Einzelbild herunterladen
 

M 27

Donnerstag, den 4 Februar 1897.

24. Jahrgang

mit zlrrteichaltrmgs-KrUagr „Sterne und Klnmen"

Srsckeint toriuS «lmn- und »eiertaat awiaetwmmeit. — BiertelMrücher Ab»«»«»entspreiS »hue Brül«crl,hn und SejteUgelb i* Fulda uni auswärts 1 Mark 50 Pfennig. ' f Inserate kosten die einstige Garmvndzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Prtitjeile 96 Pf., lei »ederh.kungen entsprechender Rabatt.

** Aus dem liberalen Lager

mehren sich die Stimmen, welche ein Zusammen­gehen aller liberalen Gruppen, zunächst bei den künftigen Reichstagswahlen, fordern. Diese Melodie ist nicht neu. Wer erinnert sich nicht an den liberalen Rütlibund, den vor einigen Jahren Herr v. Bennigsen im Reichstage proklamirt hat! Das liberale Bürgerthum, so hieß es, besitzt heute nicht mehr den Einfluß, der ihm seiner Bedeutung nach zukommt; es muß zusammenstehen, um sich den ihm gebührenden Einfluß wieder zu erringen. Aber was ist daraus geworden? Zwar hat man sich ge­legentlich zusammengefunden, aber diese Bande er­wiesen sich nicht als dauerhaft. Wenn der Libera­lismus überhaupt noch die innere Kraft hatte, die als Voraussetzung einer mehr als vorübergehenden Einigung unumgänglich ist, so hätte sich aus dem wilden Ansturm des gesammten Liberalismus gegen das Zedlitz'sche Volksschulgesetz die ersehnte „große liberale Partei" oder mindestens ein festgefügtes Kartell aller liberalen Gruppen als Frucht ergeben müssen. Aber das Pulver war bald verpufft; sobald das nächstgelegene Ziel, die Beseitigung des verhaßten Gesetzentwurfs und seines Urhebers, erreicht war, zer­streute sich der liberale Heerbann auch wieder in alle Windrichtungen.

Und wieder erhob sich der Ruf nach Einigkeit im liberalen Lager: die ,Nationalzeitung', das Berliner Organ der Nationalliberalen, erhob ihn in der Be- drängniß, in welche sie mit ihrem freihändlerisch- manchesterlichen Gewissen angesichts der zunehmenden, sagen wir: Verbündelung der eigenen Partei, d. h. der zunehmenden Unterordnung derselben unter den „Bund der Landwirthe" gerathen war. Sie rechnete auf einen Krach in der eigenen Partei und richtete ihre Blicke deshalb von vornherein nach links, um event. mit ihrem Anhang und den Freisinnigen beider Linien zusammen eine neue wirklich liberale, d. h. freihändlerische, antiagrarische Partei bilden zu können. Jndeß gelang es der Parteileitung, den Riß einst­weilen zu verkleistern, und die ,Nationalzeitung' gab sich auch zufrieden, enttäuscht über die geringe Unter­stützung, die sie aus ihrer Partei heraus gefunden.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die,Rational- zeitung' traut dem Landftieden innerhalb der national­liberalen Partei denn doch nicht — und zwar jeden­falls mit Recht — und unterstützt daher nach wie vor eifrig Alles, was zu einer Einigung mit dem Freisinn gegen das „Agrarierthum" führen könnte. Sie hat die Freude, dabei auch einige andere natio­nalliberale Blätter, z. B. den ,Hannov. Kour/, der vielfach als Sprachrohr Bennigsens gilt, an ihrer Seite zu sehen. Wie steht es, nun aber mit den Freisinnigen? Die „weibliche Linie", die Ge­folgschaft des Herrn Rickert, ist ja stets bereit, in die Rufe nach Einigung aller Liberalen mit einzustimmen; der Fr. centrale Wahlverein dieser „freisinnigen

Todtengrabrrs Töchterlein.

Roman von I. Fichtner.

7] ------ (Nachdruck verboten.)

2.

„Ich kann Dir gar nicht sagen, liebes Herz, wie ich mich auf die Heimath freue. Endlich ist der Zwang zu Ende! — Aber freuest Du Dich denn gar nicht?" Und liebkosend schlang ein junges Mädchen den Arm um ihre Freundin und schaute derselben fragend in die tiefen, seelenvollen Augen.

„Freuen?" fragte diese zurück und blickte weiter sinnend durch die grünen Bäume des Pensionsgartens, in dem die beiden zum letzten Male lustwandelten. „Ich freue mich auf mein Mütterchen, auf meinen lieben Bruder, aber fonst — Du weißt, daß ich keine Ursache habe, mich sonst zu freuen", schloß Eva mit trübem Lächeln.

„Ach, mach' Dir's nicht so schwer; wir wollen wieder treu zusammenhalten, und bei Deiner Schön­heit und Deinem Namen hast Du ja eine große Zu­kunst," suchte Klementine zu trösten.

„Zukunst!" klang es bitter zurück. „Ja, dafür wird mein Vater schon sorgen, und wenn ich je heirathe, so thue ich es nur, um mich von seinem despotischen Willen zu befreien." Und über die madonnenhaften

Vereinigung" nennt sich auch mit Vorbedacht „Wahl­verein der Liberalen", um anzudeuten, daß sich diefes kleine Häuflein doch als den Träger einer großen Aufgabe fühlt: der Aufgabe nämlich, den Krystalli- sationspunkt abzugeben, an den sich zu gelegener Zeit der gesammte Liberalismus von rechts und links „ankrystallisiren" könne. Dagegen hat sich die Richter- sche freisinnige Volkspartei, die „männliche Linie" des Freisinns, allen derartigen Lockungen gegenüber sehr spröde erwiesen. Herr Richter mag eben keine anderen Parteigötter neben sich dulden, wie soeben erst sein Fraktionsgenosse und „präsumptiver (vorausbezeichneter) Thronfolger" Lenzmann hat er­fahren müssen, und wie ehedem Herr Rickert erfahren mußte. Herr Richter liebt es „unentwegt" und ohne Rücksicht auf Majoritätspolitik, seine Ziele zu ver­folgen, und darum können andere, die mit ihm nicht in Allem übereinstimmen oder Neigung zu „prak­tischer" Politik haben, nie lange mit ihm zusammen­gehen. Herr Richter hält darum auch nicht gar viel von jeder Art von Parteibündnissen, deren Einhaltung ihm allerlei lästige Rücksichten auferlegen würde, ohne daß er dabei die Hoffnung auf größere, dauernde, greifbare Erfolge begründet sieht.

Wir sind daher gespannt, wie er bezw. der von ihm geleitete geschäftsführende Ausschuß der freis. Volks­partei sich zu der neuesten Einigungs-Ein­ladung stellen wird, welche soeben (30. Januar) der „geschäftsfthrende Ausschuß des Wahl­vereins der Liberalen" (die Herren Rickert und Gen.) an ihn ergehen ließen. Was diese Herren wün­schen, hält sich ja scheinbar in bescheideneren Grenzen. Die Rickert'schen wollen, daß beide Gruppen für die nächsten Wahlen die Aufrechterhaltung des gegenwartigen Fraktions-Besitzstandes sich gegenseitig zusichern. Im Falle einer bejahenden Ant­wort wollen sie außerdem Vorschläge betreffs anderer Wahlkreise machen, die gegenwärtig nicht durch Frei­sinnige im Reichstage vertreten sind. Die .Rational- ztg/ billigt dieses Vorgehen, daS mit der Gefahr der „extrem-agrarischen Agitation" begründet ist, durchaus und scheint für den Fall, daß die beiden freisinnigen Gruppen sich verständigen, auch den Zutritt der Nationalliberalen oder vielmehr des linken Flügels derselben zu diesem liberalen Wahlkartell in Aussicht zu nehmen. Daß die nationalliberale Partei als solche diesem Kartell beitreten könnte, scheint uns ganz unmöglich, denn die Mehrheit der national­liberalen Reichstags - Fraktion steht bereits ganz auf dem agrarischen Standpunkte, gegen welchen sich das erstrebte liberale Wahlkartell gerade richtet.

Ist es aber nicht überhaupt noch viel zu früh zu solchen Wahlkartell-Verhandlungen? Die Liberalen sagen freilich, bei den nächsten Wahlen werde natur« nothwendig jede andere Parole hinter dem Kampfrufe „Hie agrarisch — hie antiagrarisch" zurücktreten müssen. Aber wie soll sich die Sache im Wahlkampfe gestal­ten, wenn etwa eine große Flottenvorlage, für

Züge des jungen Mädchens zuckte ein Strahl von Zorn und Entfchloffenheit und färbte die zarten Wangen höher. Warum hatte man sie hierher ver­bannt, zwei volle Jahre jeglichem Verkehr mit der neuen Welt entzogen, ein neunzehnjähriges Mädchen, dessen Erziehung schon längst vollendet war? Weil sie einmal gewagt hatte, ihrem Vater zu widersprechen, weil sie warm für den Bruder eingetreten war, der, feiner Neigung zuwider, sich nicht zum Soldatenstande entschließen konnte. Die Empörung des alten Generals über das „disziplinwidrige" Betragen seiner beiden Kinder gegen ihn selbst kannte keine Grenzen. Die Tochter wurde zur Strafe in die Verbannung eines strengen Pensionats und der Sohn als siebzehnjähriger Abiturient in eine Kaserne gesteckt. Nimmer würde sie es dem Vater vergessen, daß er sie von ihrer kränklichen Mutter trennte, die so sehr der Pflege und Liebe der Tochter bedurfte. Dafür hatte sie sich verbitterten Herzens gelobt, stets ihrem Bruder die beste, treueste Freundin zu fein und ihn in feinen Plänen auf jede Art zu unterstützen. Jede Korre- fpondenz mit ihm war ihr streng untersagt: für die Ausführung dieses Befehls hatten die Vorsteherinnen zu sorgen. Aber es müßte keine Freundinnen geben, wenn dies alles so durchgeführt werden sollte, wie es ausgedacht war.

welche die Nationalliberalen und vielleicht auch br Rickert'schen „Freisinnigen" sind, zur Reichstags- Auflösung und zu Neuwahlen führt? Wollen dann die Nationalliberalen oder Rickertianer hier die Herrn Richter folgenden Gegner der Flottenvorlage unter­stützen und sollen dort umgekehrt dieRichterianer für Flottenschwärmer stimmen?! Wer das glaubt, zahlt einen Thaler. Wir sind nicht int Zweifel, daß auch dieser neueste liberale Einigungs-Versuch scheitern wird; wenn nicht jetzt, dann sicher bei den nächsten Wahlen.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Februar.

ft Der Kaiser, der am Dienstag Abend von Kiel nach Berlin zurückgekehrt ist, empfing am Mittwoch hier den Erbgroßherzog von Baden und den General Vogel von Falckenstein zur dienstlichen Mel­dung in ihren neuen militärischen Stellungen. — Am Donnerstag Mittag findet in Gegenwart des Kaisers die feierliche Uebergabe der dem Kaiser-Alexander- Gardegrenadier-Regiment Nr. 1 vom russischen Kaiser verliehenen Fahnenbänder durch den russischen Obersten Nepokottschitzky an das genannte Regiment statt.

* Der»Anzeiger für die katholische cheifi- lichkeit- brachte vor Kurzem folgende Nachricht: Einem Pfarrer wollte die Regierung von dem Ge­halte die ihm bestellten Messen in Abzug bringen. Der Pfarrer aber weigerte sich, darauf einzugehen, und erklärte einfach: ich nehme keine Meßstipendien an, weil ich nicht dazu verpflichtet bin. Die Regierung wendete sich nun an den Bischof, damit dieser den Pfarrer zwingen solle, die Messen anzunehmen. — Das erinnert daran, daß vor einer Reihe von Jahren ein kulturkämpferischer Redner im Abgeordnetenhause sagte, die katholischen Geistlichen brauchten deßhalb nicht so hohes Gehalt, wie die protestantischen, weil sie durch Messelesen noch viel nebenbei verdienen könnten; der Abgeordnete 9E. (Geistlicher) lese ja tag - lich dreimal im Abgeordnetenhause die Messe. (Der betreffende Geistliche betete nämlich bisweilen das Brevier int Parlament.) Ist es nicht interessant, daß die Regierung sich bemüht, einen Geistlichen zur Annahme von Meßstipendin zu zwingen?! Dieselbe Regierung, die jahrelang das Messelesen unter Strafe gestellt hatte.

ft Die Herrenhaus-Kommission für das Aehrervesolimngsgesetz hat bisher die §§ 1—7 ohne wesentliche Aenderungen angenommen, sowie die Alterszulagekassen im Prinzip gebilligt. In § 7 wurde der Zusatz des Abgeordnetenhauses gestrichen, wonach den Lehrern bei Versagung der Alterszulage schriftlicher Bescheid über die Gründe desselben zu geben ist.

Die Hauptverwaltung der Staatsschulden er­läßt int ,Reichsanz/ eine Bekanntmachung, wo-

Klementine von Brause, die Tochter eines benach­barten Barons, war schon außerhalb der Pension mehrmals mit Eva in Berührung gekommen, und so fanden sich die Beiden schnell zusammen, obwohl bei­nahe ein dreijähriger Unterschied bestand. Aber Klementine war ein warmherziges, kluges und schönes Mädchen und deshalb bald Eva's Vertraute gewor­den. Durch ihre Vermittelung gelangten regelmäßig Briefe Kutt's in seiner Schwester Eva Hände, und sie müßten nicht Freundinnen gewesen sein, wenn nicht Klementine jeden neuen Brief mit Eva durch- studirt und ausführlich besprochen hätte.

Tief und nachhaltig senkten sich die schwärme­rischen Worte, die begeisterten Zeilen des stürmischen Jünglings in das Herz Klementinens, und ehe sie noch den Urheber dieser Worte und Gedanken kannte, beherrschte derselbe schon ihre ganze Phantasie — ihr ganzes Seelenleben. Wie stets weiche Gefühle dem Unterdrückten sich zuneigen, so glaubte sie, ihre Theil- nahme dem gleichfalls in Zwangshaft Lebenden nicht versagen zu dürfen.

Jturt hingegen verehrte in Klementine den schützen­den Engel des geschwisterlichen Verhältnisses, und so sahen beide mit Spannung einer Zusammenkunft ent­gegen. Daher die frohe Erwartung Klementinens, ungeachtet der trüben Stimmung Eva's, die in ihrer