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39 Donnerstag, den 18. Februar 1897. 24. Jahrgang

FlilixitrWZcitilng

mit Unterhaitungs-SeUage „Sterne und Ktumen".

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Parität!

Gegenüber den katholischen Klagen über mangelnde Parität hat im vorigen Jahre der Minister Bosse auf den Mangel geeigneter katholischer Kandidaten und die relativ geringe Zahl katholischer Studenten hin­gewiesen. In der antikatholischen Presse hat man diese kritischen Bemerkungen erweitert und von einer „Rückständigkeit" der Katholiken gesprochen, die sich u. a. auch darin zeige, daß sie durchgehends ärmer seien als die Protestanten.

Davon ist etwas wahr, aber es liegt zum Theil daran, daß die von Katholiken bewohnten Landestheile vielfach von Natur ärmer sind. Das arme Ober­schlesien ist katholisch, das fruchtbare Niederschlesien protestantisch. Die reiche Provinz Sachsen birgt das unfruchtbare Eichsfeld in sich. Das von der Natur allerdings begünstigte Rheinland hat doch in dem Hundsrück und Eifelgebiete große Theile, wo fast ein beständiger Nothstand herrscht. Eine arme Provinz ist auch das vorwiegend katholische Posen. Dagegen sind die reichen und ergiebigen Küstendistrikte an der Nord- und Ostsee, sowie die fruchtbaren Strandgegenden an den Unterläufen der großen Flüsse durchweg prote­stantisch. Im fiebrigen ist es ja auch psychologisch verständlich, daß die lutherische Bewegung vor 380 Jahren am leichtesten Wurzel faßte in den besser situirten Kreisen, wo mit dem Reichthum ein Hang zum Wohlleben Eingang gefunden hatte, der nicht die Neigung verstärkt, nach den Geboten Gottes zu leben, sondern den Trieb fördert, sich von ihnen zu emanzipiren. So neigten sich neben den kleinen Fürsten, welche es nach den Kirchengütern gelüstete, die wohlhabenden Städte sehr der neuen Lehre zu. Die Großstädte sind in Preußen fast alle protestan­tisch, nur Köln, Aachen, Crefeld und Düsseldorf machen eine Ausnahme, während Breslau zur kleineren Hälfte katholisch ist. In Großstädten sitzt vorzugsweise das Kapital; faßt man nun dies alles zusammen, so sieht man leicht ein, wie es kommt, daß die Katholiken in Deutschland durchschnittlich ärmer sind als die Prote­stanten. Es hat sich seit der „Reformation" historisch so entwickelt.

Um so unerwünschter ist es für uns, daß manche Regierungen seit langen Zeiten diesem Vorzüge der Protestanten noch mit Verwaltungsmitteln kräftig nachgeholfen haben. Schon Friedrich der Große bestimmte nach Annexion Schlesiens, daß in den Städten die Katholiken nicht als erste Magistrats­personen fungiren sollten, sondern sich mit der zweiten Stellung begnügen müßten; die erste Stelle sei den Evangelischen zu verleihen. Das „Testament Friedrichs des Großen" ist noch immer nicht veröffentlicht und wird als Staätsgeheimniß gehütet. Man erklärt sich in eingeweihten Kreisen diese Diskretion dadurch, daß es Ausführungen über den „protestantischen Beruf" Preußens enthalten foll, welche geeignet seien, die Katholiken zu verletzen. Wie dem aber auch sei —

TodterrgrSbers Töchterlein.

Roman von I. Fichtner.

19] ------ (Nachdruck verboten.)

„Ich war in ihrer frühem Heimath und habe Alles erfahren," war die Antwort.

„Sie that es nur auf den Wunsch ihrer Eltem, welche sie nicht schutzlos in der Welt zurücklassen wollten; sie sind früh aus der Welt gegangen mit diesem Tröste, aber das Schicksal wollte es nicht anders, sie hat den gewünschten Schutz nicht lange genossen. Meine gnädige Frau war bald wieder so einsam wie jetzt — sie ist seit Jahren Wittwe. Aber durch Schmerz und Thränen ist sie stark geworden, sie hat auch keinen Beschützer mehr haben wollen. Jetzt ist sie in Bad B***, wenn Sie sie dort auf­suchen wollten, so—"

„Glaubst Du, daß sie mich wirklich gern sehen würde?" fiel chm Kurt in die Rede.

„O, ganz gewiß — warum sollte sie nicht?"

„Sie hat mir nie ein Wort zugehen lassen auf meine vielen Briefe; da dachte ich, sie hätte mich ver­gessen."

„Wer weiß, ob sie je einen Brief in die Hände bekommen hat. Vielleicht, daß es die Eltern ver­hindert haben, um sie nicht zu beunmhigen. Aber

die preußische Praxis ist in dieser Beziehung ja allbe­kannt. Das Rheinland hat, solange es preußisch ist, noch keinen katholischen Oberpräsidenten gehabt, Köln noch keinen katholischen Regiemngspräsidenten. Nich weniger als fünf Provinzen (Rheinland, Westfalen, Schlesien, Pofen und Westpreußen) sind überwiegend katholisch, aber nur Schlesien hat einen katholischen Oberpräsidenten. Von den Ministern war oft kein einziger katholisch. In der letzten Periode des Bis- marck'schen Regiments gab es zwei katholische Minister: v. Lucius und v. Maybach, aber merkwürdigerweise ließen beide ihre Kinder protestantisch werden. Noch auffälliger war dabei, daß die Frauen beider Minister nicht einmal der Landeskirche angehörten, denn Frau v. Lucius war Anglikanerin, Frau v. Maybach röm.- katholisch. Nach Caprivi's Entlassung wurde aller­dings ein Katholik Reichskanzler und Fürst Hohenlohe ist nicht blos katholisch getauft, sondern praktischer Katholik. Wir erklären uns die Möglichkeit dieser Ernennung aus der hohen sozialen Stellung des Fürsten. Jedenfalls kann man diese Kanzlerschaft nach Lage der Sache als Ausnahmefall ansehen. Nun wird man uns erwidem, daß es doch außerdem noch zwei katholische Minister gebe. Allein von diesen, welche beide nicht aus kirchlichem Boden stehen, läßt der eine seine Kinder protestantisch erziehen; bei dem andern ist das zwar nicht der Fall, denn er ist un- verheirathet. In den Ministerien sind die Zustände geradezu betrübend. Fast alle Geheimräthe sind pro­testantisch ünd am schlimmsten sieht es in dem Ressort aus, worauf es uns am meisten ankommen muß: im Kultusministerium. Fast alle Regierungspräsi­denten sind protestantisch, ebenso sind bei den Rächen die Katholiken nur schwach vertreten. Im höheren Schulwesen zeigt sich ebenfalls eine prozentuale Ueber- zahl der Protestanten, ja selbst im Elementarschul­wesen ist es nicht anders. Es gibt verhältnißmäßig erheblich viel mehr katholische Schüler als katholische Lehrer. Das liegt wiederum daran, daß es zu wenig katholische Seminare gibt. Besonders benachtheiligt ist in Bezug auf das Seminarwefen die Provinz Posen.

Wir sind weit davon entfernt, diese Zustände auf das Konto der jetzigen Regierung zu setzen, es handelt sich vielmehr um eine Praxis, die Jahrhunderte lang gedauert hat. Aber gerade der Umstand, daß sie fo alt ist, hat eine sichtliche Verschiebung zu Ungunsten der Katholiken erzielt. Gerade die höheren Beamten lassen am häufigsten ihre Kinder studiren, und wenn diese nun in so überwiegender Zahl protestantisch sind, dann läßt sich an den fünf Fingern ausrechnen, was daraus folgt.

Insbesondere gibt es zu wenig höhere katholische Schulen. Herr Bosse sträubt sich noch immer dagegen, in Berlin ein katholisches Gymnasium zu errichten. Ist es nicht unerhört, daß in einer Stadt mit 200,000 katholischen Bewohnern keine einzige höhere katholische Knabenschule besteht? Zum „Aus­gleich" müssen dafür die katholischen Berliner Bürger Sie, Herr Kurt, sind nicht vergessen bei ihr!" ver- sicherte der alte Mann mit Ueberzeugung in Wort und Blick.

„So will ich sie in Gottes Namen aufsuchen als treuester Freund, der ich ihr im Herzen immer ge­wesen und noch bin."

Dies war das Ende der Unterredung. Ehe Kurt von Walden aber seinen Wanderstab weiter setzte, schritt er nach dem gitterumschloffenen Hügel, wo seine Mutter ruhte, ohne zu ahnen, daß er an dem nächsten Glieds feiner Familie vorüberging, an dem Mädchen, das durch die niederen Fenster verstohlen nach dem Fremden blickte, — daß sein Blick noch auf der Scholle ruhte, hinter der die opferfreudige Schwester auch ihr frühes Grab gefunden hatte.

Unaufhaltsam drängte ihn dann sein Herz dem ersehnten Endziele entgegen.

Jndeß lebte Magdalena träumerisch ihr stilles Leben weiter. Ohne jede Kenntniß der Veränderung in dem Leben ihrer Gönnerin erwartete sie sehnsuchts­voll deren Rückkehr. Als aber Woche um Woche ver­ging ohne die geringste Nachricht von der so innig verehrten Frau, auch der alte Bernhard keinerlei Auskunft gab, da bemächtigte sich ihrer eine große Unruhe, und es war, als schwinde mit dem Verzicht auf den gewohnten Verkehr das Leben für sie, die

auf Grund der Konsistorialordnung von 1573 für den Bau protestantischer Kirchen und Predigerwohnungen kräftig in die Tasche greifen. Das ist die „Parität" tn Berlin.

In Preußen herrscht der Grundsatz, daß unver- heirathete Beamten ebensoviel Gehalt bekommen wie verheirathete. Ganz gegen die sonst allgemein geübte Praxis bekommt der katholische Geistliche weniger als der protestantische, weil er unverheirathet ist. Das ist aber noch nicht die einzige „Imparität". Katholischen Volksmissionen werden ost die unverständ­lichsten Hindernisse in den Weg gelegt, während man die protestantisch-innere Mission begünstigt. Ja, es steht sogar ein Bruchtheil der katholischen Geistlichkeit, der Jesuitenorden, entgegen dem wiederholt aus­gesprochenen Willen des Reichstages, unter einem un­erhörten Ausnahmegesetze, das in gleicher Schärfe urcht einmal gegen Sozialdemokraten und Anarchisten bestanden hat. Die zwiespältige Methode ist ebenso unverständlich, wie wenn man Gesetze erließe, um die Thätigkeit und Wirksamkeit der Büreaukratie oder der Armee zu behindern oder zu erfchweren.

e Zur Canisius-Jubelfeier.

Der hochwürdigste Bischof in Freiburg i. Schw. hat in Sachen der Canisiusfeier eine Adresse an den hl. Vater, den Papst Leo XIII. gerichtet, in der große Privilegien und reichliche Ablässe sowohl für Freiburg als für die Diözesen, wo irgend eine Feier zu Ehren des zweiten Apostels Deutschlands stattfinden wird, vom hl. Stuhl erbeten werden.

Die Bewegung für eine feierlichste Begehung dieses zeitentsprechenden Jubiläums kommt immer mehr in Fluß. Mehrere Bischöfe haben bereits ihre Absicht kundgegeben, Hirtenbriefe darüber zu erlassen und Feierlichkeiten in ihren Diözesen zu veranstalten. Die schweizerischen Bischöfe werden ein gemeinsames Hirtenschreiben an das katholische Volk der Schweiz erlassen und ihre Bischofskonferenz am Grabe des fel. Canisius abhalten.

Der fchweizerische Piusverein ist vom Epiflopat der Schweiz beauftragt, Wallfahrten zum Grabe des Seligen zu veranstalten. Ende August oder An­fang September wird ein großer schweizerischer Katholikentag, der erste dieser Art, in Freiburg gehalten werden. - Der wissenschaftliche inter­nationale Kongreß wird vom 16.-21. August stattfinden, und das Centenarium des „größten Ge­lehrten Deutschlands im 16. Jahrhundert" wird ge­wiß viele katholische Gelehrte diefem Kongresse zu­führen.

In Konstanz und Freiburg i. Br. wurden bereits im Monat Januar Canisiusfeierlichkeiten ab­gehalten, bei denen Herr Kanonikus Kl eifer aus Freiburg i. Schw. die Festreden hielt. Es wurden Wallfahrten zum Grab des deutfchen Apostels aus den betr. Städten beschlossen. In Freiburg forderte doch in ihrem Alter so jung und hoffnungsvoll in die Welt blicken mußte. Heiße Sehnsucht erchllte ihr Herz nach jenem geistigen Verkehr, der ihr Bedürfniß geworden war; weit hinaus trugen sie die Schwingen der Phantasie über die drückenden, engen und ärm­lichen Verhältnisse in eine Welt, so himmelweit ver­schieden von derjenigen, in der sie lebte, um sich bei dem geringsten Anlaß, der sie in die Wirklichkeit zurückführte, arm und verlassen zu wiffen, wie nie zuvor.

So lange sie wie ein Kind dachte und fühlte, waren ähnliche Regungen nur flüchtig in ihr auf­getaucht und hatten keinerlei Nachwirkung. Nun aber aß sie stundenlang, müßig und dahinträumend in weite, unbegrenzte Fernen.

Die alte Frau merkte wohl die Veränderung in dem Wesen des Mädchens. Aber schwach und ver- tändnißlos wußte sie nicht, den Bann von der Seele >es Kindes, wie sie es immer noch nannte, zu lösen. Ernste, ihren Kenntnissen entsprechende Thätigkeit war )as beste Mittel gewesen, Magdalenen ihren nutz- osen Träumereien zu entreißen; wer aber sollte ihr dazu verhelftn und rächen?

So saß sie eines Tages wiederum träumend auf der steinernen Bank an der Umftiedigung des Kirch­hofs, umflossen von überhängendem grünem Gesträuche.