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mit UnterhaLtnttgs-Keilrrge „Sterne und Klnmen".

24. Jahrgang

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig Inserate kosten die einspallige Gnrmondzeile oder deren Raum 15 W.. R klomen hie Petitznle 25 Pf., b-i Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Im Reichstage

sind jetzt die Tribünen nicht selten viel besser besetzt, als das hohe Haus selbst, obwohl nicht etwa irgend eine „sensationelle" Debatte für Ueberfüllung der Tribünen sorgt. Die Oede, welche in stetem Einerlei aus dem Saale uns entgegenstarrt, wirkt gewiß nicht erquickend, und wir können es auch aus weniger „ge- müchvollen" Gründen sehr gut verstehen, daß die Blätter verschiedenster Richtungen erneut die Frage aufwerfen: Wo soll das hinaus und wie ist diesen trostlosen Zuständen abzuhelfen?

In der Kartellpresse fand man sonst mit ein- müthiger Beflissenheit die Auffassung vertreten, daß die chronische Beschlußunfähigkeit nur eine von den vielen schlechten Eigenschaften „dieses Reichstages" wäre — als ob nicht der Kartell-Reichstag unseligen Angedenkens zu derselben Klage reichlichen Anlaß ge­geben hätte! Jetzt aber begegnet man doch nicht sel­ten einer weniger durch die Parteibrille gefärbten An­schauung in dem gleichen Theile der Presse, besonders in nationalliberalen Blättern. Diese finden, daß die Theilnahmlosigkeit der Abgeordneten nur ein Spiegel­bild der zunehmenden politischen Gleichgiltig­keit der Wähler sei und geben — wie z. B. die ,Nationalztg/ — auch zu, daß auch die Diäten- losigkeit der Reichstags-Abgeordneten sich sehr schlecht bewährt hat und als eine der Ursachen des mangelhaften Besuches des Reichstages anerkannt wer­den muß. Die ,Rationalztg/ macht dann weiter die R e g i e r u n g für die zunehmende Gleichgiltigkeit breiter Schichten des Volkes verantwortlich, weil die Regie­rungs-Politik, die sich heute auf diese, morgen auf jene Partei-Gruppirung stütze, sich in Widersprüchen und unausgesetzten Schwankungen des Kurses bewege und jeden inneren Zusammenhang vermissen lasse, in weiten Kreisen die Betheiligung an der Politik immer mehr verekeln müsse, zumal bei der Förderung ein­seitiger materieller Interessen, die immer mehr die idealen Gesichtspunkte in den Hintergrund drängen.

In diesem Gedankengange ist ein gut Theil Wahr­heit enthalten; die ,Nationalztg/ hat aber gar keine Berechtigung, daraus die Schlußfolgerung zu ziehen: Also muß der Liberalismus wieder lebendiger werden und zu einer Macht gelangen, auf welche sich jede Regierung dauernd stützen kann. Sie begeht hier eine kleine Verwechselung, indem sie statt „ Id ealis- mu s" „Liberalismus" setzte. Die Ueberhebung, mit der hier der Liberalismus schlechthin als gleichbedeu­tend mit dem Idealismus hingestellt wird, könnte fast als naiv bezeichnet werden. Was sind denn die „Ideale" des Liberalismus? Etwa das Freihandels-Prinzip? Aber ist nicht auch dieses einfach die Vertretung ein- feiüger materieller Interessen, nämlich derjenigen des Großhandels ? — Oder die Kulturkämpferei ? Nun, mit diesem „Ideal" wird man heutzutage beiReichs- tagSwahlen doch keine liberale Majorität mehrzusammen- bringen können. Die ,Nationalztg/ scheint übrigens

Todtrngravers Töchterlein.

Roman von I. Fichtner.

2] ------ (Nachdruck verboten.)

Das graue Haupt wendet sich nicht, und die harten, durchfurchten Züge verrathen nicht das geringste Interesse, als der junge Mann zögernd stehen bleibt und dem alten Todtengräber zuschaut.

„Ihr habt schöne Rosen", spricht er zu dem alten Todtengräber. Keine Antwort erfolgt, aber er hat noch etwas zu fragen, er, der sonst gewöhnt ist, mit „guten Tag" seinen guten Weg zu gehen.

„Sagt einmal, Alter", spricht er fast mit An­strengung, „ist das Mädchen wirklich Eure Tochter?"

„Wessen denn — Herr?" klingt es schroff und rauh aus dem Munde des Alten.

Noch einen Augenblick steht er und blickt ver­wundert auf die gebeugte, knochige Gestalt, auf das harte, häßliche Gesicht und die grauen Haare des Mannes.

Dann schüttelt er wie verständnißvoll den Kopf, lüstet den Hut und mit einem „Nichts für ungut!" öffnet er die Pforte, ohne noch ein Wort oder einen Gegengruß zu erhalten: Noch einmal fliegt sein Blick suchend den Kirchhofspfad entlang: da steht das Mädchen noch auf derselben Stelle, ober zurückgelehnt an einen

um eine zugkräftige Wahlparole, für den Gesammt- Liberalismus, für den unter heißem Liebeswerben nach links hin die nationalliberalen Blätter jetzt wieder einmal schwärmen, sehr verlegen zu sein, denn sie möchte sogar aus der Diätenfrage für den Reichs­tag eine Wahlparole machen. Bei allem Respekt vor der Bedeutung dieser Frage und bei aller Ueberzeugung von der Nothwendigkeit von Diäten wären wir doch nie auf den Gedanken gerathen, daraus eine hoch­politische Wahlparole zu machen. Mit den zugkräf­tigen „Idealen" des Liberalismus muß es doch äußerst schwach bestellt sein, wenn man dort auf das Diäten- „Jdeal" verfällt.

Gleichwohl ist unsere Meinung von der Wichtig­keit der Diätenfrage, welcher die ,Nationalztg/ in demselben Artikel, in welchem sie dieselbe zur Wahlparole ausruft, doch nur eine untergeordnete Bedeutung beimißt, eine viel höhere, als die der ,Nationalztg/. Wir muffen die Diätenlosigkeit sogar als den Hauptgrund für den schlechten Besuch des Reichstages bezeichnen, wie ein Blick auf die gut be­suchten, diätenbegabten Einzel-Landtage unwider­leglich beweist, denen das Volk doch mit weit größerer Gleichgiltigkeit als dem Reichstage gegenüber steht. Hier muß also die Abhilfe zunächst einsetzen, und bleibt der Bundesrath hartnäckig im Verweigern, so müßte zweifellos auch an die Selbsthilfe ge­dacht werden. Kürzlich ist der Vorschlag gemacht worden, auch in anderen Parteien „Parteidiäten", wie sie die Sozialdemokraten schon lange haben, einzu­führen. Ob das sozialdemokratische Vorbild sich auch genau so für andere Parteien empfehlen würde, mag dahingestellt bleiben; wie die Selbsthilfe einzurichten wäre, braucht hier überhaupt nicht erörtert zu werden, denn man darf erwarten, daß die Frage der eventuellen Selbsthilfe, sei es auch in beschränktem Umfange, auch von,den Nächstbetheiligten, den Fraktionen, eingehend erwogen werden wird.____

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Januar.

* Der Kaiser hat heute an seinem Geburtstage dem Finanzminister Miquel und dem Chef des Civil-Kabinets von Lucanus den Schwarzen Adler- Orden verliehen.

In das Programm zur großen Hundert­jährige« Gevurtstagsfeier Kaiser Wilhelms!, in Berlin ist nun noch folgendes aufgenommen: Nach Auflösung des historischen Festzuges soll im Cirkus Renz eine Bewirthung der geladenen Inhaber des Militär - Ehrenzeichens erster Klasse, des Militär- Verdienstkreuzes und der Ritter des Eisernen Kreuzes erster Klasse stattfinden. Des Abends soll dann eben­falls im Cirkus Renz eine großartige Schlußfeier ver­anstaltet werden, welcher voraussichtlich auch das Kaiserpaar sowie eine ganze Anzahl der aus An­laß der Hundertjahrfeier hier anwesenden Fürstlich­keiten mit ihren Damen beiwohnen werden.

Baumstamm, und ihr erregtes Gesicht hat sich nach ihm hingewandt. Unwillkürlich grüßt er noch einmal, die Pforte schlägt hinter ihm zu, und die schlanke elastische Gestalt ist verschwunden.

Nun aber kommt Leben in das Mädchen; die Schlüffel von sich schleudernd, wirft es sich in das hohe Gras, das heiße Gesicht tief herabdrückend. Schluchzend hebt sich der zarte Körper, und heiße Thränen rinnen die Halme und Blätter entlang. Sie kann nicht anders, sie muß weinen, obwohl sie eigent­lich gar nicht weiß, warum.

So lange sie denken kann, hat sie des Sommers keine Schuhe, und Niemand hat sie deshalb vorwurfs­voll angesehen — niemals hat sie auch ein Verlangen nach dieser Last gefühlt! Und nun? —

Wie eine Schmach empfindet sie plötzlich den Mangel anständiger Kleidung; vor ihrem geistigen Auge erstehen all' die vielen Mädchen, die mit und ohne Begleitung oft den grünen Kirchhof aufsuchen, um sich an der Frische desselben zu laben; alle haben Schuhe und auch noch Strümpfe und sind nett und zierlich gekleidet. Jetzt, weiß sie auch, warum sie sich immer schämte, aus dem Häuschen herauszukommen, wenn sie merkte, daß feine Kinder draußen waren; fchon da hat sie sich geschämt — jetzt weiß sie es, denn verstohlen hat sie durch die Blumentöpfe hin-

iO X Die Sozialdemokraten haben nunmehr zur Kenlenarfeier des Oeöurtslages Kaiser Wilhelms I. entschieden Stellung genommen und diese in einer Erklärung zum Ausdruck gebracht, die in der letzten Berliner Stadtoerordnetenversammlnng verlesen wurde. Besonders hervorgehoben wird in dieser Erklärung das Verhalten des damaligen Prinzen Wilhelm von Preußen (weiland Kaiser Wilhelm I.) bei den Märzkämpfen des Jahres 1848 sowie das Sozialistengesetz unter der Regierung des Kaisers selbst. Auch gegen die Vertheilung von Festschriften auf städtische Kosten richtet sich diese Erklärung und macht auch dagegen noch besondere Gründe geltend. — Gegen dieses Gebühren der Sozialdemokratie hat sich jetzt eine in Berlin abgehaltene Hauptversammlung des Bundes der Landwirthe, die von etwa 400 Bauern und Handwerkern besucht war, einen energischen Protest erhoben und an den Kaiser folgendes Protesttelegramm abgesandt:

„Seiner Majestät dem Kaiser.

Die heute am 25. Januar 1897 zur Hauptversammlung des Bundes der Landwirthe für die Kreise Teltow und Niederbarnim versammelten, mehr als 350 Bauern protestiren gegen die ruchlose, freche, das Andenken weiland Sr. Maje­stät Kaiser Wilhelms des Großen beschimpfende Erklärung der Sozialdemokratie in der gestrigen Berliner Stadtverord- neten-Versammlung und betheuern, daß sie diese Rotte von Menschen bekämpfen werden bis zum letzten Athemzuge!"

* Der Antrag Kanitz wird jetzt sogar von seinen Freunden nicht mehr als ein „wirksames Mittel" zur Hebung der Landwirthschaft angesehen. In Dresden sprach nämlich am 7. Januar Herr Dr. Ruhland- Berlin in der ökonomischen Gesellschaft über den heutigen Einfluß des Großkapitals auf die Gestaltung der Getreidepreise und erklärte dabei u. A.: Die Praxis des Lebens habe ganz unerwartet die Agrar­frage auf die Tagesordnung gesetzt; von den bisherigen praktischen Maßnahmen vermöge keine, weder die Schutzpolitik, noch der Antrag Kanitz, den Rückgang der Getreidepreise aufzu­halten. Um eine Besserung zu erzielen, sei in erster Linie auf eine Geldbörsenreform Gewicht zu legen usw. — Dr. Ruhland ist eine der ersten wissenschaftlichen Autoritäten für den Bund der Landwirthe und hat seine Feder und feine Kenntnisse seit der General­versammlung des Bundes im Februar 1895 fast aus­schließlich in den Dienst des Bundes gestellt. Es ist wohl anzunehmen, daß mit der Verurtheilung des Antrages Kanitz durch Dr. Ruhland der Schwindel mit dem Antrag dauernd erledigt ist.

□ Im Hinblick auf die verschiedenen Arbeiter­bewegungen der letzten Zeit, besonders des Hamburger Hafenarbeiterausstandes, empfiehlt die,SozIalkorresp/ die Einsetzung eines deutsche» Streik-Schieds- Herichtes und fchlägt als solches die 1892 vom Reichstag eingesetzte Kommission für Arbeiterstatistik vor. Bei ausgebrochenen oder drohenden größeren Streiks hätte die Reichstagkommission für Arbeiter­statistik in Thätigkeit zu treten. Sie solle amtlich das Recht haben, Zeugen vorzuladen und zu vernehmen durchgelugt und heimlich die Kinder bewundert. — Aber sie will auch Schuhe haben, ganz bestimmt! — Sie richtet sich auf und trocknet mit der groben Schürze die schönen blauen Augen, welche thau-frffchem Vergißmeinnicht gleichen, und dann blickt sie umher, und ihr Auge hastet auf dem Geldstück, das silbern auf dem Pfade blinkt, wo er es hingeworfen hat.

Wieder färben sich die Wangen des Mädchens höher, alsdann langt sie schnell hinüber, um es auf­zuheben, springt in die Höhe, sucht die weggeworfenen Schlüffel und eilt schnell dem Häuschen zu.

In dem ärmlichen kleinen Stübchen, dessen Decke man beinahe mit der Hand erreichen kann, steht die alte Frau am weißgescheuerten Tische und schneidet Brod in eine Schüssel Ziegenmilch. Lene hört es nicht, wie sie fragt: „Wo bleibst Du so lange?" — Ihre Gedanken sind abwesend. Sie hängt die Schlüssel an den gewohnten Nagel, tritt behend auf einen Schemel und langt oben vom Wandbrette, gut ver­steckt, eine Zündholzschachtel herunter. Horchend schüttelt sie dieselbe — ja, es klappert, es ist noch darin, ihr Erspartes; im nächsten Augenblicke steht sie am Tische und schüttet ihn aus, ihren Reichthum, mit glänzendem Auge die Groschen und Pfennige zu- sammenhaltend, die dahinrollen, als wären es Dukaten. Nun setzt sie sich auf die hölzerne Bank, die hinter