Einzelbild herunterladen
 

Donnerstag, den 7. Januar 1897

24. Jahrgang

uldlicr

mit Unterhaltrmgs-Kettage „Sterne und Klumen".

Erscheint täalicb Sonn- und Feiertaqe ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Pelitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

[] Das Jahr 1896. vi.

Ehe wir von der innerdeutschen Politik Abschied nehmen, müssen wir noch einen kurzen Rückblick auf die Einzelstaaten werfen. Was den größten der­selben, Preußen, angeht, so ist das Wesentlichste schon an anderer Stelle erwähnt. Es bleibt uns nur noch Einzelnes hervorzuheben, was auf gesetzgeberischem Gebiete geleistet, bezw. nicht geleistet worden ist. In letzterer Beziehung kommt namentlich das Richter­besoldungsgesetz in Betracht, das unter der Ver­zuckerung einiger nicht einmal sehr erheblicher Gehalts­aufbesserungen eine sehr bittere Pille barg: den viel­umstrittenen Assessorenparagraphen, welcher der Regie­rung recht unverblümt die Macht geben sollte, unter den Assessoren sich diejenigen, welche ihr besonders ihrer „Familien" wegen am besten zusagten, nach Willkür auszuwählen. An dieser Bestimmung, der sich nicht nur das Centrum und die Freisinnigen, sondern in ihrer großen Mehrheit sogar die Rational- liberalen widersetzten, weil darin ein Angriff auf die staatsbürgerliche Gleichheit und auf die Unabhängig­keit des Richterstandes lag, scheiterte das ganze Gesetz. Für diese Session ist wiederum ein Richterbesoldungs­gesetz angekündigt, und es wird offiziös versichert, daß dabei solche Streitpunkte, die das Gesetz abermals gefährden könnten, vermieden worden seien. Wir wollen das abwarten! Die laufende Landtagssession hat erheblich früher als ihre Vorgängerinnen begonnen, und sie hat auch bereits eine ganze Anzahl wichtiger Ergebnisse gezeitigt. So ist insbesondere die Um­wandlung der 4proz. Staatsanleihe in 3l/g Proz. und die Verstaatlichung der hessischen Ludwigsbahn beschlossen worden. Das Miquel'sche Schutdentilgungs- gesetz, dessen zwangsweise Schuldentilgung in Ver­bindung mit dem vorgeschlagenen Ausgleichsfonds die Gefahr neuer Steuern und einer Verkürzung des Etatsrechts des Landtags in sich schloß, hat Ver­anlassung zu großen Finanzdebatten sowohl im Plenum, wie auch in der betreffenden Kommission des Abge­ordnetenhauses gegeben. Diese hat schließlich die Zwangstilgung angenommen, den Ausgleichsfonds aber in jeder Gestalt verworfen. Das Gesetz hat danach nicht mehr gar so viel zu bedeuten und man könnte von einer empfindlichen Niederlage des Herrn Miquel sprechen. Wenn daran sich Gerüchte über die Amtsmüdigkeit des Herrn von Miquel knüpften, so war dabei freilich die Zähigkeit außer Acht ge­lassen worden, mit welcher gerade der gegenwärtige Finanzminister an seinem Amte klebt.

Aus Bayern sind politische Ereignisse von großer Bedeutung aus dem letzten Jahre nicht zu berichten, eine Thatsache^ die wesentlich mit der durch das lange Bestehen der Regentschaft bedingten Versumpfung des politischen Lebens zusammenhängt; denn während der Regentschaft kann nicht die geringste Abänderung an der Verfassung vorgenommen werden, was sich in

Rheingold.

Novelle von Cary Groß.

3] ------- (Nachdruck verboten.)

Der Mann ergoß sich in Klagen über sein bitteres Los, über seine Verlassenheit und die Undankbarkeit des einzigen Kindes, das ihn an der Schwelle des Alters und der Armuth vor den Menschen verleugne, sich seiner schäme, ihn gering schätze, weil er der Welt und ihrer Lust dienen müsse. Doch habe er in diesem Berufe fich nicht entehrt, ihn auch nicht selbst gewählt; die Muse habe ihn ihm gegeben, aber die Götter seien grausam, verließen schnöde ihre Lieblinge. Dazwischen sagte er wieder in milderem Tone, er zweifle ja nicht am Herzen der Tochter, die er gleich einer vornehmen Dame mit sauer erworbenen Ersparnissen erzogen habe, weil er selbst sie, wenn nicht einem bessern, doch wenigstens einem sicherern Berufe bestimmt habe als der feine; allerdings meine er nicht den Schleier, den sie nur deshalb nehmen wolle, um zwischen sich und der Welt, in der ihr Vater lebe, eine Scheidewand herzustellen. Trotz dieser Einsicht wolle er an ihre kindliche Ergebenheit glauben, wenn sie nur heute, nur dies eine Mal, sich nicht geweigert hätte, ihn in seinem Wirken zu unterstützen, heute, da sicher viele Gäste aus den Drachenfels kommen, seine Stimme hören und

vielfacher Beziehung als Hemmniß erweist. Wir ver­weisen hier nur auf die so überaus nothwendige Wahl­reform. Deshalb sind neuerdings auch im bayerifchen Centrum immer mehr gewichtige Stimmen laut ge­worden, welche die Abschaffung der Regentschaft und die Uebertragung der Krone an das nach dem geistes- umnachteten König Otto zunächst berechtigte Mitglied des Hauses der Wittelsbacher, d. i. also an den gegen­wärtigen Prinzregenten Luitpold, verlangen. Was die Parteiverhältnisse angeht, so ist zu erwähnen, daß auch im vergangenen Jahre die verschiedenen bauern- bündlerischen Gruppen wieder mancherlei Wandlungen durchgemacht haben. Näher darauf einzugehen, ver­lohnt sich in diesem Zusammenhänge nicht. Jedenfalls hat der Bauernbund nicht mehr die große Bedeutung, die ihm zuerst beigemessen wurde. Viel beschäftigt wurde die Oesfentlichkeit in Bayern durch den gehäs­sigen Kampf der liberalen Lehrervereine gegen die katholischen und durch das feindselige Auftreten der­selben gegen die katholische Kirche. In der katholischen Geistlichkeit ist hiergegen eine lebhafte Protest-Bewegung angefacht worden und selbst der auf eine liberale Ver­gangenheit zurückblickende Kultusminister o. Land- mann hat nicht umhin gekonnt, wiederholt die Art des öffentlichen Auftretens gewisser liberaler Vereins- sührer ernstlich zu rügen.

In den beiden anderen großen süddeutschen Staaten Württemberg und Baden ist auch die Frage einer Verfassungs - Resorm brennend, auch handelt es sich um eine Verbesserung des Wahlrechtes bezw. der Zu­sammensetzung der gesetzgeberischen Körperschaften. Während in Baden aber diese Frage in Folge der Widerwilligkeit, mit welcher die Regierung und die knappe nationalliberale Landtags-Mehrheit an sie heran­geht, wieder mehr zurückgetreten, hat sie in Württem­berg erhebliche Fortschritte gemacht. Die Regierung hat hier bereits ein Reform-Projekt ausgearbeitet und den Parteien 'vorgelegt, das den Forderungen der Demokraten und des Centrums nach einer moderneren, volksthümlicheren Ausgestaltung des Wahlrechtes sehr weit entgegenkommt. Wichtig ist hier insbesondere der Vorschlag eines proportionalen Wahlverfahrens, wo­nach also die Mandate nach dem Zahlenverhältniß der für die einzelnen Parteien abgegebenen Stimmen an dieselben vertheilt werden sollen. Hiernach soll auch den Minoritäten eine angemessene Vertretung im Land­tage gesichert werden.

In Sachsen ist bereits eine Wahlreform, ober nur eine fogenannte Reform durchgeführt worden. Man hat nämlich und zwar mit verdächtiger Eile das bisherige Wahlrecht, das auf einem nicht sehr hohen Census beruhte, durch ein Dreiklassenwahlrecht, ungefähr nach dem Muster des preußischen, das selbst nach dem Ausspruche Bismarcks das elendeste aller Wahlsysteme ist, ersetzt, zu dem ausgesprochenen Zwecke, ein weiteres Eindringen von Sozialdemo­kraten in den Landtag zu verhindern, bezw. die bis­herige Zahl sozialdemokratischer Abgeordneter noch zu von ihrem Urtheil sein Engagement als „Rheinsänger" für den Sommer abhängig sein werde. Ein solcher sei auf dem Drachenfels beliebter noch als auf anderen Burgen. Gerade heute sei er seiner Stimme nicht sicher ohne Begleitung, und heute, wo er den leichten Dienst vom einzigen Kinde verlange, weigere es sich und schütze die Verwundung des Handgelenks vor, als ob sie die hindere, wenige Akkorde auf der Guitarre zu spielen. Diese Hilfe würde hinreichen, seine ge­brochene Kraft zu heben, ihn befähigen zu seinem Wirken, das allerdings seines Talentes nicht würdig sei, aber doch ihn davor schütze, als Bettler durch die Welt zu gehen. Wahrlich, der Blinde drüben am Aufgange zum Felsen sei besser daran als er; denn der habe noch eine Mignon, während er verlassen sei von der seinen. Die Thränen seines Kindes, deklamirte der Mann weiter, entstammten der Scheu davor, sich öffentlich zu zeigen, an des Vaters Seite zu stehen, der doch schützend die Arme vor sie breiten werde; sie beweine nicht ihr beiderseitiges Unglück. — Nach jeder derartigen Tirade hörte Ottilie immer dieselben demüthigen Bitten der Begleiterin: er möge ihr ver­zeihen, sie denke nicht daran, sich seiner, des treuesten Vaters, zu schämen; nur Scheu vor der Welt und Uns higkeit, die geschwollene Hand zu brauchen, be­stimmten ihre Wünsche, ihn nicht auf den Drachenfels

verringern. Die Sozialdemokraten haben darauf mit der Niederleguna ihrer Mandate geantwortet, ein Schritt, den freilich zuerst nicht alle mitmachen wollten und der daher zu heftigen Streitigkeiten innerhalb der Partei Veranlassung gab. Wenn die sächsische Re­gierung und die sächsischen Regierungsparteien — das sind hier vornehmlich die Konservativen, die allerdings schon die Mehrheit im Reichstage haben, ferner die Nationalliberalen und die sächsische Spielart des Frei­sinns oder die sog. „Kammerfortschrittler" — glauben, durch eine solche Verkürzung des Wahlrechts der un­bemittelten Volksklassen den Sozialdemokraten Abbruch thun zu können, so irren sie sich sehr. Die Erbitterung, welche diese Rechtsverkürzung in den breiten Volks­massen heroorrust, kann im Gegentheil nur dazu dienen, der Sozialdemokratie neue Anhänger zuzuführen, und diese wird dadurch, daß man sie in der Mitarbeit an der Gesetzgebung beschränkt, ganz gewiß erst recht darauf hingewiesen, ihre Ziele auf revolutionärem Wege zu erstreben. — Sehr wenig loyal hat sich vor einiger Zeit ein Theil der protestantischen Geistlichkeit gegen das katholische Königshaus benommen. Jene dem . evangelischen Bunde" entweder angehörenden oder doch jedenfalls gesinnungsverwandten Herren scheuten sich nämlich nicht, öffentlich in der ungezogensten Weise ihrem Unmuthe darüber Luft zu machen, daß ein Mitglied des Königshauses, der Prinz Max, die Uniform des Offiziers mit dem Gewände des kathol. Priesters vertauscht hat. Das Volk wurde aber jeden­falls von diefem Sturm im Wasserglase nicht berührt und bezeigte im Gegentheil weithin ein lebhaftes In­teresse an der aufopferungsvollen, glaubensstarken Thätigkeit eines katholischen Prinzen. • '

In Hessen haben Landtagswahlen staugefunden, ____

welche die nationalliberale Mehrheit so stark verringert "" \ haben, daß ihre völlige Zertrümmerung bei den nächsten Wahlen als sicher erwartet werden dars. Das Centrum ist bei den letzten Wahlen sehr gut gefahren. — Aus den anderen Bundesstaaten sind Ereignisse von größerer Bedeutung nicht zu berichten, abgesehen von dem Lippeschen Thronfolgestreite, der jetzt seiner Entscheidung, welche ein aus Mitgliedern des Reichs­gerichts unter dem Vorsitz des Königs von Sachsen zusammengesetztes Schiedsgericht fällen wird, ent­gegensieht. (Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Januar.'

* Ein Meschkuß des preußischen Staats- • Ministeriums vom 3. Februar 1875 besagte, daß „die Insertion amtlicher Bekanntmachungen in Privatzeitungen von deutsch-, reichs- oder preußenfeindlicher oder von entschieden opposi­tioneller Richtung grundsätzlich zu vermeiden sei." Nachdem am 14. März 1895 Graf Strachwitz im Abgeordnetenhause gegen diesen Beschluß, welcher, wie er ausführte, sich vorzugsweise gegen die katho-

zu begleiten. Ihre Thränen seien Zeugen, wie leid es ihr thue, dem Vater nicht dienen zu können.

In der Thal war das Gesicht des jungen Mäd­chens, das nun an der Wendung des Weges sich Ottilien zeigte, von Weinen geröthet. Der in der Schlinge getragene Arm und die zitternde Stimme sprachen noch deutlicher von der traurigen Lage des jungen Geschöpfes, dem sofort Ottiliens Theilnahme sich zuwandte. Sie bemerkte, wie dürftig, aber in Schnitt und Farbe bescheiden und anständig das Ge­wand war, das die schmächtige Gestalt umschloß. Sie sah in dem blassen Gesichtchen neben den Thränen- spuren auch den kindlichen, rührenden Ausdruck der Hilflosigkeit, eine sympathische, noch nicht völlig ent­wickelte Schönheit. Nur das Hütchen, von Rosen und Flittergold überreich bedeckt, paßte nicht zu dem Eindrücke, den das Kind machte. Ohne diesen Kopf­putz und die an buntem Bande getragene Guitarre hätte die Kleine mehr einer Klosterfchülerin, als einer fahrenden Sängerin geglichen. Mühsam holte das Mädchen Athem, blieb öfters stehen und bemühte sich, mit der freien Hand die reichlich fließenden Thränen zu trocknen. So bemerkte es Ottilien nicht, die dem Zug ihres mitleidigen Herzens folgte, und ihr näher trat. Aber des Mädchens Vater bemerkte sie sofort, als auch er nun um die Ecke des Weges bog. — E