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Donnerstag, den 25. Februar 1897.

24. Jahrgang

mit UnterhaUrmgs-KeiLage „Sterne nnd KLnmen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Brinaerlohn und BeüelloeL in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Mennia Inserate kosten die einspaltrge Garmondzerle oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeise 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

A Der Reichsinvalidenfonds nud der Antrag Müller-Fulda.

Der von uns bereits ausführlich erwähnte Beschluß der Budgetkommission des Reichstags gemäß dem An­trag Müller-Fulda, die für die Unterstützung der be­dürftigen, erwerbsunfähigen Kriegstheilnehmer (Vete­ranen) ausgesetzte Summe von 1,800,000 Mk. jährlich auf 2,760,000 Mk. zu erhöhen, damit allen Be­rechtigten die ihnen gesetzlich zustehende Beihilfe aus­gezahlt werden könne, kam gestern im Plenum des Reichstags zur Verhandlung.

Nach dem Berichterstatter, der die Annahme des Beschluss es befürwortete, erhielt Abg. Müller-Fulda das Wort und begründete den Beschluß ausführlich; er lieferte den Beweis, daß solcher nicht allein ge­setzlich zulässig sei, sondern, daß die Nichtaus­führung im Gegentheil eine Verletzung des Gesetzes sein würde, sür welche diejenigen, die sie verschulden, eine schwere Verantwortung treffen müßte. Er wies ferner nach, daß von den zur Verfügung stehenden Zinsüberschüssen seit dem 30. Juni 1894 3,165,000 Mk. nicht ausgezahlt worden seien, während man die an­erkannten berechtigten Veteranen wegen angeblichem Mangel an Mitteln abgewiesen habe. Hierüber verlas er Bescheide der Landrathsämter als Beweis­stücke, Briefe von Veteranen, welche anerkannt sind, sich in bitterer Noch befinden und doch nichts er­halten „wegen angeblichem Mangel an Mitteln", während man auf der anderen Seite die gesetzlich zur Verfügung stehenden Gelder nicht vertheilt habe. Auch der Vorstand des Verbands deutscher Kriegs­veteranen in Leipzig habe sich an ihn gewandt und ihn „flehentlich gebeten, dafür einzutreten, daß die Rechte der Veteranen endlich erfüllt würden." Er müsse verlangen, daß der Bundesrach nicht länger zögere, dem bestehenden Mißstande abzuhelfen und daß dafür gesorgt werde, daß die Veteranen das er­halten, was ihnen von Rechts- und Gesetzeswegen gehöre.

Abg. v. Leipziger (Bund der Landwirthe, konservativ) bekämpfte die Ausführungen des Abg. Müller-Fulda und meinte, dessen ziffernmäßige An­gaben seien nur Wahrscheinlichkeitsrechnungen, wurde jedoch sofort vom Grafen v. Po fad owsky (Staats­sekretär des Reichsschatzamts) widerlegt, der unum­wunden die Richtigkeit der Angaben des Abg. Müller-Fulda zugab und die bestimmte Zusage machte, daß der Bundesrath sowohl die vollen Zins­überschüsse der folgenden Jahre als auch die bisher nicht vertheilten 3,165,000 Mk. nachträglich zur Verthei- lung bringen werde. Ein Nachtragsetat hierüber solle dem Reichstag demnächst zugehen und deshalb bitte er, die Angelegenheit nicht durch eine Aenderung des Hauptetats, sondern durch eine den Nachtragsetat fordernde Resolution zu beschließen.

Die Abgg. Müller-Fulda und Dr. Lieber brachten hierauf alsbald die betreffende Resolution

Todtengraörrs Töchterlein.

Roman von I. Fichtner.

25] ------ (Nachdrukk verboten.)

Sie waren endlich zurückgekommen, Klementine und Kurt von Walden, die Neuvermählten, um sich für den Winter in der Nähe der großen Stadt, in dem liebgewonnenen Haufe einzurichten.

Der erste Gang Klementine Walden's galt Magda­lenen ; aber so wie sie in der kurzen Zeit eine Andere geworden war, so sand sie auch in dem jungen Mäd­chen eine Andere wieder. Zur vollen Schönheit er­blüht, aber träumerisch, fast schwermüthig drängte sich ihr in der Person Magdalenens die Erinnerung an eine ferne Vergangenheit unabweisbar auf. Eva Wal­den — immer wieder fand ihr prüfender Blick größere Aehnlichkeit: die Augen, die Haare, jeder Zug des in der ersten JugendZprangenden liebreizenden Gesichtes war der der verlorenen Freundin. Darum erregte Magdalenens Erzählung in ihr nicht maßloses Stau­nen ; sie war vielmehr eine Bestätigung ihrer Ahnung, und als Magdalena das Medaillon hervorzog, da ge­nügte ein Blick, um siegreich ihre Vermuthung zur Gewißheit zu machen. Mit behender Hand zog sie ein gleiches. Medaillon hervor und verscheuchte dadurch alles Mißtrauen und Zagen in dem Herzen des jun-

ein, und dieselbe wurde vom Reichstag mit allen gegen eine Stimme, die des Grafen Kanitz, angenommen.

Der Nachtragsetat, welcher die Erwartungen der Veteranen erfüllen soll, wird sofort im Reichsschatzamt ausgearbeitet, und wenn die hedürftigen, erwerbsun­fähigen Kriegstheilnehmer künftig alle ihren Ehrensold auch thatsächlich erhalten werden, so haben sie es dem Centrum zu verdanken, welches nicht blos schöne Redensarten für sie übrig hat, sondern seinen Worten auch den gehörigen Nachdruck zu geben weiß, so daß sie im Bundesrath Annahme finden und ausge­führt werden. (Wenn es der Raum unseres Blattes gestattet, werden wir die Rede des Abg. Müller- Fulda vielleicht noch nach dem stenographischen Bericht im Wortlaut bringen. D. Red.)

5*1 Die Wirren aus Kreta.

Neber die Vorgänge auf der Insel Kreta laufen fortwährend so verschiedenartige Meldungen durch die Blätter, daß es fast unmöglich ist, sich ein klares Ur- theil über die Lage und über den augenblicklichen Stand der Bewegung zu bilden. So viel ist sicher: das Blutvergießen auf der Insel dauert einstweilen noch fort. Nach einer Meldung der ,Voff. Zeitung" aus Kanea rücken die Aufständischen wieder gegen Kanea vor, jedenfalls eine Verzweiflungsthat, die nur die unheilvollsten Folgen für sie haben könnte. Viel­leicht daß Oberst Vassos, dessen Truppen nicht im Lager auf Akrotiri standen, als die fremden Flotten dieses beschossen, Einfluß übt, um die Aufständischen von weiteren Unbesonnenheiten abzuhalten. Die Au­tonomie der Insel ist ihnen durch die Erklärungen im ■ französischen und englischen Parlament sichergestellt, und die Befreiung von der türkischen Herrschaft ist doch die erste Bedingung , die der Aufstandsausschuß seinerzeit stellte; die Vereinigung mit dem griechischen Mutterlande kam erst in zweiter Linie.

Leider scheint es, als wenn die Schüsse von den fremden Kriegsschiffen eine unheilvolle Wirkung im Innern Kretas Hervorrufen und, anstatt Frieden zu gebieten, zu einem Vernichtungs­kampfe zwischen Christen und Moha- medan ern auch in jenen Gegenden führen, wo bis­her verhältnißmäßige Ruhe herrschte. ' Nicht allein der Norden und der Osten, auch der Südwesten kommt jetzt in Bewegung, und die Leute im Süden der Aspra Vuna, des weißen Gebirges der Sphakia, kennen nur den Vernichtungskrieg, sobald es sich um die Türken handelt; sie kümmern sich nicht um das Völkerrecht, wenn der Gegner geschützt rverden soll.

Das Reuter'sche Bureau meldet zur Kennzeichnung der Lage aus Kanea: Der englische, der italienische und der russische Konsul sind mit 170 flüchtigen Mohamedanern auf dem Seewege aus Selino hierher zurückgekehrt. Es gelang den Konsuln nicht, Verhand­lungen mit den Führern der Aufständischen zu er­öffnen, die zum Vertilgungskriege entschlossen sind, gen Mädchens. Welche Stürme wachten auf in der Brust ihres Gemahls, als Klementine ihm seine junge Nichte entgegenführte: sein eigenes unseliges Verhäng- niß hatte auch die theuere Schwester aus der Heimath vertrieben, und die Erinnerungen jener schrecklichen Nacht thürmten sich vor ihm mit allen ihren Schrecken von Neuem auf.

Nun weilte Magdalena fchon wochenlang bei den Neuvermählten, die mit Liebe und Zärtlichkeit sie um­gaben, sie als ein Geschenk des Himmels betrachteten. Gern ließen ihre alten Pflegeeltern sie ziehen, im Herzen froh, daß dem Kinde sein Recht und damit eine frohe, glückliche Zukunft werden sollte. Es war ja reichlich für sie gesorgt; nichts mangelte ihnen und Dankbarkeit tilgte, was zu tilgen war. Ruhig konn- : en sie also ihren Lebensabend in ihrer lieb gewohn­ten trauten Hütte beschließen.

Für Waldens blieb noch eine offene Frage: Durf­ten sie mit Recht das Mädchen behalten? War es nicht ihre Pflicht, ihr die Rechte ihrer Abkunft zu verschaffen, sie ihrem Vater zuzusühren? — Man hatte sie kaum gefunden, und doch erschien es ihnen als eine Gewisfenspflicht, , thätig einzugreifen; aber der Gedanke, Magdalena zu verlieren, war so hart, daß man von einem Tage zum andern unentschieden zögerte.

Die Mohamedaner und die Christen in Selino haben beiderseits die Gefangenen umgebracht. 2000 Einwohner und 250 türkische Soldaten mit drei Geschützen halten dort noch aus, doch ist ihre Lage sehr kritisch. In Kadano feuerten die Christen auf die Konsuln, obgleich ihnen deren Ankunst angekündigt war und ungeachtet der von diesen geführten weißen Flagge. Als die Konsuln nach Selino zurückkamen, hatten die Christen neue Stellungen eingenommen und feuerten gleichfalls auf die Konsuln; rund um die Boote der Kon­suln gingen Schüsse nieder. In Kastelli schonten die regulären griechischen Truppen das Leben der moha- medanischen Gefangenen. In Kanea sind 2 Offiziere und 60 Soldaten angekommen, die bei dem Gefechte von Vukolrs entkommen find.

Eine spätere Meldung aus Kanea besagt jedoch, daß es den Konsuln gelungen sei, den kriegführenden Parteien in Selino einen s i e b e n t ä g i g e n W affen- stillstand vorzufchlagen, der schließlich von Moha­medanern und Christen angenommen wurde. Welche Nachricht die richtigere ist, wird sich erst später Heraus­stellen.

Nach einer Wiener Meldung der,Nordd. Allgem. Ztg." dürften übrigens die Verhandlungen über die kretische Frage nicht so rasch beendet sein, als gehofft wurde. Die Kommandanten der großmächtlichen Schiffe vor Kreta hätten weitere Instruktionen im Sinne eines energischen Vorgehens erhalten. In Athen herrscht höchfle Erbitterung gegen Deutsch­land, das man als den Urheber des Bombardements betrachtet. Die deutsche Gesandtschaft wird durch griechisches Militär bewacht. Viele Geschäfte sind ge­schlossen.

Der Minister des Aeußern Skuzes soll auf die Bemerkung der Vertreter der Mächte, daß die Aktion Griechenlands in Kreta ungünstig auf die griechischen Finanzen rückwirken müsse, erwidert haben, die griechische Regierung werde sich möglicherweise ge­zwungen sehen, die Zahlung der nächsten Koupons zu unterlassen. Sollte das eine Drohung für die europäischen Staaten sein, deren Angehörige im Vertrauen auf Griechenlands Ehrlich­keit ihm Kredit gewährt haben, so wäre diese Hal­tung nur geeignet, die europäischen Mächte in dem Glauben zu bestärken, daß Griechenland nicht die Macht ist, der man das fernere Geschick Kretas an­vertrauen könnte. Durch seine materiellen Macht­mittel kann Griechenland nun- und nimmermehr in den Besitz Kretas gelangen, Kreta könnte für Griechen­land mit Zustimmung der europäischen Mächte nur eine moralische Eroberung werden; moralische Er­oberungen macht man aber nicht durch Unehrlichkeit und Betrug.

Aus Wien wird gemeldet: Die Nachricht, daß die Gesandten der Großmächte die Zurückziehung der griechischen Truppen aus Kreta innerhalb 24 Stunden verlangten, wird hier als unrichtig bezeichnet. Man

Heute, nachdem sie sich über die weitere Erziehung Magdalenens berathen hatten, ermannte sich Kurt, um nunmehr brieflich an den Grafen, seinen Schwager, heranzugehen. Während die Damen sich in Erinne­rungen vertieften, die für die Jugend so reizvoll sind, saß er in seinem Arbeitszimmer und machte sich an die schwierige Aufgabe. Jedenfalls war dieser Weg der beste; es schien ihm unmöglich, die Vergangenheit Auge in Auge mit dem Grafen aufzugraben und darin zu wühlen.

Trotz seines jungen Glückes sah er recht sorgen­voll aus. Weiße Silbersäden durchzogen das volle Haar. Das Haupt auf die Hände gestützt, versenkte er sich in die Betrachtung über die verschiedenen Lebens­schicksale der Menschen. Irrend und tastend in der Jugend, findet die Mehrzahl erst auf der Höhe des Lebens den wahren Halt, um in Ruhe und Frieden den Pfad hinabzuschreiten, so kurz oder lang er eben ist! Er merkte nicht das leise Klopfen des"'Dieners. Erst als dieser den grauen Kopf herAnsteckte, wurde er aufmerksam und winkte denselben näher.

„Ein junger Herr wünscht Sie zu sprechen," be­richtete Bernhard und überreichte seinem Herrn die Karte. Dieser wollte erst ablehnend antworten; doch ein Blick auf die Karte genügte ihm, um wie elekterisirt aufzufahren.