Montag, den 8. März 1897.
24. Jahrgang
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mit Unterhaltungs-KrUage „Sterne und Kiumen".
In verhängnißvoller Selbsttäuschung scheint man sich an gewissen Stellen innerhalb der leitenden Kreise zu bewegen. Es sieht immer mehr danach aus, als glaubte man dort, eine „nationale", richtig byzantinische Hochfluth im Volke erzeugen und dann „gute" Neuwahlen machen zu können, die einen Reichstag bescheeren würden, der alle Marine- und Militärforderungen mit Hurrah bewilligen, ein neues Umsturzgesetz genehmigen und wohl auch das Reichstagswahlrecht beschneiden soll.
Das Mandat des gegenwärtigen Reichstags läuft int nächsten Jahre ab. In politischen Kreisen gewinnt aber immer mehr die Auffassung an Boden, daß an jenen Stellen, die wir int Auge haben, die Ansicht herrscht: Jetzt sei der richtige Augenblick, um Neuwahlen auszuschreiben, jetzt, wo man sich noch unter der Nachwirkung der 1870,71er Erinnerungsfeste und unter dem unmittelbaren Einflüsse der Hundertjahrfeier für Kaiser Wilhelm I. befindet, und es sei zweifel- haft, ob die hieraus sich (wie man annimmt) ergebende Volksstimmung bis zum Frühjahr 1898 anhalten würde. Das wäre also der Grundsatz: Das Eisen schmieden, so lange es warm ist!
Und recht warm gemacht muß, nach Ansicht dieser Kreise, das Eisen ja jetzt sein. Denn hat man sich nicht die erdenklichste Mühe gegeben, die Köpfe „patriotisch" zu erhitzen? Von der "Nordostsee-Kanalseier und dem Sedanfest von 1895 an bis zum „Centenar"-März 1897? Hat man es sich nicht sehr viel Geld, Druckerschwärze und Reden kosten lassen, um aus der schlichten Soldatengestalt des ersten neudeutschen Kaisers einen Nationalheiligen zu machen.
Jetzt, wenige Tage vor der Enthüllung des Berliner Kaiser-Wilhelm-Denünals, tritt man nun urplötzlich noch mit einem ganz neuen Plane hervor: dem Reichstag ist ein Gesetzentwurf „betreffend die Vorarbeiten für die Errichtung einer Gedenkhalle zuEhrenderimFeldzuge187 0/71 gefallenen oderschwerverwundetendeutschenKrieger" zugegangen. Diese Gedenkhalle, welche die Namen aller dieser Krieger verewigen soll, soll in Berlin in der Nähe des Kaiserdenkmals und des Schlosses errichtet werden.
Dieser Gedanke ist an sich gar nicht schlecht; das Gedächtniß seiner im Kriege gefallenen und schwer- verwundeten Söhne zu ehren, ist das ganze deutsche Volk gewiß von Herzen gern bereit. Aber wohl muß man sich fragen: Warum entdeckt die Regierung erst jetzt, daß, wo die Fürsten und Feldherren geehrt werden, auch der Söhne des Volkes gedacht werden muß? Warum ist dieser Gedanke nicht schon vor zwei Jahren gekommen, wo man den Erinnerungs- tagen an die Schlachten entgegenging, in denen das Blut jener Tapferen floß? Man wird vielleicht antworten: Dieser gute Gedanke ist uns leider erst jetzt eingefallen. Aber bei dem merkwürdigen Zusammentreffen dieses neuen Planes mit der Jahrhundertfeier
Der falsche Graf.
Kriminalroman vop. Max Benno.
*] ------- (Nachdruck verboten.)
„Ich werde mich für Ihr gütiges Wohlwollen gewiß dankbar erweisen, Herr Graf. . . !"
„Laß jetzt den Grafen in Ruhe," fiel ihm der alte Herr fast heftig in's Wort, „und nenne mich wieder Onkel, wie Du es als Knabe gethan hast; ich brauche keine Förmlichkeiten, wo sie unnöthig sind."
Abermals prägte sich in dem Mienenspiel Seeburg's eine hohe Genugthuung aus. Der Graf hatte sich choch bereits abgewandt und bemerkte es nicht.
.... Wand befand sich ein schwarzes Ebenholzkästchen mit einem kleinen silbernen Knopfe. Auf diesen drückte er. Das Thürchen sprang auf. Salmi entnahm dem Behälter einen Schlüfsel, trat an den Sekretär und schloß diesen auf. Er wühlte eine Zeit lang unter.seinen Papieren; endlich brachte er eine Zeichnung hervor.
„Getraust Du Dir, einen Bau gerade so auszu- sühren," fragte er Adolf, „wie er hier dargestellt ist?"
Seeburg betrachtete die künstlerische Ausführung der Zeichnung einige Sekunden lang.
„Warum nicht?" erklärte er dann. „Vorausgesetzt,
und den politischen Absichten, die sich allem Anschein nach mit derselhen verbinden, können wir uns des Verdachts kaum erwehren, daß man mit jenem Plane, den man jedenfalls für einen sehr volksthümlichen hält, und an sich auch halten darf, auch nicht ohne politische Hintergedanken gerade jetzt hervorgetreten ist. _ Bei aller ehrlichen Betheiligung an der Hundertjahrfeier und Allem, was damit zusammenhängt, ist es daher doch sehr angebracht, stets kühles Blut zu bewahren.
Wie weit der einzig verantwortliche Rathgeber des Kaisers, der Reichskanzler, an dem gekennzeichneten politischen Absichten betheiligt ist, o b er überhaupt dabei betheiligt ist: das entzieht sich einstweilen der Beurtheilung. Am Montag will Fürst Hohenlohe übrigens der Budgetkommission des Reichstags zur Weiterberathung des Marineetats persönlich erscheinen. Dann muß sich ja zeigen, ob er die Verantwortung für den neuen Flottengründungsplan übernimmt,von dem seinSchatzsekretärGrafPosa- dowsky jedenfalls in der Kommission am Freitag ebenso wie die Abgeordneten vollständig überrascht worden ist! Herr Hollmann kam gerade von Wilhelmshaven, wo im Beisein des Kaisers die Marinerekruten vereidigt wurden, und sprach sehr erregt. Auch das gibt zu denken. Vom Centrum erwartet das katholische Volk, daß es treu bleibe dem, was Abg. Fritzen bei der ersten Etatsberathung angekündigt hat: Gewaltige Abstriche am Marineetat! Hält das Centrum — und wir sind nach den neuesten Vorkommnissen davon mehr als je überzeugt — an diesem Programm fest, so braucht es die Möglichkeit einer Reichstagsauflösung nicht zu scheuen. Die Wähler werden über die Flottenschwärmer, die Wahlrechtsgegner u. s. w. ein vernichtendes Urtheil fällen.
Deutsches Deich.
Berlin, 6. März.
> Die kaiserliche Familie soll, wie aus Bad Homburg gemeldet wird, während der Kaisermanöver im dortigen Schlosse Aufenthalt nehmen. Auch das Hauptquartier soll für die letzten Manövertage nach Homburg verlegt werden.
* Prinz Adalbert, der dritte Sohn des Kaisers, soll im nächsten Jahre ach dem Kad ettenschulschiff „Charlotte" eingrscMj^verden.
tz. Der König vonAnchfen trifft am 20. d. M. zur Jahrhundertfeier für Wilhelm I. in Berlin ein und wird einige Tage daselbst verweilen. Der Tag der Rückkehr ist noch nicht bestimmt.
ti Gerüchtweise verlautet, daß es am Samstag Abend zwischen dem Kaiser, der unangenehm überrascht war durch die schlechte Aufnahme des neuen Flottenplanes, und dem Staatssekretär Hollmann zu einer erregten Auseinandersetzung gekommen sei, die den R ü ck t r i t t des letzteren zur Folge haben dürste.
daß mir das geeignete Personal zur Verfügung gestellt wird!"
„Gut," bemerkte Salmi, „Du sollst dieses Haus bauen und begreifst nun wahrscheinlich, warum ich Dich hierher kommen ließ. Ich habe bereits für den Bauplatz, für die nöthigen Werkleute, kurzum für alles gesorgt. Die Sache soll möglichst beschleunigt werden, weshalb Du ungesäumt an's Werk gehen mußt. Dieses Unternehmen kommt Dir ohne Zweifel etwas räthselhaft vor. Halte es für eine meiner Sonderlichkeiten, für eine augenblickliche Laune oder für etwas Anderes, wie Dir's gefällt. Aber wenn Du gefragt wirst, für wen das Haus bestimmt sei, dann antwortest Du ganz einfach der Wahrheit gemäß: Du wissest es nicht."
Erschloß seinen Arbeitstisch wieder und verbrachte das Schlüsselchen an den vorherigen Platz.
Seeburg hatte nichts mehr erwidert, dagegen sich so aufgestellt, daß er genau beobachten konnte, was durch den Grafen geschah.
Dieser griff nun nach seinem Hute. „Nun will ich Dir den Bauplatz anweisen," sagte er. „Du wirst finden, daß er nicht schlecht gewählt ist."
Sie verließen mit einander das Haus und schritten am Waldrande entlang bis an den höchsten Punkt
rht Das Schukdeulikgungs - Gesetz ist von der Budget-Kommission des Reichstages mit sehr einschneidenden Aenderungen — im Wesentlichen nach Anträgen des Abg. Dr. Lieber (Centr.) — angnommen worden. Zunächst ist eine neue Bestimmung als § 1 ausgenommen, durch welche der Tilgungs-Betrag für 1896/97 nachträglich von 13 auf 50Millionen Mark erhöht wird, indem der nach der lex Franckenstein dem Reiche verbleibende Betrag aus den Zöllen und der Tabaksteuer von 130 auf 180 Millionen Mark „behufs Minderung der Reichsschuld" erhöht wird. In § 2, dem § 1 der Regierungs - Vorlage, wird die Tilgungs - Quote für 1897/98 nicht auf die Hälfte (wie die Vorlage will), fondern auf drei Viert heile des Ueberfchusses der Ueberweisungen bemessen. Auch § 3 — § 2 ber Vorlage — hat eine verbesserte, klarere Fassung erhalten. Er lautet jetzt: „Uebersteigen im Etatsjahr 1899/1900 die Matrikular-Beiträge das Etats-Soll für die Ueberweisungen der gleichen Periode um mehr als den Betrag des für das Rechnungsjahr 1897/98 über die Matrikular-Beiträge hinaus erfolgenden Ueberweisungen, so bleibt .der Mehrbetrag in soweit unerhoben, als auf Grund des § 2 Mittel zur Tilgung der Schuld verfügbar geworden sind. Jedoch ist von dieser Bestimmung nur in dem Maße Gebrauch zu machen, als der Bedarfs-Betrag nicht durch Mehrerträge bei den Ueberweisungs - Steuern Deckung findet." Auch bei dieserFassung bleibt noch das Bedenken, daß zwei Finanzjahre „verkoppelt" werden. Wir geben aber zu, daß der Reichstag sich dadurch keineswegs für irgend welche Automatenpläne zu verpflichten braucht. Freilich wäre es beffer gewesen, wenn man auch den Schein hätte vermeiden können, daß der Reichstag sich jetzt günstiger zu automatenhaften Projekten stelle. Unserem Bedenken steht andererseits jedenfalls die ganz bedeutende Steigerung der Schuldentilgung gegenüber. Wir hoffen, daß es in dieser Beziehung auch im Plenum bei den Kommissions-Beschlüssen bleibt. Aber was wird Herr v. Miquel nebst den anderen einzelstaatlichen Finanzministern zu dieser starken Beschneidung ihrer Reichszuschüsse sagen?
* Das KarrdeksgefetzöutH ist von der betreffenden Reichstagskommission jetzt in erster Lesung erledigt worden.
* Ueber die durch eine Resolution des Abg. Lingens im Reichstage beantragte Kinschräukung des ^okpacketdienkes an Sonn- nnd Jeier- tageu finden gegenwärtig auf Veranlassung des Staatssekretärs des Reichspostamts zwecks Abgabe gutachtlicher Aeußerungen in den Handelskammern und anderen wirthschaftlichen Korporationen Erhebungen und Erörterungen statt.
* ISeimar, 6. März Der weimarische Landtag hat zu den Vorbereitungsarbeiten sür die E i n f ü h r u n g des bürgerlichen Gesetzbuches für die Jahre 1897 und 1898 je 15000 Mark bewilligt in der sichern Erwartung, daß von der hochgegriffenen, aber vorher nicht genau zu bemeffenden Summe von der
des Hügels, von wo aus sich ein prächtiger Ausblick auf die Stadt und das schöne Thal bis in die weiteste Ferne darbot.
Wie ein prächtiger Garten dehnten, von dem Flusse durchschlängelt, die üppigen Matten sich aus. Da unv dort lugten hinter und zwischen Obstgärten oder kleinen Waldparzellen die rochen Ziegeldächer freundlicher Dörfer mit den spitzen Kirchchürmen hervor. Wie geschmolzenes Silber schimmerte die fast kreisrunde Wasserfläche, welche, nur eine starke Viertelstunde von Rodenbach entfernt und in weitem Halbkreise von einem üppigen Walde umschlossen, der Wind in sanftem Wellenschlag gegen den hohen Damm trieb, der sich im Vordergründe als Schutz für die Bewohner des Thales hinzog. Eine romantische Hügelkette mit den Ruinen zerfallener Burgen bildete in allmählicher Anschwellung die Fortsetzung dieser Idylle, und weit im Hintergründe sah man die schneebedeckten Firnen gewaltiger Bergriesen mit dem Blau des Himmels vermählt.
„Gefällt Dir dieses Plätzchen?" fragte der alte Herr mit einem leuchtenden Blicke auf die vor ihnen ausgebreitete Pracht.
„Es ist sehr schön, Onkel," entgegnete Adolf. „Ich gratulire Ihnen zu Ihrem guten Geschmacke."