Einzelbild herunterladen
 

tz

JVi 41

Samstag, den 20. Februar 1897.

mit Untechaltmrgs-Kettage „Kterne und Klmnen".

24. Jahrgang

11 II l(

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Brinqerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50

Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt 3‘

Der Staat und das Einkommen der katholischen und Protest. Geistlichen.

Von freisinniger Seite wurde kürzlich gegen­über dem Verlangen nach gesetzlicher Aufbesserung der Gehälter der Geistlichen bemerkt, der Staat habe überhaupt mit der Besoldung der Geistlichen nichts zu schaffen. Wenn darin der Vorschlag zu einer ehrlichen „Trennung von Staat und Kirche" stecken sollte, so ließe sich über die Sache reden unter Vor­aussetzung, daßder Staat wieder herausgibt, was er der Kirche genommen hat. Obschon das Spelrgesetz wieder aufgehoben ist, empfinden wir es doch immer als eine unangenehme Nothwendigkeit, wenn Geistliche aus der Hand des Staates Geld an­nehmen müssen. In der Bulle .De salute aiiimariu n“ war schon vor mehr als 75 Jahren ein Weg angezeigt zu einer gedeihlichen Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche in Geldsachen. Die Dotation der Bisthümer und ihrer Institute sollte darnach nur vorläufig m Form einer Jahresrente gezahlt, dann aber durch Ueberweisung des Kapitals in Gestalt von Domänen endgiltig geregelt werden. Die vertrags­mäßig versprochene Ueberweisung von Grundbesitz hat Nicht stattgefunden, und der Staat macht auch gar keine Miene, diese Pflicht zu erfüllen.

Bis zur Rückgabe des „Säkularisirten" halten wir an der Ansicht fest, daß der Geistliche in keinerlei Weye den Charakter oder die Verpflichtung eines „Staatsbeamten" auf flch nimmt, wenn er vom Staate Abschlagszahlungen aus das große Guthaben der Kirche empfängt. Der Staat ist neuerdings erst recht zur Freigebigkeit gegenüber der beraubten Kirche v e r p f l i ch t e t, als er durch die neuere Gesetzgebung in die Einkommensverhältnisse der Geist­lichen störend eingegriffen hat.

Bekanntlich hat der Staat auf der katholischen Seite eine größere Säkularisationsbeute gemacht, als auf der protestantischen. Es ist also gewiß ge­rechtfertigt, wenn wir volle Parität auf dem Ge­biet der Fürsorge für den Unterhalt der Geistlichen verlangen. Die Bewegung zu Gunsten einer solchen Parität, die in der katholischen Presse sich jetzt über­all so lebhaft kundgibt, wird also nicht leicht zum Stillstand zu bringen sein. Wenn man sich mit kühner Phantasie den Fall denkt, daß aus katholischer Seite die Geistlichen heirathen dürften und auf prote­stantischer Leite der Cölibat bestände, so würde gewiß keine Berliner Regierung oder Landtagsmehrheit auf den Gedanftn gekommen sein, daß der Staat der grundsätzlich unverheiratheten Geistlichkeit um fast ein Drittel weniger gewähren solle, als der mit Frau und Mitgift versehenen Geistlichkeit. Der Staat hat die Amtsthätigkeit des Geistlichen zu honoriren, und nicht auf die civilstandlichen Dinge, die das Privatleben angehen, zu achten. Er gibt ja auch seinen eigenen Beamten das etatsmäßige Gehalt, ohne stch um ihre Ehestandsoerhältnisse zu kümmern.

Will man aber die Frage des Bedürfnisses ur Jkn , Vordergrund stellen, so kommt es, wie die | Zuschrift eines Geistlichen richtig hervorhebt, aus den eigenen Haushalt an. Die selbstständige Haus- Yattung emes Unverheiratheten, der mit fremden Kräften arbeiten muß, ist in der Regel nicht billiger, londern eher kostspieliger, als die Wirtschaft unter einer sparsamen und umsichtigen Hausfrau. Die Noth- wendlgkeU, einen eigenen Haushalt zu führen, wird c-r„Cün .l katholischen Geistlichen, soweit er nicht zufällig tn einem anderen geistlichen Hause Zuflucht stndet, nicht be,tritten werden können. Also ein Vor- schlag zur Güte wäre: gleichmäßiges persön­liches Gehalt und dazu einen Wohnungs- oder Haushaltungszuschuß, der für die Inhaber felbst- ständiger Hauswirthschaften höher ist. Damit könnten auch die protestantischen Geistlichen, falls sie nicht selbstsüchtig eine Bevorzugung verlangen, wohl zu­frieden sein.

Deutsches Deich.

Berlin, 19. Februar.

X Die Einigkeit der Großmächte scheint doch nicht ganz so zweifelsohne zu sein, wie die Offiziösen bisher nicht müde wurden zu betonen. Im Orient, so schreibt jetzt die gut türkisch gesinnte ,Nationalztg/ in Berlin, deuten verschiedene Anzeichen auf eine neue Verschiebung der Lage hin, und schon die allernächste Zeit muß Klarheit darüber brin­gen, „ob die bisher so gewissenhaft bewahrte Einigkeit unter den Großmächten durch das Heroortreten eng­lischer Sonder-Interessen eine Störung er­leidet." Ein eigentliches Abbrechen der „gemeinschaft­lichen Friedensarbeit" unter den Kabineten der fest­ländischen Staaten „möchte" das genannte Blatt allerdings nach wie vor für „ausgeschlosfen" halten. Auch dies klingt, wie man sieht, nicht ganz zuversicht­lich, es gleicht mehr einem Wunsche, als einer Ueber- zeugung. Jedenfalls scheint man aber in Berlin von England die Loslösung von dem großmächtlichen Vorgehen gegen Griechenland zu erwarten und zwei­felt nur noch, ob England offen auf die Seite Griechen­lands treten oder eine neutrale Stellung einnehmen will. Deutschland hat bekanntlich den Vorschlag ge­macht, den Piräus oder gar alle griechischen Häfen zu blokiren, falls Griechenland nicht sofort sich dem Willen der Großmächte fügt. Wir können es den Engländern um so weniger verdenken, die Theilnahme an einer solchen direkten Feindseligkeit gegen Griechenland zu verweigern, als anderseits die Großmächte gar keine Anstalten machen, die Türkei — wie sie doch versprochen hatten! — von einem Angriff auf Griechenland abzuhalten. Wir mögen die Hoffnung noch nicht aufgeben, daß namentlich ange­sichts der Zurückhaltung Englands nun auch andere Mächte in letzter Stunde noch einmal ihr Gewissen erforschen darauf hin, ob ihre Politik wirklich ge­recht unb' unparteiisch ist. Die unabhängige öffentliche Meinung in ganz Europa verneint mit uns diese Frage und dringt immer energischer auf eine Aenderung der großmächtlichen Politik^ Das kann den Regierungen in parlamentarisch-regierten Ländern, wie Frankreich, Italien, England, gewiß nicht gleichgiltig sein, und wir hoffen noch immer, daß dies schließlich nicht ohne Rückwirkung auf die Gesammtpolitik Europas sein kann. Mindestens gegen die einfache Rückgabe Kretas an die Türkei würde sich in ganz Europa ein Sturm der Ent­rüstung erheben. Die neueren Meldungen bestätigen, daß England den Blokadevorschlag Deutsch­lands als ihm „nicht sympathisch" bezeichnet, d. h. ab gelehnt hat. Auch scheint sich schon die Wirkung dieser kühlen Zurückhaltung zu zeigen. Der offiziösen ,Nordd. Allg. Ztg/ wird nämlich aus Wien gemeldet, daß dort die Aussicht aus eine Blo- kade des Piräus in unterrichteten Kreisen heute als gering bezeichnet werde. Auch die offiziöse.Post' deutet an, daß jetzt infolge der Haltung Englands und auch Griechenlands, das sich nicht einschüchtern läßt, wohl nichts" mehr zu Stande kommen werde. Sie schließt diese Ausführung mit folgenden ent­sagungsvollen, niedergeschlagenen Worten: „Inzwischen gehen auf Kreta sowohl wie auf dem Festlande die Ereignisse weiter und dürften, eben weil sie dadurch größeren Umfang annehmen, ein energisches Ein­schreiten der Großmächte von Tag zu Tag schwieriger gestalten." Und das ist jedenfalls besser, als ein Einschreiten zu Gunsten der Türkei.

# Die Verhandlungen der Reichhaushalts- Kommission über die DFefokdungsauföelserung sind einstweilen ins Stocken gerathen. Nachdem der Standpunkt des Centrums, zunächst die Ein­führung der Ab end ko st bei den Mannschaften des Heeres, die Abschaffung des Gratifikations­wesens und die Regelung der Dienstreise­kosten zu verlangen, allseitige Zustimmung gefunden hatte, wurde auf Antrag des Abg. ISülrer-Iukda einstimmig beschlossen:

den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, für die Be- rathung der „Ergänzung des Entwurfs des Reichs- haushalts-Etats für das Jahr 1897/98" (Besold­ungsverbesserungen) noch folgendes Material zu liefern: 1) den Nachweis der gesammten dienst­

lichen Einkommensbezüge der zur Besoldungsauf­besserung vorgeschlagenen Klassen von Offizieren und Beamten, insbesondere auch den Werthbetraa, der als „Nebenbezüge" bezeichneten Kompetenzen der Garnisopverwaltungsdirektoren, Administratoren der Remontedepots, Garnisonverwaltungs- und Lazareth-Jnspektoren, Wirthschafts-Jnspektoren rc. ; 2) den 'Nachweis der für die Pensionsberechnung der verschiedenen Klassen maßgebenden Berechnung des Einkommens, soweit solche von den in der „Ergänzung" angegebenen Gehaltsbezügen ab­weichend ist; 3) den Nachweis der den einzelnen Offizierschargen aus der dienstlich vorgeschriebenen Pferdehaltung entstehenden Belastung bezw. Ein­kommensverminderung und der dafür anderseitig gewährten Vergütung; 4) eine Uebersicht der feit dem Jahre 1889 bis einschließlich 1896 erfolgten Gehaltsaufbesserungen, sowohl der in der jetzigen „Ergänzung" aufgeführten Beamtenklaffen, als auch derjenigen unteren und mittleren Beamten, welche in derselben nicht berücksichtigt sind; 5) eine Uebersicht der dienstlichen Einkommensbezüge der für die mittleren und unteren Beamten ad 4, in Vergleich zu ziehenden Beamtenklaffen des preuß. Etats und der für diese seit 1889 erfolgten und jetzt vorgeschlagenen Besoldungsverbesserungen.

Hierzu wurde noch ein Zusatz, Antrag des Abg. Eugen Richter mit 17 gegen 8 Stimmen ange­nommen, dahin gehend, daß gleiche Nachweise auch bezüglich der Verwendung der Gratifikationssonds ertheilt werden sollen. Die Nachweise gemäß Antrag Müller-Fulda wurden Seitens der Herren Minister zugesagt und sollen in 10—11 Tagen erfolgen, als­dann werden die Verhandlungen fortgesetzt werden.

h. Das Kerreutzaus wird vor Erledigung des Etats im Abgeordnetenhause nicht mehr zusammen kommen, es sei denn zum einem Etats-Noten gesetz; der Etat selbst wird vor dem 1. April und überhaupt vor Ostern doch nicht mehr fertig.

* Der Hauptantrag Hitze — Waximar- arveitswoche von 63 Stunden — ist am Freitag im Reichstage nur mit sehr knapper Mehrheit ab­gelehnt worden, wenn nicht von den Sozialdemokraten, die sonst mit dem Centrum, den Antisemiten und der südd. Volkspartei für den Antrag stimmten, die Abgg. Liebknecht, Singer und Wurm sich getrennt hätten. Diese stimmten seltsamer Weise, trotz Zu­redens ihrer Freunde, gegen den Antrag. Die Ar­beiter mögen sich dieses auffallende Verhalten merken!

* Der Etat des Ministeriums des Innern setzt für Geikkiche i« den Skrafangatten, deren Zahl 56 beträgt, darunter einer künftig wegfallend, die Summe von 172,500 M. aus, das Änfangsgehalt beträgt 2400, das Höchstgehalt 3600. Bemerkens­werth erscheint, daß in der Besoldung der Gefäng- nißgeistlichen kein Unterschied zwischen katho­lischen und protestantischen Geistlichen ge­macht wird, indem die katholischen Gefängnißgeist- lichen, obwohl sie unverheirathet sind, dasselbe Gehalt beziehen, wie die protestantischen.

h. Das ICargarinegesetz kann nach den Freitags- Verhandlungen im Herrenhause und im Reichstag als gesichert gelten, und zwar auf der Grundlage: latente Färbung durch einen Zusatz, der bei einer gewissen einfachen Behandlung das Vorhandensein von Margarine erkennen läßt, aber keinFärbeverbot, sowie Beschränkung der Vorschrift getrennter Verkaufsräume für Butter und Margarine auf größere Orte. Eine solche Verständigung, zu bereit Gelingen bas Centrum bas ©einige beitragen wird, kann nur mit Freuden begrüßt werden; sie würde den Landwirthen nützen, ohne die berechtigten Interessen der Konsumenten und Händler zu schädigen.

* Von besonderem Interesse für Militär und Rad­fahrer dürfte die zum erstenmal erfolgte Bildung eines ^iouier«zradfahrer-De1achements sein. In der Ordre de Bataille für die im Herbst beim 11. Armeekorps aufzustellende Kavallerie-Division, welche sowohl den Kaisermanövern des 8. und 11. Armee­korps gegen das bayerische Heer bestimmt ist, ist auch ein Detachement des hessischen Pionier-Bataillons Nr. 11 vorgesehen, welches aus einem Offiziere und 60 Mann auf Fahrrädern bestehen wird.