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M 55 Dienstag, den 9. März 1897. 24. Jahrgang

FilldaerMZeitiiiig

_____ mit Untechaltnngs-Krilaoe „Sterne und Kimiirn".

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Deutsches Derch.

Berlin, 8. März.

h Der Kaiser nahm Sonntag Vormittag im königl. Schloß den Vortrag des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe entgegen. Montag Vormittag begab sich der Reichskanzler in den Reichstag, um daselbst in der Budgetkommission der Berathung des Marine­etats beizuwohnen und empfing nach seiner Rückkehr den österreichisch-ungarischen Botschafter v. S-zö gyeny zu einem längeren Besuch.

X Neöer die neue Warinedenkschrifi hat sich heute der Reichskanzler, dem Wunsche der Kommission entsprechend, in der Budgetkommis­sion des Reichstags ausgesprochen. Sein Be­streben ging dahin, dieses „Schriftstück", wie er sich ausdrückte, als möglichst harmlos hinzustellen; es sei weder eine neue Regierungsvorlage, noch eine Denk­schrift zum Etat, sondern trage einen „lediglich in­formatorischen Charakter" und habe nur den Zweck, den rechnungsmäßigen Schiffsbestand nach dem Plane von 1873 u. s. w. gegenüber dem gegen­wärtigen thatsächlichen Schiffsbestand nachzu­weisen. Alsdann erklärte der Kanzler es freilich auch als seine Ansicht, daß es „unabweisliche Aufgabe des Reichs" sei, „nach Maßgabe der in jenem Schriftstück enthaltenen thatsächlichen Angaben" eine Flotte zu schaffen und zu erhalten, die zur Landesvertheidigung, zum auswärtigen Dienst und zum Schutze des deutschen Handels genüge. Schließlich betonte dann aber der Reichskanzler: „Zur Verwirklichung können jene Forderungen des Reichsmarineamts (!) nur durch die etatsmäßige Zustimmung der verbündeten Regierungen und des Reichstags gelangen. Wann und in welchem Umfange diese Zustimmung uachgesucht und ertheilt werden wird, muß sich selbstverständlich nach der gesammten Finanz­lage,^. h. einerseits nach den zur Verfügung stehen­den Einnahmen und andererseits nach dem Ausgabe­bedarf auch der übrigen Ressorts richten. Die Aus­sicht der Marinesorderungen hat sich darum aber keineswegs verbessert. Nicht nur der Abg. Richter, sondern auch Dr. Lieber bekämpste die neuen Forderungen mit erfreulicher Entschieden­heit. Er betonte, daß die Denkschrift von 1873, auf die sich Herr Hollmann stützte, vom Reichstage nie genehmigt worden ist und auch schon deshalb nicht mehr gelten kann, weil die Marineverwaltung selbst inzwischen ihre Ansichten jeden Augenblick ge­ändert. Gerade in diesem Schwanken der Marine­verwaltung erblickt Dr. Lieber mit Recht einen schwer­wiegenden Grund gegen die maßlosen Neuforderungen. Ungeheure Summen würden in Schiffen verbaut, ohne daß man wisse, ob sie sich im Ernstfälle be­währen würden. Die fortdauernden Ausgaben seien seit 23 Jahren um 130 pCt., die einmaligen um 323 pCt. gestiegen, während die Bevölkerung in dieser Zeit nur um 27,4 pCt. gewachsen sei. Die

Der falsche Graf.

Kriminalroman von Max Benny.

8] ------- (Nachdruck verboten.)

„Vor einigen Tagen nun wandte sich die Mutter Adolfs wieder an mich und theilte mir mit, daß sie wegen der Zukunft ihres Sohnes in großer Ver­legenheit sei. Ich antwortete natürlich augenblicklich und berief den Jungen hierher. Ich war schon seit einiger Zeit mit einem Plane umgegangen, zu dessen Ausführung ich nun meinem ehemaligen Schützling zu verwenden beschloß. Ich wollte mich jedoch von seiner Sinnesänderung selbst vorher überzeugen, ehe ich ihm die Hand wieder bot. Deshalb nahm ich ihn so kühl und zurückhaltend auf, deshalb machte ich auch Dich nicht mit ihm bekannt; denn wenn er die Probe nicht bestanden hätte, wäre er von mir sofort wieder weiter geschieh worden. Bei der nächsten Gelegenheit inöget Ihr einander nunmehr kennen lernen. Aber auch jetzt noch rathe ich Dir, vorsichtig zu sein. Adolf hat zwar durch seine Zeugnisse bewiesen, daß er ein tüchtiger Baumeister ist; wie es aber bei ihm unter dem Brustluche aussieht, weiß ich noch nicht. Ich will mir durch ihm droben auf dem Hügel ein schönes Haus bauen lassen. Der prächtigen Aussicht zu lieb'", fügte Salmi mit geheimnißvollem Lächeln

Flotte sei mit 13,4 pCt. an der gesammten Reichs­anleihe betheiligt. Wie lange könne das noch fort­gehen, wie lange würde man uns noch Kredit geben für unproduktive Zwecke? Der wahre Patriotismus liege im Maßhalten! Die Kommission vertagte Hie Weiterberathung alsdann bis Dienstag. Schon jetzt aber ist sicher, daß die Forderungen der Marine­verwaltung, auch im gegenwärtigen Etat, auch nicht annähernd bewilligt werden.

* Das KeHreröesokdnrrgsgefetz ist nunmehr amtlich bekannt gemacht.

* Nächsten Donnerstag den 11. d. Mts. wird dem Stenum des Att»desratl)es die Handwerker­vorlage und das Auswan derergesetz von Seiten der Ausschüsse zugehen. Bezüglich des Militär­strafprozesses hält man in jenen Kreisen an der Ansicht fest, daß die Frage jetzt bald erledigt sein werde, wozu der Verlauf der Berathung in den Bundesrathsausschüsfen durchaus berechtigen soll. Die zweite Lesung im Plenum des Bundesraths wird vor­aussichtlich nur wenige Sitzungen ausfüllen, fodaß die Einbringung der Vorlage an den Reichstag bald zu erwarten ist.

* In Sachen v. Mansch ist, wie der,Posff gemeldet wird, ein Disziplinarverfahren wider Unbekannt auf Veranlassung des Oberstaatsan­walts Drescher eingeleitet worden. Da wiederholt Thatsachen aus dem Gange der Voruntersuchung und, den Maßnahmen der Staatsanwaltschaft an die Oeffentlichkeit gelangt sind, nimmt der Staatsanwalt Drescher an, daß nur durch pflichtwidriges Verhalten und Indiskretion die einzelnen Stadien des Prozesses zur allgemeinen Kenntniß hätten gelangen können, weshalb er durch Amtsgerichtsrath v. Podewils ein Ermittelungsoerfahren hat anftrengen lassen, auf welchem indiskreten Wege die Tages­presse in den Besitz der betr. Nachrichten gelangt ist. Laut Anordnung werden die Zeugen in dem Zwangsverfahren eidlich vernommen. — Also wieder einmal ein Zeugnißzwangsverfahren!

* Die ,Wiener Pol. Korr/ erhält aus Rom folgende Zuschrift über die StelTiittg des Hapkes zur Kretafrage.

In manchen italienischen Blättern wurde das Verhalten des Papstes Leo £IH. gegenüber der kretischen Angelegenheit in einer Weise besprochen, die zu einigen Bemerkungen her­ausfordert. Die betreffenden Journale fanden es nämlich befremdend, daß der Papst in dieser Frage absolutes Still­schweigen beobachtet und es nicht für angemessen hält, zu Gunsten der Christen in der Türker einen Appell an das christliche Europa zu richten. Es braucht nun wohl nicht erst betont zu werden, daß der heilige Vater an dem Schick­sale der Christen im Orient den lebhaftesten Antheil nimmt und demzufolge auch die Entwicklung der kretischen Krise mit g espanntem Interesse verfolgt. Ebensoselbst- verständlich rst es, daß er das aufrichtige Bestreben der Mächte, den Frieden vor nachtheiligen Rückwirkungen der Gährungen im ottomanischen Reiche zu bewahren.sowieihre Bemühungen, allgemeine Deformen in der Türkei durchzusetzen, mit warmen Sympathien begleitet. Eine andere Frage ist es jedoch, ob es in jetzigem Augenblicke opportun wäre, daß hinzu, als er den erstaunten Blick Edgars bemerkte, und zog den Jüngling unwillkürlich an sich — „oder vielleicht auch aus einem andern Grunde, den Du vielleicht einmal später erfährst. Doch jetzt an die Arbeit, ich habe vor lauter Geschäften und Besuchen gar nicht mehr daran gedacht, daß morgen unser „Monatstag" ist."

Er holte wieder einen Schlüssel aus dem kleinen Kästchen und schloß ein Fach seines Schreibtisches auf. Dann legte er mit verschiedenen Zeitungsaus­schnitten, Briefen und sonstigen Aufzeichnungen eine ansehnliche Summe Geldes in Silber, Papier und Gold auf den Tisch.

„Wir haben diesmal ziemlich viele Kunden," meinte Salmi, „so daß Du voraussichtlich mein Gast bleiben mußt. Es wird Abend werden, bis alles abgezählt und eingepackt ist."

Die Beiden setzten sich an den Tisch, und der Graf begann aus den vor ihm liegenden Papiere bald eine größere, bald eine kleinere Summe zu nennen, die dann Edgar dem bereitgelegten Vorrath entnahm und ohne alles Weitere in ein Päckchen ver­schnürte und versiegelte, daß er mit der von dem alten Herrn angegebenen Adresse versah. Diese Adressen waren verschiedener Art. In erster Linie handelt es sich freilich um notorische Arme und Be-

der Papst mit einer Kundgebung, wie fie die erwähnten Blätter für wünschenswerth erachten würden, hervortrete. Wenn der Papst bisher einen solchen Schritt unterlassen hat und diese Reserve auch weiterhin beobachten sollte, so habe man sich dies, wie in vatikanischen Kreisen betont wird, aus der Er­wägung Seiner Heiligkeit zu erklären, daß im Hinblicke aus den überaus heiklen Charakter der internatio­nalen Lage und die großen Schwierigkeiten, welche die europäische Diplomatie gegenwärtig zu überwinden hat, alles vermieden werden müsse, was irgendwie den An sch e in eines Eingreifens in die Aktion der Mächte haben könnte Das schließt natürlich nicht aus, daß der Papst bei einer späteren Gelegenheit einen Appell zu Gunsten der Christen im Orient an die Mächte richten wird, wie er dies schon einmal gethan hat. Es darf übrigens hierbei der Umstand nicht ganz übersehen werden, daß die Katholiken in der Türkei, vielleicht wegen ihrer geringen Anzahl, seitens der Regierung und speziell seitens des Sultans immer eine wohlwollende Behandlung erfahren haben, und daß sie bei den in den letzten Jahren gegen Christen verübten Gewalt- thätigkeiten, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, verschont geblieben sind. Durch diese Thatsache wird dem Haupte der katholischen Kirche in seinem Verhalten gegenüber der Pforte begreiflicherweise eine gewisse Reserve auferlegt.

Ausland.

* Uetersörrrg, 8. März. Nach einer Meldung aus Wien foll der Bestand der russischen Ar­tillerie um 69 Batterien mit 552 Geschützen leichten Kalibers erhöht werden. Die neuen Batterien werden unter die neu errichteten fünf Artilleriebri­gaden, sowie unter die bereits bestehenden Brigaden, und zwar je zwei Batterien für jede Brigade, ver- theilt werden. Gleichzeitig wurde die Vermehrung der Festungsartillerie-Bataillone und die Errichtung eines Belagerungsparks im Kaukasus verfügt.

* Athen, 8. März. Die Antwort Griechen­lands ist Mittags an die griechischen Vertreter im Auslände telegraphirt worden. Heber den Inhalt verlautet, Griechenland erkläre, daß es den Wünschen der Mächte entsprechend den Kretern die Annahme der Reformen empfohlen hätte, welche die Muselmanen unmöglich gemacht hätten. Griechenland fei verpflich­tet gewesen, bei den neuen Unruhen zu interveniren, um das Brudervolk zu schützen. Die Autonomie bilde keine Lösung. Diese müßte in erster Linie von den Kretern angenommen werden, die sie aber ablehnen. Griechenland würde sich der Entscheidung der Kreter unterwerfen. Die Rückberufung der Flotte und der Truppen würde das Zeichen geben zu neuen Ausschreitungen, gegenüber denen das griechische Volk nicht unthätig bleiben könnte.

* Kanea, 8. März. Scharfe Zwangsmaßregeln, die nicht nur die Blokade des Piräus, sondern auch die Einschließung der Insel Kreta vorsehen, sind von den Admiralen der Mächte vereinbart und von Oesterreich-Ungarn, Deutschland und Ruß­land bereits angenommen worden. — Die inter­nationale Gendarmerie ist nunmehr entlassen worden. Die französischen und englischen Offiziere derselben verlassen Kreta. Der englische Major Bor bleibt hier. Rußland unterhält die montenegrinische Gendarmerie dürftige, Wittwen und durch Krankheit oder Unfälle in Noch gerathene Leute; es befanden sich jedoch auch verschiedene Familien unter den Beschenkten, deren Verhältnisse man im allgemeinen für auskömmlich hielt.

„Gerade diese Armen," bemerkte Salmi bei einem derartigen Posten, „sind häufig in der bittersten Noch. Lieber hungern und frieren sie, 'als daß sie gestehen, welches grenzenlose Elend bei ihnen herrscht. Ich weiß' bestimmt, daß durch meine rechtzeitige Gaben schon manches Leben gerettet und manche" Unschuld vor dem drohenden Verderben bewahrt worden ist."

Indessen ging die Arbeit, die man nur durch eine kurze Pause für das Mittagsmahl unterbrach, rüstig vor sich. Päckchen reihten sich an Päckchen. Schließ­lich war fast der ganze Tisch mit solchen belegt.

„Ich habe überall meine Agenten und Korrespon­denten," nahm der alte Herr wieder das Wort, „und ich nehme an, daß unter meiner Kundschaft lauter Würdige sind. Doch selbst wenn sich dann und wann ein räudiges Schaf einschleichen sollte, so schadet das nichts. Das gute Werk behält auch dann seinen Werth. Du glaubst gar nicht, Edgar, welch ein er­hebendes Gefühl es ist, Gutes zu thun. Erinnere Dich stets daran, wenn Du einst in's Leben trittst! Die Armen wissen nicht, wer ihnen die Gaben zu­schickt. Es ist auch gar nicht nothwendig. Du fährst