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Samstaff, den 6. März 1897. 24. Jahrgang
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mit UnterhaLtrmgs-Kettage „Sterne und KLumen".
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Eine „angenehme" Überraschung ist der Budgetkommission des Reichstags am Freitag bereitet worden: 328’/a Missionen Mark sollen bis 1904 für neue Schiffsbauten gefordert werden! Und zwar vertritt die Marineverwaltung die Ansicht, daß diese Forderungen lediglich die Ausführung der bisherigen, vom Reichstage früher schon gebilligten Pläne, sowie die nothwendigsten Ersatzbauten umfasse. Nun weiß man aber doch, daß das Bestreben des Kaisers viel weiter geht und auf eine Flottenvermehrung abzielt, die auf einem neuen, viel umfassenderen Plane beruhen soll; es ist also nicht einmal sicher, daß sich die Marineverwaltung in den nächsten 6 oder 7 Jahren auf die erwähnten 328*2 Millionen beschränken wird! Allerdings: jetzt ein knappes Jahr vor den Reichstagsneuwahlen wird man dies kaum eingestehen wollen, man wird vielmehr wahrscheinlich, wenn der Reichstag auch an den gegenwärtigen Forderungen der Marineverwaltung noch erhebliche Kürzungen vornimmt, geflissentlich die Auffassung zu verbreiten suchen, daß „dieser" Reichstag nicht einmal das, was er früher schon im Plane genehmigt hat, bewilligen wolle und' sogar den Ersatz „alter Kasten", die nicht mehr kriegstüchtig seien, verweigere. Rechnet man dazu das Bestreben, mit Hilfe der Hundertjahrfeier für Wilhelm I. eine „patriotische" Hurrahstimmung zu wecken, so kann man sich dem Verdacht nicht erwehren, daß in dem angeblichen Widerstande „dieses" Reichstags gegen die allernoth- wendigsten und früher im Prinzip schon von ihm gebilligten Marineforderungen die künftige Wahlparole gefunden werden soll, die uns einen bewilligungslustigen Kartellreichstag bringen soll. Wäre diese Spekulation dann erfolgreich, so könnte man mit Sicherheit darauf rechnen, daß ein solcher neuer Reichstag nicht „bloß" jene 328'/, Millionen, sondern einen neuen, größeren Flottengründungsplan zu bewilligen haben würde. Freilich glauben wir nicht, daß die nächsten Wahlen einen marineschwärmerischen Reichstag bringen werden.
Bestehen solche Pläne, so ist es immerhin befremdlich, daß die Marineverwaltung ein Verfahren «inschlägt, das keineswegs geeignet ist, ihren Plänen Freunde zu werben. Die eigenartige Ueberrumpe- lung des Reichstags mit den riesigen Forderungen mußte doch selbst bei den Parteien peinlich berühren, die für die Bewilligung solcher Forderungen zunächst in Betracht kommen müßten. Auch die Rational- liberalen konnten diese peinliche Ueberraschung in der Kommission nicht verbergen, und es ist bezeichnend, daß nicht nur der Referent Dr. Lieber, sondern auch der Nationalliberale Dr. Hammacher nach den erstaunlichen Mittheilungen des Staatssekretärs Hollmann die Vertagung der Weiter bwathung des Marineetats — wahrscheinlich bis zum Dienstag — beantragte, ein Antrag, der auch widerspruchslos angenommen wurde.
Die Art und Weise, wie die Kommission überrascht wurde, machte die Ueberrumpelung nur um so augenfälliger. Selbst der Referent hatte noch keine Ahnung von den Absichten der Marineverwaltung. Erst nachdem er sein Referat erstattet und darin schon die Forderungen des gegenwärtigen Marineetats als solche bezeichnet hatte, die es nothwendig machten, sie „unter eine besonders strenge Lupe zu nehmen", — erst da wurde der Kommission eine Art Denkschrift, eine Uebersicht über den voraussichtlichen Fortgang der „Ersatzbauten", überreicht. Und nun erhob sich auch Admiral Hollmann, um in längerer Rede diese Forderungen zu erläutern. Es ergibt sich daraus, daß schon im nächsten Etat Ersatz sür die Panzerschiffe „Kaiser" und „Deutschland" gefordert werden wird. Er stellte den Grundsatz auf, daß zu jedem Panzer zwei Kreuzer gehören, und rechnete aus, daß nach Fertigstellung aller bisher bewilligten Schiffe noch lOKreuzer, 5 Avisos, 2Kanonenboote, 5 Panzerschiffe, 2 Monitors, 2 „schwimmende Batterien und noch 22 Torpedo- sahrzeuge „fehlen"! Also zusammen 48 Schiffe.
Mit Recht mußte angesichts solcher Forderungen Dr. Lieber fragen: Weiß der Schatzsekretär davon, und was sagt der Reichskanzler dazu? Er verlangte daher neue Aufklärungen und weiteres Material. Der Eindruck im Ganzen war, daß die Kommission vollständig perplex war. Auch wir sind überrascht, aber nicht über die Höhe der Forderungen — denn daß solche und noch größere Pläne bestehen, daran war ja nie zu zweifeln —, sondern über die Offenheit, mit der sie jetzt geltend gemacht werden. Ist man seiner Sache denn schon so sicher? Wir halten an der Hoffnung fest, daß diese Sicherheit nicht begründet ist. Es genügt für heute, auf die unsinnige Höhe der Marinesorderungen hinzuweisen, um ihre Zurückweisung fordern zu dürfen, ganz gleich, wie sich der Reichstag etwa früher gestellt haben mag. Auf die Begründung der Forderungen im Einzelnen wird man ja noch öfter zurückzukommen haben.
Deutsches Derch.
Berlin, 5. März.
* Auf Einladung des Kaifers wird der Kronprinz von Schweden den Festlichkeiten anläßlich der Jahrhundertfeier des Geburtstags des Kaisers Wilhelm J. beiwohnen und am 18. ds. Mts. von Stockholm nach Berlin abreisen.
* Zu der Meldung, daß die deutsche Kalßokiken- versammkung dieses Jahr mit der Wallfahrt zum Grabe des seligen Petrus Canisius in Freiburg in der Schweiz „verbunden" wird, d. h. thatsäch- lich ausfallen soll, wird dem .Wests. Volksblatt' geschrieben: Es war beabsichtigt, sie in Süddeutschland zu halten, es müssen aber wohl Bedenken vorhanden gewesen sein, sonst hätte der Kommissar Fürst zu Löwenstein diesen vollkommen in den Grenzen seiner Befugnisse liegenden Entschluß nicht gefaßt. Die Wallfahrt nach Freiburg in der Schweiz ist ein höchst löbliches und empfehlenswerthes Unternehmen, dem unsere ganze Sympathie gehört, aber dennoch nehmen wir keinen Anstand zu erklären, daß wir den Ausfall der Katholikenversammlung in der Form, wie sie bisher gehalten wurde, auf das Tiefste bedauern. Es hat sich frellich in Dortmund, wie schon früher in Köln, herausgestellt, daß im Westen Deutschlands die Versammlung zu imposant, zu stark besucht wird, als daß der einzelne, wenn er nicht besonderes Glück hat, den vollen Nutzen daraus ziehen kann. Schon mehrfach ist die Meinung aufgetaucht, es sei eine wesentliche Umgestaltung der Versammlung nöthig — wie wäre es, wenn jetzt seitens Westdeutschlands (Westfalen-Rheinland mit zugehörigen Gebieten) eine eigene Versammlung nach alten Grundsätzen mit einer den Zeitverhältnissen entsprechenden Geschäftsordnung veranstaltet würde? Könnte man nicht eine Probe auf das Exempel machen? Wegen der Besucher brauchte man die Probe nicht zu fürchten, Redner haben wir genug, und manche Stadt, sei es die alte Colonia, sei es Düsseldorf, sei es Aachen, Essen, Münster 2c. würde es sich zur größten Ehre rechnen, unoerweilt ein Lokalkomitö zu konstituiren, welches mit den Geschäftsführern des Volksvereins gemeinsam die Geschäftsordnung entwerfen und zu gleicher Zeit die örtlichen Anordnungen treffen würde. Speziell wir im Westen haben so viele Themata, die auf den Nagel brennen, zu erörtern, daß, nach unserer Ansicht wenigstens, eine große Aussprache darüber gerade in diesem Jahre nur schmerzlich entbehrt werden könnte.
* Der Mewegung gegen das Duess in Universitätskreisen werden seitens der akademischen Behörden Schwierigkeiten in den Weg gelegt. In Berlin hat sich das Rectorat ablehnend gegen die Bestrebungen auf Einrichtung eines allgemeinen Ehrengerichts verhalten. An der Teschnichen Hochschule zu Charlotten- burg war die Bewegung zuerst vom Rektor gefördert worden. Neuerdings ist aber der an der Hochschule bestehende Verein „Comite zur Errichtung eines ständigen allgemeinen Ehrengerichts an der königl. Teschnischen Hochschule zu Berlin" — ungeachtet seines an sich löblichen Bestrebens" — verboten, bezw. den Studirenden die Theilnahme an dem Ver- ■ eine untersagt, weil durch das persönliche Verhalten seiner Mitglieder die Disziplin an der Hochschule gefährdet sein soll.
* Die Publizirung des LeHrervesoldungsgefetzes, sowie des Gesetzes über Konvertirrmg der 4proz. Reichsanleihen steht, nachdem sie vom König vollzogen sind, unmittelbar bevor.
Zur Ileform des Kandrrersts schreibt der ,Reichsbote' u. A.: „Soll das Handwerk gedeihen, so muß auch das deutsche Publikum ihm unter die Arme greifen, nicht blos dadurch, daß es mit ihm nach Staatshilfe ruft, sondern dadurch, daß es auch bei den deutschen Handwerkern arbeiten läßt; die reichen Leute ihre Anzüge nicht in Paris, sondern in Deutschland machen lassen, und die andern nicht in den sogenannten Bazar laufen, sondern bei den Handwerkern selbst arbeiten lassen und — was sehr wichtig ist — sich die üble Gewohnheit des langen Borgens abgewöhnen, sondern den Handwerker bei Lieferung der Waare bezahlen. Diese deutsche Borgwirth- schaft ist für unsere ganze wirthschaftliche Entwickelung ein Unglück; das Publikum borgt beim Handwerker und Kaufmann, in Folge dessen fehlt diesen das Geschäftskapital und auch sie müssen borgen, und so wird an dieser Kette der Borgwirthschaft der eigentliche Vortheil des Gewerbe-Betriebes schließlich in die Hand des letzten Geldgebers gebracht, während das Gewerbe Noch leidet. Soll dem Handwerk geholfen werden, so muß also zu der Triebkraft der Selbsthilfe die Genossenschafts- und Staatshilfe — aber auch die sehr wesentliche Publikumshilfe kommen."_____________________________________
Ausland.
* London, 5. März. Etwa hundert Mitglieder desUnterhauses, darunter einigeftüherenMinister, haben dem König der Hellenen eine Depesche übersandt, worin sie sich anerkennend über die dec Civilisation auf Kreta erwiesenen Dienste aussprechen und ihren Wünschen für das Wohlergehen Griechenlands Ausdruck geben.
* Aekgrad, F>März. In Alt-Serbien ist es in den letzten Tagen an mehreren Orten zu blutigen Excessen gegen die christliche Bevölkerung gekommen. Auf der Straße in der Nähe von Prilep haben Türken einen Geistlichen und zwei Bauern ermordet. Bei Tetomo haben bewaffnete Arnauten einen serbischen Hochzeitszug überfallen, sieben Personen getödtet und einundzwanzig schwer verwundet.
* Athen, 5. März. Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß England, Frankreich und Rußland jährlich 80 000 Mark zur Civilliste des Königs von Griechenland beitragen. Diese Zahlung ist seit 1863, wo die Civilliste des Königs festgesetzt wurde, erfolgt.
* Konstantinopel, 5. März. Einer Meldung des .Standard' zufolge hat sich der vorgestern abgehaltene Ministerrath dahin entschieden, eine ausweichende Antwort auf die Note der Mächte zu geben. Es verlaute, daß die Pforte im Prinzip die Autonomie für Kreta annehme, es aber ablehne, Einzelheiten über dieselbe zu erörtern, bevor die griechischen Truppen die Insel geräumt hätten.
* Kanea, 5. März. Der französische Admiral Pottier berichtete, daß die europäischen Flottenbefehlshaber an ihre Regierungen ein gleichlautendes Telegramm gerichtet hätten, worin es als unrichtig bezeichnet werde, daß sie die Türken im Gegensatz zu den Aufständischen begünstigt hätten, und in welchem versichert werde, daß sie stets dahin gewirkt hätten, alles Blutvergießen zu vermeiden.
Ans dem Kanbtage.
*QF> Abgeordnetenhaus. — 42. Sitzung vom 5. März.
Das Abgeordnetenhaus hat heute die Berathung des Landwirthschafts-Etats wieder ausgenommen, und zwar noch bei dem Titel , Ministergehalt".
Abg. NiKerl erwarb sich wieder das zweifelhafte Verdienst, bie- Debatte von dem sachlichen Boden wegzuführen und im Wesentlichen zu einem öden Gezänk zwischen ihm und den ©einigen einerseits und den Konservativen Graf Kanitz, v. Hepdebrack u. a. zu gestalten.
Graf Kanitz unternahm dabei auch einen Vorstoß gegen den abwesenden Centrums-Abgeordneten Herold, indem er zu Gunsten seines Monopol-Antrages auch aus dem Umstande, daß die Dortmunder Katholiken-Versammlung nicht ausdrücklich, wie Herr Herold verlangt habe, sich gegen den Antrag erklärte, Kapital zu schlagen sich bemühte.
Äbg. schwarze (Centr.) betonte dem gegenüber, daß man in Dortmund eine allgemeiner gefaßte Resolution gewählt habe, daß die Versammlung aber, wenn über den Antrag Kanitz abgestimmt worden wäre, sich zweifellos mit einer