Donnerstag, den 14 Januar 1897 24. Jahrgang
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mit NnterchaLtuugs-KrUase „Sterne und Ktnmen".
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z Presse und Behörde.
Das Vorgehen der Behörde gegen einen Redakteur der frankfurter Zeitung' wird von der unabhängigen Presse aller Parteien entschieden mißbilligt. Das genannte Blatt hatte größere Auszüge aus dem Etat veröffentlicht, bevor der Etat bekannt gegeben war. Die Staatsanwaltschaft vermuthet nun, daß die frankfurter Zeitung' nur durch den Vertrauensbruch eines Beamten Kenntniß von diesen gehabt habe, so daß also eventuell dieser Beamte, den man nicht kennt, disziplinarisch zu verfolgen wäre. Es wurde das Disziplinarverfahren gegen „Unbekannt" eingeleitet und der verantwortliche Redakteur der Frankfurter Zeitung', Herr Alexander Giesen, als Zeuge vorgeladen. Es wurde von dem Zeugen verlangt, den Verfasser des Artikels zu nennen, er lehnte es ab, und in Folge dessen ist die Zwangs- haft verhängt worden, die bis auf 6 Monate ausgedehnt werden kann.
Nun ist nach dem Wortlaut des Gesetzes, wie die frankf. Zeitung' unseres Erachtens richtig ausführt, die Zwangshaft bei einerDiszipli narsache ausgeschlossen, das Vorgehen des Gerichts also nicht gesetzlich, sondern auf einem Rechtsirrthum beruhend. Es ist von höchstem Werthe, daß diese Frage durch alle Instanzen klargestellt wird, weil sonst ein Präzedenzfall geschaffen würde, durch welchen das Gericht eine große Ausdehnung seiner Besugnisse erhielte, die, wie gesagt, nach unserer Auffassung von dem Gesetzgeber nicht vorgesehen und auch nicht gewollt ist.
Wie für jeden ehrenhaften Redakteur absolut selbstverständlich, hat Herr Giesen sich auch nach seiner Verhaftung geweigert, den Verfasfer zu nennen und wird sich zweifellos auch fernerhin weigern — dann kann man ihn ein halbes Jahr in Haft behalten und hat nichts erreicht. Wie es nach der einen Seite durchaus begründet ist, wenn Jemand, der einen Redakteur durch wifsentlich unwahre Angaben dazu gebracht hat, daß dieser einen beleidigenden Artikel aufnimmt, von dem er nicht rotff en kann, daß der Urheber einen Schurkenstreich plant, schonungslos dem Arme der Gerechtigkeit überliefert wird, so steht andererfeits jedem anständigen Redakteur das Re- daktionsgeheimniß viel zu hoch, als daß er es um ein halbes Jahr hinter Kerkermauern preisgeben möchte - andere Stände halten auf ihre Ehre, wir Journalisten ebenfalls. Herr Giesen kann überzeugt sein, daß die Redakteure aller anständigen Preßorgane, ganz ohne Unterschied der Parteirichtung, in diesem Falle zu ihm stehen und roenp ihnen dasselbe Ansinnen gestellt würde, es als Ehrenmänner mit gleicher Entschiedenheit zurückweisen würden, weil sie die Preisgebung des Redaktionsgeheimnisses als einen Vertrauensbruch auffaffen, der die Ehre eines Mannes schändet. Nach verschiedenen früheren Vorfällen füllten übrigens die Gerichte schon zu der Ueber- >M»WW>WMWWWWWWWWMWMWWMWWWWMWWW>MMWWWWWMS
Khemgold.
Novelle von Cary Groß.
9] ------ (Nachdruck »erboten.)
Als Ottilie die Freundin von den Brüdern Heermann Tante nennen hörte, brauchte sie daher nicht anzunehmen, daß sie wirkliche Neffen Mina's seien. Erst allmählig wurde ihr die Beziehung klar, als Fräulein Stark am Nachbartisch, absichtlich laut sprechend die Herren begrüßte mit „Tag, Max! Tag, Walter! Danke Euch, mir den Platz bewahrt zu habens kann aber nicht hier bleiben. Habt an Frau Professorin und den lieben Frankfurterinnen bessere Gesellschaft als an mir. Ich muß zu Frau Räthin Rehwald, habe der „lieben Emma" versprochen, Bowle mitzutrinken; fahre wohl auch mit ihr nach der Villa, zum Abendessen. Kommst Du nicht auch hinüber an den Tisch der Räthin, Max? Sie hält bekanntlich viel auf Deinen Besuch und liebt Dich sehr!"
„Wie sollte sie nicht! — Wir kennen einander längst gut", entgegnete lachend der junge Mann. „Erlaube mir jedoch, daß ich Dir später nachkomme, Tante, um der „lieben Emma" aufzuwarten und zugleich mich Professor Grubes Tochter vorzustellen. Das läßt sich beides nicht umgehen."
zeugung gekommen sein, daß sie auf diesem Wege nicht zum Ziele kommen.
Die ehrenhafte Schriftsteller- und Journalistenwelt hält zusammen in ihren Prinzipien, die hoch über dem Parteigetriebe stehen, und beansprucht, daß ihr der Moral durchaus entsprechender Ehrenkodex die gleiche Werthschätzung finde, wie der Ehrenkodex anderer Stände, den auch wir achten, wenn er in selbem Maße den Forderungen der Moral nachkommt. In gleicher Weise ist der ehrenhafte Schriftstellerstand unausgesetzt bemüht, die anrüchigen Elemente, welche sich unter dem Deckmantel des Schriftsteller- thums einzuschleichen versuchen, von sich abzuwehren, und in dieser Beziehung haben wir den Leckert-Lützow- Prozeß mit großer Genugthuung begrüßt, weil er Gelegenheit gab, einen Theil der Praktiken zu enthüllen, mit denen faule Individuen in die Preffe hineingeschoben werden. Ohne einen v. Tausch in der politischen Polizei hätten die Leckert, Lützow, Staerck ihre Rolle in der Presse nicht spielen können.
Daß in der politischen Polizei mancherlei unhaltbare Zustände herrschten, war schon aus den Geschichten der „Ehrenmänner" Jhring-Mahlow, Naporra und Schwennhagen bekannt. Bei der Naporra-Ge- schichte hat der damalige Minister v. Puttkamer einmal gesagt, daß die Polizei dieser „Nichtgentlemen" nicht entrathen könnte: hätte man damals, als Naporra und Jhring-Mahlow entlarvt wurden, nur eine blasse Ahnung davon gehabt, wie weit die Korruption sich eingefressen hatte — der Druck der öffentlichen Meinung hätte dies System schonungslos Hinwegfegen müssen oder jedes Vertrauen auf diesen Zweig unserer Verwaltung wäre gewichen. Bei dem damals beliebten Verfahren gelang es, diese Klarheit vermissen zu lassen, und so gelang es, den Fall als Einzelfall hinzustellen und - seine wahren Gründe zu vertuschen. Jetzt geht's nicht mehr, aber auf das große Konto kommt's doch.
• Nur' mit tiefem innern Schmerze geht die anständige Preffe an dies für die Mißstände in einzelnen Zweigen der inneren Verwaltung so unangenehme Kapitel; aber nachdem von oben herab der entschiedene Wille bethätigt ist, den Augiasstall zu entleeren, wollen wir nicht fehlen, dabei nach Kräften hilfreiche Hand zu leisten. Wir haben nicht entfernt versucht, die Presse in Schutz zu nehmen, wo sie es nicht verdient; wir Haben stets einen Hauptberus der Presse darin gefunden, die Regierung und die Behörden in ihren auf das Wohl des Staates und der Staatsbürger gerichteten Bestrebungen zu unterstützen, und wissen, daß wir durch dieses Zusammenarbeiten unter gegenseitiger Verständigung dem öffentlichen Wohle entgegengekommen sind.
Für uns selbst brauchen wir nicht zu sprechen, wenigstens bis dahin nicht; aber als Mitglied der großen Gemeinschaft ist es unsere Pflicht, auch unsere Stimme zu erheben und zwei Forderungen aufzustellen. Erstens: Die Presse selbst soll alle irgendwie anrüchigen Elemente schonungslos ausscheiden und.
„Nun so zögere nicht lange, denn ich glaube, die Räthin bricht bald auf." Unter lebhaftem Bedauern der anderen verabschiedete sich Tante Mina. — „Man muß den Freunden Wort halten", sagte sie bedeutungsvoll und blickte dabei auf Ottilie, als sie an dieser vorbei sich zur Linde begab.
, Das junge Mädchen war froh, der Eingebung gefolgt und Tante Mina als Wächterin zu der Räthin gefchickt zu haben. Jetzt konnte von dort kein Ueber- fall kommen, selbst von Ottmar nicht, der sein Erscheinen ohnehin nicht fest zugesagt hatte.
Im Gefühl vermehrter Sicherheit beängstigte es nun Ottilie keineswegs, als Frau Profeffor Führer den Sänger aufforderte, mit seiner Tochter an ihrem Tische Platz zu nehmen und Thee mitzutrinken. Die Damen und Herren hatten bereitwillig Platz gemacht, so daß Ottilie zwischen Dr. Heermann und Frau Schmitz aus Frankfurt zu sitzen kam.
Tante Mina, die nur hübsch langsam, da und dort Bekannte grüßend, sich entfernte, sah diese Veränderung noch von weitem; ein lustiges Lächeln überflog ihre Züge. — „Hm!" dächte sie bei sich, „wenn Neffe Max wüßte, daß er sich gar nicht weit zu bemühen braucht, um Grubes Tochter kennen zu lernen, ja, wenn sie ihm schon gefällt, ehe er nur weiß, wer sie ist, so wäre das eine allerliebste Geschichte. Der
wie wir das stets gethan, lieber auf „Informationen" verzichten, wenn sie von Individuen kommen, welche irgendwie als „Nichtgentlemen" nach Puttkamer'schem Ausdrucke gelten müssen. Vom Publikum aber müssen wir ernstlich verlangen, daß es Zeitungen aus dem Hause schafft, die politische Mühlendammerei betreiben, der Prozeß Leckert-Lützow hat sie hinreichend gekennzeichnet, die ,Generalanzeiger' und ähnliches Gelichter — irgend ein Centrumsblatt ist in dem Gerichtsverfahren überhaupt nicht einmal genannt worden. Zweitens: Endlich muß auch die Behörde ein- fehen, daß die anständige Preffe ihrer Bedeutung im öffentlichen Leben entsprechend behänd elt werden muß und daß an sie keine Zumuthungen gestellt werden, denen sie nicht nachkommen kann, ohne ihre Ehre auf das Tiefste zu verletzen. Mit Bureaukratismus, der Gentleman und Nichtgentleman über einen Kamm scheert, komme man da nicht, sondern erkenne den ehrenwerthen Journalistenstand als solchen an — dem Wohle der Gesammtheit wird man damit nur nützen, und das ist der Zweck jeder Behörde, welcher die anständige Presse stets eine treue Helferin sein wird, soweit nicht Mißgriffe, die nicht in ihrer Macht liegen, es ihr unmöglich machen werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 13. Januar-
* Auf der Tagesordnung der 5. Plenarsitzung des KerrerrHauses, welche Vizepräsident Frh. v. Manteuffel für Donnerstag, den 21. Jan. Nachmittags 1 Uhr anberaumt hat, stehen außer der Präsidentenwahl Petitionsberichte.
* Die ,Ireistrrnige Deitrurg- Eugen Richters vertritt — es ist kaum zu glauben — bezüglich der neuen Artillerievorlage einen militär- freundlichen Standpunkt. Das Blatt schreibt nämlich, daß, wenn eine Ueberlegenheit der französischen Feldartillerie nachgewiesen werden könnte, Deutschland nicht werde umhin können, ein neues gleichartiges Geschütz für die Feldartillerie einzuführen. Es verlohnt sich zwar nicht, hierüber in eine weitere polemische Erörterung einzutreten, da die Vorlage ja noch gar nicht bekannt und an den Reichstag nicht gelangt ist. Doch ist es gewiß in hohem Grade auffällig, daß selbst Eugen Richter anfängt, zu „wackeln". Ob er zu viel „böse Erfahrungen" mit dem Mannesmuth der Freisinnigen in militärischen Dingen gemacht hat? Ob er denselben für kommende Wahlen noch weniger traut, wenn er in militärischen Dingen fest bleibt? Die Bevölkerung Frankreichs betrug bei der letzten Volkszählung von 1896 nur 38s/, Millionen. Deutschland hatte dagegen nach der letzten Volkszählung über 52 Millionen Einwohner, also 14 Millionen mehr als Frankreich. Diese Gegenüberstellung allein lehrt mit zwingender Ueberzeugungskrast, daß Frankreich auf dem Boden des Systems der stehenden Heere mit Mensch denkt und Gott lenkt! Tolle Streiche sind schon ost der Vorsehung Leitseile geworden,"
In bester Laune kam Tante Mina bei der Räthin an, deren bekümmerte Miene ihre Heiterkeit vollends hervorrief.
Frau Profeffor Führer aber beschäftigte sich, während sie den Thee bereitete, mit Goldmund's vermeintlicher Tochter.
„Kein Wunder", sagte sie zu dem Alten, der neben ihr saß, „daß Ihr schönes Kind den Studenten auffiel! Wäre sie bei dieser Schönheit auch noch mit Stimme begabt, so könnte man ihr Glück wünschen zu einer glänzenden Künstlerlausbahn. Singen Sie wirklich nicht, Fräulein?"
„Gewißlich singe!" erwiderte Ottilie, die sich beeilte, dem Sänger die Gelegenheit zu neuen Verwirrungen abzuschneiden. „Ich bin ja Schülerin von Papa Goldmund! Aber ich konnte und wollte mich nicht zwingen lassen, an einem Orte zu singen, wo mein eigentlicher Platz nicht ist."
„Sie hatten Recht. Aber ich kann sagen, wo Ihr eigentlicher Platz ist, Fräulein! Wenn Sie die entsprechende Stimme haben, so ist Ihr Platz das Theater, wo Ihnen glänzender Erfolg sicher ist."
Ottilie lächelte muthwillig.