28 Freitag, den 5 Februar 1897. 24. Jahrgang
mit Unterhrritungs-KeilKge „Sterne und Dlumen".
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Der rührige Herr v. Miquel.
Herr v. M i q u e l läßt in den,Berl. Polit. Nachr/ erklären, daß er keineswegs den Widerspruch des preußischen Staatsministeriums gegen auf Antrag des Centrums erfolgten Beschluß der Budget-Kom- Mission des Reichstages, die Beihilfen für die Kriegsinvaliden entsprechend den gesetzlichen Anforderungen zu erhöhen, veranlaßt habe. Die Angabe (sie ist nicht von einem Centrumsblatte, sondern von der nationalliberalen ,Nationalztg/ aufgestellt worden), Herr v. Miquel habe im Staatsministerium eine scharfe Rede gegen jenen Beschluß gehalten, beruhe auf Erfindung. Die ,Nationalztg/ erwidert, das sei „eine äußerst thörichte Behauptung", und hält ihre Meldung vollkommen aufrecht.
Herr v. Miquel scheint überhaupt wieder sehr aktionslustig zu sein; denn er hat auch die Finanzminister der anderen Bundesstaaten zu einer Besprechung nach Berlin entboten, die „demnächst" (so sagen die ,Berl. Polit. Nachr/) stattsinden 1'oll. Ob das auch wieder gegen das Centrum gemünzt ist, entzieht sich vorläufig unserer Beurtheilung; jedenfalls würde uns auch diese Mobilmachung der Kollegen des Herrn v. Miquel, ebenso wie s. Z. bei den Reichsautomaten-Plänen, völlig kalt lassen.
Herr v. Miquel macht übrigens eine sehr unverfrorene Reklame für feine Person. Eine anscheinend miqueloffiziöse Korrespondenz des ,Hamb. Storr/ aus Berlin erzählt, daß Herr v. Miquel den Widerstand einiger Refsortminister gegen die ihnen zu niedrig erscheinenden Sätze in seiner Vorlage zur Aufbesserung der Wittwen uni) Waisen der Beamten glücklich überwunden habe, obwohl der Kaiser selbst, der doch die Anregung zu deren Aufbesserung gegeben hatte, in der betreffenden Staatsministerialsitzung den Vorsitz führte. Das fei „zweifelsohne für feine Stellung inn erhalb der Regie rung ein bedeutsamer Erfolg des Finanzministers." Wir möchten doch bezweifeln, ob es für die Stellung des Finanzministers für die Dauer von Vortheil ist, wenn derart seine Freunde in der Presse ihn in Gegensatz zu anderen Ministern bringen und sogar andeuten, daß selbst der Kaiser seine Ansicht unter der Einwirkung Herrn v. Miquels fallen gelaffen habe. Was fagt Fürst Hohenlohe, der doch neulich im Abgeordnetenhause so großen Werth darauf gelegt hat, die Regierung im Brillantfeuer der Einheitlichkeit erstrahlen zu lassen, zu solchen Veröffentlichungen der Miqueloffiziösen?
Ob ein Zusammenhang mij diesen Vorgängen in den oberen Regionen oder etwa mit der auswärtigen Politik bei folgender Meldung anzunehmen ist, muß dahingestellt bleiben: Der Kaiser fuhr am Mittwoch Nachmittag beim Reichskanzler Fürsten Hohenlohe vor und hatte mit ihm eine längere Unterredung.
TodtcrrgrLdrrs Töchterlein.
Roman von I. Fichtner.
Vj ------ (Nachdruck verboten.)
Ilm so mehr freute er sich, als er eines Tages mit Eva durch die Säle wandelte und unvermuthet einem alten Freunde und Waffengefährten begegnete.
„Aber, Graf Clären, wo steigen Sie denn hin? Bei einem Haar gehen Sie über mich weg, ohne mich zu sehen!" so redete der General einen großen, Hagern Herren an, der gleichgiltig und gänzlich theil- nahmslos einherschritt.
„Ah — das hätte ich nicht gedacht. Sie hier zu finden, General!" war die erstaunte Antwort, und zwei düstere Augen blickten etwas freundlicher auf den ehemaligen Kameraden.
„Ja, ist es nicht die reine Ironie für einen Soldaten, sich hier herumzudrücken? Aber hier die Erklärung: meine Tochter Eva — Graf Clären!" — stellte der General vor. Eine stumme Verbeugung — nur ein flüchtiger Blick Evas streifte den Grafen, ohne daß eine Ahnung in ihr aufdämmerte, daß mit dieser Begegnung ihr Schicksal besiegelt sei.
„Wenn es Ihnen angenehm ist, schließe ich mich Ihnen an," sprach Clären verbindlich.
„Natürlich — welche Frage! Aber hier finden
Auch darf bei Beurtheilung der Zustände innerhalb der Regierung nicht unbeachtet bleiben, daß mächtige Elnflüsse namentlich auch gegen Frhrn. v. Marsch a l l thätig sind, auf dessen Seite sich Fürst Hohenlohe andererseits wiederholt sehr entschieden gestellt hat. Andere Mitglieder der Regierung, darunter auch Herr v. Miquel, müssen dagegen geradezu als Gegenpartei gegen Hohenlohe und Marschall betrachtet werden. Die Gegensätze zeigen sich auf den verschiedensten Gebieten. Warten wir ab, was dabei herauskommt!
zffr Die Reise des Grafen Murawjew nach Paris und Berlin
wird als das „bemerkteste", vielleicht auch das be- merkenswertheste Ereigniß der hinter uns liegenden 8—14 Tage in der Presse lebhaft befprochen. Daß GrafMurawjew, wenn er überhaupt solche Antrittsvisiten machen wollte oder sollte, zuerst nach Paris gehen würde, war bei dem Bundesverhältniß Frankreichs und Rußlands selbstverständlich; daß er aber außerdem nur nach Berlin und nicht nach Wien und London ging, beweist, daß es sich nicht bloß um Höflichkeitsbesuche handelt, sondern daß ganz bestimmte politische Absichten den neuen russischen Minister des Auswärtigen nach Paris und Berlin, mindestens aber nach Berlin geführt haben — nach Paris hätte er nämlich auch schon aus Rücksicht auf die französische Empfindlichkeit sich begeben müssen, wenn er besonders Berlin aussuchen wollte.
Alles spricht nun dafür, daß es sich für den Grafen Murawjew darum handelte, sich der frcmzösi- fchen und deutschen Unterstützung bei seinem die Weiterentwickelung der orientalischen Frage betreffenden Absichten zu versichern. In Paris ist er offenbar auch sehr erfolgreich gewesen, wenn sich die Mittheflungen der .Münchener Allgem. Zeitung' bewahrheiten, denen zufolge Frankreich den Russen einen Hafen am Rothen Meere abzutreten im Begriffe stehe. Frankreich hat dort eine Kolonie, Obok, nahe dem italienischen und auch dem englischen Gebiete und unmittelbar auch Abeffynien benachbart. Rußland würde sich auf diese Weise nicht nur in direkten Verkehr mit dem Könige Menelik von Abeffynien, sondern auch einen Stützpunkt an dem Seewege nach Indien und Ostasien gewinnen. Die Stellung Rußlands gegenüber England würde dadurch wesentlich verstärkt werden. In Verbindung mit diesen russisch-französischen Abmachungen wird der Ende Januar zwischen Frankreich und Abessynien abgeschlossene Handelsvertrag gewiß noch besondere Beachtung finden.
Was hat nun Frankreich für dieses große Zuge- ständniß — falls dieses sich bestätigen sollte, natürlich — seinerseits von Rußland verlangt? Die neueren 'Nachrichten ans Kairo scheinen uns die Antwort auf diese Frage zu geben. Der französische und der
Sie so wenig Gefallen, wie ich, wie ich merken konnte; ich denke, wir frühstücken zusammen — meine Tochter schicke ich indeß nach Hause!"
Und eine halbe Stunde später saßen die Freunde zusammen und theilten sich die Erlebnisse der Vergangenheit mit, der vielen Jahre, in denen Glück und Unglück über die Beiden dahingerauscht.
3.
Im sonnigsten Frühlingsglanze prangte die Erde, als Graf Clären die schöne Generalstochter Eva von Walden als seine junge Gemahlin in das Stammschloß seiner Väter einführte. — Ein kurzer, aber schwerer Kampf zwischen Vater und Tochter war dem Ereignisse vorangegangen und hatte sich zu Gunsten des Grafen entschieden. Eva zog es schließlich vor, in unlöslich bindenden Fesseln eine gewisse Freiheit des Willens zu finden, die ihren Mädchentagen bisher gänzlich gemangelt hatte.
Aber als eine ächte Walden, als ächte Tochter eines einst siegreichen Feldherrn, hatte sie durch das Opfer, ihr junges Leben an das eines alternden, ungeliebten Gatten zu ketten, auch einen Sieg errungen und zwar — die Freiheit ihres Bruders.
Es gewährte ihr eine Art Befriedigung, den nur gefürchteten, niemals geliebten Vater auch einmal zu
russische diplomatische Agent haben dort nämlich bei dem ägyptischen Ministerium gegen die Annahme der finanziellen Unterstützung durch England Einspruch erhoben, indem sie daran erinnerten, daß der Khedive sich zur Aufnahme einer solchen Anleihe an die Staatsschuldenkommission zu wenden habe. Offenbar will Frankreich mit Unterstützung Rußlands England in eine Lage versetzen, die es ihm völkerrechtlich unmöglich machen soll, den Krieg gegen die Derwische, der jetzt wieder mehr in Gang gekommen ist, fortzusetzen und dadurch überhaupt' Englands Stellung in Aegypten sehr erschweren würde.
Zunächst hat ja bekanntlich Aegypten, unter dem Einflüsse Englands natürlich, aus eigener Tasche die Kriegskosten zu bestreiten gesucht; bei der Eigenart seiner Finanzverhältnisse aber, die durch die internationale Finanzkontrole bedingt wird, unter welcher Aegypten wegen feiner Schuldenlast steht, war der internationale Gerichtshof im Stande, jene Verwendung ägyptischer Staatsgelder für unzulässig zu erklären. England hals sich natürlich dadurch, daß es den Aegyptern die Kriegskosten vor streckte. Auch dies wollen Frankreich und Rußland jetzt unmöglich machen und sind dabei anscheinend auch formell im Recht.
Was dann, wenn Frankreich und Rußland ihren Standpunkt durchfechten? Dann kann Aegypten weder aus eigener noch aus englischer Tasche die Kriegskosten bestreiten, und die Staatsschuldenkommission wird das Geld wohl nicht hergeben wollen oder können. Der Krieg kann aber, da es sich um ehemals ägyptisches Gebiet handelt, das den Derwischen wieder abgenommen werden soll, rechtmäßig nur im Namen Aegyptens, nicht direkt im Namen Englands geführt werden. England müßte alfo, wenn es den Krieg fortfetzen will, den Muth haben, keine Rücksicht auf die Rechtslage zu nehmen, d. h. also einen Gewaltakt begehen, bei dem es in offenen Streit mit Frankreich und Rußland, vielleicht sogar mit der G e- sammtheit der an der ägyptischen Finanzkontrole betheiligten Mächte, wozu auch Deutschland gehört, gerathen müßte.
Das letztere ist es zweifellos, was Frankreich mit russischer Hilfe erstrebt: England foll immer mehr „isolirt", d. h. vereinsamt und in Gegensatz zu allen anderen europäischen Mächten gebracht werden. Und dann wäre der Zeitpunkt gekommen, wo Frankreich und Rußland den entscheidenden Schlag gegen Englands Stellung inAegypten, wie auch gegen Englands Weltstellung überhaupt führen könnten.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Februar.
(*) Kaiserliche Danksagung. Im.Reichscmz/ wird ein kaiserlicher Erlaß veröffentlicht, worin der etwas zu zwingen. Ohne jede Erwägung der Verhältnisse, der Gründe, die ihren Vater dem Sohne gegenüber zu strengen Maßregeln bestimmten, ohne ferner zu bedenken, daß volle Freiheit dem fchwärmerisch stürmischen Jünglinge zum Verderben werden könnte, wich sie nicht von der einen Bedingung, den Bruder von den eisernen Fesseln des Soldatenstandes zu erlösen und demselben ein selbstgewähltes Studium freizugeben.
Der alte General wüthete vergebens. Er mußte nachgeben, denn fein Ehrenwort war verpfändet, Eva dem Grafen schon fest verlobt, ehe sie selbst es wußte. Um dem Vater das Opfer nicht allzu schwer zu machen, versprach Kurt, sich der Jurisprudenz zu widmen und, wenn möglich, in den Staatsdienst zu treten.
Diese Errungenschaft war die einzige Freude und Genugthuung, die Eva in die neue Heimath begleiteten.
Noch hatte sie weder Zeit noch Lust gefunden, den Charakter des Grafen zu studiren, als sie sich auch schon als seine Gemahlin wiederfand. Hochauf- athmend betrat sie nach einer langen Reise als junge Herrin die prachtvollen Räume des romantisch gelegenen gräflichen Stammgutes.
Tief neigte sich die zahlreiche Dienerschaft vor