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j« 23 Freitaa, den 29 Januar 1897. 24. Jahrgang

FuldaerWZkiW

mit Unterhaltungs-Krilllge „Sterne und Dlnmen".____________________

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oO Die Delegirten der knrhejsischen Städte in Berlin.

lieber die Thätigkeit der Delegirten, welche von einer größeren Anzahl kurhessischer Städte nach Berlin entsandt worden sind, um noch in letzter Stunde zu versuchen, die unserer Provinz zugedachte neue Stadt- und Landgemeindeordnung durch Vorstellungen bei den maßgebenden Faktoren abzuwenden, haben ausfallender Weise die großen Berliner Blätter säst gar nichts gemeldet. Nur über die Vorbesprechungen am ersten Abende bringt das ,Berl. Tagebl/ folgen­den ausführlichen Bericht:

„Die Delegirten versammelten sich am Montag Abend im Konversationssaale des Centralhotels, und die Abgeordneten Kircher-Fulda (Ctr.) und B e i n- hauer (natl.) wohnten der Konferenz bei.

Die Leitung der Verhandlungen übernahm Herr Theodor Müller aus Kassel. Er rekapitulirte in seiner Einleitungsrede, welchen Lauf die Angelegen­heit bisher genommen habe, und betonte, daß die Bevölkerung Kurhessens ohne Unterschied der Partei die Beibehaltung der alten Ordnung wünsche, an der, trotzdem sie im Jahre 1834 unter dem reaktionären Ministerium Hassenpflug entstanden sei, alle Parteien mitgearbeitet hätten. Der Redner legte auf den Tisch des Hauses eine Petition nieder, welche 20 000 Unter­schriften zählt von Einwohnern aller Städte und Dörfer Kurhessens, und er gab zu der Petition noch die interessante Erläuterung, daß nach dem Zeugniß der Bürgermeister in einzelnen Gemeinden sämmtliche männlichen Einwohner die Petition unterzeichnet haben. Die Bürgermeister ständen fast überall an der Spitze der Bewegung, die der Kasseler Bürgerverein in die Wege geleitet habe, und so allgemein sei die Ein­stimmigkeit in der Bevölkerung, daß man die Petition mit Recht eine Volksabstimmung Kurhessens nennen könne.

Darauf ging der Redner nochmals die Punkte durch, welche die Gesetzesvorlage den Volke so uner­wünscht machen, und betonte, daß die Einführung' des Dreiklassenwahlsystems statt der bisherigen direkten Wahl den Kurhessen unerträglich dünke. Diese Rück­sichtslosigkeit der Regierung gegenüber den berech­tigten Wünschen der Provinz errege große Miß­stimmung, zumal da noch vor zwei Jahren Minister Köller gegenüber einem kurhessischen Abgeordneten er­klärt habe, die Empfindungen der Bevölkerung sollten durch den neuen Gesetzentwurf nicht verletzt werden.

Auf Wunsch der Versammlung ergriff darauf der Abgeordnete Kircher-Fulda das Wort. Er er­örterte in höchst anziehender Darstellung das Schicksal aller seiner Bemühungen, die alte Gemeindeordnung ganz oder doch theilweise zu retten, er kam jedoch zu dem .Resultat, daß es ein Kampf um eine ver­lorene Sache sei; das Dreiklassenwahlspstem werde den Kurhessen nicht erspart werden, das sei nach Lage der Dinge im Abgeordnetenhause und angesichts des

Todlengräbrrs Töchterlein.

Roman von I. Fichtner.

3] ------ (Nachdruck verboten.)

Indessen ist es Herbst geworden. Die Mutter ist mit Lene beschäftigt, die Gräber etwas in Ordnung zu bringen, dürres Gestrüpp davon zu entfernen, ver­dorrte Blumenstöcke auszureißen, das gelbe Laub zu­sammenzufegen und alles dies hinwegzutragen in eine Grube hinter dem Häuschen. Der Himmel ist dunkel­blau, die Luft klar und durchsichtig, und im Sonnen­schein tanzten die Fäden des „Altweibersommers".

Tiefer Friede herrscht über und unter den alten knorrigen Bäumen, und die leise flüsternden Zweige erzählen sich von vergangenen Zeiten. Wieder knarrt das Pförtchen.

„Er kommt doch nicht mehr," denkt Lene,, aber sie sieht sich trotzdem um und gewahrt eine Dame, die langsam vorwärts schreitet. Ein Schleier verbirgt das Gesicht, doch als sie näher kommt, schlägt sie den­selben zurück, und Lene sieht ein seines, aber nicht mehr ganz junges Gesicht, das mit leichtem Reigen die Beiden grüßt.!

Eben dort, wo sie beschäftigt sind, bleibt sie stehen; sie stützt die beiden in einander gelegten Hände auf ein eisernes, rostdnrchfresseneS Grabgitter, und

Umstandes, daß die konservativen hessischen Abgeord­neten sich ihrer eigenen Provinz in diesem Falle nicht annähmen, zweifellos. Die ganze konservative Partei sei geschlossen für die Regierungsvorlage, viele Nationalliberale fähen auch nicht ein, warum denn Kurhessen bester gestellt bleiben solle als die übrigen preußischen Provinzen, und so sei die Sache im Prinzip als erledigt zu betrachten.

Der Abgeordnete gab daraus ein interessantes Bild davon, wie die Wahlen sich in Zukunst gestalten würden; so werden in seiner Heimathsstadt Fulda 5 Personen in der ersten, 65 in der zweiten und 700 in der dritten Klasse wählen, in Kassel 230 in der ersten, 1100 in der zweiten und 12,000 in der dritten Klasse. — Dazu komme noch, daß die neue Vorlage auch dem Fiskus und den Forensen, Aktiengesellschaften usw. ein Wahlrecht statuirt, so daß in Fulda von dcn 5 Wählern der ersten Klasse der eine der Fiskus, drei Aktiengesellschaften und der fünfte der — General­direktor einer der Aktiengesellschaften würden. (Diese Angaben des,B.T/ sind nicht ganz korrekt. D.Red.) Die Kommission des Abgeordnetenhauses sei bereit, das Wahlrecht des Fiskus fallen zu lasten, und nunmehr müsse erstrebt werden, auch das Wahlrecht der Forenien auszumerzen. — Herr Kircher hat auch versucht, wenig­stens als Korrektiv gegenüber dem Dreiklassensystem die geheime Wahl durchzusetzen, aber auch diese Be­strebungen sind erfolglos geblieben.

Die Anwesenden dankten dem Redner durch leb­haften Beifall für die Ausführungen, die ihnen offen­bar aus dem Herzen gesprochen waren, und von allen Seiten erfolgten Bestätigungen und Bekräftigungen.

Auch Abg. Beinhauer.versuchte die bisherige Unab­hängigkeit der hessischen Gemeinden, wenn er auch viel größere Konzessionen zu machen bereit ist, als Herr Kircher und die übrigen Anwesenden.

Vop allen Seiten wurde darauf die Nothwendig- keit betont, alle noch möglichen Schritte so­fort zu unternehmen, und eine Einwirkung auf die 14 hessischen Abgeordneten, die in dieser wichtigen Frage uneins seien, wurde als ganz besonders wichtig erklärt. Daß eine Neuordnung der Verhältnisse nach vielen Richtungen wünschenswerth sei, wurde nicht verkannt, aber es wurde gefordert, daß die Neuord­nung nicht lediglich in reaktionärem Sinne erfolge.

Es wurde lefchlosten, am Dienstag beim Minister des Innern unter Führung der Abgeordneten Kircher und Beinhauer eine Audienz zu erbitten und ihm die mit 20,000 Unterschriften bedeckte Petition vorzulegen; und so hoffen die Delegirten der hessischen Städte, in letzter Stunde noch zu retten — was eben noch zu retten ist. Darüber war allerdings fein Zweifel, daß diejenigen hessifchen Abge­ordneten, die der neuen Ordnung zustimmen, keine Aussicht haben, in Zukunft wiedergewählt zu werden; aber das ist ein schlechter Trost, denn die Gegenwart hat das Schicksal der kurhessischen Gemeinden zu entscheiden."

mit sinnendem Blicke sucht sie die ausgewaschene Schrift auf dem Sandsteinsockel, den eine Urne krönt, zu entziffern. Von Erinnerungen überwältigt, läßt sie sich auf die Steinbank zu Füßen des Gitters nieder und schaut schweigend und betend in das Gewirr von Eupheu und wilden Rosen, das den Hügel über­wuchert.

Dicht an dem Gitter, das mit den nun dürren Ranken der Passionsblume umschlungen ist, erhebt sich ein anderer Hügel, ans dem noch die schönsten Spätrosen in reicher Fülle blühen. Eben ist die alte Todtengräbersfrau dabei und schafft, von Lene unter­stützt, liebevoll an der Stätte, welche sich ihrer be­sonderen Pflege erfreut.

„Wer ruht hier?" fragte die Fremde ernst und srenndlich, indem sie auf den Hügel deutet.

„Ich weiß es nicht!" antwortete die Alte, ohne sich stören zu lasten. Das ist dieselbe Antwort, die Lene schon hundertmal gehört hat auf ihre eigenen, nie endenden Fragen. So hat sie gefragt, zuerst als sie lallend zu Füßen des Engels mit Grashalmen und bunten Käferchen gespielt, als sie den Begriff von Tod und Leben kennen lernte; so hat sie gefragt, als die Mutter hier ihre Händchen faltete und sie beten lehrte, fo, als sie größer und starker geworden, täglich hier wandelte, um im Auftrage der Mutter

Soweit der Bericht des ,Berl. Tgbl/ über die Vorberathungen. lieber den Verlaus der Audienz haben die Berliner Blätter bis jetzt gar keine Meldung gebracht. Heute nun geht uns ans Kassel ein Bericht über die Audienz zu, den wir nachstehend — ergänzt und vervollständigt durch die Mittheilung eines der hiesigen Herren Delegirten — wiedergeben:

An der Audienz bei dem Minister des Innern, die am Dienstag Abend 7 Uhr stattfand, hatten die Herren Landtagsabgeordneten Kircher-Fulda und Beinhauer-Kastel (Land) die Führung der Depu­tation übernommen.

Um 1I»7 Uhr versammelten sich die De- putirten im Centralhotel und fuhren pünktlich vor dem Ministerium des Innern vor. Durch Deputirte waren 6, durch Vollmacht noch 14 hessische Städte vertreten. Der Minister empfing die Deputirten in liebenswürdigster Weise, ließ sich alle einzeln vor­stellen und bat, nachdem Platz genommen war, ihm das Anliegen vorzutragen.

Herr Th. Müller-Kassel legte dem Herrn Minister den Band mit den 20000 Unterschriften tragenden Petitionen vor, und es war den Deputirten gestattet, während der nahezu einstündigen Berathung alle die Punkte vorzuführen, welche bei der kurhessifchen Bevölkerung berechtigten Widerstand finden, insbesondere verweilte man längere Zeit bei den Bestimmungen über das Wahlverfahren. Auf den Einwand des Herrn Ministers, daß der Provinzial-Landtag die an­gebliche Verschlechterung des Wahlverfahrens vorge­nommen, wurde ihm erwidert, daß die Mehrzahl der hexischen Abgeordneten gegen das Drei- Klafsen-Wahlsystem sich ausgesprochen und falls an dem Abstimmungstage die vier Frankfurter Abgeord­neten nicht gefehlt hätten, das kurhessische Wahlver­fahren in den Entwurf ausgenommen worden wäre, da diese Abgeordneten die Minorität von drei Stimmen in eine Majorität verwandelt hätten. Im Verlaufe der Audienz fand jeder der Deputirten Gelegenheit, ein Wort in die Unterhaltung einzuflechten.

Das Resultat war leider gering. In der Sache selbst verhielt sich der Hr. Minister durchaus ab­lehnend, und es ist höchstens zu hoffen, daß in dem Dreiklassen-Wahlsystem einige Modalitäten eingeführt werden, welche den plutokratischen Wirkungen des­selben die schärssten Ecken nehmen können.

Die Bitte, die ganze Gesetzesvorlage für diese Session zurückzunehmen, wurde rundweg abge- schlage n.____________________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Januar.

si. Das Slaatsministerittm soll sich in seiner letzten Sitzung sehr scharf gegen den angeblich in die Rechte der Einzelstaaten eingreifenden Beschluß der Reichstags-Budget-Kommission, die Beihilfen fürKriegstheilne hm er bedeutend diese Scholle zu bepflanzen, zu pflegen uud zu be­gießen.

Immer hat die Mutter zu ihr gesagt: „Ich weiß es nicht," wenn sie sie fragte, wie eben jetzt diese Dame.

Aufmerksam betrachtet diese das Mädchen, dessen Lieblichkeit sie augenscheinlich gefesselt hält. Sie kann ihre Augen nicht abwenden von den graziösen Be­wegungen der Kleinen, so auffallend an einem Kinde aus dem Volke, und fast unbewußt entschlüpft ihr die Frage:

„Es ist wohl Eure Enkeltochter?"

„Nein, es ist meine Tochter," klingt es hart und abweisend der Dame entgegen, so daß diese erstaunt die alte Frau mustert und weitere Fragen nicht mehr für angemessen hält. Die Mutter geht mit Lene fort, und noch verweilt die Dame, während ihre Blicke die beiden verfolgen. Sie schüttelte das feine Haupt und spricht leise: „Es ist zu eigenthürnlich!"

Der nächste Tag sieht die Dame wieder aus dem Platze und alle folgenden schönen Tage, die der Herbst noch bringt, ebenfalls.

Es hat nicht lange gewährt, so ist sie die Freundin Lenens geworden, die sich ihrerseits fast ebenso um die Gunst der Dame bemüht hat, wie diese sich um das Vertrauen und die Zuneigung des Kindes.