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24. Jahrgang

Montag, den 15. Februar 1897.

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mit Unterhaltrmgs-SeUage „Sterne und Klumen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage'ausgenommen. — Bierteljährlicher Abonnementsvrcis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzsile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Pelitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Die Militärdebatten im Reichstage haben sich zwar schon in früheren Jahren, zumal seit der schneidigen Angriffstaktik des vorigen Kriegs­ministers v. Bronsart, durch lebhafte Rededuelle zwi­schen dem Kriegsminister und den Helfern desselben einerseits und den Sozialdemokraten andererseits aus­gezeichnet, aber so ausschließlich wie in diesem Jahre haben sie doch noch niemals den Charakter all­gemeiner „Sozialistendebatten" angenommen. Herr v. Goßler, der jetzige Kriegsminister, ist in der Offensive gegen die Sozialdemokraten noch einen Schritt weiter gegangen als sein Vorgänger: zwar steht ihm nicht dec kecke Husaren-Lieutenantswitz des­selben zu Gebote, dafür aber fährt er gegen die Sozial­demokratie die schwere Artillerie thatsächlichen Antlage- materials auf, das er aus der fleißigen Verfolgung ihrer Kongreßdebatten gewonnen und sorgfältig zu den Akten genommen hat und wirft feine Geschosse mitten in die sozialdemokratische Citadelle hinein.

So hat Herr v. Goßler gleich am ersten Tage nach der ersten Rede aus dem Hause, der des Abg. v. Vollmar, den Sozialdemokraten auf Grund eines Beschlusfes des Londoner Sozialistenkongrefses, vor­gehalten, ihr Wahlfpruch fei: „Ohne Gott gegen König und Vaterland!" Den Nachdruck legte er auf die Vaterlandsfeindlichkeit der Sozialdemokratie. In diesem Sinne fuhr er fort, auch bei feinen weiteren Reden den Nachweis zu versuchen, daß bei ihr international und antinational gleichbedeutend seien. Durch eine Aeußerung' des Abg. Peus veranlaßt, wies er neben­her auch darauf hin, daß auf dem Gothaer Sozialisten­tage selbst über die „stinkenden Schweinereien" im ,Vorwärts' und dem sozialdemokratischen Sonntags­blatt ,Neue Welt' Klage geführt worden ist. Hierin war der Kriegsminister zweifellos im Recht und ebenso auch, wenn er aus den Londoner Kongreßverhand­lungen den Schluß zog, daß die Sozialdemokratie nach wie vor die internationale Revolutions­partei ist.

Zwar hat Herr v. Vollmar, der überhaupt sehr gemäßigt sprach, wiederholt versichert, daß die Sozialdemokratie nicht mit Gewalt, sondern auf ge­setzlichem Wege (d. h. durch Erringung der politischen Macht, der Mehrheit im Reichstage) ihre Ziele zu erreichen strebe, aber die anderen sozialdemokratischen Sprecher, Bebel und Peus, schlugen eine um so schär­fere Tonart an, und außerdem ist es zweifellos, daß die Sozialdemokratie, indem sie die Revolution nicht grundsätzlich verurtheilt, sondern verherrlicht, für den Ausbruch derselben, wenn die sozialdemokratischen Massen ungeduldig werden über das lange Ausbleiben der „gesetzlichen" Errichtung ihres „Zukunftsstaates", verantwortlich zu machen ist. Außerdem kann der „Zukunftsstaat" gar nicht aus gesetzlichemWege begründet werden, denn wenn auch die Mehrheit des Reichstages sozialdemokratisch sein würde, so würde doch immer noch der Bundesrath sich der Verwirk-

Todtengrävers Töchterlein.

Roman von I. Fichtner.

16] ------ (Nachdruck verboten.)

Er wollte vorwärts springen, um das Kind zu erfassen; aber ein fester Druck auf seinen Arm hielt ihn zurück. Ein einziger Blick zeigte ihm den Ab­grund einer Seele, deren ganze Niedrigkeit und grau­same Gier sich in den Augen seiner Mutter wieder­spiegelte. Gewiß war er ein leichtsinniger, zu allen Jugendthorheiten geneigter Mensch; aber ein ange­borenes Ehrgefühl hatte ihn bisher von jeder gemeinen Handlung ferngehalten. Mit einem Blicke des Ab­scheus auf die eigene Mutter suchte er sich von den ihn^ umklammernden Händen freizumachen in der Absicht, den Knaben, dem selbst ein unbedachter Warnungsruf Verderben bringen konnte, unbemerkt zurückzuziehen. — Jedes menschlichen Gefühls bar, der Erfüllung ihres höchsten Wunsches nahe, klammerte sich die Baronin halb sinnlos an ihren Sohn, mit den glühenden Augen jede Bewegung des Knaben verschlingend.

Angesichts dieser Verwoftenheit erwachten alle schlummernden edlen Gefühle in der Seele des jungen Mannes, und mit einem halbunterdrückten Wuthschrei suchte er die entmenschte Frauengestalt von sich zu

lichung der sozialdemokratischen Ziele widersetzen, und ohne den Bundesrath kann eben kein Gesetz zu Stande kommen.

Wenn wir soweit in der Sache selbst dem Kriegs­minister in mancher Hinsicht zustimmen konnten, so können wir doch nicht sagen, daß wir die Anzettelung solcher allgemeinen Sozialisten-Debatten bei jeder Ge­legenheit für wünschenswert!) und nützlich halten. Solche Debaten geben den sozialdemokratischen Füh­rern nur Gelegenheit, Agitationsreden zum Fenster hinaus zu halten. Diese werden dann in der sozialdemokratischen Presse und in Flugblättern weit verbreitet, die gegnerischen Reden aber wegge­lassen oder mit solchen Glossen versehen, daß ihre Argumente gegen die Sozialdemokratie ganz oder fast ganz wirkungslos werden. Dazu kommt, daß die sozialdemokratischen Reden auch Vieles enthalten, das der allgemeinen Volksanschauung und vielsach auch den thatsächlichen Verhältnissen durchaus entspricht, z. B. die Beschwerden über Soldaten-Mißhand- lungen, Duellunfug und dergl. Allerdings ist die Klage darüber nichts spezifisch Sozialdemokratisches, auch die Redner anderer Parteien, z. B. des Centrums, haben in diesen und anderen Punkten gar Manches an unseren militärischen Verhältnissen auszusetzen; aber die Thatsache an sich, daß immer noch namentlich der Duellunfug fortwuchert und völlig ungenügend bekämpft wird, wirkt agitatorisch im Sinne der Sozialdemokratie, weil sie die ohnehin schon große Unzufriedenheit stän­dig vermehrt und nährt. Hier sollte man einsetzen, um die Sozialdemokratie zu bekämpfen: durch Ver­stopfung der Quellen der Unzufriedenheit. Die Sozialistentödterei im Reichstage nützt gar nichts!

Deutsches Kelch.

Berlin, 13. Februar.

* Der Kaiser nahm am Samstag Vormittag in der Wohnung des Fürsten Hohenlohe deffen Vor­trag entgegen.

(gl Anläßlich des 100jährigen Geburtstages Wei­land Kaifer Wilhelm I. wird der Kartessverband der deutschen katholisches Slndentenveröin- dunge« eine große Centenarfeier in Berlin ver­anstalten. Sämmtliche reichsdeutsche Verbin­dungen — 17 an der Zahl — werden ihre Vertreter mit Wichs und Fahne nach Berlin schicken, wo am 26. d. Mts. die Feier stattfinden soll. Am Grabe Kaiser Wilhelm I. im Mausoleum zu Charloltenburg, wohin die Wichschargirten am Morgen des Tages fahren werden, wird ein Kranz niedergelegt werden und am Abend findet dann ein großer Festkommers statt. Gewiß ein schönes Zeichen von echtem Patriotis­mus, der auch unsere katholischen Studenten beseelt und unsere Gegner haben hier einen neuen Beweis, wie ungerechtfertigt ihre Vorwürfe sind, die sie dem patriotischen Gefühle der katholischen Studenten machen.

schleudern. Das Geräusch dieses Schreies, dieser ringenden Bewegung durchbrach schreckhaft die laut­lose, brütende Schwüle der Luft, und wie ein vom Sturm erfaßtes Blatt fiel jählings der blonde Knabe in die spiegelnde Fluth! — Ein gellender Schrei — ein kurzes plätscherndes Geräusch, und zwei hilflos tastende Händchen bezeichneten einen Moment die Stelle, wo ein junges Menschenleben versunken!

Starr vor Schreck — wie an die Schwelle ge­bannt, schaute der Lieutenant mit entsetztem Blick das Geschehene, während das Antlitz der Baronin, die ihn noch immer mit krampfhaftem Griff umklammerte, durch einen Blick teuflifchen Triumphes erhellt, sich vornüber neigte, um nach der Stelle zu spähen, wo das unschuldige Opfer verschwunden war. Noch gurgelte und wogte das Wasser, große Kreise ziehend, hob und senkte es die begehrten schimmernden See­rosen : da brach und knackte es im Gebüsch, und schneller als ein Gedanke flog der Schatten eines Menschen an den Beiden vorüber und stürzte sich kopfüber in die schaukelnde Fluth. — Wie von einem Banne befreit stieß der Lieutenant mit einer wilden Bewegung seine Mutter zurück, befand sich mit einem Satze am Ufer des Sees, der in erneutem, heftigem Rauschen seine Wasser über das grüne Ufer hin- spülte. Tief darüber hinweg beugte sich spähend die

* Mit der Errichtung einer ^rästdialwohnung beschäftigte sich der Vorstand des Reichstags am Freitag Vormittag. Beschlossen wurde zunächst im Prinzip, daß ein beso nderer Bau hierfür zu er­richten und die erste Baurate in dem Etat einzustellen fei. Ueber den Bauplatz wurde kein Beschluß gefaßt. Vielmehr wurde abgemacht, die Wahl zwischen dem fiskalischen Dreieck an der Sommerstraße und dem Reichstagsufer und dem Pringsheimfchen Grundstück gegenüber der Nordfront des Reichstags fo lange hinauszuschieben, bis die Preise beider Plätze genau festgestellt seien, und vorher auch genaue Pläne für beide einzufordern. Was die innere Einrichtung des Neubaues anlangt, fo dürfte von der Rechten des Reichstags befürwortet werden, die beiden oberen Stockwerke für Wohn- und Repräsentationsräume des Präsidenten zu bestimmen und das Parterregeschoß dem Bureaudirektor als Wohnung zu überweisen. Jedenfalls wird der von anderer Seite angeregte Vor­schlag, auch dem 1. Vizepräsidenten eine Amtswohnung zu schaffen, grundsätzlich abgelehnt werden.

* Im Kcrreuhausc beginnen die Plenarsitzungen am 15. d. M. Die Kommissionsarbeiten finden an diesem Tage und den folgenden Tagen statt. Die bisher in Aussicht genommenen Geschäftsdispositionen sind bis auf den 18. d. M. geblieben; am 16. werden also der Antrag Graf Frankenberg, betr. die Tarife, mit dem Unterantrag Graf Stolberg, am 17. das Lehrerbesoldungsgesetz auf die Tagesordnung gesetzt werden. Am 18. d. M. werden zu der Be- rathung des Staatsschuldentilgungsgesetzes hinzutreten die Berathungen des Antrages Graf Frankenberg über den Margarinegesetzentwurf und des Gesetzentwurfs betreffend die Eingemeindung in die Stadt Breslau.

* Die Geschäfte des Iteichsgerrchts haben im letzten Jahre, soweit Civ i l s ach en in Betracht kommen, eine Zunahme erfahren, während die Strafsachen abgenommen haben. Es sind 2496 Civilsachen an­hängig geworden gegen 2419 im Vorjahre. Die Zahl der Revisionen in Strafsachen ist von 5955 auf 5704 zurückgegangen. Beschwerden sind im ganzen 1184 anhängig geworden gegen 1123 im Vorjahre. Wichtig ist, daß die Zahl der Civilsachen, in denen das angefochtene Urtheil aufgehoben ist, erheblich zurückgegangen ist, und zwar von 499 auf 438. Für den Erfolg der Revisionen in Strafsachen liegen leider keine Zahlenangaben vor. Von den Beschwerden sind 220 für begründet und 858 für unbegründet erklärt.

ft Aus der Beamtenaufbesserung im Reiche und in Preußen, der Witwen- und Waisen- Novelle (7—8 Millionen Mark), dem Lehrer­besoldungsgesetze (über 9 Millionen M.) und der in Aussicht stehenden Verbesserung des Einkom­mens der kath o lisch en und evangelischen Geist­lich e n rechnen die miquelosfiziösen,Berl. Pol. Nachr.' auf einen dauernden jährlichen Mehrbedarf von 45 Missionen Mark und richten daher nochmals die Mahnung an die Budgetkommission, nicht frei­schlanke Gestalt des jungen Offiziers — eine dunkele Wolke flog über den glühenden Sonnenball und ver­düsterte die schweigende Scene. Eifrig, aber besonnen entledigte sich Lieutenant Bredow seiner Oberkleider, warf das Schuhwerk von feinen Füßen und betrat prüfend das mit allerlei Wasserpflanzen bewachsene Ufer. Da hoben sich abermals die Wasser und brachten an die Oberfläche die festumschlungenen Gestatten der beiden Knaben, die eben vor seinem Blicke da hinabgetaucht waren. Eine schnell ent­schlossene, schwimmende Bewegung brachte ihn im Augenblicke den um's Leben ringenden Knaben näher, mit starker Hand erfaßte er dieselben und zog sie mit einem Rucke an das Ufer. Noch einmal brach die Sonne die Gewitterwolken und fiel kosend auf die bleichen Gesichter der engverschlungenen Kinder. Einige Minuten genügten, um den starkem Manfred, der fo heldenrnüthig dem kleinen Freunde zu Hilfe gesprungen war, zmn Bewußtsein zu bringen. Trie­fend folgte er feinem Lebensretter, der, den starren Körper des kleinen Walter auf dem Arm, unter den ersten großen Regentropfen des hereinbrechenden Ge­witters dem Schlöffe zueilte.

Eben trat Graf Clären auf die Terrasse, um die erfrischende Gewitterluft einzuathmen, als die Gruppe aus dem Park trat und er verständnißlos derselben