Mittwoch, den 27. Januar 1897.
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Offiziös wird mit großer Genugthuung mitgetheilt, daß bis zum 20. Januar, an welchem bekanntlich die Frist für diejenigen ablief, welche statt die Zinsumwandlung mitzumachen, lieber sich den Nennwerth ihrer 4prozentigen Staatspapiere ausbezahlen lasten wollten, „nur eine kleine Anzahl" von Besitzern solcher Papiere die Baarzahlung verlangt haben. Nach dem ,Reichsanz/ beläuft sich der ganze Betrag, den die Staatskasse baar auszuzahlen hat, auf 210650 Mk. Das ist ja natürlich „gar kein Geld" für die Staatskasse, aber man muß doch wirklich staunen, daß es immerhin noch Leute gegeben hat, welche sich den Nennwert!) ihrer 4prozentigen Papiere vom Staate haben auszahlen lassen, anstatt sie entweder gegen Z'/sprozentige einzutausch en oder aber einfach zu verkaufen. Hätten sie die Papiere verkauft, so hätten sieje nach dem Tageskurse derselben 103—104 Mk. für je 100 Mk. Nennwert!) bekommen, während sie bei der verlangten Baarauszahlung natürlich nur die 100 Mk. Nennwerth erhielten. Wer in der glücklichen Lage ist, Geld in Papiere anlegen zu können, sollte doch wenigstens so viel selber wissen! Daß eine Anzahl von Leuten so schlecht hat rechnen können oder sich um den Ausstand ihrer Zinspapiere nicht kümmert, beweist nur die erstaunliche Unwissenheit oder Nachlässigkeit mancher Leute in Geldangelegenheiten; für die Leichtigkeit, mit der sich die Anleihe- Umwandlung vollzieht, wird damit nicht das Geringste bewiesen.
Es handelt sich hier überhaupt nur um ein ganz bedeutungsloses Vorspiel zu der Umwandlung, die noch keineswegs über alle Gefahren hinweg ist. Nicht als ob es in unserem Wunsche läge, daß die Durchführung der Umwandlung mit Schwierigkeiten verknüpft fein möge; wenn wir auch grundsätzliche Bedenken gegen die Herabsetzung des Zinsfußes ohne angemessene Entschädigung der davon empfindlicher Betroffenen hatten, so müssen wir, nachdem die Umwandlung einmal beschlossene Sache ist, gerade im Interesse derselben Kreise, die auf die Anlage ihrer Ersparnisse usw. in Staatspapicren angewiesen sind, sowie auch im allgemeinen Staatsinteresse dringend wünschen, daß die Uniwandlung sich glatt und ohne Schädigung der Staatsfinanzen vollzieht. Gerade deshalb ist es aber nöthig, auf mögliche Gefahren offen hinzuweisen und sie zu bekämpfen. Im vorliegenden Falle liegt die Gefahr nun darin, daß die beträchtliche Zahl kleiner Kapitalisten, für die der Zinsverlust von ’/» Prozent sehr empfindlich wäre, und vielleicht auch unvorsichtige Verwalter von Stiftungskapitalien und dgl. sich zu einem erheblichen Theile versucht fühlen könnten, ihre Staatspapiere loszuschlagen und dafür lieber höher verzinsliche, aber wemger sichere „exotische Werthe" oder auch im Augenblick verlockend stehende Aktien oder Obligationen von Aktiengesellschaften einzukaufen. Der Zeitpunkt für die Umwandlung ist
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zwar offenbar günstig, aber wenn auch alles Andere dafür spricht, daß die Umwandlung sich ohne erheblichen Kursrückgang der deutschen Staatspapiere und ohne allzuscharfe Konkurrenz der Spekulation mit anderen Kurswerthen vollziehen wird, so bleibt doch immer noch der Einfluß, den das Verhalten der Staatsgläubiger ausüben wird, eine unbestimmte Größe.
Werden die Staatspapiere von den Gläubigern in größerer Menge verkauft, so ist ein Kursrückgang doch die uothwendige Folge, ganz abgesehen von der Erschwerung und Vertheuerung künftiger neuer Anleihen. Wir wollen aber hoffen, daß unsere Finanzen auch dieser Gefahr glücklich entgehen, und wollen unsererfeits nicht mit dem Rathe an die Staats- gläubiger zurückhalten, doch lieber bei d.n Staatspapieren zu bleiben, auch wenn sie nur 3l/a Proz. Zinsen erhalten, als sich unsichere Werthe zu kaufen oder in Kursspekulationen sich einzulassen. Die Aktiengesellschaften benutzen ja vielfach die günstige Gelegenheit, durch Ausgabe von Obligationen die durch Verkauf von Staatspapieren frei werdenden Kapitalien aufzufangen und sich dadurch billige Betriebsmittel zu verschaffen. Wir können nur rathen, solchen Lockungen gegenüber die größte Vorsicht zu bewähren. Jndustriewerthe, die nicht sozusagen für eine Ewigkeit absolut fest im Werthe stehen, passen nicht für kleine Kapitalisten und Verwalter von Stiftungsgeldern u. dgl., denn für sie ist das Risiko, bei einer Ermattung der Industrie, bei einer Erschütterung des betreffenden Industriezweiges usw. schwere Verluste befürchten zu müssen, zu groß und seine Uebernahme keinesfalls zu rechtfertigen.
Deutsches Reich.
' Berlin, 26. Januar.
T) Das SLnatsmiuiflerinm trat am Dienstag Nachmittag unter dem Vorsitze des Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen, an der später, wie in parlamentarischen Kreisen behauptet wurde, auch der Kaiser thcilgenommcn haben soll. In diesem Falle würde es sich also um einen Kronrath handeln. Die ,PosV bringt dieselbe Meldung ohne Vorbehalt.
X Einen großen, auf Jahre hinaus berechneten AkotleugründurrgspkLnzum weiteren Ausbau unserer Marine soll nach dem Wunsche einiger Marineschwärmer die Marineverwaltung vorlegen. Wie die ,PosV indessen von „bestunterrichteter Seite" erfährt, wird die Marineverwaltung aus mehrfachen Gründen diesem Verlangen nicht entsprechen können, erstens weil sie selbst die weitere Entwickelung der Flottenfrage noch gar nicht übersehen könne, und zweitens weil alle Pläne infolge der Nichtbewilligungen des Reichstags in einzelnen Titeln doch nicht eingehalten werden könnten. Die Marineverwaltung könnte aber doch die Ziele, die sie selbst erstrebt, wenigstens in großen Zügen bekannt geben und mußte das
unseres Erachtens auch dem Reichstage gegenüber. Ausnahmsweise stimmen wir also einmal mit den Flottenschwärmern überein — in der Sache selbst, bezüglich der Vergrößerungspläne allerdings ganz und gar nicht!
ZX Die Mirdgelkommissio» des Aögeordrreten- Hanses trat heute in die Berathung über die Denkschrift betr. die Beamtenaufbesserungen ein. Es wurde beschlossen, zwei Lesungen vorzunehmen und, wo es sich als wünschenswerth Herausstellen sollte, abwechselnd die betreffenden Theile der Denk- schrift und des Etats zu berathen Zunächst wurde dann die Anfrage erörtert, ob und was bezüglich der Gehälter der Hnt erbe amten geschehen sollte. Das Cent rum hatte beantragt, die Regierung zu ersuchen, noch in dieser Session in Ergänzung der 'Besoldungsaufbesserung für die mittleren und höheren Beamten eine Vorlage über die Aufbesserung der unteren Beamten zu machen. Abg. Dr. Sattler (ntl.) beantragte, die Regierung zu ersuchen, durch den nächsten Etat eine Ausgleichung der bei den Gehältern der Unterbeamten hervorgetretenen Ungleichheiten herbeizuführen unter gleichzeitiger anderweitiger Regelung des Wohnungsgeldzuschusfes und Einfügung einer neuen Klaffe derselben zwischen den Klassen IV u. V. Abg. Freiherr v. Richthofen (k.) beantragte, die Regierung zu ersuchen, baldmöglichst eine Ausgleichung der bei einzelnen Kategorien von Unterbeamten seit ihrer letzten Gehaltserhöhung hervorgetretenen Härten herbeizuführen und zu dem Zwecke eine Vorlage einzubringen. Die Vertreter der Regierung wollten von alle dem nichts wissen, stellten aber doch die Möglichkeit in Aussicht, daß für einzelne Kategorien der Unterbeamten nach Abschluß der jetzt vorliegenden Frage weitere Aufbesserungen eingeführt werden könnten. Nach Ablehnung der beiden weiteren Anträge wurde der Antrag Richthofen von derKommission angenommen. Bezüglich der Frage der Wittw en- und Waiien- versorgung erklärte die Regierung, es fei ein Entwurf in Arbeit; es stellten sich aber'große Schwierigkeiten entgegen, so daß es fraglich sei, ob er bereits in dieser Tagung eingebracht werden könne. Es solle so bald als möglich geschehen. Sodann wurde die Frage der Reisekosten und Diäten zur Debatte gestellt und einstimmig ein Antrag des Abg. Dr. Sattler angenommen, die Regierung um die ungesäumte Vorlegung eines Gesetzentwurfs über die Neuregelung der Diäten und Reisekosten für Beamte zu ersuchen, damit derselbe noch vor Fertigstellung des Etats für 1897/98 Gesetzeskraft erlange. Die Negierung will aber erst nach erfolgter Gehaltsaufbesserung diese Frage regeln. Zur Frage der Remunerationen beantragte Abg. Dr. Sattler als allgemeine Bemerkung zum Hauptetat: „ Remunerationen werden an etalsmäßig angestellte mittlere und höhere Beamte nur dann gezahlt, wenn diese neben der Ersüllung ihrer regelmäßigen Dienstobliegenheiten liegende Arbeiten ausführen; außerdem ist nur die
Todtengräbrrs Söchtrririrr.
Roman von I. Fichtner.
1] * ------- (Nachdruck verboten.)
Sonnengluth liegt auf dem steinernen Häusermeer, brütet in den breiten Straßen der großen und kunstberühmten Stadt. Geschlossene Läden, verhüllte Fenster allenthalben erzählen, daß die Bewohner entweder verreist sind oder der Ruhe pflegen. Einzelne Fußgänger wandern träge ihrem Ziel entgegen, und । nur das Geräusch weniger Wagen unterbricht die
L schwüle Stille der itmeren Stadt. — Weiter draußen
T aber, in den langgestreckten Vorstadtstraßen, ist es
lebendiger. Trotz Hitze und Staub balgen sich ganze Schaaren _ von Kindern, lärmen und schreien nach । Herzenslust, denn Sonne und Luft sind ihr Element,
r und die dürftige Kleidung verhindert nicht die un-
» mittelbare Einwirkung auf die zumeist schwächlichen
l kleinen Körper.
Wie eine Oase in der Wüste der thurmhohen z glühenden Miethskasernen liegt ein mauerumschlossener
k grüner Plan. Ringsherum lugen grüne Zweige und
Jk Wipfeln hervor; ine grünen Haare der Trauerbirke
T fallen über die Mauer, steife Expressen halten die
Wacht dabei, und dunkler Epheu klettert aus jedem I Risse hervor.
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Es ist ein Friedhof, dieser mauerumschlossenr Raum, ein wirklicher Friedhof, kühl und frisch, trotz der heißen, lärmenden Umgebung.
Und mitten darin steht ein Kirchlein. Es sieht verwaist aus, aber es ist gut erhalten. Die gothischen Fenster zieren Malereien, und ein schöner schlanker Thurm krönt das Ganze.
Am Eingänge des Friedhofes steht ein kleines halbverfallenes Häuschen, dessen Fehler und Mängel äußerlich bis an den Giebel hinan mit blühender Winde und großblätterigem Pseifenlraut überkleidet sind. Die kleinen Fensterchen sind mit blühenden Blumenstöcken überladen, an den wackeligen Haus- thürstufen stehen zwei knospende Oleander, uno auf dem freien kleinen Plane blühen auf einer Unzahl von großen und kleinen Stämmchen duftende Rosen aller Arten. Wohin das Auge säiaut — nichts als Blumen und Blüthen, frisches Grün und Sonnenschein!
Dieser Ort ist das Heim des alten ehemaligen Todtengräbers, nunmehrigen Kirchhofwächters; denn längst schon findet hier kein müder Sterblicher mehr Unterkunft — ringsum will man leben und gesund sein.
Da knarrt das Thürchen in der Mauer. Die alte Frau auf dem Bänkchen vor dem Hause wendet
den Kopf, der Hund zu ihren Füßen fängt an zu knurren.
„Kusch," sagt sie und streichelt den Hund, ohne daß eine Miene in ihrem Gesicht sich verändert. „Kusch, es ist der Herr."
Ein junger Mann ist eingetreten und lüstet den Hut zum Gruße. Braune Lockenfülle beschattet seine weiße Stirn, unter der dunkle geistreiche Augen suchend umherblicken. Mit Behagen athmet er den frischen Blumenduft und kühlt mit dem Taschentuche das erhitzte Gesicht. Während dem ruft die alte Frau, indem sie den Kopf zum Fenster wendet: „Lena — die Schlüffe!!" — _— Bald daraus klappert es, und ein etwa zwölfjähriges Mädchen tritt heraus mit einem großen Schlüsselbund. Flüchtig eilt es durch den Garten — den Kirchhofpfad entlang, so daß die langen blonden Zöpfe hinter ihm herfliegen.
Der Mann folgt mit einer Rolle unter dem Arme, und als er in die Halle der Kirche tritt, da knarrt der Schlüsfel schon, und wie er die Treppe hinangekommen, da steht die Chorthüre schon weit offen, und Lena ist bereits auf ihrem Posten. Quietschend und knarrend senken sich die Bälge der Orgel unter ihren Füßen, der Herr darf nur sein Heft aufschlagen und kann mit seinen Hebungen beginnen. — Im Kirchlein ist es kühl und erfrischend — die vollen