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JVs. 46

Freitaq, den 26. Februar 1897.

24. Jahrgang

ulimcrMZcitliiig

mit Unterhaltrrngs-Kettagr „Ktrrne und Kinmen".

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Ernst und Jetzt.

Ein ebenso interessantes wie höchst lehrreiches Ge­st indniß verdanken wir der Montagsdebatte im Reichs­tage über die kretischen Wirren, ein Geständniß, das für immer festgenagelt werden muß. Angesichts der großen Genugthuung, welche sich heute bei allen Nationalen" über die thatkräftige Einmischung Deutschlands in den Streit zweier fremden Mächte kundgibt, konnte es sich der Abg. Dr. Lieber nicht versagen, etwas Wasser in den schäumenden Pokal der Begeisterung zu gießen, indem er auf den Wandel der Zeiten und der Menschen hinwies.

„Ich verzichte darauf", so führte Dr. Lieber aus, „in diesem Augenblick mit dem Herrn Abgeordneten Hasse mich darüber auseinander zu setzen, wie sehr seit 26 Jahren die Zeiten sich geändert haben. Da­mals hieß es in dem berühmten Ad ressen-Ent­wurf vom 27. März 1871, der unter seinen Unter­zeichnern an erster Stelle den Namen des Abg. Dr. von Bennigsen trug: „Die Tage der Einmisch­ung in das innere Leben anderer Völker werden, so hoffen wir, unter keinem Vor­wande und in keiner Form wiederkehren." Damals haben meine politischen Freunde nichts weiter erstrebt, als diese apodiktischen und ganz allgemein jedwede Einmischung in fremde Angelegenheiten aus­schließenden Worte aus der ersten Adresse, welche der Reichstag an den ersten Kaiser des neuen Deutschen Reiches richten sollte, fern zu halten. Diejenigen, welche mit mir die schweren Kämpfe des jungen Cen­trums in den damaligen Märztagen mitgemacht haben, aber auch alle jüngeren Mitglieder des Centrums werden heute mit Befriedigung den großen Wandel in den Anschauungen bei den Freun­den des Herrn Abg. Dr. v. Bennigsen festzustellen haben. Die Dinge sind eben stärker als die Men­schen (Zuruf links), — verehrtester Herr Kollege Dr. Marquardsen (Heiterkeit), und da Sie die Güte haben, das, wenn auch mit Bedauern, zuzugestehen, so verzichte ich, wie gesagt, um so lieber darauf, den Triumph, den in diesem Augenblick durch die An­regung des Herrn Abgeordneten Dr. Hasse meine Politischen Freunde, wenn auch spät, erleben, weiter zu verfolgen."

Das war bitter für die Herren auf der Linken, mögen sie nun um Bennigsen oder Richter sich schaaren. Diese beiden, neuerdings so feindlichen Brüder fühlten sich gleichmäßig getroffen und fanden sich da­her auch in seltener „rührender" Eintracht zusammen, um ihren Wandel zu vertheidigen respektive zu ent­schuldigen. Der dabei aufgesührte Eiertanz wäre er­götzlicher gewesen, wenn sich der Katholiken nicht gleichzeitig ein sehr ernstes Gefühl hätte bemächtigen müssen. Richter nämlich sowohl wie Marquardsen, der für den abwesenden Bennigsen sprach, mußten unumwunden zugeben, daß man damals etwas voreilig gehandelt, aber — man habe da-

Todtrngräbrrs Töchterlein.

Roman von I. Fichtner.

26} ------ (Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

„Ich weiß alles; danken wir Gott, daß er uns schneller zum Ziele führte, als zu hoffen war. Ich wagte kaum zu hoffen, daß ich eine Schwester finden würde — nun finde ich mehr als diese — liebe Ver­wandte, die mir im Leben immer zum Glücke gefehlt haben! Laß' uns deshalb nicht zögern, Onkel, und führe mich zu meiner Schwester!" sprach er dringend.

„Wie werden sie staunen, meine Frau und sie; soll ich sie nicht erst vorbereiten?" fragte Kurt zögernd.

„Es wird nicht nöthig fein — ich denke nicht, daß sie erschrecken wird" — es schien ihn unaufhalt­sam zu einem Ende zu drängen.

„Nein, erschrecken wahrlich nicht", lächelte Kurt, mit Stolz auf seinen Neffen blickend, der in seiner sympathischen Erscheinung Magdalenen glich.

Eben erhob sich diese, um nach Onkel Kurt zu sehen, als die beiden Herren in den Salon traten. Jähe Röthe überflog das feine Gesicht des Mädchens, und sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Sie erkannte ihn sofort als jenen Herrn, der sie einst so überraschte; was wollte er hier?

mals dem Papste und Neuitalien gegenüber gestan­den und „nur" ausdrücken wollen, daß das deutsche Volk sich in die römische Frage der Wieder­herstellung der weltlichen Macht des Papstes nicht mischen wolle. Mit schneidender Schärfe konnte Herr Lieber die beiden Herren an der Hand des Wortlautes der damaligen Adresse da­rüber belehren, daß weder in der Fassung noch in der Begründung von der römischen Frage die Rede gewesen sei. „Im Gegentheil ist ganz allgemein von dem Grundsätze der Nichteinmischung in bas Le­ben anderer Völker gesprochen und die Bedeutung der gegnerischen Adresse eben darin gefunden worden, diesem Grundsatz „eine kräftige und deutliche Zu­stimmung zu geben". Damals sofort, wie auch in späteren ^Schriften, ist von unserer Seite auf die große Schwäche des Adreß-Entwurfes v. Bennigsen hinge­wiesen worden, die darin liegt, daß Sie, die Ihnen wenig genehme römische Frage allerdings zum Aus­gang nehmend, einen ganz allgemeinen Grundsatz auf- gestellt haben, der uns, auch abgesehen von der uns am Herzen liegenden römischen Frage, mit den himmel­anstrebenden Hoffnungen und den gerechten Erwar­tungen von dem neuerstandenen Deutschen Reiche und seiner Herrlichkeit wenig vereinbar schien, und ich freue mich, daß wir uns auf diesem Boden vollständig zu­sammenfinden: es gibt im Leben auch des neuen Deutschen Reiches „Augenblicke, wo man dem Welt­geist näher steht als sonst," und nicht mehr sagen kann, „die Tage der Einmischung in das innere Leben der Völker werden unter keinem Vorwande und in keiner Form wiederkehren". Es war ha!t, so schloß Redner, etwas gar zu stark aufgetragen damals, weit stärker als nothwendig war, um vom Papste zu essen und dann nach 26 Jahren an dieser Speise zu sterben."

Heiterkeit verzeichnet hier der stenographische Be­richt aber das Lachen kam den Herren auf der Linken nicht von Herzen,' dafür war die Abfuhr zu scharf, und die Herren Richter und Marquardsen sind viel zu gescheidt, als daß sie die sich zugezogene Blamage nicht vollauf hätten würdigen sollen. Zwar ist das Nichtinterventionsprinzip seit 1871 dutzendmale durch­brochen worden, aber niemals trat der schreiende Widerspruch, in welchen die Urheber desselben mit den Thatsachen gerathen sind, so grell in die Erscheinung wie heute.

Und noch ein Weiteres ist klar geworden. Mit dürren Worten ist am Montag von freisinniger wie nationalliberaler Seite eingestanden worden, daß nur blinder, fanatischer Haß gegen katholische Kirche und Papstthum die Reichstagsmehrheit von 1871 zu der famosen Adreß-Fasfung, welche man jetzt aus der Welt wünscht, veranlaßt hat. Das gibt zu denken. An der Vergewaltigung des heiligen Stuhles und des Restes vom Kirchenstaat waren wir stärker interessirt, als an den kretischen Wirren. Nicht bloß, weil uns Italien näher liegt und der Bruch

„Magdalena, ich bringe Dir einen Bruder — Deinen einzigen Bruder — Graf Walter Clären!" Seine Stimme bebte; der welterfahrene Mann bemühte sich vergebens, seine Rührung niederzukämpfen.

Schwankend griff Magdalena nach einer Stütze — nahmen die Ueberraschungen denn gar kein Ende? Sie hatte wohl einen Bruder, das hatte sie erfahren; aber daß sie schon Auge in Auge ihm gegenüber ge­standen hatte, das konnte sie zuerst nicht fassen. Und wie umschloß er jetzt mit seinen Augen, seinem innigen Blicke die schöne, edle Gestalt, die in ihrer Verwirrung herzbestrickend vhr ihm stand, so einfach und lieblich, unberührt und rein, wie eine selten blühende Blume.

Klementine war an ihre Seite getreten und winkte ihn näher. Thränen schimmerten in ihren Augen, als die beiden Kinder ihrer einzig geliebten Freundin in erster, zärtlich scheuer Umarmung sich zusammen­fanden.

„Es liegt ein Segen auf treuer Freundschaft, das fühle ich heute mehr als je," sagte sie bewegt. Und nun gab es der Worte und des Erzählens viel unter den Vereinigten.

„Ich hätte Dich, meine liebe Schwester, wohl kaum gefunden, wenn nicht mein Freund zuerst mich hierhecgeführt hätte", sprach Walter und sah Magda­lenen tief in die Augen. Ein heftiger Schreck durch-

des Völkerrechts in einem civilistrten Staate schwerer wiegt und gefährlicher wirkt, als eine Gewaltthat im unfriedlichen Orient, sondern besonders deshalb, weil die wichtigsten Interessen des katholischen Drittels der deutschen Station auf dem Spiele standen. Deutsch­land war also unmittelbar interessirt. Das Alles kann nur Derjenige leugnen, der die Rechte der katho­lischen Kirche mißkennt und verachtet. Und da liegt's. Völkerrecht gilt für den ungläubigen Libe­ralismus nicht, wenn die Kirche in Frage kommt, mögen auch die heiligsten und verbürgtesten Rechte in Frage kommen. Man mag daraus ermessen, was es bedeutet, wenn die Leute heute von einem Rechtsbruch Griechenlands gegen das verrottete türkische Reich reden!

:|: Sollen die Griechen Kreta haben?

Die Einigkeit der Mächte war auf dem „besten" Wege, in die Brüche zu gehen, als die Griechen durch ihr gänzlich unverantwortliches Vor­gehen gegen Haleppa bei Kanea sie wiederherstellten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie durch diese sträfliche Unbesonnenheit sich die Sympathie, welche sie etwa noch bei den Großmächten fanden, bis auf ein Mindestmaß verscherzt haben und man sich jetzt nicht mehr zu wundern braucht, wenn ein energischeres Vorgehen gegen sie in Anwendung kommt, wie sehr auch die ganze Sachlage dadurch an Schwierigkeit gewinnt.

An sich würde keine Bedrohung des Völker- riedens darin liegen, wenn Kreta von der Türkei aktisch abgetrennt und einer einzelnen Macht über­assen würde, und sei es auch Griechenland. Die Mächte haben den Griechen den weitesten Spielraum gelassen: der Ausschiffung ihrer Truppen ist nur ein papierner Protest entgegengesetzt worden, Proviant können sie landen, soviel sie wollen, und daß dabei auch Munition an Land gebracht wird, bezweifelt wohl Niemand; im Innern Kreta's konnten sie sich nach Belieben häuslich einrichten, nur die vier Städte Kandia, Kanea, Rethymo und Sitia sollten sie unan­gefochten lassen — man muß sagen, daß dies so gelinde Saiten waren, wie sie einem offenen Bruche des Völkerrechtes gegenüber nur aufgezogen werden konnten und Zugeständnisse, die nur deshalb gemacht wurden, weil die Mächte unter sich zu wenig einig waren, um mit der Entschiedenheit gegen Griechen­land vorzugehen, wie sie sonst unbestreitbar gerecht­fertigt gewesen wäre.

Griechenland hat diese Behandlung nicht zu schätzen gewußt. Es ist von einem Dünkel befallen, der seiner thatsächlichen Macht und Bedeutung zu­gleich widerspricht und darin liegt eine schlimme Gefahr. Die Griechen und Kreter sind einander würdig, beide Völkerschaften sind demoralisirt; ob sie nun zusammen kämen, könnte sonst gleichgiltig sein, aber es ist eine bei allen Sachkennern fest­zuckte sie; mühsam fragte sie: „Dein Freund?" Mit dem Gedanken an ihn brannte es wie Feuer in ihrem Herzen. Nie wollte sie ihm begegnen, denn er würde sie doch niemals beachten.

„Wieder der Segen der Freundschaft," scherzte Kurt und zog seine Frau an sich.

Nicht lange litt es Walter; es drängte ihn, seinem Vater Trost und Beruhigung zu bringen. Die Ge­schwister trennten sich also vorläufig wieder.

„Ich habe das Glück nicht verdient, eine Tochter um mich zu haben", sagte der alte Graf. „Sie soll an mein Sterbelager kommen, wenn sie will, damit ich sie segnen kann!"

Und es dauerte nicht lange mehr mit ihm. Die Erkenntniß seines Unrechtes nagte an ihm und brach seine Lebenskraft. Sie kamen alle zur letzten Stunde. Die junge Gräfin Magdalena geleitete wie ein Engel des Lichtes die versöhnte Seele in die Ewigkeit.

Fortan sollte sie mit ihren Lieben hier weilen. Walter und Manfred aber ergriffen den Wanderstab, um die unterbrochene Reise fortzusetzen.

Magdalena benutzte die Zeit redlich, um sich mit Hilfe der guten Tante vollständig die Bildung anzu­eignen, die ihrer Gesellschaftsstellung entsprach. Immer aber blieben Einfachheit und Natürlichkeit die Grund­züge ihres Wesens. Magdalena verfügte nun über