Freitag, den 15. Januar 1897 24. Jahrgang
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mit Unterljaltrrngs-Kettage „Sterne und KLumen".
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sh Die Finanzpolitik des Centrums ist in diesen Tagen seitens des Finanzministers Dr. Miquel und der Kartellparteien im Abgeordnetenhause, wo sich diese Parteien in der Mehrheit suhlen und daher mit Vorliebe „muthig" gegen die Reichstagsmehrheit ankämpfen, heftigen Angriffen ausgefetzt gewesen. Es ist sehr bezeichnend, daß die Herren dabei stets um die Kernpunkte der Finanzpolitik des Centrums herumgehen und ihr ganzes Bemühen darauf richten, künstliche Gegensätze zwischen der früheren und der gegenwärtigen Haltung des E{ Centrums in Finanzfragen zu konstruiren, indem sie sich an Nebensächliches anklammern und geflissentlich j. die Aenderungen in der Finanzlage übersehen, die in Einzelheiten naturgemäß auch Aenderungen in der Finanzpolitik bedingen. Herr Miquel hat dem L* Centrum vorgehalten, daß die „Auspoverung" des Reichs durch die Bundesstaaten, von der einmal der Abg. Dr. Bachem gesprochen, gerade durch eine Schöpfung des Centrums, die Franckenstein'sche Klausel verschuldet sei. Sieht man näher zu, so liegt die Sache aber wesentlich anders. Das Reich hat in den zehn Jahren von 1883/84 bis einschließlich 1892/93 an die Einzelstaaten 486 Millionen Mark herausgezahlt, selbst aber 1349 Millionen Mark Schulden gemacht. Das Reich hat also sozusagen 486 Millionen Mark Schulden gemacht, um dafür Ueberweisungen an die Einzelstaaten machen zu können. Die Francken- ftein'sche Klausel wäre kein Hinderniß gewesen, um dies ganz oder theilweise zu verhüten. Hätte z. B. das Reich schon damals — und dazu mußte von Rechtswegen die Regierung die Initiative ergreifen — ein Schuldentilgungsgesetz nach Art der jetzigen lex Lieber gemacht, so hätte das Reich, wenn wir die lex Lieber zu Grunde legen, nur 243 Millionen an die Einzelstaaten bezahlt und statt 1349 nur 1106 Millionen Mark Schulden gemacht.
Herr Miquel sagt nun, die schwankend en Ueberweisungen des Reichs brächten gerade die Unsicherheit in die Staatsfinanzen. Ein andermal sagt er dagegen, die schwankenden Eisenbahnüberschüffe trügen daran die Schuld. Was ist nun richtig? Jedenfalls kann es für den Zweimilliarden-Etat Preußens keine entscheidende Bedeutung Haben, ob das Reich etwa 20 Millionen mehr oder weniger zahlt bezw. fordert. Das Centrum wäre ja auch gar nicht abgeneigt, einen solchen „Ausgleichsfonds" zu bewilligen, der es ermöglichen werde, die Schwankungen der Ueberweisungen bezw. Matrikularumlagen auszugleichen. Aber darauf will sich weder Herr Miquel noch die Kartellmehrheit im Abgeordnetenhause einlasfen. Warum? Einfach deshalb, weil Herr Miquel diese Schwankungen nöthig hat, um damit Stimmung für seine famose „Reichsfinanzreform", oder für die Ersetzung der beweglichen Ueberweisungen durch feste Renten des Reichs an die Einzelstaaten zu machen. Diese
Rheingold.
Novelle von Carr> Groß.
kOj ------ (Nachdruck verboten.)
Ottilie vertauschte ihren Platz mit einem andern neben Goldmund. Unauffällig konnte sie von dort den Tisch unter der Linde beobachten. Neben Goldmunds Töchterlein entdeckte sie diesmal eine blaue . Mühe. Die Mütze saß auf dem Lockenkopfe ihres Bruders. Gewiß hatte Hermine Stark Wort gehalten, und Ottmar war von ihren Bestimmungen benachrichtigt, und somit war auch ihr Rückweg gedeckt. Vermuthlich war das Abenteuer ganz nach Ottmar's Geschmack. Er hatte sich mit einem Anschein von brüderlicher Vertraulichkeit neben Felicie niedergelassen und plauderte lustig zu ihr. Das junge Mädchen hörte offenbar vergnügt zu; ihr Gesichtchen schaute nicht mehr so blaß wie vorhin unter der himmelblauen Feder hervor, sondern strahlte von kindlichem Frohsinn, der seine Lieblichkeit erhöhte. Soeben trat Dr. Max Heermann, der zuerst die älteren Damen begrüßt hatte, vor Felice hin. Ottilie war sicher, daß er sich als Bekannten und Schüler ihres Vaters vorstellt, denn Felice verbeugte sich verlegen und er- röthete.
Der ältere Heermann beobachtete gleichfalls, was am Tische der Räthin vorging.
Pläne aber sind es gerade, die das Centrum aus guten Gründen bekämpft.
Und damit kommen wir zu dem einen Kernpunkte der Finanzpolitik des Centrums: d. i. das Festhalten an dem Wesen der Franckenstein'schen Klausel. Diese hat ja nicht nur den verfassungspolitischen Zweck, das Einnahmebewilligungsrecht des Reichstags zu wahren, sondern sie hat auch den sehr praktisch -politischen Zweck, der Neigung, die Reichsausgaben insbesondere für Militär und Marine ins Ungemefsene zn vermehren, Zügel anzulegen. Die Aussicht nämlich, infolge solcher Ausgabesteigerungen auf dem Wege der Matrikularumlagen vom Reiche weniger Rente zu bekommen oder an das Reich gar noch herauszahlen zu müssen, ist oder sollte wenigstens für gewissenhafte einzelstaatliche Finanzminister ein kräftiger Ansporn sein, im Bundesrathe gegen solche Vermehrung der Reichsausgaben Widerstand zu leisten und ihre volle Autorität dagegen einzusetzen. Werden aber die Reichsfinanzen von den einzelftaatlichen Finanzen vollständig unabhängig gemacht, so fallt jeder derartige Antrieb zum Bremsen für die Finanzminister der Einzelstaaten fort.
Dazu kommt — und das berührt den zweiten Kernpunkt der Finanzpolitik des Centrums —, daß bei einer solchen Trennung der Reichsfinanzen von den einzelstaatlichen und ihren soeben gekennzeichneten Folgen zur Deckung der wachsenden Reichsausgaben dann nicht mehr die Matrikularbeiträge herangezogen, sondern die Zölleoderindirekten Reichs st euern erhöht oder neue eingeführt werden müßten. Das will aber das Centrum verhüten — und es ist ihm das seit 1890 auch glänzend gelungen —, weil diese Belastung gerade die ärmeren Volksschichten treffen würde, während eine Erhöhung der Matrikularumlagen schlimmstenfalls eine Erhöhung der direkten Steuern der Einzelstaaten, welche die Wohlhabenderen stärker belasten, nöthig machen könnte. Davon schweigen die Herren Miquel, Sattler, v. Zedlitz und Graf Limburg aber stets, denn sie wollen eben lieber die breite Masse des Volks mit indirekten Steuern belasten, als die reichen Leute auch nur um 1 Reichsmark jährlich mehr kränken — sie sagen das bloß nicht gern! Das Volk hat jedenfalls mehr Sinn für die Finanzpolitik des Centrums, die fozial- politisch die einzig richtige ist, als sür die Finanzpolitik Miquels und des Kartells.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Januar-
* Der Kaiser hat für das Frühjahr die Einladung zur Auerhahnjagd beim Grasen Czernin in Marschendorf in Böhmen angenommen. — Zum 100 Geburtstage Kaiser Wilhelms I. soll sicherem Vernehmen nach dessen Marmorbüste in der Walhalla bei Regensburg ausgestellt werden. Zu
„Alle Wetter!" rief er auf einmal, „das hatte ich nicht erwartet. Kellner, besorgen Sie eine feine Erdbeerbowle mit Champagner für unfern Tisch! Max kehrt wirklich zu uns zurück."
lieber dem Lachen und Beifallklatschen Aller bemerkte man nicht, daß Ottiliens schönes Gesicht freudig erstrahlte. Auss lustigste wurde der wiederkehrende Max begrüßt und mit Fragen bestürmt, wie er Professor Grubes Töchterlein gefunden habe.
„Hübsch genug, aber nicht interessant. Allerdings kann ich nicht urtheilen in so wenig Zeit," sagte er ablehnend. „Jedenfalls gefällt sie meiner Tante Mina sehr. Sie will mit der Frau Räthin, die einen Platz frei hat, zurückfahren und den Abend in ihrer Gesellschaft veröringen."
„Macht Fräulein Grube mehr Glück bei Damen als bei Herren?" fragte Frau Schmitz. „Ich möchte gern dem Vater, wenn ich ihn in Frankfurt sehe, eine ganze Liste von Eroberungen melden, die seine Tochter in der Bonner Herrenwelt gemacht hätte."
„Dann schreiben Sie nur getrost den eleganten Doktor Lebert auf die Liste," scherzte Max. „Ersieht ganz ingrimmig aus, wenn das Fräulein mit ihrem eigenen Bruder, dem jungen Grube plaudert, der allerdings auffallend munter ist. Die Geschwister scheinen sich besonders gut zu verstehen. Ich war
diesem feierlichen Akte soll der ganze bayerische Hof nach Donaustauf kommen, desgleichen Kaiser Wilhelm II. sein Erscheinen dort fest in Aussicht gestellt haben.
-ff Vor einigen Tagen meldeten verschiedene Blätter, daß die Stellung des japanischen Gesandten Wicomte Aoki infolge des für Japan ungünstigen Ausfalls des japanischen Handelsvertrags erschüttert sei. An maßgebender Stelle ist davon nichts bekannt; der genannte Vertrag enthält ebensogut für Japan wie für Deutschland Vortheile; ein Grund, weshalb die Stellung des genannten Diploniaten erschüttert sein solle, ist nicht ersichtlich.
* Durch die Ernennung des Abg. Dr. Schädker (Ctr.) zum Domkapitular in Bamberg ist zwar sein hayerischesLandtagsmandat, nicht aber sein Reichstagsmandat erloschen.
* Der nationalliberale Landtagsabgeordnete MoHr, der durch die von ihm gegen einige hundert deutsche Zeitungen angestrengten Beleidigungsprozesse bekannt geworden ist, hat sein Mandat niedergelegt, um „seinen Wahlmännern die weitere Entschließung anheimstellen zu können." Den Anstoß zu diesem Beschluß dürfte das in der Kolmarer Verhandlung bekannt gewordene Strafregister Mohrs gegeben haben. Er selber gibt als Grund der Mandatsniederlegung die fortgesetzten Angriffe in der Presse an. Diese Motivierung erscheint der ,Nordd. Allg. Ztg/ nicht ohne Grund als lückenhaft, und wir meinen, daß die Partei dem Herrn Mohr, der durch die zahlreichen Prozesse in schlechtes Renommee gekommen, den ehrenvollen „Abschied bewilligt habe."
* Wie die ,Nordd. Allg. Ztg/ mittheilt, waren bis von einigen Tagen nur etwa 50,000 Mark der 4prozentigerr Ko«s-ks zur Auszahlung angemeldet worden. Die für diese Anmeldungen festgesetzte dreiwöchige Frist läuft bekanntlich am 20. d. M. ab.
* Vom Centrum ist im Reichst«ge die lex KeinHe als Initiativantrag eingebracht worden. Die frühere von der Kommission beschlossene Fassung ist noch durch die Erweiterung verschärft worden, daß auch unsittliche Darstellungen und Aufführungen in Theatern in das Bereich des Gesetzes fallen sollen.
□ Der Hrtarantäne-Ankrag ist erst jetzt am Donnerstag nicht lediglich von Konservativen, sondern auch von den Abg. Frhr. v. Heereman, Herold und Gen. (Ctr.) und durch Nationalliberale eingebracht. Er geht dahin: 1. daß das über die See- und La cd- quarantänen eingehende ausländische Vieh einer vierwöchentlichen Quarantänezeit und einer Tuberkulinprobe unterworfen, 2. daß die Einfuhr russischen Geflügels und russischer Schweine untersagt, 3. daß laut Artikel 6 der Viehseuchenkonvention mit Oesterreich-Ungarn sofort zeitweise Sperre gegen die Rindereinfuhr aus Oesterreich-Ungarn angeordnet wird.
X In der Vudgetkommifliou des Reichstags wurde heute die Berathung des Etats der
jedenfalls überflüssig und stelle mich wieder hier zu Diensten."
„Das muß solenn gefeiert werden," sagte Frau Professor Führer und schlug vor, die Bowle lieber in den hübschen Gartensalon bringen zu lassen, wo keine Gäste seien und man nicht befürchten müsse, von der Abendkühle zur Eile getrieben zu werden. „Ein Klavier ist auch dort, und wer weiß, ob wir nicht unbehelligt von ungebetenen Zuhörern ein Liedchen von jugendfrischer Stimme zu hören bekommen!" schloß sie, Ottilie freundlich anfehend.
Diese blickte diesmal nicht streng auf bei der Anspielung. Als die Tafelrunde in dem eleganten Saal gestellt war und fast alle Gäste von den Nachbar- tifchen sich verloren hatten, erhob sich Goldmund, um sein Notenbuch zu holen. Aber Ottilie hielt ihn zurück, schob ihm ihr Glas zu, griff nach der Guitarre und erklärte, selbst zu singen.
„O Welt, wie bist du so wunderschön!" klang es glockenrein in Jubeltönen durch den Saal.
Entzückt lauschte die Gesellschaft der Musikfreunde, und des Beifalls und Lobes ihrer Stimme wie ihrer vortrefflichen Schulung im Vortrag wollte kein Ende werden.
Als Ottilie mit dem alten Goldmund auch noch ein Duett aus Schumann's „Genovefa" gesungen hatte, das die Professorin wünschte und selbst auf dem