Montag^den2LFebruar 1897.
24. Jahrgang
mit Unterhallurrgs-Keilagr „Sterne und Kluuren".
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspaltige Garmondzeilc oder deren Raum 15 Pi., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
xh. „Phantastische Weltpolitik."
Es beginnt allmählich selbst in den Köpfen der griechenfeindlichsten deutschen Zeitungsschreiber die Erkenntniß zu dämmern, daß Deutschland nicht die Aufgabe haben kann, sich zu Gunsten der Türken nach mehr als die dort am meisten interes- sirten Großmächte ins Zeug zu legen, wie es leider geschehen ist. So schreibt die ,Nationalzeitung" nach einer längeren Betrachtung über die kretische Frage: „Wenn sich die Übereinstimmung der Mächte nicht aufrechterhalten taffe, so könne Deutschland keine phantastische Weltpolitik zu Gunsten der Türkei, sondern nur eine reale Politik nationaler Interessen treiben."
Das ist so richtig, so selbstverständlich bei den geringen eigenen Interessen Deutschlands an der Entwickelung im fernen Orient, daß man sich nur wundern muß, wie dieser selbstverständliche Grundsatz auch nur einen Augenblick außer Acht gelassen werden konnte. Die deutsche Regierung scheint aber leider auch jetzt noch in dem verhängnißvollen Jrrwahne sich zu befinden, der Entwicklung in Europas Südostecke Ziel und Richtung vorzuschreiben berufen zu sein. Denn die ,N. A. Z/ schreibt in dem bekannten offiziösen Sperrdrücke, die deutsche Regierung sei „bereit", mit den Mächten in Verhandlungen über die zukünftige Gestaltung Kretas unter zwei Voraussetzungen einzutreten: erstens keineAnnexion Kretas durch Griechenland, welche für die übrigen Balkanvölker ein gefährliches Beispiel fein würde, und zweitens Räumung Kretas seitens Griechenlands vor Eintritt in jene Verhandlungen.
Wäre die letztere Vorbedingung nicht, so könnte man in dieser Auslassung vielleicht einen Rückzug der deutschen Regierung erblicken, denn bisher schien sie sich überhaupt auf keine Verhandlung über die künftige Gestaltung Kretas einlasfen zu wollen. Aber das Verlangen, der griechischen Besetzung Kretas vor Eintritt in solche Verhandlungen ein Ende zu machen, kommt doch so ziemlich auf dasselbe hinaus, wie die Weigerung, in Verhandlungen überhaupt einzutreten. Wir fragen nun: Was geht es Deutschland an, ob Kreta künftig den Türken oder den Griechen gehört? Mit welchem Rechte will Deutschland den anderen Mächten vorschreiben, Kreta dürfe keinesfalls an Griechenland fallen? Oder doch welches deutsche Interesse macht es wünschenswerth, daß Kreta nicht griechisch wird? Daß Deutschland im Orient, dessen Angelegenheiten, wie Bismarck einst sagte, nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers werth sind, jetzt fortwährend als die Vormacht Europas, allenfalls mit Rußland gemeinschaftlich, auftritt, das ist in der That eine phantastische Weltpolitik, die zu den' verhängnißvollften Folgen führen kann. Man wende uns nicht ein: „Träte Deutschland für Griechenland ein, fo würdet
Todterrgravers Töchterlein.
Roman von I. Fichtner.
22] ------ (Nachdruck verboten.)
„Du bist zwar nicht werth, daß ich Dir davon erzähle, warum hast Du mich nicht begleitet; aber es ist zu wunderbar, was ich gesehen", so stürmte der blonde junge Mann in das Zimmer eines der feinsten Hotels, wo fein Freund und Gefährte, eine Cigarre rauchend, am Fenster stand und mit großem Jnterefse die Vorgänge unten zu beobachten schien.
Da auch nicht die geringste Antwort erfolgte, auch kein Blick des Angeredeten irgend welche Theilnahme bekundete, so blieb dem jungen Herrn nichts anderes Übrig, als ungefragt seinem Herzen Luft zu machen.
„Du weißt doch, daß ich mir durchaus heute die kleine Kirche ansehen wollte; wenn man reist, um seinen Geschmack zu bilden, darf man solche Merkwürdigkeiten doch nicht übersehen", erzählte er eifrig.
„Natürlich nicht", klang es gleichmüthig mit leifer Ironie vom Fenster zurück.
„Nicht wahr, da habe ich doch recht"; hastig stürmte der Jüngling im Zimmer auf und ab.
„Nun — Du hast sie doch auch gesehen — die Kirche meine ich", fragte langsam der Aeltere, während sein dunkles Gesicht sich umwandte, um seinen Freund scharf zu beobachten.
ihr nichts gegen diese Weltpolitik sagen." Gewiß, es wäre jedenfalls ehrenvoller für Deutschland, für die christlichen Orientvölker als für die Türken einzutreten, aber wir verlangen keineswegs, daß Deutschland den Vortritt bei einer solchen Politik der Großmächte, wie wir sie wünschen, nehmen solle, den Vorrang müßte es dabei, abgesehen von Rußland, Frankreich, England und Italien, dem stammverwandten und der Türkei benachbarten, ja auf der Balkanhalbinsel selbst ansässigen Oesterreich-Un- garn lassen.
Diese phantastische Weltpolitik ist um so verfehlter, als ihr Mißerfolg nicht nur bei ihrer weiteren Verfolgung, sondern auch schon in der kretischen Frage selbst unvermeidlich ist. Schon jetzt merkt man der deutschen Politik deutlich die Verlegenheit an, sich in einer Sackgasse festgefahren zu sehen, in die sie durch ihre unüberlegte Voreiligkeit und Zorn- müthigkeit hineingerathen ist. Man wird in Berlin sehr froh sein dürfen, wenn Italien und England der deutschen Politik wenigstens eine goldene Brücke zum Rückzug bauen werden, etwa dadurch: daß sie die Mächte bestimmen, Kreta eine größere Selbstständigkeit etwa wie früher Ostrumelien, zu geben, und zugleich Griechenland mit dem Hinweise beschwichtigen, daß auch Ostrumelien dann später doch den Bulgaren zugefallen ist; gibt man Griechenland unter der Hand die Sicherheit, daß ihnen bei einer späteren Gelegenheit Kreta doch übergeben werden solle, so fügte es sich vielleicht und zieht — scheinbar unter dem Drucke der großmächtlichen Drohungen, um seine eigene Bevölkeruug nicht aufsässig zu machen — seine Truppen aus Kreta zurück. Bleibt aber die vermittelnde Thätigkeit Englands und Italiens erfolglos, so werden die Dinge im Orient eben weiter ihren natürlichen Lauf nehmen' und die Niederlage der deutschen Weltpolitik offenbar machen.
Deutsches Derch.
Berlin, 20. Februar.
* Morgen (Sonntag den 21. Februar) sind 10 Jahre verflossen seit der berühmten Septcnnats- waHlscHkacht. Damit fand ein Wahl lämps sein Ende, der mit beispielloser Erbitterung und von den vereinigten Gegnern mit den vergifteten Waffen der Lüge und Verleumdung und mit dem brutalsten Hochdruck auf alle abhängigen Wähler geführt wurde. In unvergeßlicher Erinnerung ist insbesondere der tolle Mißbrauch, welche mit dem sog. Jakobinischen Schreiben und der Autorität des Papstes getrieben wurde. Die heftigsten Kirchen- und Papstfeinde wurden plötzlich kirchlicher, als der , schwärzeste Ultramontane" und päpstlicher, als der Papst selbst. Doch der Liebe Mühe war umsonst. Getreu der von der kleinen Excellenz in der denkwürdigen Kölner Gürzenich-Versammlung ausgegebenen Parole hielt
Betroffen blieb dieser stehen. Sein feines, fast mädchenhaftes Gesicht überzog sich mit heller Röthe.
„Ja gewiß", erwiderte er verlegen zögernd. „Ich hab' sie gesehen, die Kirche — von außen nämlich."
Ein kurzes, halb ärgerliches, halb lustiges Lachen belehrte den Sprecher über die Wirkung seiner Rede.
„Manfred", begann er etwas gekränkt mit ernstem Tone und doch lachenden Auges, „sei ruhig mit Deinen Spöttereien und denke ja nicht daran, hier etwa den Mentor herauszukehren. Damit ist es jetzt nichts mehr, hörst Du?"
„Zu Befehl, Herr Graf, ich bin ganz Ohr", war die lachende Antwort, von einer tiefen Verbeugung begleitet.
Die dunklen Augen des Sprechers umfaßten die vor ihm stehende Gestalt mit so unverkennbarer Liebe und Zärtlichkeit, daß ihm dieser unwillkürlich die Hand entgegenstreckte.
„Komm — setzen wir uns und gib mir eine Cigarre."
„Damit Du mir ganz gemüthlich erzählen kannst" — und Manfred Blankenburg steckte mit Eifer eine Cigarre in Brand und reichte sie seinem Gegenüber,
„So — nun höre! Es ist ja nicht viel, aber von großer Wichtigkeit, was ich zu erzählen habe."
„Also — ich höre", sprach Manfred, indem er
das katholische Volk unentwegt zur alten Centrumsfahne und wies den Angriff der vereinten Gegner auf der ganzen Linie zurück. Nicht so standhaft erwiesen sich Freisinn und Demokraten, deren Wähler haufenweise vor dem an die Wand gemalten Kriegsgespenst das Hasenpanier ergriffen und dadurch den Kartell- Reichstag zu Stande brachten. Nach 3 Jahren freilich war seine Herrschaft bereits gebrochen, und fein „Vater" hatte sich in den Sachsenwald zurückziehen müssen. Das deutsche Volk aber hatte die inzwischen präsentirte Rechnung von vielen Millionen zu bezahlen.
* Was uns die Kokonie« kosten. Dem Reichstage ist die übliche Zusammenstellung der Regierung zugegangen über die Gesammt-Aufwendungen des Reiches für koloniale Zwecke nach den Anschlägen für 1897/98. Danach beläuft sich dieser Bedarf auf 9,253,473 Mark. Diese Summe umfaßt die Zufchüffe im Kolonial-Etat mit 8,707,120 Mark, Aufwendungen für die Poft und Telegraphie in den Kolonien von 227,762 Mark, Aufwendungen des Reichsamtes des Innern (namentlich für die Postverbindungen von Ostasien mit Australien) von 260,957 Mark und einige kleine Posten. Es sind aber, wie die ,Freis. Ztg/ schreibt, noch hierbei nicht in Rechnung gestellt die 900,000 Mark Zuschuß für die deutfch-oftafrikanifche Postdampfer-Linie. Ferner find nicht eingerechnet die Kosten des Reichs-Marine- amtes für koloniale Zwecke, sowie die Miethe für das ostafrikanische Kabel und für das Kamerun-Kabel mit 102,000 und 137,000 Mark. Rechnet man alle die angegebenen Titel für koloniale Zwecke, fo erhält man eine Summe von im Ganzen 11,875,848 Mark.
* Der Vorstand des Reichstags unterbreitet dem Reichstage den Antrag, als einmalige Ausgabe in den Etat des Reichstages einzustellen zur Projektbearbeitung für den Bau eines ^rkfidiakgchättdes des Reichstages, sowie als erste Baurate 300,000 M. In der Begründung wird angeführt: „Der Zeitpunkt für die Errichtung eines Präsidialgebäudes ist nicht mehr hinauszuschieben, nachdem der Ankauf eines geeigneten bestehenden Gebäudes in der Nähe des Reichstagsgebäudes sich nicht hat ermöglichen lassen und in der Nähe des Reichstages nur noch ein unbebautes zweckdienliches Grundstück vorhanden ist. Nachdem das für den Bau früher in Aussicht genommene reichs- siskalische Grundstück zwischen Reichstagsplatz und Reichstagsuser als ungeeignet erkannt worden ist, soll das Präsidialgebäude aus dem etwa 1600 Quadratmeter großen Eckgrundstück zwischen Sommerstraße und Reichstagsufer errichtet werden. Die auf 790,000 M. veranschlagten Baukosten sind auf den Etat des Reichstages zu übernehmen und als einmalige Ausgaben einzustellen."
* Die Kommission für Aröeiler-Statistik stellte am Samstag den Bericht über das Ergebniß der Untersuchung der Kleider- und Wäschekonfek-
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sich bequem in die Ecke des Sofas lehnte und den jungen Mann fcharf beobachtete.
„Ich ging, wie Du weißt, mir eben die kleine Kirche anzusehen; warum Du übrigens nicht mitgingst, begreife ich nicht, da Du mir doch oft versichert hast, daß Du die herrlichsten Stunden dort verlebt, weil Du dort Dich in die alten Meister vertieftest und Deine eigenen Kompositionen zuerst dort belebtest", schaltete der Erzählende ein, indem er seinen Freund fragend anblickte, ohne eine Antwort zu erhalten.
„Genug — ich durchzog die vielen staubigen Straßen und war froh, als ich am Ziele angekommen. Um — nun ja — um Niemanden zu stören, öffnete ich so geräuschlos, als möglich die kleine Pforte. Ich hatte die Absicht, das junge Mädchen zu bitten, mich in der Kirche herumzuführen. Als ich eintrat, gewahrte ich Niemanden. Die Sonne lag voll in dem kleinen Gärtchen. Ich trat leise näher."
„Wie ein Spitzbube", schaltete sein Zuhörer ein und stäubte die Cigarre ab.
„Störe mich nicht; wenn Du wieder spöttelst, so —"
„Erzähle nur."
„Da sah ich am Fenster des Häuschens — nein, Manfred, Du kannst es Dir nicht vorstellen, wie lieblich und thaufrisch sich das Gesicht des jungen Mädchens über die Blumen beugte. Ich konnte mich