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Dienstag, den 12. Januar 1897

24. Jahrgang

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eitüiig

mit Unterhaltimgs Keitage „Sterne und Klnnirn«.

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[] Das Jahr 1896.

Vir. (Schluß. Vgl. Nr. 4.)

Wenn wir zum Schluffe unseres Rückblickes auf das verflossene Jahr noch einen Blick auf das Aus­land werfen, so müssen wir uns dabei aus Raum­rücksichten von vorn herein der größten Kürze befleißigen, so reich auch gerade das Material ist, das auf dem Gebiete der auswärtigen Politik das Jahr 1896 ge­zeitigt hat.

Oesterreich-Ungarn stand im letzten Jahre unter dem Zeichen des Niederganges des Liberalismus in Oesterreich und seiner fortdauernden Herrschaft in Ungarn. Hier hat er sich allerdings mittels des schärfsten amtlichen Hochdruckes bei den letzten Reichs­tagswahlen noch siegreich behauptet, in Oesterreich da­gegen ist der Liberalismus von Niederlage zu Nieder­lage fortgeschritten, bis schließlich die große liberale Partei, die vereinigte deutsche Linke, gänzlich ausein­anderfiel. Bei den Landtagswahlen in Niederöster­reich und bei den Gemeinderathswahlen in Wien war die Niederlage des Liberalismus gleichbedeutend mit dem Siege der Christlich-Sozialen, deren Führer Dr. Lueger zwar nicht die Bestätigung der Regierung als gewählter Bürgermeister erhielt, sondern nach einer vielbemerkten Audienz beim Kaiser Franz Joseph sich mit der ersten Vize-Bürgermeisterstelle begnügte, während sein Freund Strobach, der nunmehr zum Bürgermeister gewählt wurde, anstandslos von der Regierung bestätigt wurde. Die Jahrtaufendfeier in Ungarn kann als politisches Ereigniß in der Art, wie sie von dem liberalen Ministerium Banffy ver­anstaltet oder vielmehr verunstaltet wurde, kaum ver­zeichnet werden. Zu diesem Mißerfolg gesellte sich aber auch noch ein weiterer, ganz hervorragend politi­scher Mißerfolg: das Scheitern der Verhandlungen zwischen Oesterreich und Ungarn wegen Erneuerung des Ausgleichs.

Unser zweiter Verbündeter, Italien, hat auf ein geradezu verhängnißvolles Jahr zurückzublicken. Schlag auf Schlag erlitt es in dem Kriege gegen den halbwilden Herrscher eines „Barbarenvolkes", den Negus Menelik von Abessynien, eine Niederlage. Nach der vollständigen Vernichtung des italienischen Heeres in der Schlacht von Adua konnte sich auch das Ministerium Crispi nicht länger halten; denn Crispi, der durch ■ sein Drängen den General Baratieri zu vorzeitigem Losschlagen veranlaßt hatte, wich vordem Unwillen der öffentlichen Meinung. Sein Nachfolger

Khrmgolb.

Novelle von Cary G^roß.

"J ------ (Nachdruck verboten.)

Jetzt bemerkten die jungen Männer Ottilien am Sängertische, die aus Interesse an dem Gehörten ihre Vorsicht vergessen und ihr Gesicht ihnen zuge­wandt hatte.

„Schau, Max, welche Schönheit! Das wäre ein Modell für meine Poesie!" Der Aeltere sagte es, den Bruder anstoßend, so laut, daß Ottilie es hören mußte. Jähes Roth flog wieder über ihr Gesicht, und sie wandte sich unmuthig ab. Wie hatte sie so unbehutsam sein können! Was durfte man von ihr denken, wenn sie selber die Leute anstarrte?

Sie sah den mißbilligenden Blick nicht mehr, den der jüngere Herr dem lauten Sprecher zusandte; da­gegen fiel ihr das verstörte und aufgeregte Aussehen Goldmunds auf, der eben von der untern Terrasse herauf ihr zuschritt. Lautes Lachen tönte zugleich von unten ihm nach. Als Goldmund bei Ottilie anlangte, mußte er die neuangekommenen Herren am nächsten Tische bemerken. Sie erkannten ihn und grüßten höflich. Er besann sich einen Augenblick, dann eilte er zu ihnen hin.

„O Herr Professor Dr. Heermann, welche Freude, Sie hier zu sehen! Wie schön, daß Sie mich er-

Rudini schloß Frieden, obwohl Italien natürlich die ganze Provinz Tigri und die Oberherrschaft über Abessnnien verlor. Gleichwohl erneuerte Deutschland 1 und Oesterreich den Bündniß-Vertrag mit Italien.

Von Frankreich ist selbstverständlich zu berich­ten, daß es sich im verflossenen Jahre wieder ein , neues Ministerium zugelegt hat: das gemäßigte republika­nische Ministerium Meline, das an die Stelle des radikalen sozialistischen Kabinets Bourgeois trat. Das neue Ministerium lebt indeß nur von der Gnade der Monarchisten, die es jederzeit stürzen können, wenn sie sich mit den Radikalen verbünden wollten. Frank­reich stand im klebrigen, abgesehen von Madagas­kar, das nunmehr endgiltig einverleibt ist, und von den Skandal-Prozessen gegen St. Core (Rosenthal) und Gen., gegen Arto n, der zu 8 Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde, u. a. vornehmlich unter dem Ein­drücke des Besuches des Zarenpaares. Man hat sich nachher viel darüber gestritten, ob aus den bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden zu entnehmen sei, daß nunmehr ein schriftlicher Bundesvertrag zwischen Frank­reich und Rußland bestehe. Aber etwas Sicheres hat man darüber nicht vernommen. Die Frage ist auch ziemlich gleichgiltig. Denn es kommt alle Zeit mehr auf die thatfächlichen Verhältniffe, als auf die ge­schriebenen Paragraphen an.

Jedensalls hat das Verhältniß Rußlands zu Deutschland sich eher gebessert als verschlechtert, was wir freilich weniger auf den Zarenbesuch in Breslau, als auf das Bestreben der deutschen Regierung, die orientalische Politik Rußlands in einer uns "keines­wegs sympathischen Weise zu unterstützen zurück­führen möchten. Rußlands Politik geht doch mehr darauf aus, auf der Balkanhalbinsel den maßgeben­den Einfluß zu gewinnen, als einzelne Theile der­selben' in näherer Zukunft zu erobern. In Bul­garien ist ihm das ja auch völlig gelungen, während freilich Rumänien sich dem Dreibunde förmlich angeschlosfen hat. Den Sultan hat Rußland auch ziemlich in der Tasche, da der Sultan in seinem Widerstand gegen die Einmischung der Mächte zu Gunsten der Armenier und anderer unterdrückter Unterthanen des Beherrschers aller Gläubigen durch die Thätigkeit Rußlands, das den Sultan in jeder Meise zu schonen sucht und offenbar nur zum Scheine im Verein mit den übrigen Großmächten Reformen verlangt, die der Sultan niemals freiwillig zuge­stehen kann, unterstützt wird. Es wird ewig eine Schande für das christliche Abendland bleiben, daß es den Abschlachtungen der Armenier u. s. w. ruhig zugesehen hat; daß die christlichen Mächte zu Gunsten Kretas eingetreten sind und hier auch thatsächlich eine weitgehende Selbstverwaltung erreicht haben, macht jene Unterlassungssünde nicht wieder gut. Ueberdies ist es noch sehr zweifelhaft, ob die christlichen Kre- tenser in dem Genuß der Früchte ihrer Kämpfe be­lassen werden, da die kretensischen Muselmanen durch kannten!" hörte Ottilie den Alten sagen, dem sie um alle Welt nicht nachblickte. Sie vernahm nur, daß man ihm Platz bot, worauf er weiter redete: „Danke, danke, ich sitze ganz gut so! Freut mich, Herr Dr. Heermann, daß ich bei diesem Anlaß auch Ihren Bruder kennen lerne. Wohl in Bonn ansässig? Künstler, Kunsthändler oder Beides? Um so schöner! Wie wohlthuend, daß ein so feiner Herr sich des alten Goldmund, trotz seiner Erniedrigung, noch erinnert! Es ist freilich noch nicht lange her, seit Sie mich in Freiburg auf der Bühne sahen. Herr Professor, es ging rasch abwärts mit mir! Tenore dauern nicht lang, wie Sie wissen. Krankheit, häus­liches Unglück beschleunigten den Sturz, nahmen die Ersparnisse."

Des alten Mannes Stimme zitterte, der eben er­littene Spott hatte ihm weh gethan. Die uner­wartete Freundlichkeit eines geachteten Hrren bewegte nun sein Gemüth in Rührung.

In Ottilie regte sich sofort wieder nichts als herzliches Mitleid mit dem armen, halb verwirrten Greis. Es that ihr wohl, wie wenn er ihr wirklich nahe stände, daß sie dieselbe Regung in Stimme und Wort bei dem jungen Mann bemerkte, der schonend und mit äußerster Höflichkeit Rede und Antwort mit Goldmund wechselte.

„Ich wähnte. Sie hätten sich auf's Unterrichten

Fortsetzung des „kleinen Krieges" gegen die Christen die Einkehr geordneter Zustände hintanzuhalten suchen.

Eine freiere Stellung nahm nur England ein aber auch England verzichtete schließlich auf eigene kräftigere Schritte gegen den Sultan. Auf diplo­matischem Gebiete hat es überhaupt Niederlage auf Niederlage erlitten. Auf militärischem hat es da­gegen einige Erfolge aufzuweisen: Es hat das Reger­reich der Aschanti erobert und die Provinz Dongola im südlichen Egypten den Mahdisten wider entrissen. Sehr blosgestellt wurde England durch die Machen­schaften des Cecil Rhodes und feiner Kumpanen in Südafrika, insbesondere durch den Einfall der Freibeuterschaar des Dr. Jameson in Transvaal. Stach der Niederlage, die Jameson bei Krügersdorp erlitten, gebärdete sich das offizielle England, als ob es für die Thaten der Jameson, Rhodes und Kon­sorten in keiner Weise verantwortlich sei, während das Publikum und die Presse aus ihrer Sympathie mit jenen „Helden" gar keinen Hehl machte und sich über das Telegramm des deutschen Kaisers an den Transvaal-Präsidenten Krüger höchst entrüstet zeigte.

Sehr unglücklich war Spanien auf kolonialem Gebiete. Schier unabfehbar zieht sich der Aufstand auf Cuba hin, zu dem dann auch noch die Revo­lution auf den im fernen Osten liegenden Philippi­nen getreten ist. Der Tod des Führers der cubani- schen Aufständischen Maceo hat diese nicht ent- muthigt. Vielleicht hoffen sie auf die Einmischung der Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo der bisherige Präsident Cleveland alle Mühe hatte, dem Verlangen anscheinend der Mehrheit seiner Mit­bürger nach offenem Eintreten für die aufständischen Cubaner zu widerstehen. Wie sein Nachfolger Mc'Kinley, der als Kandidat der Republikaner und „Gutgeld-Anhänger" über den Demokraten und Silbermann Bryan mit großer Mehrheit gesiegt hat, sich stellen wird, läßt sich heute noch nicht sagen.

Damit dürften wir aus den größeren Ländern das Wesentlichste hervorgehoben haben. Im Ganzen bildet das Kennzeichen der internationalen Lage leider Spannung zwischen England und Rußland und, da die meisten Mächte theils infolge vielfacher Unge­schicklichkeit englischer Politik, theils aus Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit sich mehr auf die Seile Ruß­lands neigen, das Uebergewicht des russischen Ein­flusses in der gesummten Weltpolitik.

Als erfreulich können wir diesen Zustand nicht betrachten, um so mehr, als der bewaffnete Friede unter ihm den Völkern ebenso theuer wird, wie unter den Folgen der französisch-deutschen Gegensätze.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Januar.

* Der AeitHstag nimmt morgen (Dienstag) Mittag um 1 Uhr seine durch die Weihnachtsferien verlegt?" sagte er. „Warum blieben Sie nicht dabei, Herr Goldmund?"

„Es ging nicht mehr recht. An manchen Orten gewann ich Ruhm als Lehrer, mußte aber immer wieder fort, bald der kranken Frau, bald der Söhne wegen, die ich leider verlor. Zuletzt mußte ich die Tochter abholen, die ich sorgfältig erziehen ließ, die sich aber doch noch kein Brod verdienen kann. Nun ist es Sommer, da sind nirgends feste Verhältniffe. Es gilt, mir hier Geld zur Weiterreise zu verdienen oder Bekanntschaften zu machen, die mir ein neues Heim für mich und das Kind gründen helfen. — Hier am Rhein regte sich auch das alte Künstlerblut in mir. Man sehnt sich danach gehört zu werden, so lange man noch gefällt."

„Und deshalb? — Hm! — Ihre Tochter be­gleitet Sie? Singt sie auch?"

Es war der ältere Heermann, der mit dieser zweifelnden Frage herausplatzte. Ottiliens Köpfchen senkte sich sofort auf das Notenblatt herab. Sie hätte jetzt weit weg sein mögen. — Der Name des Doktor Heermann war ihr bekannt. Sie wußte nun, weshalb er vorhin erklärt hatte, daß er der Tochter ihres Vaters Artigkeit zu schulden glaube. Der alte Grube schätzte ihn, hatte an ihn sogar den Sohn empfohlen, als Ottmar auf die Universität kam. Wie hatte sie nur so toll sein können, sich hier im Rhein-