24. Jahrgang
Dienstag, den 9. Februar 1897.
mit UrrterhalLrmgs-Kettage „Kterne und Klumrn"
also daß Graf Posadowsky ganz nach der Pfeife des Herrn v. Miquel tanze, wahrscheinlich machen, sondern wir halten es nur für nothwendig, abzuwarten, ob Graf Posadowsky, wenn er etwa anderer Meinung ist als Herr v. Miquel, auch zäh und furchtlos an derselben fest halten wird, wie sehr auch immer Herr v. Miquel Himmel und Hölle in Bewegung fetzen wird, um seine Pläne durchzukämpfen.
Daß jetzt Kämpfe innerhalb der Regierungen stattfinden, ist ja sehr wahrscheinlich. Es ist nicht schwer, zu vermuthen, daß die Finanzminister der größeren Bundesstaaten in diesen Kämpfen, sei es von der einen oder von der anderen Seite, zur Hilfeleistung nach Berlin aufgeboten worden sind, am wahrscheinlichsten von Herrn Miquel. Graf Posadowsky hatte wohl die Absicht, in ähnlicher Weise wie mit der lex Lieber des vorigen Jahres int neuen Jahre die Schuldentilgung fortzusetzen; jedenfalls scheint, daß er nicht wesentlich von der Finanzpolitik des Centrums abweichen wollte. Dagegen scheint nun Herr Miquel Front gemacht zu haben, und es muß sich nun zeigen, nach welcher Seite der Sieg in diesem Kampfe sich neigen wird. Uns scheint es gar nicht unmöglich, daß dabei^ ein Kompromiß herauskommen wird. Die ,Post' schreibt bereits, die zwischen den einzelstaatlichen Finanzministern und dem Reichsschatzsekretär „über die Fortführung der Schuldentilgung im Retche stattgehabte Aussprache" eröffne „befriedigende Aussichten". Andererseits schreiben auch die miquel- offiziösen ,Berl. Pol. Nachrichten' jetzt ganz so, als ob es sich nur um einfache Neuauflage der hx Lieber handle. _____
Nach unseren eigenen Erkundigungen steht aber noch gar nichts fest. Es ist ja auch von vornherein uqglaubwürdig, daß die einzelstaatlichen Finanzminister "nach Berlin gekommen wären, wenn man ich allseitig.darüber einig gewesen wäre, nur einfach die lex Lieber auf das neue Etatsjahr zu übertragen. Es sollte uns nun gar nicht wundern, wenn ein Kom- promiß dahin zu Stande käme, daß zwar die lex Lieber erneuert, aber dabei mit einer verfänglichen Klausel im Miquel'schen Sinne versehen würde. Sollte etwas derartiges beabsichtigt sein, so wird int Reichstage jedenfalls alsbald volle Klarheit darüber geschaffen werde'- müssen, daß jeder Kompromiß, welcher das Wesen der Franckenstein'schen Klausel antastet oder die Aussicht aus Vermehrung der indirekten Steuerlast eröffnet, ebenso wie alle früheren Automatenpläne zurückgewiesen werden wird. Es scheint fast, als ob Herr von Miquel die Gesammtregierung in einen Konflikt mit dem Reichstag hineintreiben wolle — die unablässigen Angriffe seiner Preßmameluken auf das Centrum deuten nebst manchem Anderem darauf hin —, aber das kann den Reichstag nicht einfchüchtern. Und übrigens ist ja Herr v. Miquel auch noch nicht die Regierung!"
wurf, und wie vernichtet warf sich der Gefragte in einen Sessel.
„Nur Deine Verzeihung, Eva, dann stoße mich von "Dir, denn ich bin verloren", — so flehte er verzweifelt.
„Was kann das nützen, letzt? Kurt, ermanne Dich und "sage mir, wie ich Dir helfen kann," und sie reichte ihm verzeihend die Hände.
„Du bist ja noch jung, suche gut zu machen, was Du gethan hast in sinnloser Verblendung. Sage mir, verfolgt man Dich?" fuhr sie ongftüoIIJort.
„Ich war bereits verhaftet, in aller Sülle — aber ich bin entflohen — ich stehe vor Dir wie ein Bettler!" war die tonlose Antwort.
„Du kannst unmöglich hier bleiben, man wird Dich hier suchen — und mein Mann wird Dich nicht verleugnen; ich kenne ihn, da bist Du verloren!"
Eva Tang in bitterer Pein die weißen^Hände; was war zu thun? Doch mit der Liebe einer Schwester und sorgenden- Frau besann sie stch plötzlich. Einen Blick warf sie auf die erschöpfte Gestalt des Bruders; dann verschwand sie und kehrte bald darauf mit einer Flasche alten kräftigen Weines zurück, ihre zitternden Hände füllten ein hohes Kelchglas und reichten es dem Verbannten. Mit dankbarem Blicke ^trank er hastig die ersehnte Stärkung, und mit dem Feuer des
fürchtete, so geschah es! Plötzlich stand ihr Bruder vor ihr, hastig, unangemeldet, wie aus der Erde gezaubert. — Wie aber war sein Aussehen! Fast prallte sie zurück vor dem bleichen, verstörten Gesichte, dem verzweiflungsvollen Ausdrucke in den tiefen, dunkeln Augen.
„Laß uns allein sprechen — nur einen Augenblick, ganz allein — ich muß bald wieder fort," so flüsterte er ihr zu. Wortlos ergriff Eva seine kalte Hand und führte ihn in ihre eigenen, innersten Gemächer, in einen Raum, nur geschaffen, um einen Raum des Glückes darin zu erleben. Dort stand die Staffelei mit dem halbvollendeten Bilde, dessen liebliche Schönheit schon siegreich hervorbrach. Kostbare Dekorationen, herrliche, hohe Vasen mit exotischen Gewächsen, prächtiger, blitzender Schmuck, und da auf einem Konsole lag noch ein zierlicher Strauß herrlicher Rosen, die Eva bei der letzten Sitzung in der Hand gehalten hatte. Ehe die Gräfin die Thür verschloß, winkte sie ihrer Zose und gab ihr den Auftrag, daß Niemand sie stören solle. Die ihr treu ergebene Dienerin verstand ihre Herrin, und Eva wandte sich zu ihrem Bruder.
„Um Gottes Willen, Kurt, was hast Du gethan?" Sie konnte ihn nicht zurückhalten den qualvollen Vor-
Drutsches Reich.
Berlin, 8. Februar.
Der Kaiser gedenkt heute Abend an dem parlamentarischen Essen bei Herrnv. Miquel theilzunehmen. Er nahm heute im Schlosse den Vortrag des Staatssekretärs Frhrn. v. Marschall — jedenfalls über die neuen Verwickelungen im Orient — entgegen. — Am Mittwoch will der Kaiser den Erzherzog Otto von Oesterreich persönlich am Bahnhof empfangen. — Am 26. d. Mts. gedenkt der Kaiser einer Einladung zum Diner zu entsprechen, das der Oberpräsident v. A ch e n b a ch den Mitgliedern des märkischen Provinziallandtages gibt. Bei dieser Gelegenheit hat der Kaiser früher mehrfach hochpolitische Reden gehalten, z. B. auch die, worin er denen, die sich ihm entgegenstellen wollten (d. h. der damalige Kanzler Fürst Bismarck), mit der „Zerschmetterung" drohte.
* Die Besprechungen der einzeMaatticheu Iinanzminiker sind beendet und die Herren größtentheils schon wieder abgereist, lieber das Er- gebnip verlautet noch immer nichts Sicheres.
ft Nach Kreta soll wegen den dortigen Wirren in den allernächsten Tagen der Kreuzer „Kaiserin Augusta" abgehen, der größte Kreuzer und eines der schnellsten Schiffe unserer Marine, mit einem Besatzungsetat von 418 Mann. Die Lage auf Kreta wird demnach von der deutschen Regierung als sehr ernst betrachtet.
Die porenfeindliche fresse, die dem jetzigen Oberpräsidenten von Posen v. Willamovitz nicht sehr gewogen ist, weil er ihr zu wenig „Schnei- digkeit" gegen die Polen entwickelt, hatte in der letzten Zeit mehrfach den Rücktritt desselben angekündigt und teilweise schon in Herrn v. Köller, dem früheren Minister, ihm einen Nachfolger nach ihrem Herzen zugedacht. Die „Gerüchte" über einen Wechsel im Posener Oberpräsidium, schreibt aber jetzt die offiziöse ,Nordd. Allg. Ztg.', entbehren jeglicher Begründung.
ft Der Briefwechsel zwischen den freisinnige» Gruppe« dauert fort. Man will jetzt durch Vertrauensmänner die Wahlkreise ermitteln lasten, in denen ein Zusammengehen möglich erscheint. Wir werden über den Briefwechsel nur noch dann weiter berichten, wenn etwas Besonderes vorliegt.
si Im Herrenhause hat Graf Frankenberg mit 72 Unterschriften der „Wirthschaftl. Vereinigung", darunter auch der des Fürsten Bismarck, den Antrag eingebracht, die Regierung möge dahin wirken, daß die Margarinegesetz-Änlräge des Centrums und der Konservativen im Reichstage beim Bundesrathe Annahme finden.
* Die Zlnfalrversich-rnngs-Kommission des Reichstages hat die §§ la, 1b, 1c und 2 ohne erhebliche Aenderungen angenommen.
ausgenommen — Bierteliährlicher Abonnementsvreis ohne Brinqcrlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts I Mark 50 Pfennig. Ersch-mt t°Slrch^S°n^t^kost^n ^e einspaltige KarmondMe oder de?en Raum 15 Pf.. Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
(§) Miquels Bedingungen.
Die Sicherung der Bundesstaaten gegen Heranziehung mit durch Ueberweisungen nicht gedeckten Matrikularumlagen, welche die unerläßliche Voraus- • fefeung für die Beseitigung oder doch wirksame Einschränkung der Schuldenwirthschaft im Reiche bildet, kann selbstverständlich nur dadurch erreicht werden, daß das Reich sich stark macht, seine ordentlichen Ausgaben auch regelmäßig aus seinen eigenen Einnahmen ohne Rückgriff auf die Bundesstaaten zu bestreiten. Das wird unter Umständen nicht ohne dauernde oder vorübergehende Vermehrung dieser Ein- nabmen, d. h. ohne Einführung neuer ober Erhöhung bestehender Steuern abgehen, zumal, wenn auch der Bedarf für die obligatorische Schuldentilgung zu beschaffen ist." In diesen zwei Sätzen, mit denen der geheimräthliche Mitarbeiter der ,Post' einen neuen Artikel zu Gunsten des Miquel'schen Automaten beginnt, werden sehr offenherzig die Kerngedanken der Miquel'schen Finauz- pläue bloßgelegt.
Der Plan ist also der: Man will dem Centrum anbieten, wir wollen zugeben, daß die Mehrüberweisungen zum Theil zur Schuldentilgung des Reiches verwendet werden, verlangen aber dafür Sicherheit, daß die Matrikularumlagen die Ueberweisungen nicht übersteigen dürfen. Die Sicherheit kann nur durch Gesetz gegeben werden, weil dieses nicht einsestig vom Reichstage wieder aufgehoben werden kann. Ist dann dieses Gesetz beschlossen, so ergibt sich von selbst die Folgerung, daß das Reich, das nun finanziell „auf eigene Füße gestellt" wäre, auch dafür sorgen müßte, seine eigenen Einnahmen so einzurichten, daß sie ausreichen, um alle seine ordentlichen (laufenden) Ausgaben, mögen dieselben steigen, wie sie wollen, einschließlich des eventuellen Bedarfs für eine obligatorische Schuldentilgung stets glatt zu decken. Nöthigenfalls müßten daher im Reiche die indirekten Steuern und Zölle erhöht oder vermehrt werden! _ ,
Das ist der Plan des Herrn v. Miquel. Ob auch Graf Posadowsky, der Reichsschatzsekretär, diese Gedanken verfolgt, ist nicht völlig klar zu Übersehen. Manches deutet ja darauf hin, daß er weniger streit- begierig als der preußische Finanzminister und bestrebt ist mit dem Reichstage lieber auf möglichst gutem Fuße zu bleiben. Andererseits aber halten wir doch die Auffassung befreundeter Blätter, Graf Posadowsky sei der Vormundschaft des Herrn Miquel ganz entwachsen und nicht gewillt, in dessen Interesse mit dem Reichstage sich zu „verkrachen", für zu rosig gefärbt. Graf Posadowsky hat uns für die hier "behauptete Unabhängigkeit bisher doch zu wenig Beweise geliefert; der eine Fall mit der lex Lieber des vorigen Jahres scheint uns in dieser Beziehung doch heute nicht mehr ausreichend. Wir wollen mit diesen Zweifeln freilich auch nicht direkt das Gegentheil,
Todtengräöers Töchterlein.
Roman von I. Fichtner.
11] ------ (Nachdruck verboten.)
Noch nie hatte Eva ein Wort verloren über die Besorgniß, die sie für ihren Bruder hegte. Da kam an einem stürmischen Novembertage eine beängstigende telegraphische Nachricht, die sie in große Bestürzung versetzte. Um diese letztere noch zu vermehren, zeigten sich plötzliche Krankheits - Symptome bei dem kleinen fünfjährigen Lieblinge, und zum erstenmale verlor Eva ihre ruhige Besonnenheit und flüchtete um Hilfe zu der Baronin. Dieselbe merkte sofort, daß der Graf feine Ahnung von der Gefahr besaß, in dem sein junger Schwager sich begeben hatte, und daß dieser gewiß seine Abwesenheit benutzen und hier ein- treffen würde. Im Uebrigen gab sie den Rath, sofort für den Knaben einen Arzt holen zu lassen, wodurch sie ihr Vorhaben, den Grasen heimlich sofort telegraphisch Heimrufen zu lassen, gleichzeitig mit aus- fübren könnte. Beides geschah. Letzteres ohne Wiffen und Willen Eva's, die keineswegs daran dachte, ihren Gemahl zu beunruhigen.
Obwohl keine Gefahr für das Kind vorhanden war, verging der Tag in banger Sorge, und ein dunkler, stürmischer Abend brach herein. Wie Eva
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