Einzelbild herunterladen
 

Beilage jiw Wulösev Zeitung.

M 24 ScrrnsLclg, den 30. gamtar 1897. 24. Jahrgang

tt Ein de si&cle.

(Schluß.)

Das Laub fällt von den Bäumen; ein rauher Wind fegt über die große, öde Schaftrift. Die Natur rüstet sich zum Winterschlafe und der Geselle in West­falen wirft Kelle, Richtscheit und Schurzfell für 4 bis 5 Monate in die Ecke, und eilt in die Heimath. Aber welche Veränderung! Er sieht nicht mehr aus wie ein Bauer oder ein Gesell: Ein stahlblauer Fest­tagsanzug sitzt wie angegossen, und man könnte in ihm einen Rittergutsbesitzer vermuthen. In Wirklich­keit aber ist er in den kommenden 4 oder 5 Winter­monaten weder Rittergutsbesitzer, noch Bauer, noch Gesell; er ist jetzt vollständig berufslos. Er hat keine Arbeit zu Hause; er könnte diese Monate vollständig verschlafen, ohne vermißt zu werden, wie der gerechte Heuschreck, der im Sommer auf der Wiese hüpft und zu Beginn des Herbstes in eine geschützte Spalte schlüpft, um den Winterfchlaf zu beginnen.

Vielleicht finden die Darwinisten noch die rudi- nrentären Organe des Winterschlafes beim Menschen und bilden dieselbe durch Selektion so weit aus, daß alle Berufslosen die Zeit der Berufslosigkeit mit Schlaf verbringen können. Bezeugen denn nicht einzelne phänomenale Wochen- und Monatschläfer der neueren Zeit, daß diese Organe wirklich vorhanden sind? Er­fährt nicht jeder Mensch auf etliche Stunden des Tages die Gewalt dieses rudimentären Schlaforgans? Hier kann der Darwinismus zum wahren Wohlthäter der Menschheit werden, und er hätte zugleich den Vortheil, seine Hypothese durch eine gewichtige That- sache gestützt zu haben. Wohlan, ihr Herrn Darwi­nisten, benützt diese Gelegenheit! Eure Evolutions­theorie muß doch endlich einmal durch eine frappante Thatsache gestützt werden; sonst stirbt die alte Hypo­these an Marasmus. Legt den Berufslosen in Mor­pheus Arme für die Zeit der Berufslosigkeit; z. B. den Schneeschipper von Beruf für die schneelose Zeit, den Streikenden für die Dauer des Streiks, die be­rufslosen Maurergesellen für die Dauer des Winters. Durch dieses Kunststück löst ihr mit einem Schlage die soziale Frage, an der sich jetzt Tausende die Zähne ausbeißen.

Ein vollbeschäftigter Mensch ist sicher nicht ge­fährlich; die Arbeit veredelt. Auch ein Schlafender ist nicht gefährlich, er müßte denn mondsüchtig sein. Aber gefährlich sind die Berufs- und Arbeitslosen, vorzüglich wenn sie Groschen haben. Diese berufs- und arbeitslosen Exbauern und Exhüttner sammt Söhnen, die keinen Schlaf und keine Arbeit haben, fragen mit den Rittern in der Braut von Messina:

„Sagt, waS werden wir jetzt beginnen, Da Kell' und Schurzfell ruht und Richtscheit, Auszufüllen die Leere der Stunden Und die lange und unermeßliche Zeit?"

Soeben fährt der elektrische Motor von T. durch unser Dorf nach der Bahnstation H. Er ist dicht besetzt mit Berufslosen. Hei! wie diese Söhne von Exbauern und Exhüttnern toben und lärmen. Dort an der Bahnstation holen sie Frankfurter und Dortmunder Bier. Nächsten Sonntag ist großes Fest in T. Zurück zu den Bauern sind nun auch die Kinder- u. Kammer­mädchen re. Diese haben zu Hause auch nichts zu spinnen und zu nähen; sie kaufen alles im Magazin fix und fertig, nach der neuesten Mode; sie arbeiten jetzt, im Winter, nur für die Dorffeste. An den Abenden, wo kein Ball ist, verfertigen sie Fahnen, Kouliffen und Vorhänge fürs Theater, außerdem höchstens etliche Stickereien für Sopha und Möbel. Ha! wie das Dorf prangt in Fahnenschmuck und Kränzen, Ehrenpforten, Tannengrün und Weihnachts­bäumen! Diese Exbauern feiern wohl jetzt Weih­nachten? oder Ostern? Pfingsten? Frohnleichnam? Ach was, Frohnleichnam! bin de sie le hat drei andere Festkreise: Gesellenfest, Kriegerfest, Sängerfest. Heute feiert T. sein Gesellenfest mit Fahnenweihe, Festessen; Abends Komödie, und die Exbauern der Nachbardörfer kommen auf dem elektri­schen Motor zum eleusinischen Fest.

Von T. und S„ von R. und I., Von allen Dörfern kommen sie Und horchen vor dem Schaugerüste Der Exgesellen Komödie.

Ein berufs- und arbeitsloser Mensch hat keinen Anlaß, Feste zu feiern; er soll sich vor Allem nach Arbeit umsehen. Er hat kein Recht, sich Geselle zu nennen; grade so wenig, als ein Mensch, der im Winter Schnee geschippt hat, im Juli sich als Schneeschipper aufspielen kann. Und am allerwenigsten hat er das Recht, sich als Kolpingsgeselle aufzu­spielen. Würde Kolping noch leben, er würde feierlich protestiren, daß feine ehrliche Firma lediglich als Deck­mantel für Amüsements mißbraucht wird. Der Anblick von namenlosem Elend und Gesahren, welche Tausende

und Abertausende arbeitsamer Jünglinge zum Opfer fielen, weil sie nach beendeter Arbeit kein Vaterhaus hatten, wohin sie sich vor Gefahren flüchten konnten, erfüllte den apostolischen Mann mit unendlichem Weh. Er betete und sann auf Mittel zur Abhilfe. Und die Frucht seines Gebetes und seines Sinnens haben wir vor uns in 6ent Gesellenverein: einem Verein, der wenn er recht geleitet wird, von eminenter Be­deutung ist.

Wie können sich diese berufs- und arbeitslosen Söhne des Exbauern Gesellen Kolpings nennen? — Suchen sie ernste Arbeit? Sind sie nicht bei Vater und Mutter? Haben sie dort keinen Schutz vor sitt­lichen Gefahren? Wenn sie das Vaterhaus auf dem Dorfe nicht mehr schützt, dann schützt sie auch Kol­pings Gesellenverein nicht. Viel besser wäre es, wenn der Staat diese Arbeitslosen, ich will nicht sagen, nach — Breitenau schickte, aber wenn er ihnen eine Fortbildungsschule herrichtete, wo sie das große Ein- mal-Eins besser lernten, und Schreiben, damit sie nicht in Verlegenheit geriethen, um einen vernünftigen Bürgermeister zu wählen.

Kennst du die Pflanze Mimonapudica? Sie heißt auch Noli me tangere. Seit einigen Jahren ist eine neue Spezies entstanden und üppig ins Kraut geschossen. Sie breitet sich aus in allen Städten und Dörfern des deutschen Reichs, wie das Gänseblümchen, das auch überall zu finden ist. Diese neue Spezies von Noli me tangere heißt Kriegerverein. Kommt diese Ausbreitung überall vom wahren Patriotismus, oder verdankt die Blume diese Ausbreitung hier und da auch vielleicht anderen Ursachen, z. B. der Gewinn­sucht bei dem Einen, der Vergnügungssucht bei Anderen? Wenn diese Ausbreitung wahren Patriotismus zur Ursache hat, dann verlege man die Kriegerbälle auf Kirchweih und Fastnacht, wenigstens in den Dörfern. Die nassau-oranische Regierung, welche zu Anfang dieses Jahrhunderts einige Jahre über die Abtei Fulda regierte, hat sich ein großes Verdienst erworben, indem sie die Kirchweihfeste der Fuldaer Dörfer auf einen Tag verlegte. Diese Maßregel ist nicht genug anzuerkennen und zu loben. Sie verhütet manchen Unfug, Verschwendung und manchen sittlichen Fall. Das Volk kommt nicht aus dem Dergnügungsdusel heraus, das diesen Sonntag sein Kirchweihfest feiert, und an den folgenden Sonntagen die Kirchweih der Nachbardörfer mitmacht. Diese vernünftige Maßregel der nasfau-oranischen Regierung geht jetzt in die Brüche durch die Kriegerbälle.

Gott! was sind die Zeiten so ernst! Es gibt heutzutage kein internationales Recht mehr; Bündnisse haben keinen Werth. Der Bestand des Staates ist nur durch die Gewalt seiner Waffen garantirt. Die Völker starren deshalb in Waffen. Das Land kontribuirt in direkten und indirekten Steuern, um beständig die Land- und Seemacht zu vergrößern, und die Geschütze mörderischer zu machen. Gewissenlose Chauvinisten verhetzen die Völker gegen­einander, und betrachten es als ein Verbrechen, wenn man einer fremden Nation angehört und eine andere Muttersprache redet. Angesichts dieser traurigen Zu­stände fragt ein wahrer Patriot tief erschüttert: Sind die Völker nur dazu bestimmt, sich zu Haffen und zu morden? Hat Gott die Völker so verlassen, daß das Morgenroth des Friedens ihnen nicht mehr leuchten soll, und der Ausblick in die Zukunft immer schauriger, immer trostloser wird? Vielleicht stellt man die Frage besser, ob die VölkerGott verlassen haben? Fin de siede

Wo liegt Utopia, die Insel der Glücklichen?

Ja, wenn ich das wüßte, mein Fridolin, Dann dahin, würd ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

Todtengrabers Töchterlein.

Roman von I. Fichtner.

4] ------ (Nachdruck verboten.)

Erfreut sprach die Fremde ihren Dank aus und schied mit dem Versprechen, daß Lene ihrer Mutter ost etwas bringen würde. Dann traten die beiden hinaus, das Pförtchen schloß sich hinter ihnen, und es war, als träte man in eine andere Welt. Zwar heulte auch draußen der Sturm, aber die Häuser rückten näher und näher, es schien, als wollten sie mit ihrer Höhe und Kälte, mit ihrem Glanze und Reichthum das kleine Eiland des Friedens erdrücken. Schon be­gann es zu dunkeln, und wie ein Irrlicht flog die kleine Fackel des Lampenanzünders durch die Straßen, um die endlosen Reihen der Gaslaternen zu entzünden.

„Merke Dir den Weg genau," sprach die Dame," „damit Du ihn nicht vergißt," und sie schritten noch weiter fort durch die Straßen und kamen an die Villen-Vorstadt, wo im Sommer prächtige Gärten das Auge erfreuen.

„Hier sind wir. Lene, oder — Helene heißt Du doch gewiß; wenn Du morgen kommst, ziehst Du hier diese Klingel, da wird man Dir öffnen; für heute gehe schnell zurück, damit die Mutter sich nicht ängstigt."

„So — nun gib mir die Hand — und auf Wieder­sehen morgen." — Während Lene den Heimweg an­trat, schritt die Dame selbst durch die Gartenpforte, um in der reizenden Villa zu verschwinden.

Daheim steht Lene athemlos vor der Mutter; ihre Wangen sind geröthet vom schnellen Laufe, sie er­zählt, welchen Weg sie gegangen und in welch' schönes Haus die Dame eingetreten ist.

„Aber, Mutter, Du mußt mir jetzt sagen, wie ich heiße" — erschreckt blickt die Mutter auf das Mädchen — „heiße ich wirklich bloß „Lene?" Wenn ich in ein so feines Haus gehe und ich heiße bloß „Lene", da werden sie mich auslachen!" klagt sie verlegen.

„Wie willst Du denn sonst heißen?" fragt die Mutter und erwartet mit Spannung die Antwort.

„Die Dame sagte - ich heiße gewiß Helene," erwiderte sie zögernd.

„Nein — Helene nicht — aber Magdalene ist Dein eigentlicher Name, wir sagen aber kurzweg Lene, das geht schneller," erklärte die Mutter, sichtbar be­ruhigt.

„Aber Magdalene ist viel schöner und ich will lieber so heißen," lautete die Gegenerklärung.

Des andern Tages sitzt der Alte hinter dem Ofen und heizt dürres Geäst von den Bäumen; es ist spät im November und leichte Schneeflocken wirbeln auf den gefrorenen Erdboden. Lene hat ihren Sonntagsstaat angezogen und tritt fauber und frisch aus der Kammer, um den Eltern Lebewohl zu sagen.

„Wo geht das Mädel hin?" fragt der Alte.

„Laß sie nur gehen — ich werde Dir's schon sagen," spricht die Mutter und winkt Lene, daß sie gehen soll. Der Alte schaut schon wieder theilnahmslos in die Gluth; int Verkehr mit den Todten ist er bald so schweigsam geworden wie diese. Mürrisch und verschlossen — aber ehrlich und rechtschaffen, haust er bald ein halbes Jahrhundert an dieser Stätte. Tausende von stürmischen, glückheischenden Menschenherzen hat seine Hand hinabgebettet in die kühle Erde. Er weiß es am besten, daß der Tod Alles endet — Alles — und in jahrelanger Betracht­ung dessen ist er zum Philosophen geworden, der schweigend darauf wartet, bis auch sein Stündlein schlagen wird. — Nun hört er die Erklärungen seiner Ehehälfte, und es ist doch, als wenn sich sein Denk­vermögen dagegen empörte.

„Was sollen die Faxen?" brummt er. „Un­nützen Hochmuth dem Mädel einpflanzen. Du wirst es vor Gott nicht verantworten können, wenn sie in's Verderben rennt."

„Du weißt aber, Gotthelf, daß es vielleicht gut ist, wenn das Kind etwas mehr lernt; wie lange werden wir denn noch leben, und man kann nicht wissen, ob man es doch nicht noch einmal suchen wird," spricht sie beschwichtigend.

„Die sie suchen würde, ist todt. Wer bekümmert sich um ein solches Kind? — Erzieh' es zur Arbeit und sieh zu, daß es nicht in die schlechte Welt kommt, wo Sünde und Laster zu Hause ist! Du magst es verantworten, wenn es verdirbt, wie seine" — und er wirft wieder einen knorrigen Ast in's Feuer.

„Vater — schmäh die Todten nicht — wir können nicht richten."

„Aber warnen und hüten, das ist unsere Pflicht." Mehr hat er gesprochen, als sonst in einer Woche.

Lene aber steht Hochklopsenden Herzens vor ihrer Gönnerin, die lächelnd des Kindes Hände in den ihrigen hält. Sie weidet sich an dem Erstaunen, der Ueberraschung und Verwunderung, die unver­hohlen in den Augen der Kleinen leuchtet und sich in jeder Geberde, in jeder Wendung des zierlichen Körpers kundgibt. Zagenden Schrittes hat Lene die herrlichen Räume betreten, und zum erstenmal schaut sie wie eine Träumende Glanz und Reichthum rings­umher. Kein Wort ist noch ihrem Munde ent­schlüpft, es gibt zu viel des Schauens, und die blauen Augen wandern wonnetrunken in dem großen, reich mit Kunstwerken aller Art geschmückten Salon umher, in welchem Frau Klementine von Sutten es nicht verschmäht hat, ihren Schützling zu empfangen. Da rasselt und klirrt es in dem großen vergoldeten Käfig am Balkonfenster, ein buntschillernder Papagei steckt neugierig den Kopf durch das Gitter und ruft mit schnarrender Stimme: „Wer ist da?" Erschreckt fährt Lene zusammen und schaut sich vergebens nach dem Sprecher um; doch die Freifrau zieht lachend das Mädchen nach sich und spricht, indem sie den Käfig öffnet: „Da hast Du den Schwätzer. Sieh, daß er Dein Freund wird." (Fortsetzung folgt.)