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][ Die Niederlage der Marineschwärmer.

In zwei Sätzen läßt sich die heutige Lage zeichnen: Die Reichstagskommission hat die meisten neuen Schiffe abgelehnt, und Staatssekretär H o l l m a n n hat fein Entlassungsgesuch aufs Neue eingereicht.

Wir haben uns in den letzten Tagen absichtlich jeder Meinungsäußerung über die Thätigkeit der Bud- getkommission enthalten, weil wir es grundsätzlich ver­meiden, an einer Zeitungspolemik theilzunehmen, wenn unmittelbar Entscheidungen bevorstehen, die allein der Beurtheilung eine feste Unterlage bieten können. Die Presse der Marineschwärmer war nicht so vorsichtig; je nach dem Gange der Kommissionsverhandlungen, nach der scheinbaren Richtung der Centrumspolitik war diese Presse bald „himmelhoch jauchzend", bald .„zu Tode betrübt". Zuletzt, als am Freitag die erste Neuforderung, für ein Panzerschiff erster Klasse, auf Antrag des Referenten Dr. Lieber selbst bewilligt worden war, war man in der marineschwärmerischen Presse schon vollständig sicher, daß das Centrum nun­mehr auch die anderen Neuforderungen bewilligen werde. Man kann sich denken, wie niederschmetternd für gewisse Kreise dann am Samstag die Enttäuschung war!

Und doch hat das Centrum ganz genau an dem Standpunkt festgehalten, den es von Anfang an ver­treten hat: Das Centrum ist nach wie vor bereit, zur Weiterentwickelung der Marine in gewissen, durch die Finanzlage, das wirkliche Bedürfniß und die Vert hei di gungs-Ausgabe der Flotte gegebenen Grenzen mitzuwirken, lehnt aber jeden Ansatz zu einer Entwickelung unserer Flotte zu Angrisfs- und „weltpolitischen" Zwecken grundsätzlich ab. Daraus ergab sich von selbst der Widerspruch des Centrums gegen die Forderung der Marineverwaltung: zu jedem Hochseepanzer ein Kreuzer! Gewiß, unsere Marine kann auch der schnellen Kreuzerschiffe nicht entbehren, aber wenn für jedes Panzerschiff ein Kreuzer als Begleitschiff gefordert und der Bau dieser Schiffe in so schnellem Tempo verlangt wird, dann chat man alle Ursache zu dem Mißtrauen, daß diese Forderungen nicht gestellt werden, um die Vertheidigungs- kraft unserer Marine zu erhöhe», sondern um in fremden Meeren angriffsweise vorgehen und Welt- politik treiben zu können.

Deshalb waren gerade die beiden neuen Kreuzer 2. Klasse die politisch-wichtigsten Neuforderungen des gegenwärtigen Marineetats. Besonders nach der neulichen großen Rede des Staatssekretärs Hollmann, mit welcher dieser feine neue Denkschrift erläuterte, war es klar, daß sich die Kommission mit der An­nahme ober Ablehnung dieser Kreuzer zugleich für oder gegen die neue Weltpolitik aussprechen würde. Und die Entscheidung ist, wie für jeoen nüchternen Beurtheiler ohne Weiteres klar sein mußte, gegen die Weltpolitik ausgefallen. Herr Hollmann, der anscheinend bei dem Kaiser sich dafür verbürgt

hatte, die erweiterten Marinepläne mit weltpolitischem Hintergrund im Reichstag durchzudrücken, hat sich infolge dieser Entscheidung veranlaßt gesehen, sein (schon am vorigen Samstag eingereichtes, aber da­mals abgelehntes) Entlassungsgesuch an diesem Samstag zu erneuern, lieber die Entscheidung des Kaisers verlautet zur Zeit noch nichts.

Die Kartellpresse glaubt nun das Centrum durch die Aussicht auf eine größere Regierungskrisis schrecken zu können. Weil Fürst Hohenlohe die Neuforderungen gebilligt hat, so wird angedeutet, daß, wenn das Centrum auch im Plenum auf seinem ablehnenden Standpunkt beharren sollte, nicht nur Herr Hollmann, sondern auch Fürst Hohenlohe seinen Abschied nehmen werde. Die,Nationalzeitung" meint nun, die Parteien, welche die neuen Kreuzer u. s. w. ablehnen, erwarteten doch wohl selbst nicht, daß die Personalveränderungen ihnen erwünscht sein ,würden, die im Verlaufe einer Krisis eintreten könnten. Mir glauben gern, daß die neuen Männer, die eventuell an die Stelle des Fürsten Hohenlohe und des Admirals Hollmann treten würden, nicht von der Art sein würden, daß wir sie mit Freude be­grüßen könnten, aber solche Möglichkeiten dürfen auf sachliche Entschließungen keinen entscheidenden Einfluß haben, sonst könnte man ja mit derartigen Droh­ungen Alles beim Reichstag durchsetzen! Und welches Interesse sollten wir übrigens vom Partei­standpunkte aus dafür haben, daß die gegenwärtigen Männer am Ruder bleiben? Wie auch immer die Tonart beschaffen sein möge, die vom Bundesraths­tische erklingt: ein wirkliches Entgegenkommen gegen die Forderungen des katholischen Volkstheils haben wir unter dem Fürsten Hohenlohe nicht weniger, als unter dem Grafen Caprivi und dem Fürsten Bis­marck vermissen müsseit Da ist es doch viel wich­tiger für das Centrum, sich die Treue seiner Wähler zu erhallen, als um die Gunst dec Regierenden zu buhlen. Die Wähler des Centrums mißbilligen aber keineswegs, wie die ,Nationalzeitung" meint, die Ab­weisung einer auf Weltpolitik gerichteten Flottenver­größerung; viel eher gehen ihnen die Streichungen ihrer Vertreter noch nicht weit genug. Jedenfalls ist in katholischen Gegenden bei Neuwahlen mit einer Flottenparole ganz und gar nichts zu erreichen! '

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Deutsche»

Berlin, 13. März.

* Die Audgetkommissio« des ASgeordneten- harrses ist Freitag Abend zur Berathung des Kultus­etats geschritten. Die Einnahmen sind mit 3,251,882 Mark, die fortdauernden Ausgaben mit 117,537,417 Mark (gegen das Vorjahr 109,482,907 Mk.), die einmaligen und außerordentlichen Ausgaben mit 7,719,606 Mk. angesetzt. Die Summe der Ausgaben beträgt 125,257,623 Mark (gegen das Vorjahr 115,737,817 Mark). Die Einnahmen wurden nach den Ansätzen bewilligt. In den dauernden Ausgaben werden die Besoldungen für das Ministerium (36,000 Mark für den Minister selbst usw.) mit 1,156,110 Mk. bewilligt. Für die Generalkasse u. s. w. sind hierbei 276,000 Mark angesetzt. Hier wurde die Verwaltung der Fonds erörtert. Es schweben Verhandlungen, ob die Centralkaffe beim Kultusministerium zu erhalten

*O Aus den Verhandlungen der Audget-Ltommillion des Reichstages vom Samstag wollen wir im Folgenden noch das Bemerkenswertheste hervorheben. Nachdem am Frei­tag 4 Millionen Mark an den Folgeraten für bereits früher bewilligte Schiffe rc. gestrichen, dagegen die erste Rate für ein neues Panzerschiff 1. Klasse genehmigt war, wurden am Samstag bewilligt: die beiden Ersatzschiffe für die Kanonen­boote „Hyäne" und „Iltis", abgelehnt: die ersten Raten für zwei neue Kreuzer 2.Kl., für einen Aviso, ein Torpedo-Divisionsboot und achtTorpedoboote.

Die Mehrheit bestand aus dem Centrum, den Polen, den Freisinnigen und Sozialdemokraten, die Minderheit aus den beiden „konservativen" und der nationalliberalen Partei; der

antisemitische Abgeordnete Werner stimmte bald mit der Mehrheit, bald mit der Minderheit.

Im Ganzen belaufen sich die Abstriche auf 12,385,000 Mark im gegenwärtigen Etat. Die Bewilligungen, einschließ­lich der Folgeraten für früher bewilligte Schiffe, betragen insgesammt 58 Millionen, statt 70 Millionen, die gefordert waren, wenn man das Trockendock und die Hafenbefestigungen für Kiel und dergl. mitrechnet, die von der Kommission jeden­falls am Montag genehmigt werden.

Für die Nichtbewilligung der Kreuzer machten die Ab­geordneten Dr. Lieber und Müller-Fulda (Centr.) fol­gende Gründe geltend: 1) Die Rücksicht auf die Finanzlage, 2) die Erklärung, daß für je den Hochseepanzer zur Begleitung ein Kreuzer erforderlich sei, während man die Kreuzer nur für die Interessen des auswärtigen Dienstes gefordert habe, 3) die Thatsache, daß gegenwärtig ohnehin schon sieben Kreuzer im Bau begriffen sind.

Staatssekretär Hollmann sprach mit großer Erregung von Marineleichen, die nicht mehr in's Leben zurückge­rufen werden könnten, auch wenn er mit Engelszungen reden könnte. In Ostasien könne man eine Kreuzerflotte nicht mehr entbehren. Schulschiffe seien nicht anwendbar, denn nicht „wie ein Pudel mit eingezogenem Schwanz" könnten die Schiffe zurückkommen. Jndeß sei ja Alles in den Wind geredet. Die Herren möchten sich doch einmal in eine andere Lage als die von Reichstags-Abgeordneten versetzen.

Dr. Lieber entgegnete, Herr Hollmann möge doch für einen Augenblick seine schöne'Admirals - Uniform ausziehen und, wenn auch nicht auf den Standpunkt eines Abgeord­neten, sich doch auf den Standpunkt eines Stellvertreters des Reichskanzlers stellen, der auch noch andere Aufgaben zu er­füllen habe, als nur die Erweiterung der Marine. Weiter betonte nach dem Berichte der ,Freis. Ztg/ Dr. Lieber, daß man nur den Bau der Kreuzer zurückstellen wolle für das nächste Jahr.

Auf die Tagesordnung der Plenarberathung im Reichstage wird der Marine-Etat am Mittwoch oder spätestens Donnerstag gesetzt werden. Die Kartellpar­teien wollen alle ihre Mitglieder dazu nach Berlin berufen, um, wenn irgend möglich, im Plenum die Kommis­sions-Beschlüsse wieder umzustoßen. Deshalb ist unbedingt nothwendig und eine unabweisbare strenge Pflicht für alle Mitglieder der Mehrheits-Parteien, namentlich des aus­schlaggebenden Centrums, am Mittwoch am Platze zu sein. Ohnehin scheint die „freisinnige Vereinigung" nach der Ja- fager-Seite umsallen zu wollen; um so vollzähliger müßen die Neinsager hier sein!

24. Jahrgang

Montag, den 15. März 1897.

ulimerMZeitilng

mit Unterhaltungs-Keilage „Sterne und Klumen".

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benno.

•13] ------- (Nachdruck verboten.)

Edgar war soeben von einem Besuche bei dem Grafen nach Hause gekommen. Er grüßte den Vater, der sich mit den Mühlsteinen beschäftigte, die längs des Gartenzaunes aufgestellt waren, und schritt bann der Hausthüre zu. Da sah er nun, wie ein junger Mann über den Wiesenpfab gegen die Mühle herankam.

Dieser hatte auch ihn jetzt erblickt. Er riß den Hut vom Kopfe und schwenkte ihn mit fröhlichem Zurufe.

Edgar eilte ihm entgegen. „Julius," rief er, die Arme ausbreitend, und der Ankommende warf sich mit herzlichem Gruße an seine Brust.

„Ich habe ein paar Tage vor der Ziehung Ur­laub genommen," nahm Julius bas Wort. „Jetzt werde ich hier bleiben bis nach der Musterung, damit ich nicht noch einmal den weiten Weg machen muß. Vor einer Stunde kam ich mit dem Postwagen an. Mein erster Ausgang galt Dir. Also übermorgen gilt es! Wir wollen sehen, welcher von uns Beiden die glücklichste Hand hat."

„Ich mache mir nicht viel daraus," erklärte Edgar.

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„Es würde mich sogar freuen, wenn ich eine niedrige Nummer bekäme und dadurch ein Anderer frei würde, dem aus dem Militärdienst möglicherweise ein Nach­theil erwächst."

„Dafür will gleich ich mich empfohlen haben," rief Julius lachend, „denn ich gestehe ganz unver- holen, daß meine Sehnsucht nach dem Kalbfell und Kommißbrod nicht besonders groß ist. Doch — damit ich das Beste nicht vergesse — ich habe eine Bestellung von meiner Schwester Toni für Dich." Er brachte ein Schächtelchen aus der Tasche hervor und öffnete es dann. Ein zierliches Sträußchen mit feibenen Schleifen kam zum Vorschein. „Meine Schwester läßt Dir sagen, baß biefer Rekrutenstrauß den Dank ausdrücken ^jolle für Deinen Eifer, ben Du feiner Zeit für ihre musikalischen Fortschritte an den Tag gelegt hast. Wie Toni mir sagte, lassest Du Dich bei uns gar nie mehr sehen. Warum?"

Das Gesicht Edgars hatte beim Anblicke des Ge­schenkes eine hohe Freude verklärt. Dieser sonnige Ausdruck wurde bei der Frage des Freundes durch einen plötzlichen Schatten verdrängt. „Wie magst Du nur fragen?" hielt er entgegen. „Du kennst doch die leidige Spannung zwischen meinem Vater und Deinem Onkel und weißt, daß ich schon damals nie ein gern gesehener Gast war. Die Kluft ist indessen noch viel

tiefer geworden, und ich glaube, wenn ich wagte, einen Besuch bei Toni zu machen, wiese der Doktor mich aus dem Haus."

Julius strich bas feine Bärtchen, welches man über bem hübschen Mund hervorsprossen sah. „So gar gefährlich," meinte er, „wirb es nicht sein! Der ungeschickte Prozeß, von bem Toni mir bereits er­zählte, wäre freilich besser unterblieben. Er hat ben Onkel, wie es scheint, vollenbs aus bem Häuschen gebracht. Doch was gehen biese Geschichten uns an? Die Alten mögen, wenn sie es nicht lassen können. Gift gegen einanber speien, wir scheeren uns ben Henker daran! So lange ich hier bin wenigstens, bulbe ich Dein Fernbleiben nicht. Da muß wieber gesungen unb musizirt werden; ich freute mich schon lange darauf. Und zu erzählen gibt es auch mehr als genug. In dem weltverlorenen Rodenbach kennt man sich ja saft nicht mehr aus. Welcher Geist ist denn in Deinen alten Freund unb Gönner Salmi gefahren, daß er sich da oben auf einmal so ein prächtiges Haus bauen läßt?"

Ein halbversteckter Hilferuf tönte in diesem Augen­blick von der Mühle herüber. Bestürzt brachen die jungen Leute ihre Unterhaltung ab und eilten dahin.

Severin und Hies waren ihnen bereits zuvor-