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24. Jahrgang

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^Westlicher Jubel durchhallt heute das ganze MH», deutsche Vaterland. Gilt es doch den Hundertjährigen Geburtstag des

M-ersten Kaisers des neu geeinten deutschen M Reiches, des Held enkaisers Wilhelm I. Mzu feiern, dessen Andenken in den Herzen des Volkes fortleben wird bis in die fernsten Zeiten.

Die Macht und Größe Deutschlands ' ist in erster Linie und hauptsächlich dem Kaiser •*" ^4? Wilhelm I. zu verdanken; die Reorganisation des preußischen Heeres, die als das eigenste

■f Werk des großen Mannes angesehen werden muß, hat zunächst Preußen zur ersten Vormacht in Deutschland erhoben und sodann die Ueberwindung des alten welschen Erbfeindes ermöglicht. Mit großem Geschick hat Wilhelm f. es zu jeder Zeit verstanden, die richtigen Männer an den richtigen Platz zu stellen und sich mit Rathgebern und Gehilfen zu umgeben, die mit weitem Bllck und thatkräftiger Energie das hohe Ziel, dem deutschen Vaterlande den ihm gebüh­renden Platz im Rathe der Völker zu sichern, fest im Auge hielten.

"Wir wollen nicht daran erinnern, daß über die­jenige Zeit der Regierung Wilhelms welche dem innern Ausbau des neugegründeten Reiches gewidmet war, sich der Kulturkampf wie ein trüber Schleier lagert, sodaß jene Periode, anstatt eine Zeit des inneren Friedens zu sein, von dem Streite deutscher Staats­bürger unter einander widerhallte. Gewiß hat es dem edlen Kaiser, der von tiefet Herzensfrömmigkeit durchdrungen war und sein ganzes Leben hindurch die Fahne der Religion hochgehalten hat, der noch in der letzten Zeit seines Lebens den unvergeßlichen Ausspruch gethan hat: „Ich will, daß meinem Volke die Religion erhalten bleibe!" — gewiß sagen wir, hat es ihm widerstrebt, daß ein erheblicher Theil feiner Unterthanen in der religiösen Freiheit unter- -drückt und in seinen unveräußerlichen Rechten geschmälert wurde. Die Eigenschaft des verblichenen Jubelkaisers, den von ihm als erprobt erkannten Rathgebern auch da das volle und uneingeschränkte Vertrauen zu schenken, wo er über ihre wahren Ziele und Tendenzen im Unklaren war oder mit ihnen nicht harmoniren konnte: diese Eigenschaft, welche der Begründung <ines eigenen deutschen Reiches so sehr zu gutMge- kommen war, hatte eben in der Folgezeit Frii^e ge­zeitigt, welche das katholische Volk tief bedaue^fmußte, und welche auch vor der Weltgeschichte ti-s bedauer­lich bleiben werden.

So sehr durch die innerpolitischen Maßnahmen der Regierung des Kaisers Wilhelm l. die Reli­gion in den Hintergrund gedrängt, die Sozialdemo­kratie aber zur Entwicklung gebracht wurde, so sehr bemühte sich der Kaiser selbst, durch seine Person das Volk an die Pflege des Höften Gutes, des er­habensten Bildungsmittels, der Religion zu gemahnen, nicht zuletzt durch sein, eigenes Beispiel, mit dem er allen voranleuchtete. Und wie jede wahrhaft reli­giöse Natur durch die Tugend der Demuth ausge­zeichnet ist, so auch der ruhmgekrönte Hohenzollern- fürst, der in seiner sprichwörtlichen Bescheidenheit sich jede Ueberschwenglichkeit in Lobeserhebungen verbat und sogar die großen Verdienste um das neu erstandene Reich iveit von sich abwies. Mit seiner Bescheiden­heit wetteiferten Einfachheit und Schlichtheit eines Lebenswandels, da er, jedem übermäßigen Pomp und Luxus abhold, in einer gesunden Spar­samkeit Zufriedenheit und Glück fand. Diese Spar­samkeit zu üben, fühlte sich Wilhelm i. seinem Volke gegenüber verpflichtet, und mit der Erfüllung dieser Pflicht ging die jener anderen Hand in Hand: der nie ruhenden, nie rastenden Arbeitsamkeit für sein Reich und fein Volk, zum Wohle des ge- sammten Vaterlandes, eine Arbeitsamkeit, die ihn selbst auf dem Krankenbette nicht verließ, ihn, der ja keine Zeit hatte, müde zu sein, die ihm als Ster­bendem noch die Feder in die Hand drückte.

1797 — 1897.

Wenn wir alle diese Eigenschaften des Jubel- kaifers, dessen hundertjährigen Geburtstag wir heute feiern, zusammenfasfen, wenn wir sie betrachten ohne kriechendes Lakaienthum, in ehrlicher Vertheilung von Licht und Schatten, wie es dem freien deutschen Manne ziemt, dann werden wir dankbaren Sinnes aufblicken zum Himmel, der ihn zum Werkzeug erko­ren hat, um das eine große Ganze erstehen zu lassen, das wir alle bewundern, das unser Volk mit Macht und Größe erfüllt hat, und das uns erhalten bleiben möge in seinem Glanze und seiner Blüthe: Das einige deu tsche R eich!

So wollen wir diese Festlage begehen mit Freude und Begeisterung! Wir wollen in ihnen erneuern das Gelöbniß der Treue und der rückhaltlosen Hingabe zurMonarchie in guten wie in schlechten Zeiten, sei es uns zum Wohle oder zum Leide. Und so wahr wir der Lehre unserer heiligen Kirche folgen, die uns die Liebe und Treue gegen das angestammte Herrscherhaus zur Pflicht macht, da auch die weltliche Autorität göttlichen Ursprungs und Inhalts ist, so herzlich wollen wir in diesen Tagen uns vereinen zur festen Verbrüderung im Kampfe gegen die Elemente des Umsturzes von Oben und von Unten, die immer gewaltsamer herandrängen, um die Grund- säulen der bestehenden Staatsordnung zu unterwühlen und zu stürzen. Rüsten wir uns zum Kampfe gegen diese Gewalten! Und wenn einst eine schwere Zeit für unser Vaterland hereinbrechen sollte, dann wollen wir Katholiken gewiß nicht die letzten unter denen fein, die sich am treuesten um Thron und Altar schaaren als ein unüberwindlicher Schutzwall, und auch dann soll das Wort wieder gehört werden, das schon ein­mal aus dem Munde eines Hohenzollernfürsten gehört worden ist: „Die Katholiken waren meine treuesten Unterthanen." Das walte Gott!

Die Festfeier in Fulda.

Wenn es gilt, vaterländische Feste zu feiern, dann steht die Stadt Fulda mit ihrer echt patriotisch gesinnten Bürgerschaft stets mit in den vordersten Reihen und so ist es auch jetzt wieder. Feierliches Glockengeläute von allen Thürmen der Stadt kündete am Samstag Abend das Herannahen des festlichen Tages an und in reichlichem Flaggenschmuck prangen die Straßen der Stadt, gehoben durch die hübsche Ausschmückung zahlreicher Schaufenster an den Geschäftshäusern.

Gestern Vormittag 9 Uhr fand im höhen Dome feierlicher Festgottesdienst mit Te Deum statt und Mittags wurde im Schloßgarten ein Promenaden­

konzert gegeben. Um 4 Uhr Nachmittags folgte fodann in der städtischen Turnhalle die offizielle Festoer- fammlung, welcher der Hochw. Herr Bischof in Begleitung der Herren Domkapitulare Müller und Dr. Aren hold beiwohnte; ferner waren die Mit­glieder des Stadtrathes und des Bürgerausschusfes, die Lehrer der höheren Schulen und der Volksschulen, sowie alle Kreise der Bürgerschaft recht zahlreich ver­treten. Nachdem die Augener'fche Kapelle einige Musikpiecen vorgetragen, hielt Herr Oberbürgermeister Dr. Antoni folgende Festrede:

Hochverehrte Festversammlung!

Eine hochbedeutsame Feier ist es, die uns heute hier vereinigt. Es gilt das Andenken eines Mannes zu ehren, den wir Deutsche stolz den größten H elden unseres Jahr­hunderts nennen dürfen. Morgen sind hundert Jahre im Strome der Zeiten dahingerauscht seit dem Tage, an dem der Begründer des neuen deutschen Reiches, Kaiser Wilhelm I. das Licht der Welt erblickt hat. Ganz Deutsch­land feiert in einträchtigem Zusammenwirken diesen Erin­nerungstag an seinen großen Kaiser nnd möge es deshalb auch mir gestattet sein, Ihnen heute das Bild der anspruchs- ' losen, tiefreligiösen und edlen Persönlichkeit des ersten deutschen Kaisers nach der Wiedererstehung des Reiches vor Augen zu führen.

Die Geburt Kaiser Wilhelms fiel in eine unruhige Zeit. Unsere westlichen Nachbaren hatten in blutiger Revolution den Königsthron umgestoßen, ihre Hände mit dem Blute ihres Königs und ihrer Königin befleckt und suchten durch gewaltsame Umwälzungen eine neue Zeit angeblicher Freiheit und Gleichheit herbeizuführen. Nicht zufrieden damit, in ihrem eigenen Lande überall Zerstörung und Ver­wirrung angerichtet zu haben, suchten sie ihre umstürzlerischen Ideen auch den Nachbar-Völkern gewaltsam aufzudrängeu und erklärten unter anderen auch den deutschen Landen den Krieg.

Mitten in den Wirren dieses Krieges und zwar im preußischen Hauptquartiere zu Frankfurt a. M. war e^ wo der damalige Kronprinz von Preußen, der nachmalige König Friedrich Wilhelm UI. die jugendlich schöne und hochherzige Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz kennen und lieben lernte. Schon am 24. Dez. 1793 fand die Vermählung des hohen Paares zu Berlin statt und am 22. März 1797 entsproß dieser Ehe als zweiter Sohn der Prinz Friedrich Wilhelm Ludwig, dem es später beschieden war, als König von Preußen den Thron seiner Väter zu besteigen und die mit dem Lorbeer des Sieges geschmückte Kaiserkrone des neuen deutschen Reiches auf sein Haupt zu setzen. Da­mals zwar ahnte wohl niemand die hohe Bedeutung, welche der Neugeborene dereinst für die Geschicke Deutschlands haben sollte. Er war der zweitgeborene Sohn und als solcher nach menschlichem Ermessen nicht zur Thronfolge berufen. Ueb^ dies war seine Körperkonstiiution eine schwächliche, so daß man oftmals für sein Leben fürchtete. Mit um so größerer Liebe umgab ihn seine edele Mutter und zu ihr, dem Vor­bilde aller deutschen Frauen, trug deshalb Kaiser Wilhelm noch in seinen spätesten Jahren die tiefste und innigste Verehrung in seinem Herzen. Das glücklichste Fa­milienleben umgab die ersten Lebensjahre des Prinzen.

Inzwischen hatte fein Vater Friedrich Wilhelm III. den preußischen Königsthron bestiegen. Es war eine keineswegs leichte Aufgabe in jenen Zeiten, den preußischen Staat zu regieren. Zwar mit Frankreich war Frieden ge­schlossen, allein die Unruhe, welche in jenem Lande noch herrschte, und die steten Kriege, welche Frankreich führte, ließ auch Preußen nicht zur Ruhe kommen und in fortwährender Besorgniß vor einem neuen Kriege schweben. Dazu kam, daß sich in der preußischen Verwaltung allerlei Mißbräuche eingeschlichen hatten, daß die höchsten Beamten zum größten Theile ihrer Stellung nicht gewachsen waren und eine schwere Schuldenlast das Land drückte. Die Armee, unter Friedrich dem Großen die ruhmreichste der Welt, war theilweise dcmo- ralifnt und stand mit der Bürgerschaft in einem sehr ge­staunten Verhältnis

König Friedrich Wilhelm III. suchte die Schäden, die ihm nicht verborgen geblieben waren, zu bessern, allein er fand anfangs bei seinen Rächen nicht das rechte Verständniß und auch wohl nicht den guten Willen, der zur Durchführung von Reformen nothwendig ist; und als dann endlich bessere Zeiten in der inneren Verwaltung zu kommen schienen, da brach der lange gefürchtete Krieg mit Frankreich aus.

Napoleon, die Gottesgeißel Europas, hatte Rußland und Oesterreich bei Austerlitz niedergeworfen unv erlaubte sich nunmehr auch Uebergriffe gegen das bis dahin neutrale Preußen, so daß sich König Friedrich Wilhelm III. endlich genöthigt sah, dem korsischen Eroberer den Krieg zu erklären. Er vertraute hierbei darauf, daß die Armee eingedenk ihrer alten Tüchtigkeit und Tapferkeit ihm treu zur Seite stehen und die preußischen Fahnen zum Siege führen werde. Er sollte bitter enttäuscht werden. Das preußische Heer unterlag am 14. Oktober 1806 in der Doppelschlacht von Jena und Auerstädt und unaufhaltsam rückten Napoleons Truppen gegen die Hauptstadt des Landes.