest und einig blieb! Möge es immer so bleiben!

xh Bravo, Centrum!

Die Entscheidung in der Marinefrage ist am Samstag gefallen, und zwar natürlich zu Ungunsten der „weltpolitischen" Flotten­pläne. Sämmtliche Abstriche, welche die Kommission am Extraordinarium des Marineetats vorgenommen hatte, sind vom Plenum des Reichstags mit großer Mehrheit bestätigt worden. Es sind also namentlich nicht nur die Torpedodivision und der neue Aviso, sondern auch, worauf es der Regierung am meisten ankam, die beiden Kreuzer abgelehnt worden. Der Reichstag war außerordentlich stark besetzt; an der entscheidenden namentlichen Abstimmung über den ersten Kreuzer nahmen 347 Abgeordnete theil, es fehlten also nur 50, oder richtiger noch weniger, da ja einige Mandate erledigt sind. Von diesen 347 stimmten 204 mit Nein, 143 mit Ja, die Mehrheit

X Die Kreisblätter

veröffentlichen augenblicklich, wie auf Kommando, einen Artikel: „Ein Engländer über unsere Flotte". Darin wird die deutsche Flotte so hingestellt, als ob sie von gar keiner Bedeutung sei und als ob die 800 Millionen Mark, die sie uns in den letzten 12 Jahren gekostet hat, verbraucht worden wären, ohne etwas Tüchtiges zu schaffen. Demgegenüber sei er­wähnt, daß unsere deutsche Flotte in durchaus gutem Zustande ist, sie besitzt 54 Kriegsschiffe, und außerdem 90 Torpedoboote. Die Kriegsschiffe kosten von l'/z bis zu 20 Millionen Mark jedes und davon sind 12 erst in den letzten Jahren gebaut worden. Augen­blicklich befinden sich auch wieder 9 große Kriegs­schiffe und 9 Torpedoboote im Bau, von denen die letzteren sämmtlich und die ersten zum Theil (4) im laufenden Jahre fertig werden.

Der Artikel „Ein Engländer über unsere Flotte" erinnert uns an ein Vorkommniß aus den achtziger Jähren. Damals hatte sich „ein Engländer" im Hotel Adler zu Hanau in gleich verächtlicher Weise über unser Landheer ausgesprochen, er wurde je­doch damals nicht von den Kreisblättern als Autorität angeführt, sondern einige entschlossene deutsche Männer faßten „den Engländer" am Kragen, ohrfeigten ihn gründlich und warfen ihn vor die Thüre. Er strengte später eine Beleidigungsklage an, wurde jedoch ab­gewiesen.

schließlich noch ausgemerzt; in der Hauptsache aber Zog man eben die Inhaber der niederen Nummern zum Militärdienst heran.

140 war der letzte Soldat, so daß Julius Sallust mit der Anwartschaft, früher oder später ebenfalls eingezogen zu werden, in der Reserve verblieb.

Edgar hatte vor der Kommission sofort Gnade gefunden. Schon für die nächste Woche war sein Abgang in die Garnisonstadt festgesetzt, während Julius bis auf Weiteres gleich am Morgen die Rück­reise auf seinen Posten antrat.

Mit einem herzlichen Abschiede und in der Hoff­nung auf ein baldiges Wiedersehen trennten sich die Freunde. Sie dachten nicht daran, daß die Hoffnung sich schon recht bald erfüllen würde und zwar unter Verhältnissen, von denen noch kein Mensch eine Ahnung besaß.

IV.

In augenscheinlicher Langeweile stand Gottlob, der Hausknecht des Löwenwirths, im Hofe und schaute, die Hände in den Hosentaschen und fein Pfeiflein schmauchend, die Straße hinab. Diese war ziemlich leer. Nur Tiras, der Jagdhund des Doktors Sallust, hatte sich mit übermüthiger Rücksichtslosigkeit mitten auf dem Fahrweg in die Sonne gelegt, und von der ändern Seite wackelte eine Schaar halberwachsener

23er es versäumt hat,

das Abonnement auf die

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benno.

19] ------ (Nachdruck verboten.)

„Nun begreifst Du wohl auch, warum die Ent­hüllung Deines Herzensgeheimnisses mir gestern so große Freude gemacht .hat, und ebenso dürften, denke ich. Deine Sorgen wegen der Feindseligkeit des Doktors verschwinden. Wenn Sallust Deinen Vater auch noch so sehr mit seiner Rachsucht verfolgt, wenn er seinen schändlichen Umtrieben, die er auch hier in Rodenbach fortgesetzt hat, noch weitere Bosheiten zufügen will, ich werde, wenn es einmal Zeit ist, den Knoten durch­hauen und ihn zur Vernunft bringen. Denn er weiß recht gut, daß er mit mir rechnen muß. Er fürchtet mich und zwar nicht ohne Grund. Es stehen mir Waffen genug zu Gebote, um ihn zu zwingen, wenn er sich zu sträuben versucht.

„Vorerst aber, mein lieber Junge, bleibt Alles ganz so, wie es ist. Du wirst Antonien vor Deinem Abgänge zum Militär nicht mehr sprechen, sondern nimmst brieflichen Abschied von ihr, für deffeu Be­stellung ich sorgen will. Es ist ferner nothwendig, daß Du das von mir Gehörte Deinem Vater gegen­über mit keiner Silbe berührst und durch keine Miene "Deine Kenntniß von dem Geheimnisse eines Fehltritts

jn e?

Dienstag, den 23 März 1897

24. Jahrgang

ulimer

mit Unterhaltungs-Beilage »Sterne nnd Klrrrnen".