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JK 63

Donnerstag, den 18. März 1897

24. Jahrgang

iiIdlikrWZcitiiiig

mit UnterhaLtnrrgs-Keilage „Sterne imfr Ktnmen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Biertetzichrlicher Abenuementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile »der deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Marinebauten seit dem Regierungs­antritt Kaiser Wilhelms II.

Um den viel verbreiteten falschen Anschauungen über unsere Flotte entgegenzutreten, veröffentlicht die ,Freisinnige Zeitung' eine Liste derjenigen Kriegs­schiffe, welche seit dem Regierungsantritt des jetzigen Kaisers Wilhelm II. im Juni 1888, also innerhalb von noch nicht 8l/2 Jahren, gebaut worden oder im Bau begriffen sind.

Vorausgeschickt sei, daß fünf Monate vor dem Thronwechsel der damalige Chef der Marineverwaltung von Caprivi am 18. Januar 1888 im Reichstag der Auffaffung auf das Entschiedenste entgegentrat, als ob die Flotte in ihrem damaligen Bestände ihrer Aufgabe nicht gewachsen sei. Caprivi verwahrte sich ausdrücklich gegen eine solche „melancholische Auffassung" über die Lage der Marine, namentlich über eine angebliche Inferiorität Rußland gegenüber. Er könne nach feinem besten Wiffen und Gewissen versichern, daß die Marine ihren Aufgaben vollständig gewachsen sei. Er glaube, das auch im Einverständniß mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck versichern zu können. Caprivi erachtete damals für die nächsten fünf Jahre eine Summe von jährlich 8 Millionen Mark ausreichend zu Neubauten und Ersatzbauten.

Unmittelbar nach dem Thronwechsel aber voltzog sich auch ein Wechsel in der Marineleitung. Caprivi wurde kommandirender General in Hannover. Bereits im folgenden Herbste gelangte an den Reichs­tag eine Denkschrift über den Bau neuer Kriegsschiffe. In derselben Session 1888/89 wurden infolge dessen unter Anderem der Bau von vier großen Panzer­schiffen erster Klaffe bewilligt. Seitdem sind von Jahr zu Jahr neue Kriegsschiffe im Reichstage be­willigt worden, derart, daß mit den jetzt von der Budgetkommisston bewilligten Schiffen die seit der Thronbesteigung des gegenwärtigen Monarchen im Bau vollendeten oder im Bau begriffenen Kriegsschiffe einschließlich Armirung mit Artillerie und Torpedos einen Gesammtaufwand von rund 310 Millionen Mark erheischen. Alles dies sind hochmoderne Schiffe, bei deren Bau den Anforderungen der fortgeschrittenen Technik im Schiffsbauwesen, Artilleriewesen und Tor­pedowesen vollständig Rechnung getragen worden ist.

Im Einzelnen besteht die moderne Kriegsflotte aus der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. aus nach­folgenden Schiffen. Bei denjenigen Schiffen, deren Bau noch nicht vollendet, ist die Zeit der Vollendung des Baues in Klammern hingefügt. Bei jedem Schiffe sind die rechnungsmäßigen oder anschlags­mäßigen Baukosten einschließlich der Armirung mit Artillerie und Torpedos hinzugefügt.

1. Panzerschiff 1. Kl. „Kurf.Friedr.Wilh." 17,213,000

2. „ l.Kl. „Wörth" 16,228,000

3. „ l.Kl. „Brandenburg" 17,000,000

4. „ l.Kl. „Weißenburg" 17,2*12,000

5. „ 1. Kl. ,,Kais.Fried.lll"(1898) 20,010,000

6. „ 1. Kl. Erst,, Fr.d. Gr."(1900) 20,000,000

SummaSechs Panzerschiffe 1. Kl. 107,653,000 M.

7. Panzerschiff 4. Kl. „Siegfried"

8. „ 4. Kl. „Beowulf"

9. „ 4. Kl. „Frithjof"

10. „ 4. Kl. „Hildebrand"

11. „ 4. Kl. „Heimdall"

12. „ 4. Kl. „Hagen"

13. „ 4. Kl. „Aegir"

14. „ 4. Kl. „Odin"

4,552,000

4,868,000

5,090,000

6,635,000

6,135,000

6,135,000

6,439,000

6,439,000

Summa Acht Panzerschiffe 4. Kl. 46,293,000 M.

2. Kl. Ers.„Freya"(98) 9,638,000

rr

n

17.

18.

19.

20.

21.

22.

9,638,000

9,638,000

5,396,000

2. Kl. „M" (99)

2. Kl. „N" (99)

3. Kl. „Gefion"

15. Panzerdeckkr. 1. Kl. „Ers. Leipz." (1900) 17,300,000

16. Geschützt. Kreuzer 2. Kl. „Kais. Augusta" 7,730,000

2. Kl. „K" (97) 9,638,000

2. Kl. „!/' (97) 9,638,000

23. Kreuzer4. Kl. „Sperber"

1,315,000

24. „ 4. Kl. „Bussard"

2,294,000

25. „ 4. Kl. „Falke"

2,970,000

26. „ 4. Kl. „Seeadler"

2.494,000

27. „ 4. Kl. „Condor"

2,535,000

28. „ 4. Kl. „Cormoran"

2,822,000

29. „ 4. Kl. „Geier"

2,822,000

30. „ 4. Kl. „6l" (98)

3,824,000

Summa Sechszehn Kreuzer 99,692,000 M.

31. Kaiseryacht „Hohenzollern" 4,866,000

32. Aviso „Jagd" 1,402,000

33. „ „Meteor" 1,601,000

34.....Komet" 1,533,000

35. „ „Hela" 2,840,000

36. bis 41. Sechs Torpedodivisionsboote 4,928,000

41. bis 88. 47 Torpedoboote 16,500,000

88 S ch iffe kosten zusammen 287,308,000 M.

Es sei noch besonders hervorgehoben, daß alle vorangeführten Kriegsschiffe erst 1890 vollendet sind mit Ausnahme des Panzerfahrzeuges „Siegfried", des Kreuzers vierter Klaffe „Sperber", des Avisos „Jagd", 2 Torpedo-Divisionsboote und 11 Torpedoboote, die von 1889 datiren.

Rechnet man zu den vorangeführten 88 Schiffen hinzu das jetzt in der Budget-Kommission bewilligte Panzerschiff erster Klasse zu 20 Millionen und die zwei Kanonenboote mit zusammen 2,640,000 Mark, so kommt man auf eine Summe von 91 Kriegs- fchiffen, die zusammen gerade 310 Millionen Mark kosten.

Es wäre aber eine Täuschung, zu glauben, daß die vor 1888 vollendeten Kriegsschiffe nicht auch zum allergrößten Theile vollständig kriegsbrauchbar wären. So entsprechen beispielsweise allen Anforderungen der Neuzeit die beiden geschützten Kreuzer zweiter Klaffe „Irene" und „Prinzeß Wilhelm", welche erst im Jahre 1887 vom Stapel gelassen sind. Aus den Jahren 1880 bis 1888 stammen noch die nachfolgenden Schiffe, welche in der Schiffsliste geführt werden: 2 Panzer­schiffe, 5 Panzer-Kanonenboote, die vorerwähnten 2 geschützten Kreuzer zweiter Klasse, 5 Kreuzer dritter Klaffe, 1 Kreuzer 4 Klasse, 4 Avisos, 4 Torpedo- Divisionsboote und 60 Torpedoboote (84—88), ferner 4 Schulschiffe. Aus den 70er Jahren sind außer den Panzerschiffen, welche als Hafenschiffe geführt werden, vorhanden: 6 Pänzerschiffe, darunter „König Wil­helm" von 1868, 8 Panzer-Kanonenboote, 1 Kanonen­boot und 2 Avisos, sowie eine Anzahl von Schul­schiffen.

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benno.

16] ------ (Nachdruck verboten.)

Juliüs hatte neben ihm Platz genommen. Aus der Anrede desselben erkannte er sofort, daß der Freund bereits in Alles eingeweiht war. Er wurde jedoch durch die Versicherung einigermaßen beruhigt, daß die Sache im Hause selbst von dem Onkel nicht weiter verfolgt worden fei.

Eine eingehendere Aussprache ließ während der Fahrt die Anwesenheit der Kameraden nicht zu. Nach der Ankunft in der Kreisstadt aber nahm Julius den Freund auf die Seite. „Weißt Du auch," begann er, „wer an der ganzen Geschichte schuld ist? Kein an­derer, als der Herr Baumeister Seeburg, der ein ganz bösartiger und gefährlicher Patron zu sein scheint. Nimm Dich nur vor ihm in Acht! Ich hatte die Wirthschaft verlassen und war nach Hause geeilt, wo ich Tonchen in Thränen antraf und den schlimmen Handel erfuhr. Ich suchte sie zu beruhigen und kehrte nachher wieder in den Löwen zurück. Im unteren Hausflur blieb ich stehen, weil ich von der Stiege herab Deinen und Toni's Namen aussprechen hörte. Ich spähte vorsichtig hinauf und fah, wie Seeburg sich mit dem Sekretär Malang oder dem buckligen Schreiber, wie man ihn hier heißt, unterhielt. Unter höhnischem Lachen erzählte der erstere, er habe uns beide in's Haus gehen sehen, nachher im Felde draußen den Onkel getroffen und diesem mitgetheilt, welcher Besuch soeben bei ihm daheim gemacht worden sei. Da habe der Doktor nicht mehr an's Jagen gedacht, sondern das Gewehr umgehängt und sei fluchend und scheltend im Hellen Zorne nach dem Städtchen ge­

stürmt. Wir sind also durch diesen Baumeister ver- rathen worden. Sag' an, ist das nicht ein ganz er­bärmlicher Schuft?"

Edgar erwiderte nichts. Eine bange Ahnung wie von drohendem Unheil regte sich in seiner Seele, doch gab er sich ihrem peinlichen Eindruck nicht hin. Es blieb ihm dazu auch keineZeit. Die Glocke des Rath­hauses ertönte und rief die Rekruten dorthin.

Die Ziehung begann. Blind spendete der Zufall seine Gunst. Mancher reiche Bauernsohn, dem einige Jahre buntes Tuch nichts geschadet hätten, holte sich die befreiende Nummer aus der verhängnißvollen Urne, während mehr als ein armer Junge, der für die Eltern eine recht nothwendige Stütze war, die Anwartschaft auf die Kaserne bekam. Julius Sallust's Zug mit 142 berechtigte zu bedingter Hoffnung, während über Edgars Schicksal, der die Nummer 2 herausgefischt hatte, bei seiner prächtigen Gestalt kein Zweifel bestand.

Die jungen Leute gaben sich nach dem Schluffe der amtlichen Handlung der gewöhnlichen, etwas wilden und geräuschvollen Fröhlichkeit hin, gegen welche die hohe Polizei an diesem Tage ein Auge zudrückte. Dann fuhren sie mit den sichtbaren Zeichen ihres Erfolges auf Mützen und Hüten nach Hause zurück.

Unter den Ersten befanden sich die Rodenbacher. Es war noch nicht fpät, als ihr Wagen vor dem „Löwen" ankam, von Musik und von den in gespannter Erwartung harrenden Angehörigen und Freunden empfangen.

Hier entfaltete sich abermals ein buntes Gelage, an dem jedoch ein Theil der Rekruten und Ein­wohner mit sehr gemischten Gefühlen theilnahm. Die Pechvögel selbst ließen sich zwar vorerst den Aerger über ihren mißglückten Griff in die Urne nicht merken und legten eine möglichst große Begeisterung für den Soldatenrock an den Tag; aber da und dort gab es doch feuchte Augen.

Edgar hielt es in dem geräuschvollen Treiben nicht lange aus. Er eilte zuerst heim, und als er den Vater ruhig schlummernd fand, ging er in das Häuschen am Waldrande zu dem Grafen Salmi hinauf. Er war anfangs entschloffen gewesen, den alten Herrn von der boshaften Handlungsweise See- burg's in Kenntniß zu setzen. Um ihn jedoch den Aerger zu ersparen, besann er sich eines Anderen und behielt die Sache für sich.

Ein zufriedenes Lächeln flog über des Grafen Gesicht, als er die Nummer Edgars erblickte. „So ist's recht," sagte er. „Die Vorsehung selbst nimmt von Deiner Zukunft jeden Schein einer bloßen Spielerei oder eines freiwillig gebrachten Opfers hin­weg. Nun erwartet Dich die eiserne Pflicht, und Du mußt die Erfahrung machen, daß nur durch treue Pflichterfüllung im Großen wie im Kleinen der Mensch die Bestimmung seines Daseins erfüllt, lieber die bewußte Angelegenheit habe ich mit Deinem Vater Rücksprache genommen. Er bat mich. Dir Aufklä­rung zu geben. Ich will es thun. Der heutige Tag paßt ganz besonders dazu."

Graf Salmi veranlaßte den jungen Mann sich niederzulassen, nahm ebenfalls Platz und begann:

„Meine nahen Beziehungen zu Deinem Vater sind schon vielen Leuten ausgefallen, wahrfcheinlich auch Dir. Und doch beruhen sie auf ganz einfachem Grunde. Ich bin früher nicht der wohlhabende Mann gewesen wie jetzt. Ich besaß im Gegentheil so gut wie nichts und auch keinerlei Hoffnung auf ein späteres Erbtheil. Mein Vater hatte sein nicht unbedeutendes Vermögen theils durch allzu großen Aufwand, theils durch eine verfehlte Spekulation ein­gebüßt. Sein einziger Bruder gebot freilich über namhafte Güter, aber er hatte zwei Söhne und be­kümmerte sich nicht viel um uns. Mein Bruder Alexander und ich mußten deshalb für uns selbst sorgen. Er wurde Soldat, ich Landwirth. Ich habe den falschen Schein nie leiden können und griff zu einer Laufbahn, die meinen Verhältnifsen entsprach. Auf einem großen Gute in der Nähe von Straß­burg fand ich unentgeltliche Aufnahme als Praktikant.

„Ich brauchte blos Kleider und Nebenausgaben zu bestreiten, und dazu reichte bei meinen bescheidenen Ansprüchen die Rente, die ich mit Alexander von einem aus dem Schiffbruche gebliebenen kleinen Hof-