Einzelbild herunterladen
 

JK 43

Dienstag, den 23. Februar 1897. 24. Jahrgang

iiIdiikrWZeitiiiili

_________mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klnmen«.

Er betrat ihre Schwelle nicht wieder; nur die Sehnsucht nach seinem Sohne, dem Einzigen, das

Sern Sohn trat ihm entgegen und erschrak sichtlich über die todtfahle Blässe in dem Gesichte des Vaters den schwankenden Schritt, der einer Stütze bedürftig erschien. Machtvoll drängte sich ihm im Augenblick die Befürchtung auf, daß er vielleicht in Kurzem ganz allein, verwaist sein würde. Unwillkürlich verdoppelte W ^tne d^Bl'ck^^' Unb ban9e Besorgniß sprach aus

Fühlte der alte Graf die stumme Angst, oder drängte sich ihm selbst die Gewißheit auf, daß in seinen Jahren täglich ein Ereigniß eintreten könnte, das ihn für immer von seinem Sohne trennte? War es nicht seine Pflicht, den Sohn aufzuklären über das düstere Geheimniß, das, unausgesprochen, selbst das Andenken der Mutter bei ihrem Kinde untergraben konnte?

Mußte es nicht sein heiligstes Bestreben sein Alles zu ergründen, was die Schatten jener Nacht herauf­beschworen? Daß sie — die Tiefgekränkte — nicht mehr unter den Lebenden weilte, war ihm fchier zur Gewißheit geworden, denn nimmermehr hätte sie es ertragen, auf die Dauer von ihrem Kinde fernzu­bleiben; sie würde Mittel und Wege gefunden haben

ihn, so daß er in kurzen Worten ihn zu sich be- schied.

Als der junge Walter seinen Vater mit kindlicher Zärtlichkeit begrüßte, gewahrte er sofort eine Veränderung, die ihn mit Angst und Besorgniß er­füllte. Ein Blick auf seinen Freund Manfred belehrte ihn, daß dieser seine Wahrnehmungen theilte. Der Graf schien sich nur mit Mühe aufrecht zu erhalten. Der Sohn hielt einen lebensmatten, müden Greis in seinen Armen.

»Papa, warum hast Du mich nicht längst zu Dir gerufen. Wie könnte ich fern bleiben, wenn Du krank bist und leidest?" fragte er in herzlichstem Tone.

„Ich war gesund; warum sollte ich Dir die kurzen Freuden der Jugend noch mehr verkürzen."

Mit liebevoller Zärtlichkeit ruhten seine Augen auf dem einzigen Sohne und Erben; doch diesem schien selbst die Stimme verändert, matt und klanglos. Er nahm sich fest vor, den Vater nicht mehr zu ver­lassen, der wirklich ein Anderer als sonst geworden war; er sand ja kaum ein freundliches Wort für seinen Begleiter, dem doch sonst das wärmste väter­liche Interesse zu Theil wurde.

X Die Kreta-Frage

ist am Montag auch im Reichstage zur Verhand­lung gekommen. Wir können indeß leider nicht sagen, daß der Reichstag sich bei dieser Debatte auf "feer Höhe feiner Ausgabe und seiner Bedeutung gezeigt hätte. Es ist möglich, daß man sich noch etwas unter dem Eindrücke des Bismarckischen Regierungsgrund­satzes befand, daß der Reichstag in auswärtigen An­gelegenheiten „nix to seggen", nichts zu sagen habe; auch war man vielleicht mehr, als nach unserer An­sicht begründet war, der Ansicht, daß der Reichstag durch geschlossenes Eintreten für die deutsche Regie­rungspolitik diese im Auslande „stützen" müsse. Sonst könnten wir kaum verstehen, mit wie wenig Kritik man sich mit feen allgemeinen, nichtssagenden Rede­wendungen des Staatssekretärs v. Marschall befriedigen lassen konnte. Selbst die kritischen Bemerkungen Eugen Richters waren so zahm, wie sie bei ihm selten zu sinden sind. Unsere Leser kennen unfern Standpunkt feer einfach dahin geht, daß Deutschland bei dem Mangel eigener Interessen, die es im türkischen Orient zu vertreten hätte, gar keinen Beruf hatte, feie Führung feer Großmächte in dem Vorgehen gegen Griechenland zu nehmen und von allen Mächten gegen Griechenland und zu Gunsten der Türkei die schärf­sten Saiten auftuziehen. Wir fehen auch nicht ein, mit welchem Rechte die Großmächte auf türkischem ©ebtefe gegen dessen christliche Bevölkerung und gegen Griechenland Krieg führen, unb bedauern daher, feen Wunsch fees Abg. Dr. Lieber, daß die Mächte feie Griechen auf Kreta „zu Paaren treiben" möchten, ganj und gar nicht theilen zu können. Wir sind in die Griechen durchaus nicht verliebt — ganz im Gegentheil —, aber besser als die türkische Wirthschaft wäre die griechische Verwaltung der Insel doch noch immer!

In dieser Auffassung steht bis auf verschwindende Ausnahmen die ganze Centrumspresse auf unserer Seite. Wie dem auch sei: Deutschland brauchte jeden- salls nicht der Erste an dem Siebenschwabenspieße feer Großmächte zu sein und sich dabei eine diploma- ttfdje Niederlage zu holen. Denn eine Niederlage bleibt die Ablehnung des Blokadevorschlages, auch wenn die Verhandlungen darüber fortgesetzt werden, wozu England und Italien doch nur deshalb bereit waren, um äußerlich die Einigkeit der Mächte wieder herzustellen und zugleich Zeit zur Vermittelung zwischen Griechenland und den anderen Großmächten zu gewinnen. Etwas scheint man ja auch den Griechen schon ent­gegenkommen zu wollen: indem nämlich der Gedanke erwogen wird, die Türken zur Räu mun g Kretas zu veranlassen; dann, so hofft man, werden sich auch die Griechen aus Kreta zurückziehen. Wenigstens wird der offiziösen ,N. A. Ztg/ aus Wien gemeldet, daß Graf Goluchowski in dortigen diplomatischen Kreisen geäußert haben soll, man erwarte, daß die

Denlsches Keich.

Berlin, 22. Februar.

* Der KostÜmbair, der am 24. d. M. im Königl. Schlosse zu Ehren des 100jährigen Geburtstages Wil­helms I. stattfinden f- '.k, ist auf den 27. Februar verlegt worden.

* Reichstage haben die Freisinnigen ihren Diäten - Antrag zum Etat des Reichstages wieder emgebracht.

* Im AögeordnetenHanse soll am Mittwoch wieder eine Pause eintreten, damit die Budget-Kom- rnlssion Gelegenheit behalte, den Eisenbahn - Etat zu berathen.

* Das LeyreröesokdungsgeseH ist im Ab- georbnetengaufe heute mit allen gegen die Stimme des konservativen Abg. von Kröcher in der Fassung der Herrenhausbeschlüsse angenommen worden. War schon der Entwurf des Gesetzes nicht derart daß er die Lehrer mit großen Hoffnungen erfüllen konnte, jo wurden diese Hoffnungen noch herabgedrückt durch den Gang der Verhandlungen in beiden Häusern des Landtages. Mehr als einmal war das Gesetz dem Scheitern nahe, und es ist nur dem maßvollen Verhalten des Abgeordnetenhauses zu verdanken wenn überhaupt etwas Greifbares zu Stande gekommen

Todtrilgrabers Töchterlein.

Roman von I. Fichtner.

-I (Nachdruck verboten.)

Die ersten Herbststürme rüttelten an den Zinnen des Schlosses Clären. Die alte Baronin Bredow hatte ihr Leben beschlossen und war hinausgewandert zur ewigen Ruhe.

, Arm an edlen Thaten, hatte sich das fliehende i-eben dennoch aufgerafft, im Drange der Gewisfens- dlffe eine Schuld gut zu machen durch ein offenes Gestandmß dessen, was in diesem Hause Glück und Stern geraubt hatte.

_ßu spät — es mar nicht mehr ungeschehen zu mache^ was dieses haßerfüllte, grausame Herz an ihrem Bruder verbrochen dadurch, daß es der schönen jungen Gemahlin den Stempel einer Schuld aufzu­drucken suchte, die niemals, auch in Gedanken nicht feem reinen Wesen nahegetreten war.

Mit gesteigerter Todesqual gewahrte feie Sterbende das Entsetzen, das ihre Mittheilungen dem Bruder einflößten.

Tiefgebeugten Hauptes verließ der sonst so stolze Greis die dem Tode Verfallene. Sie rang die Hände nach ihm, in bitterer Verzweiflung ein Wort feer Ver­zeihung erflehend, aber ein Blick der Verachtung war ihr Lohn.

gänzlich abforbirt. Die finanzielle Misere hat das Kriegsministerium gezwungen, die Schießübungen der ^nfantene fast gänzlich einzustellen. Das Öffizier- forp§ hat mehr Interesse für das politische Leben. Bei feen Parlamentswahlen kandidirten 104 Offiziere wovon 30 als Deputirte gewählt wurden

Die griechische Flotte ist nach Zahl und Gefechts­stärke den Schiffen feer türkischen kaum gewachsen. Die jüngsten und größten griechischen Panzerschiffe: «Hydra^h „Pfara" uufe „Spetfai" sind mit ihrbn je 4885 Tonnen Gehalt und ihren 17 Knoten Fahrt nach alter Klassifikation höchstens als Panzerkorvetten, nach neuerer als Panzerkreuzer zu bezeichnen. „Psara" unb „(Spetfai" befinden sich obendrein augenblicklich m So Syna bei Toulon im Umbau. Der gedeckte Kreuzer „Admiral Miaulis", der aus dem Jahre 1879 stammt und eine Durchschnittsgeschwindigkeit non blos etwa 14'A- Knoten hat, ist schon als veraltetes Fahrzeug anzusehen, daß in europäischen Seekriegen keine Rolle spielen könnte. Die Torpedoflotte zählt 12 Fahrzeuge. Hingegen ist das Mannschaftsmaterial der griechischen Flotte vorzüglich.

Nun war das Ceremoniell der Beerdigungsfeier ff. W? ÄJÄäfti I

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis obne „„8 ~ 7------------------

gerate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf.. Reklamen die Peützeile 25 Pf.. 50 M-nnig.

ber Mächte über die künftige Stellung I Auch feie gewöhnliche Truppenausbildung ist in Tola Kretas die Türkei veranlaßen werde, den Rest ihrer der niedrigen Truppenstände und feer vieliacken mifcor

Truppen aus bm Festungen zurückzuziehen, worauf ordentlichen Verwendung der Truppen (Polizeiassistenr'

Griechenland, das Überflüssige der Anwesenheit ihrer dienst bei Wahlen, Grenzdienst unb ^äuberfommInbö§ l Gruppen erkennend, feie ^nsel räumen würde. Kreta von Jahr zu Jahr statt besser schlechter geworden

solle eine gewisse Autonomie (Selbstregierung) unter Das geringe Fnteresse des Drmiprfnrns 3- °en‘

S* r^maP8rern' Kirche, Schule und Justiz erhalten, wechsel und die finanzpolitischen Schwierigkeiten fast Der Sultan soll also nur Oberherr bleiben. Vielleicht I aS. . 9te!ten M

geben sich die Griechen zufrieden, in der Hoffnung, daß später ihnen Kreta als reife Frucht in den Schooß fallen werde. Tie Mächte wären dann aus aller Verlegenheit und könnten sich bei den Griechen für eine solche Mäßigung bedanken.

Das Heerwesen Griechenlands.

Nach dem Budget beträgt ber Friedensstaub der Landarmee inSgefammt 23 435 Manu, davon 1872 Offiziere, 4660 Unteroffiziere und 16 033 Mannschaften. Dieser budgetmäßige Bestand wird aber nicht erreicht. Er betrug am Ende des Jahres 1895 nur etwa 19 000 Köpfe. Hiervon sind etwa 2000 Offiziere, 4000 Unteroffiziere, 2000 Ordonnanzen unb Offiziers­diener, 4000 Gensdannen und beinahe 2000 Hilfs­arbeiter, Handwerker usw. abzuziehen, sodaß'zum wirklichen Truppendienst rund 5000 Mann ohne Chargengrad verbleiben. Ueber die Gliederung feer Armee im Kriege herrscht selbst im griechischen Kriegs­ministerium keine volle Klarheit. Es sollen im Fall einer allgemeinen Mobilmachung drei strategische Körper, feie weder Korps noch Divisionen genannt werden können, aufgestellt werden. Für feie Armee erster Linie, feie sich aus feer aktiven Armee zu entwickeln hat und feeren Reserven, stehen 82125 Mann, 6596 Pferde und 7844 Maulthiere zur Verfügung. Der Gefechtsstand wird berechnet mit 61130 Gewehren, 2700 Säbeln und 156 Geschützen. Für dir Territorial­armee (nur Infanterie) stehen 8 Jahrgänge-Mann- schasten zu 12 000=96000 Mann zur Verfügung, was nach Abzug von 20 pCt. 76 800 Mann ergibt; für die Reserve feer Territorialarmee 10 Jahrgänge zu 9600 gleich 96000 Mann, wovon mindestens 40 pCt Ab­zug ; verbleiben 57 600 Mann. Zusammen ergibt dies die Zahl von 216535 Mann, 2700 Reitern und j 156 Geschützen, was gerade 10 pCt. feer Bevölkerung von Griechenland ansmacht. Diese Zahlen werden aber nie aunährend erreicht werden. Rach statistischen Erhebungen besitzt Griechenland 97 000 Pferde und 45000 Maulthiere, wovon 12600 Pferde und 6000 Maulthiere als zum Kriegsdienst tauglich klassifizirt wurden. Die griechische Pferderasse eignet sich jedoch vstch.den bisherigen Erfahrungen kaum zum Kavallerie- dienjt, zum Artilleriedienst aber gar nicht. Die Aus­bildung der Truppen ist sehr mangelhaft. Die ge- setzlich vorgeschriebenen 40tägigen Waffenübungen für die Reservemannschaften finden überhaupt nicht statt.