JV» 3 Dienstag, den 5. Januar 1897 24. Jahrgang
mit Untrrhaltnngs-Keilage „Sterne und Klmnen".
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□ Das Jahr 1896.
v.
Wenn wir die Bismarckianer als eine Partei ansehen dürfen — und in gewissem Sinne ist das ja auch wohl berechtigt —, so ergibt sich von selbst die Ueberleitung auf die anderen Parteien, deren innere und äußere Entwickelung im vergangenen Jahre in den vorangegangenen Artikeln noch nicht genügend klargestellt ist. Äehnlich wie die Anhänger des Fürsten Bismarck nicht formell eine besondere Partei bilden, so will auch ausgesprochenermaßen der ihnen nahe verwandte Bund der Landwirthe keine eigene Organisation bilden, sondern erhebt den dreisten Anspruch über den Parteien zu stehen und sich speziell bei den Wahlen diejenigen Kandidaten der anderen Parteien herauszusuchen, die ihm am besten gefallen, und sie dann heimlich auf sein Programm festzulegen. Beim Centrum hat der Bund kein Glück, wie z. B. die Löwenberger Nachwahl bewiesen hat. Auch die großen Hoffnungen, die der Bund auf gewisse Bestrebungen" innerhalb der Leitung des rheinischen Bauernvereins gesetzt bat, haben sich weithin nicht erfüllt. Allerdings sind diese Bestrebungen durch den Tod ihres hauptsächlichsten Führers, des Frhrn. v. Lok, nicht erloschen, und manche Anzeichen deuten darauf hin, daß die unterirdische Arbeit gegen das Centrum ganz in der Stille fortgesetzt wird, aber die Erfolge dieser Bestrebungen sind bisher nicht derart, daß man eine tiefgehende Spaltung in Centrumskreisen als ihre Wirkung demnächst zu befürchten hätte, vorausgesetzt, daß das Centrum wie bisher fest und einmüthig den Beweis liefert, daß es alles, was nur irgend möglich und ohne Ungerechtigkeit gegen andere Stände zum Heil der Landwirthschaft durchführbar ist, auszuführen Willens ist, daß es aber andererseits niemals sich drängen lassen wird, Plänen zuzustimmen, die sich mit seinem aus der christlichen Weltauschauug fließenden Grundsätzen und mit den internationalen Verträgen nicht vereinbaren lassen. Es ist übrigens nicht nur von dem Antrag Hoewsbroech, bezw. den Neußer Beschlüssen am Rhein, sondern auch bei der protestantischen Spielart dieser Tendenzen, dem Bunde der Landwirthe, von dem ähnliche Ziele verfolgenden Anträge Ka nitz recht still geworden. Nachdem dieser Antrag im vorigen Winter vom Reichstage mit großer Mehrheit zurückgewiesen worden ist.
Rhemgold.
Novelle von Eary Groß.
5] ------ (Nachdruck verboten.)
In Ottiliens Augen blitzte der schelmische Glanz.
„O, ich merke. Sie tt) eilen meine Lust an diesem Waldwege nur halb, Mißi. Nur um des Tausend- S" mkrautes willen haben Sie mir die Rast und Er-
ung in Waldesfrische gegönnt. Aber rechnen Sie nur nicht ohne meine Kobolde! Sie sind mir überall dienstbar. Auch heute haben sie mir zugeflüstert, daß #in Plan gegen meine Freiheit geschmiedet wird und sogar meine liebe Mißi sich bewegen läßt, dem Waldvöglein Schlingen zu legen. Schlingen, deren es jedoch zu entgehen weiß!"
Auf dem offenen Gesichte der Engländerin zeigte sich peinliche Verlegenheit. Sie wand sich bestürzt aus dem Arm Ottiliens, welche sie lachend ansah.
„O pfui," rief sie. „Sie beschuldigen mich falsch, Kind! Ich mache keine Komplotte, die Sie zu fürchte» haben! Beraubt es Sie der Freiheit, wenn Sie sich einmal Leute ansehen, die andere als vorzügliche Menschen kennen? Soll ich mich widersetzen, wenn ei» distinguirter Herr, ein Gentleman, das Glück sucht, Zchnen yorgestellt zu werden, um Sie kennen zu ler-
will ihn der Bund zunächst überhaupt nicht mehr einbringen. Gegenwärtig ist nun die Frage der Doppelwährung mehr in den Vordergrund gerückt und zwischen den Gold- und Silbermännern hat man sich wacker darüber gestritten, ob der Ausfall der amerikanischen Präsidentenwahl als günstiges Zeichen für die Silberbewegung oder Doppelwährung aufzufaffen sei oder nicht. Ohne in den Währungsstreitigkeiten, in welchen selbst Fachmänner sich schwer zurechtfinden, Stellung nehmen zu wollen, scheint es uns doch offen und klar zu sein, daß die Niederlage des Präsidentschafts - Kandidaten der Silberpartei Bryan mit keinem Mittel der Sophistik als ein Sieg der Silbersache hingestellt werden kann.
Uebrigens hat das herrische Auftreten des „Bundes der Landwirthe" selbst unter den Konservativen, die sehr stark mit den Bündlern verwandt und verschwägert sind, lebhafte Bedenken und Besorgnisse für die Festigkeit und Unabhängigkeit ihrer eigenen Parteiorganisation erweckt. Und in der That ist das Auftreten des „Bundes der Landwirthe" für die Konservativen im Grunde wohl gefährlicher als die Selbst- ständigmachung der christlich-sozialen Elemente, von der bereits die Rede war. Dabei haben die Konservativen sich auch noch der „befreundeten" Antisemiten zu erwehren, die ihnen im Landtags- Wahlkreise Rothenburg-Hersfeld dieses Mandat beinahe entrissen hätten. Nur mit 5 Stimmen Mehrheit siegte noch einmal der konservative Bewerber. Jedenfalls hatte die konservative Partei, namentlich auch wegen ihres Abfalles von ihren früheren sozialreformatorischen Zielen, im letzten Jahre genug Veranlassung zu einer ernsten Selbstprüfung. Wie es mit derselben auf dem konservativen Delegirtentage, der im letzten Herbst stattfand, bestellt war, wißen wir nicht; denn dieser Parteitag tagte — unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Dasselbe gilt steilich auch von dem nationalliberalen Parteitage, aber man weiß von diesen Verhandlungen doch etwas mehr, weil die streitenden Gruppen innerhalb der Nationalliberalen — hier die agrarischen Elementen, dort die unentwegten Freihändler — in ihren Preßorganen kein Blatt vor den Mund nahmen und sich noch lange nach dem Parteitage über die Ergebnisse desselben herumzankten. Jedenfalls ist auch das Er- gebniß des Parteitages kein anderes, als der Erfolg der Parteileitung mit dem Versuche, durch eine verschwommene Resolution den Riß zwischen dem rechten und linken Flügel der Nationalliberalen zu verkleistern. Klar ist außerdem durch den Parteitag geworden, daß der rechte Flügel den wirthschaftlichen Fragen der Konservativen sehr nahe steht und unter den National- liberalen die große Mehrheit bildet.
Von den übrigen Parteitagen, die im Lause des letztei Jahres stattfanden, ist nur noch der sozialdemokratische in Gotha zu erwähnen, aber auch von diesem ist freilich nichts Rühmliches zu sagen; denn auch er hat in keiner Weise dazu beigetragen, die inneren Gegensätze, an welchen die Sozialdemo- nen? — Abzuschätzen nach Goldwerth! — Dieser Verdacht geht zu weit! Wahrlich, Kind, es wird Ihre Manie, in jedem Manne, der den Blick auf Sie richtet, einen Goldsucher, einen Glücksjäger zu ver- muthen. Wenn das so fortgeht, werden Sie eine alte Jungfer werden wie ich."
,/Als ob das ein Unglück wäre, eine so liebe, freundlich, nützliche alte Jungfer zu werden wie Mißi !"
„O, mit Schmeichelei kirren Sie mich nicht, Ottilie! Sie würden auch gar nicht so werden wie ich, die von der Nolhwendigkeit früh an die Arbeit gewiesen wurde, die nicht aus Uebermuth, nicht aus Zweifelsucht brave Bewerber abgewiesen, nicht eigensinnig sich von dem natürlichen Pflichtwege der Frau ab gewandt hat. Sie sind freilich noch jung, sehr jung. Niemand drängt Sie zur Entscheidung; aber warnen muß ich Sie vor der krankhaft werdenden — ja krankhaft, so sagt selbst Ihr Vater — krankhaften Sucht, bei jeder Bewerbung Berechnung zu vermuthen. Als ob nur Ihre Mitgift Ihren Reiz bildete! Sie sind schön, geistreich, voll Talent."
„Und so weiter — ohne Ende! Ich kenne schon die ganze Liste meiner Vorzüge, die meine Mißi und mein guter Vater, ja bisweilen sogar mein Bruder Ottmar mir vorsingen. Merkt Ihr denn die Gefahr
kratie krankt, zu beseitigen. Hauptsächlich hat man sich über den .Vorwärts", das Centralorgan der Partei, und über den Werth und Unwerth seines Chefredakteurs Liebknecht, dieses Veteranen der Sozialdemokratie, herumgezankt, wobei dem greisen Liebknecht von bedeutenden wie unbedeutenden seiner Genossen, auch erheblich jüngeren Leuten sehr übel mitgespielt wurde. In dem Streite, den er mit seinen Mitredakteuren über die Frage hatte, ob er als Chefredakteur in Zweifelfällen das letzte Wort zu sprechen hätte, gaben die meisten „Genossen", namentlich auch die Mehrheitder Berliner, den aufsässigen Mitredakteuren Liebknechts Recht. Auch der internationale Kongreß in London, der ein eigenartiges Vorspiel in Lilles hatte, wo die hervorragendsten deutschen Führer von der deutschfeindlichen Volksmenge beinahe gelyncht worden wären, war in jeder Hinsicht ein Fiasko für die sozialdemokratische Partei.
Auch mit allen von ihr inscenirten Streikes hatte sie kein Glück. Besser erging es ihr bei den Nachwahlen, wo sie Plauen, Dortmund, Altona und Brandenburg von den Kartellparteien, Halle von den Freisinnigen gewann, dagegen freilich Mainz an das Centrum verlor. Außerdem sorgten natürlich wieder diejenigen ihrer Gegner, welche mit Gewaltmitteln die sozialdemokratischen Anschauungen unterdrücken zu können glauben, durch ihre zahlreichen Ungeschicklichkeiten daftlr, daß immer wieder neues Wasser auf die Mühle der sozialdemokratischen Organisation geleitet wird. Wir brauchen in dieser Beziehung nur an das Auftreten des Frhrn. v. Stumm und die Auflösung der sozialdemokratischen Parteiorganisation durch den verflossenen Minister des Innern v. Köller zu erinnern.
Daß auch die Zunahme der Duellmorde und die fortwährenden Begnadigungen von Duell- verbrechern, sowie auch der Fall Brüsewitz, die Steigerung der Militär- und Marinelasten und so manches Andere der Sozialdemokratie stets neue Anhänger zuführen, braucht man nicht besonders zu erwähnen.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Januar.
* lieber die während des diesjährigen Winters stattfindenden Koffestkichkeile« ist Folgendes bestimmt worden: Sonntag, 17. Januar: Krönungs- und Ordensfest; Montag, 18. Januar: Fest des hohen Ordens vom Schwarzen Adler; Mittwoch, 20. Januar: Große Kour beim Kaiserpaar im Königl. Schlöffe; Mittwoch, 27. Januar: Geburtsfest des Kaisers; Mittwoch, 3. Februar: Ball beim Kaiserpaar im Königl. Schlosse; Mittwoch, 10. Februar: Kleiner Ball im Königl. Schlosse; Mittwoch, 17. Februar: Subskriptionsball im Königl. Opernhause; Mittwoch, 24. Februar: (noch vorbehalten); Dienstag, 2. März: Fastnachtsball beim Kaiserpaar im Königl. Schlöffe.
* Die Neujahrsansprache des Kaisers an die Generakität soll nach dem Hann. Kour/ ver
nicht, daß Ihr mir durch Lob erst vollends den Kopf verdreht und ich mich immer höher schätze und gar nur dem schönsten Prinzen oder stolzesten Ritter mich zu eigen geben will? Das schönste Königskind vom Kynast — vielleicht gab es auch eins auf dem Drachenfels! — machte es so. Unser heutiger Besuch dort oben könnte mir die Lust eingeben, von einem gewissen Heilkünstler einen Gang oder Ritt rings um die zerbröckelten Felsen als Probe seiner Uneigennützigkeit zu verlangen. Ja, Mißi, das will ich, ob Sie den Kops schütteln oder nicht. Es wäre allerliebst, könnte man eine derartige Probe machen, wenn auch keine gar so balsbrechende, für die ein zartfühlender Aeskulapjünger sich schon von Amtswegen bedanken müßte."
Miß Rich erröthete immer tiefer und bewunderte dabei den Scharfblick ihres Lieblings, der die Pläne der Räthin durchschaut und ihre Parteinahme erkannt hatte. — Aber weil die Pläne gut waren, sagte sie mit schüchternem Pathos:
„Um Gotteswillen, Ottilie, denken Sie sich nur keine romantischen Proben aus!"
„Ausdenken!" war die lachende Entgegnung, „nein, ausdenken werde ich mir gewiß nichts, zumal es hier der Probe nicht bedarf. Es wäre nur allerliebst, wenn sich zufällig einmal etwas böte, was wenigstens Ab-