JV® 47 Samstaff, den 27. Februar 1897. 24. Jahrgang
mit UnterhaLtungs-Keilage „Sterne und Htnmen".
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^2 Im Reichstage
kamen am Donnerstag die politischen Zustände in Elsaß-Lothringen zur Sprache. Die Gelegenheit /dazu bot der Antrag Colbus, das Reichstagswahlrecht für die elsaß-lothringischen Landesausschußwahlen einzuführen. Dieser Landesausschuß, dem ein indirektes Korporationswahlrecht, ein so zurückgebliebenes Wahlrecht, wie es sonst nirgends mehr in Deutschland besteht, zu Grunde liegt, ist eine seltsame Körperschaft, die auf den Namen eines Parlaments in der That keinen Anspruch machen kann. Höchstens die mecklenburgischen Landstände können in der Eigenschaft, kein Ausdruck des Volkswillens zu sein, dem elsaß-lothringischen Landesausschuß Konkurrenz machen, so miserable Wahlsysteme es auch sonst noch in den Einzelstaaten, besonders in Preußen, gibt. Wir können zwar auch das preußische Abgeordnetenhaus keine richtige Volksvertretung nennen; immerhin kommen aber die Strömungen im Volke, wenn auch nicht im rechten Verhältniß, bei dem Dreiklassenwahlrecht noch eher zunr Ausdruck als bei dem reichsländischen Kor- poraüonswahlrecht. Kein Wunder, daß der elsaß- lothringische Landesausschuß jede Selbstständigkeit der Regierung gegenüber vermissen läßt.
"3)er Regierung ist das aber natürlich — so wie Lei uns die Regierungen einmal sind — sehr angenehm. Sie kann mit dem Landesausschuß machen, was sie will, und was sie will, das ist uatüplich pllein gut und werfe. Wenn je, ,o güt teilte bei den Regierungen das ZLör't vom „beschränkten Unterthanen- verstände", und sie begreifen nicht, daß es für das Gesannntwohl und die Zufriedenheit der Bürger besfer sein soll, wenn auch das Volk durch eine geordnete ^Vertretung mit selbstständigen Machtbefugnissen mit- rathet und thatet und mit die Verantwortung sür die Staatsleitung trägt. So hat denn auch am Donnerstag der Regierungskommissar dem braven reichsländischen Landesausschuß ein Loblied gesungen.
Man erinnert sich bei der ablehnenden Haltung der Regierung gegen den Antrag Colbus daran, daß der Bundesrath seither auch alle anderen Anträge abgelehnt hat, welche die Reichslande in ihren politischen Zuständen der allgemeinen Rechtslage im Reiche näherbringen und den dortigen Ausnahme-Verhältnissen ein Ende machen wollten. Es bleibt bei dem Diktaturparagraphen, es bleibt bei den veralteten französischen Bestimmungen, welche die Presse chikaniren; ja der Statthalter droht sogar mit noch schärferen Maßregeln gegen die Preffe, wenn diese nicht regierungsfrommer wird, als bisher.
Der Reichstag mag beschließen, was er will — die Regierungen kümmern sich keinen Pfifferling darum! Wenn "der Reichstag bei dieser „respektvollen" Behandlung auch etwas kritischer und zugeknöpfter gegen die Wünsche der Regierungen werden sollte, so würde ihm das Volk daraus ganz gewiß keinen Vorwurf machen. Und wie kann man von der reichsländischen Bevölkerung erwarten, daß sie innerlich deutsch wird, wenn man sie nicht wie alle anderen Deutschen behandelt, sondern wie die fremdländische Bevölkerung eines eroberten, innerlich nicht zu uns gehörenden Landes? Anstatt die Elsaß-Lothringer mit ihrer Lage zu versöhnen, muß man sie durch die fortwährende Ablehnung aller ihrer Forderungen doch nur noch mehr ihrem neuen Vaterlande entfremden.
Daß die Rechte gegen den Antrag Colbus gestimmt hat, beruht nicht allein auf ihrer Ueberein- siimmung mit der Regierung bezüglich Elfaß-Loth- ringens, sondern auch auf ihrer Abneigung gegen das Reichstagswahlrecht, der ja auch der konservative Abg. Graf Roon kürzlich wiederholt Ausdruck gegeben hat. Aber auch die Rational- liberalen haben am Donnerstag die gleiche Abneigung gegen das Reichstagswahlrecht bekundet — eine neue Mahnung für das Volk, nicht abermals, wie vor 10 Jahren, einen Reichstag zu wählen, in welchem die beiden „konservativen" Parteien mit den Rationglliberalen die Mehrheit hätten!
Deutsches Deich.
Berlin, 26. Februar.
* Der Ieflzng des Kartekk-Dervandes siattzo- kischer deutscher Studenten-Deröindungen zur Ehrung des Kaisers Wilhelm i. anläßlich seines 100. Geburtstages fand heute Vormittag 11 Uhr statt und erregte in den Straßen, welche er passirte, die größte Aufmerksamkeit der zahlreichen Passanten. Unter den Linden begegnete man besonders vielen angesehenen Katholiken. Vor der Kneipe der Suevia, Friedrichstraße Nr. 111, bestiegen die Chargirten der einzelnen Verbindungen in Vollwichs und mit den farbenprächtigen hoch flatternden Fahnen die stattlichen Wagen. Der Vororts-Präsident (Saxonia-Münster) eröffnete in einem Vierspänner den Zug, und ihm schlossen sich in 19 folgenden Wagen an die Chargirten der Aenania-München, Winfridia-Breslau (in 2 Wagen), Guestfalia-Tübingen, Bavaria-Bonn, Marco- mannia-Würzburg, Germania-Berlin, Saxonia-Münster, Hercynia-Freiburg, Rhenania-Marburg, Burgun- dia - Leipzig (in 2 Wagen), Silesia - Halle, Macaria- Berlin, Palatia-Göttingen, Alemannia-Greifswald (in 2 Wagen), die Gothia-Erlangen und die Suevia-Ber- lin, letztere in einem Vierspänner. Der Zug bewegte sich durch die Friedrichstraße, die Nordseite der Linden, ander Universität vorbei bis zum König!. Schlosse, wendete dann und fuhr die Südseite der Linden entlang durch den Thiergarten nach Charlottenburg vor das Mausoleum, wo eine Deputation, bestehend aus dem Vororts-Präsidenten, dem Vertreter der ältesten Verbindung des Verbandes Aenania-München und der hiesigen Verbindung Suevia, den prächtigen, von Kornblumen, Theerosen und Maiblumen durchflochtenen und r.’.'.t drei großen Palm wedeln geschmückten Lorbeerkranz von ca. l!/t Meter Durchmesser am Sarkophage Kaiser Wilhelms I. niederlegte. Auf der weißseidenen Widmungsschleife des Kranzes stand in goldenen Lettern die Inschrift: „Der Kartell-Verband katholischer deutscher Studenten-Verbindungen." Nach Niederlegung des Kranzes begab sich der Festzug wieder auf demselben Wege zum Ausgangspunkte zurück.
* In Betreff der Wirrer; auf Kreta hat die russische Regierung im Einverständniß mit O e st erreich und Deutschland eine im scharfen Ton gehaltene Cirkularnote an Griechenland gerichtet. Authentisch verlautet: Durchdrungen von der Ueber- zeugung, daß nur'durch ein festes, zielbewußtes Vorgehen der Großmächte gegenüber der revolutionären Bewegung auf Kreta ein Umsichgreifen derselben auf andere Gebietstheile der Türkei und damit eine Gefährdung des europäischen Friedens vermieden werden kann; beseelt von dem Wunsche, seinerseits alles auf- zubieren, um Europa vor dem Ausbruch eines möglicherweise aus so frivolen Ursachen hervorgehenden Krieges zu bewahren; endlich in der Erkenntniß von der Richtigkeit der Stellungnahme Deutschlands, sowohl in der kretensischen Frage wie auch Griechenland gegenüber, hat Rußland es für nothwendig erachtet, Griechenland durch seinen Gesandten in Athen auffordern zu laffen, seine Flotte und die gesammte auf Kreta befindliche Truppenmacht innerhalb dreier Tage zurückzuberufen. Sollte Griechenland in blinder Verkennung seines eigenen Vortheils dennoch den wohlgemeinten Rathschlägen Rußlands und der mit ihm verbündeten Mächte ferneren Widerstand entgegensetzen oder Schwierigkeiten bereiten oder sich durch selbstsüchtige Freunde in seinem bisherigen Verhalten aufmuntern lassen, vielleicht in der falschen Voraussetzung von einer Uneinigkeit unter den Großmächten, weil eine oder die andere Macht nicht von vornherein den Vorschlägen Rußlands, welches sich mit Deutschland und Frankreich eins weiß, beitrat, so ist Rußland entschlossen, die Konsequenzen aus diesem den Frieden Europas in höchstem Maaße bedrohenden Widerstände Griechenlands zu ziehen und mit den schärferen Repressalien gegen dasselbe vorzugehen, als deren erste es bereits die von ihm acceptirte Blockade der Häfen ansieht. Im Bewußtsein von der Einigkeit mit Frankreich und dem absoluten Einverständniß mit Deutschland und auch Oesterreich wird Rußland, selbst wenn einzelne Mächte sich seinen Schritten nicht anschließen sollten, in der Lage sein, den Frieden Europas durch die Vorgänge auf Kreta
jedenfalls nicht gefährden zu lassen. Mit den übrigen Großmächten ist Rußland der Ansicht, daß die Annektion Kretas durch Griechenland außer Betracht zu bleiben hat und daß vor dem Eintritt in Verhandlungen über die zukünftige Gestaltung Kretas der völkerrechtswidrigen Aktion Griechenlands ein Ende zu machen fei. Dementsprechend hat sich Rußland mit den Mächten dahin verständigt, nach der Räumung Kretas durch die griechische Militärmacht zunächst wieder Ruhe und Ordnung auf der Insel herzustellen und auf ihr sodann unter dem Schutze der Großmächte unter Suzeränetät des Sultans eine Autonomie einzuführen.
Diese energische Sprache wird ohne Zweifel ihre Wirkung nicht verfehlen. (Vgl. Neueste Post.)
h Die außerordentliche persische chesandt- sch-rft, aus drei persischen Würdenträgern bestehend, welche die europäischen Regierungen von der Thronbesteigung des gegenwärtigen Schahs offiziell in Kenntniß zu setzen hat, ist aus Paris in Berlin eingetroffen und wird in den nächsten Tagen vom Kaiser empfangen werden.
König Stumm II., nämlich der national- liberale Reichstagsabgeordnete Frhr. v. Heyl, Großindustrieller in Worms, bedauert, sich nicht mit Professor Wagner schießen zu können. Erläßt nämlich auf eine Auseinandersetzung, die dieser ihm gegenüber in der „Zukunft" über die Rede Wagners auf dem christlichen Bergarbeitertage, zu Bochum veröffentlicht, in drr „Post" eine Erklärung vom Stapel, worin er schreibt: „Eine persönliche Auseinandersetzung, welche mir der in der Sache nicht begründete persönlich verletzende Ton nahe legen müßte, ist nach früheren Vorkommnissen mit dem Reichstagsabgeordneten Frhrn. v. Stumm zu meinem Bedauern nicht möglich." Dies? „früheren Vorkommnisfe" bestehen darin, daß Prof. Wagner sich geweigert hat, eine Duellforderung des Herrn v. Stumm anzunchmen. Herr v. Heßl copirt diesen, wie man sieht, sehr getreu; „wie er sich räuspert und wie er spukt, das hat er ihm glücklich abgeguckt". Uebrigens wieder ein hübscher Beitrag zum „Kampf für Religion, Sitte und Ordnung"!
Die ZLudgetkommission des Reichstags beschäftigte sich am Freitag zunächst mit der Reso- lution v. Vollmar (Soz.), wonach Fourage- rationen an Offiziere künftig nur für zum Dienste nothwendige und jedenfalls nur für thatsächlich vorhandene Pferde geliefert werden sollen. Abg. Müller- Fulda (Ctr.) beantragte, den Reichskanzler zu ersuchen, die für die Besoldungsaufbesserung erbetenen Nachweise auf die Pferdehalturlgsverhältnisse auszudehnen. Minister v. Goßler erklärte sich dazu bereit, worauf die Abgg. Müller und v. Vollmar ihre Anträge zurückzogen. Ein zweiter Antrag Vollmar betr. Verminderung der Tagegelder usw. für höhere Offiziere wurde ebenfalls zurückgezogen, nachdem Minister v. Goßler erklärt hatte, an den Reifekosten und Tagegeldern könnten die Offiziere nicht sparen; die Frage einer Neuordnung her Reisegelder sei übrigens im Fluß. Schließlich wurde noch das Kapitel: Einnahmen aus der Veräußerung von Festungsgelände, genehmigt. Nächste Sitzung 5. März: Marineetat, ft Das Mandat das sür Bran denburg-West- Havelland gewählten sozialdemokratischen Abg. P eu s ist von der Mahkprüfnugssiommission des Reichstags für giltig erklärt worden, da ihm abzüglich der durch Protest angefochtenen Wahlstimmen noch 10 Stimmen über die absolute Majorität verbleiben. — Die Wahlprüfungskommission beschäftigte sich ferner mit der Wahl des Abg. Reichmuth (1. Weimar, Rp.). Es wurde beschlossen die Entscheidung über die Giltigkeit auszusetzen, bis das Resultat weiterer Erhebungen vorliegt.
Inder Margarine-Kommission des Reichstags wurde am Donnerstag Abend zunächst eingehend über den neuen verborgenen Färbestoff, das Dimethylamidoazobenzol oder „Buttergelb" verhandelt. Geh. Rath v. Buchka gab nähere Aufschlüsse, über die int Reichsgesundheitsamt damit angestellten Versuche. Das Aussehen der Margarine sei bei einem Zusatz von 2 Gramm zu 100 Kilo ein butterähnliches. Wolle man das Mittel auswaschen, so würde die Margarine ein ungenießbares Fett. Durch die An-