24. Jahrgang
Dienstag, den 19. Januar 1897.
ea
13]
somit die Tochter eine Zeitlang entbehren, die nirgends besser versorgt sei als in Nonnenwerth.
Daß Felicie immer noch dahin verlangte, versicherte sie ihm bald selber. Sie sah dabei so sröhlich aus, wie Goldmund die Kleine noch nicht gesehen hatte. Sie schien seit gestern gewachsen und verschönt. War da wirklich etwas vorgegangen, das des Kmdes Sinn vom Klosterleben abgewendet hätte? Seine krankhafte Furcht davor konnte der arme Alte nur deshalb nicht los werden, weil es ihm mit dem Verluste seines einzigen Kindes gleichbedeutend war. Aber er konnte sich weder dem herzlichen Wort Ottiliens verschließen, von deren Sympathie er einen so glänzenden Beweis hatte, noch den süßen Bitten seines Töchterleins, das ihm zugleich versprach, gewiß nur der Fortbildung und des gesicherten Schutzes willen für einige Zeit in Nonnenwerth zu leben.
Er willigte also in die Vorschläge, _ die man ihm machte, endlich ein. Es wurde beschlossen, daß heute noch Felicie übersiedeln dürfe, denn Ottilie wollte morgen schon mit Miß Rich nach Trier reisen, das sie noch nicht kannte. Sie zog vor, dort und nicht in Bonn die Rückkehr ihres Vaters zu erwarten, damit nicht ihre Gastrolle auf dem Drachenfels in der Gegend bekannt und besprochen würde.
Der Sänger blieb aber lange allein. Er verkürzte sich die Zeit mit einem Gabelfrühstück, das der Diener in die Laube brachte. Es wollten ihm aber weder Wein noch Fleischspeisen gut munden. Er fühlte sich beschämt durch seinen Jrrthum und bedrückt durch die Vernichtung seines schönen Traums.
Sein trüber Muth verschwand aber doch vor dem sonnigen Lächeln Ottiliens, als diese mit der freundlichen Hermine Stark endlich wieder kam. Die Freundinnen hatten inzwischen viel besprochen. Es mußte Ernstes und Heiteres gewesen sein; denn in den Augen der Aeltern wie der Jüngern schwamm noch ein ver- rätherisches Naß, beglänzt vom Sonnenschein innerer Freude. Dem alten Herrn hatte Tante Mina Gutes zu berichten. In der Pension Harling verlangten reiche Engländerinnen einen Gesanglehrer ersten Ranges. Statt der Stelle auf dem Drachenfels sollte Goldmund diesen Unterricht übernehmen, der ihm gutes Honorar abwarf. Auch Verpflegung und Wohnung wurden ihm in dieser Pension bei guten, aufmerksamen Wirthen zugesichert, und er konnte
reich-Ungarn Feinde Deutschlands oder des Dreibundes wären. Mit viel größerem Rechte läßt sich das von unseren „Nationalsten", den Anhängern Bismarcks, sagen, deren Presse durch Vertheidigung der Bismarck'schen Verräthereien und ihr unausgesetztes Verlangen, Deutschland solle sich mehr an Rußland anschließen, in der That an der Ünter- wühlung des Dreibunds arbeitet, zum Glück bisher und wohl auch fernerhin erfolglos.
Was nun den Grafen Murawjew anbetrifft, so weiß keiner von denen, die in der Presse ihn als Deutschenfeind hinstellen, etw as Näheres über seine Gesinnung zu sagen. Daß er Günstling der Kaiserin- Mutter sei, ist auch nicht erwiesen. Ueberhaupt riecht Alles, was über den Einfluß der Kaiserin-Mutter und des dänischen Hofes erzählt wird, sehr stark nach dem allergewöhnlichen Hofklatsch. Nehmen wir einmal an, Graf Murawjew sei wirklich ein Feind Deutschlands und seine Ernennung auch ein Zeichen der Deutschfeindlichkeit des Zaren, fo braucht man sich deswegen noch immer nicht zu beunruhigen. Auch Alexander UL war kein Freund der Deutschen und hat sich trotzdem gehütet, die Hoffnungen der französischen Revancheschreier zu erfüllen.
Man weiß eben in Rußland ganz gut, daß Rußlands Interesse keineswegs einen Krieg mit Deutschland wünschens werth macht: einmal weil seine langsame, aber sichere Ausdehnungspolitik nach Asien hin im Frieden mit Deutschland am besten gedeiht; zweitens weil es sich hüten muß, durch Feindseligkeit gegen Deutschland dieses an die Seite Englands, des Hauptgegners Rußlands, zu treiben; drittens weil Rußland nur so lange sicher auf die Unterstützung seiner ganzen Politik durch Frankreich rechnen kann, als dessen eigene Pläne gegen Deutschland noch der Erfüllung harren; und viertens, weil Deutschland undOesterreich-Ungarn, dessen Flanke durch Rumänien gedeckt wird, mächtig genug sind, um nicht nur' Frankreich, sondern auch Rußland die Spitze zu bieten. Alle diese Momente kann Rußland fernerhin eben so wenig wie bisher außer Acht lassen.
Will also ein Theil der Presse dem deutschen Volke anscheinend das Gruseln beibringen, um, es für alle möglichen Marine- und Militärforderungen gefügig zu machen, so antworten wir mit kaltem Blute:
Bange machen gilt nicht!
o Bange machen gilt nicht.
Graf Murawjew, bisher russischer Gesandter -am dänischen Hofe, ist zum Verweser des russischen Ministeriums des Auswärtigen ernannt worden; Graf Goluchowski, sein österreichisch-ungarischer Kollege, weilt in Berlin und ist am Samstag vom deutschen Kaiser empfangen worden. Das find die zwei „welt- erschütternden" Thatsachen, die jetzt für einen großen Theil der deutschen Presse das tägliche Brod ihrer Politischen Garküche bilden. Allerlei wird zusammenverarbeitet, um dem hochaufhorchenden Publikum eine gelinde Ahnung davon beizubringen, daß in den höheren Regionen „irgend etwas los", und daß es um die Weltlage gar nicht mehr vertrauenerweckend bestellt sei. Von den Bestandtheilen des Ragouts seien nur die folgenden genannt: Deutschfeindlichkeit des dänischen Hofes und der Kaiserin-Mutter von Rußland, bekanntlich einer Tochter des Königs von Dänemark; Graf Murawjew angeblich, Günstling dieser Dame, die auch den Zaren vollständig beherrschen soll; Hinneigung der österreichischen Regierung zum „Klerikalismus", der angeblich auch dem Dreibunde feindlich gesinnt sein soll u. dgl. m.
Um mit der österreichischen Regierung anzufangen, so ist es einfach eine Thorheit, wenn einzelne Blätter es so darstellen, als wenn eigentlich der Ministerpräsident Graf Badeni hätte nach Berlin kommen müssen und nur wegen seiner „klerikalen" Abneigung gegen Deutschland diesen Befuch unter« lassen hätte. Auch seine Vorgänger Fürst Windisch- grätz und Graf Taaffe haben die Pflege der internationalen Beziehungen den Ministern des Auswärtigen überlassen. Aber auch für den Grafen Goluchowski bestand keine hochpolitische Veranlassung, nach Berlin zu kommen, sondern zunächst der persönliche Grund, dem Fürsten Hohenlohe einen Gegenbesuch zu machen und als neuer Ritter des Schwarzen Adler-Ordens am Ordensfeste theilzunehmen. Daß bei diesem Besuche in Berlin über die Weltlage gesprochen wird, ist natürlich anzunehmen, aber ein besonderer Anlaß zu persönlichen Verhandlungen liegt in der politischen Lage Europas nirgends vor. Höchstens kann man dem Besuche insofern eine politische Bedeutung beimessen, als er bestätigt, daß durch die Bismarck'schen Verräthereien das deutsch-österreichische Bundesverhältniß glücklicher Weise keine Störung erlitten hat.
Was die „Hinneigung der österreichischen Regierung zum „Klerikalismus" angeht, so wären die österreichischen „Klerikalen" herzlich froh, wenn sie davon etwas mehr zu spüren bekämen. Diese ganze „Hinneigung" besteht lediglich darip, daß sich Graf Badeni nicht mehr so wie anfangs auf die Liberalen stützt, und das erklärt sich fehr einfach und „real- politisch" dadürch, daß die Liberalen als große Partei elend verkracht sind und darum der Regierung keine sichere Stütze mehr bieten können. Ferner aber ist es einfach erlogen, daß die „Klerikalen" in Oester-
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Januar-
* Der .Reichsanzeiger' schreibt: „Seine Majestät der König haben heute, am 18. Januar, im, Kapitelsaale des hiesigen Königl. Schlosses ein Kapitel des KoHen Hrdeus vom Schwarze« Adter abzu halten geruht. Diesem ging im Rittersaale die Investitur der schon früher ernannten Ritter, zunächst Seiner Königlichen Hoheit des Erbgroßherzogs von
Rhemgold.
Novelle von Cary Groß.
------- (Nachdruck verboten.)
Sachsen, Seiner Durchlaucht des Fürsten zu Schwarzburg-Rudolstadt, sodann des Staatsministers v. Delbrück, des Fürsten zu Wied, des Generals der Kavallerie, kommandierenden Generals des IV. Armeekorps v. Hämisch, des Generals der Infanterie, kommandierenden Generals des V. Armeekorps von Seeckt voraus, worauf die neu investierten Ritter an diesem Kapitel theilnahmen.
* Zum ^rafidenle« des Kerrenyauses scheint nunmehr der Fürst zu Wied gewählt zu werden. Derselbe hat sich bereit erklärt, eine auf ihn fallende Wahl anzunehmen. Man war bisher geneigt, in erster Linie anzunehmen, daß die Wahl auf Freiherrn von Manteuffel oder Herrn v. Levetzow fallen würde, indessen wird man es wohl begreifen, daß zwischen den genannten Herren eine „Konkurrenz" vermieden wurde und daß man dem Usus treu zu bleiben suchte, ein erbliches Mitglied des Herrenhauses mit diesem Ehrenposten zu betrauen.
* Zur Irage der cheHattserhöHtmg der cheiftliche« wird'der ,Schles. Volksztg/ geschrieben: Während erst behauptet wurde, die Regierung habe ein Ansuchen des Oberkirchenraths betreffend Gehaltserhöhung der Geistlichen abgelehnt, stellte sich nachträglich heraus, daß der Oberkirchenrath das An- fuchen nicht erst gestellt hat, weil ihm gleich „abgewinkt" worden ist. Die Konservativen wollen deshalb vielleicht mit einer Interpellation vorgehen. Sie würden gut tfjun, zunächst für einen bmachtheiligten Bruchtheil der Geistlichen Gehaltserhöhung zu verlangen — nämlich für die katholischen Priester. Die geringere Honorirung derselben wird mit dem Cölibat begründet. Wir wären unbefangen genug, diesen Entwurf gelten zu lassen, wenn diese Einrichtung sonst in der Staatspraxis durchgeführt würde; allein sie besteht nur in dem einzigen Fall zu Un- gunsten der katholischen Geistlichen. Der unverheirathete Caprivi bezog ebensoviel Gehalt, als der verheirathete Hohenlohe; ein unverheiratheter Postsekretär, General, Weichensteller und Professor hat nicht weniger als der verheirathete, ja sogar der unverheirathete Prediger erfreut sich desselben Einkommens als sein verheiratheter Amtsbruder, der Vater von zehn Kindern ist. Hier muß mit gleichem Maße gemessen werden, hier liegt eine grobe Verletzung der Parität vor. Entweder führe man den — an sich nicht verwerflichen — Gedanken allgemein durch, daß Verheiratheten und Familienvätern höhere Gehälter gezahlt werden, als Unverheiratheten, und dann werden die katholischen Priester selbstlos genug sein, sich zu begnügen — oder, wenn man das nicht will, schaffe man für die katholischen Geistlichen keine Ausnahmestellung zu ihren llngunften. Müssen die Katholiken denn immer die Erfahrung machen, daß alle Ausnahmen fo geartet sind, um ihnen Nachtheil zuzufügen?
* Die reinliche Scheidung zwischen den Finanzen des Reiches^und der Bundesstaaten scheint nun auch dem miquelgetreuen Geheimrathe der
Die Räthin war mit dieser Bestimmung nur im Interesse Leberts einverstanden. Sie fühlte sich ihm gegenüber schuldbewußt, da sie es an Muth und Geschick hatte fehlen lassen, ihn rechtzeitig von dem Austausche der Mädchenrollen zu benachrichtigen. Sein Benehmen hatte aber selbst ihr mißfallen. Dies trug bei, sie mit Ottiliens tollem Streiche auszuföhnen und endlich Ottiliens Bitten nachzugeben, Luft und Unterhaltung gegen ihre Migräne zu erproben und sich dem munteren Greife zu gesellen, der sich im Gartensalon versammelte. Dort gestand sie bald zu, daß ihr bisheriger Günstling gestern eine gar zu klägliche Rolle gefpielt hatte. Erst als Ottmars Auftreten Dr. Lebert belehrt hatte, in welchem Jrrthum er sich befunden, versuchte er es zwar noch, seinen Rückzug zu decken; er mußte aber doch einsehen, daß er sich lächerlich machte, denn er schützte plötzlich Krankenvisiten vor, um nicht mit der Räthin nach der Villa fahren zu müssen. In der Morgenfrühe aber hatte ein Billet seine Klientin benachrichtigt, Doktor Sebert fei mit einem Patienten nach Berlin gereist und werde einige Tage fortbleiben.
„Der wäre außer Schußweite", sagte Tante Mina, als die Räthin halb belustigt, halb mitleidsvoll das Mißgeschick Leberts besprochen hatte.
mit Unterhattungs-Keüage „Sterne und Slmnen
Erscheint täglich Sonn- und Feiertage ausgenommen. - Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. W ^ Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petrtzeile 2o Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.