Montag, den 4 Januar 1897 24. Jahrgang
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[] Das Jahr 1896.
IV.
In den vorhergehenden Artikeln ist bereits den Arbeiten des Reichstags im ersten Tagungsabfchnitte der gegenwärtigen langen, nur durch eine größere Sommerpause unterbrochenen Session gedacht worden. Es bleibt noch zu erwähnen, daß "Der Reichstag wiederholt deutlich bekundete, daß er, insbesondere das führende Centrum, die Reichsfinanzen, die sich infolge des stetigen Anwachsens der Einnahmen sehr günstig entwickelt haben, weder durch eine sogenannte „Finanzreform" nach Miquel'fchem Rezept, noch durch unsinnige Vermehrung der Marinelasten ln Unordnung bringen lassen will. Dagegen kam auf Antrag des Centrums ein Gesetz, die lex Lieber, W L-tande, welches mit einer planmäßigen, zugleich aber vorsichtigen, die Steuerzahler nicht belastenden Schuldentilgung einen guten Anfang machte, indem es zu diesem Zwecke die Hälfte der Mehrüberweisungen bestimmte. Für diesen Winter hat die Regierung auf finanzpolitischem Gebiete ein Gesetz zur Herabsetzung des Zinsfußes der 4prozen- tlgen Rerchsanleihen auf 3*/8 Prozent in Aussicht gestellt. Die daraus sich ergebende Zinsersparniß soll dazu beitragen, die Aufbesserung der Beamten- und Offiziersgehälter durchzuführen, die etwa 10 Millionen Mark jährlich kosten soll. Vielleicht wird aber die Reichstagsmehrheit unter Führung des Centrums die Erhöhung der Osfiziers- gehälter davon abhängig machen, daß noch im vorliegenden Etat für 1897/98 die Mittel ausgeworfen werden, um die Gewährung warmer Abendkost an die Mannschaften — bekanntlich eine Anregung des Centrumsabgeordneten Dr. Schädler — allgemein durchzuführen.
Der Militäretat bietet in diesem Winter «sonst nichts Bemerkenswerthes — und das ist sehr gut —, aber, wenn nicht alle Zeichen trügen, steht eine kolossale Nachforderung für Neubewaffnung und Gespannvermehrung der Artillerie bevor, denn der schon lange gefürchtete Augenblick, wo eine europäische Großmacht den Anfang mit Einführung von S ch n e l l- ladekanonen machen und dadurch den Anstoß zu einem neuen Wettrennen auf dem Felde der Kriegsrüstungen geben^ würde, scheint gekommen zu sein; und da gerade Frankreich es ist, das hiermit'vorangeht, so ist es einfach selbstverständlich, daß die deutfche Militärverwaltung, die in der Stille schon alle Vorbereitungen dazu getroffen hat, zunächst dem „guten" Beispiele folgt. Umsomehr ist es Pflicht des Reichstags, schon jetzt auf allen Gebieten die strengste Sparsamkeit walten, namentlich aber die vom Sprecher des Centrmns, Abg. Fritzen angekündigten „ganz gewaltigen Abstriche" am Militäretat ohne Rücksicht auf persönliche Liebhabereien auch wirklich eintreten zu lassen. Fast unbegreiflich ist es, daß die Regierung, die im vorigen Winter selbst alle „uferlosen Marinepläne" feierlich abgeleugnet hatte, wenige Monate später mit einer so außerordentlichen, ganz unabsehbare Folgen heraufbeschwörenden Vermehrung der Schiffsbauten fordernd an den Reichstag herantreten konnte.
Eine empfindliche Niederlage zog sich auch die Justizverwaltung mit ihrer sog. Justiz Novelle zu, deretwegen der Reichstag über den Sommer vertagt worden war, und die dann doch zu Falle kam; zu Falle kam ganz allein durch die Schuld der Regierung, welche sich die Entschädigung unschuldig Verurtheilter
und Einführung der Berufung in Strafsachen durch die bedenklichsten Verschlechterungen der geltenden Rechtsprechung, namentlich die Verringerung der Richterzahl in erster Instanz von 5 auf 3, abkaufen lasten wollte. Es ist ein Verdienst der Reichstagsmehrheit, die auch in dieser Frage der Führung des Centrums folgte, daß sie sich auf ein solches Schachergeschäft nicht einließ.
Von großer Bedeutung waren die Debatten, die sich an eine Interpellation des Centrums über die Enthüllungen der Bismarck'schen ,Hamb. Nachrichten' über einen deutsch-russischen Geheim vertrag knüpften, der jeder der beiden vertragschließenden Mächte die unparteiische Neutralität der anderen im Falle eines Angriffs seitens einer dritten Macht sichern sollte. Dieser Vertrag, der vom Grafen Caprivi in Uebereinstimmung mit dem Kaiser gekündigt worden ist, war um so weniger mit der Treue gegen unsere Bundesgenossen Oesterreich- Ungarn und Italien zu vereinbaren, als an diesem geheim gehalten werden mußte. Seine Enthüllung durch Bismarck war, wie auch deutlich bekräftigt wurde, ein Verrath strengster Staatsgeheimnisse, der das Reich schwer zu schädigen im Stande war. Gleichwohl ist gegen die ,Hamb. Nachrichten' nicht gerichtlich eingeschritten worden. Daß der Verrath Bismarcks, der sich damit für immer als w i r k - liehen „Reichsfeind" gebrandmarkt hat, keinen größeren Schaden angerichtet hat, ist nur der Bündniß- treue und aufrichtigen, ehrlichen Bündnißpolitik der Nachfolger Bismarcks, insbesondere auch den befriedigenden Aufklärungen des Fürsten Hohenlohe und des Freiherrn v. Marschall im Reichstage und der damit übereinstimmenden Haltung der überwiegenden Mehrheit des Reichstags zu verdanken.
Fürst Bismarck und seine Leute haben überhaupt auch im vergangenen Jahre wieder alle Minen sprengen lassen, um die Reichsinteresfen als durch seine Nachfolger schlecht gewahrt und die ganze Regierungs- inaschinerie als seit seinem Rücktritte in Unordnung hinzustellen. Die thatsächlichen Reib un g en zw isch en den „Verantwortlichen" und den „Unverantwortlichen", der amtlichen Rathgeber des Kaisers mit dessen persönlicher Umgebung, speziell den Chefs des Militär- und Marine-Kabinets, unterstützten diese Jntriguen der Bismarcksippe leider nur zu sehr. Diese Jntriguen gingen dann aber namentlich auch darauf aus, die Minister unter einander zu verhetzen, und die politische Polizei, insbesondere der Kriminal-Kommissar v. Tausch mit seinen journalistischen Spitzeln Normann-Schumann, Lützow und Leck e rt, leisteten ihr dabei so vortreffliche Handlangerdienste, daß die Minister von Köller und von B r o n s a r t (ihre Nachfolger als Minister des Innern bezw. Kriegsminister sind Frhr. v. d. Recke und General v. Go ßler) darüber zu Falle kamen und daß sich schließlich das am ärgsten befeindete Auswärtige Amt, wie sein Leiter, Frhr. v. Marschall, sich ausdrückte, „in die Oeffentlichkeit flüchten", d. h. gerichtlich den Schleichwegen der Jntriguanten nachspüren mußte. Die Leckert und Lützow sind nun hinter Schloß und Riegel und auch Herr v. Tausch sitzt wegen Meineids, den er in diesem Prozesse begangen hat, in Untersuchungshaft. Aber die eigentlichen „Hintermänner" sind noch nicht an's Licht gezogen, werden aber vielleicht dem Prozesse contra Tausch dieser- halb mit Bangen entgegensehen. Daß sie im Bismarck'schen Lager zu suchen sind, beweist außer manchem andern die Haltung der Bismarckpresse, die sich des Tausch annimmt und im Gegensätze zur gesammten übrigen Presse das Vorgehen des Frhrn. v. Marschall in hämischer Weise bemängelt.
Rhemgold.
Novelle von Cary Groß.
(Nachdruck verboten.)
I.
Auf der Landstraße, die von Honnef nach Königswinter, mitten durch das Eden des Rheinlands, führt, rollte ein Landauer dahin, so gut Staub und etwas matte Miethpferde das schwer gebaute Fuhrwerk rollen ließen. Es war ein schöner Tag, sommerlich warm, aber nicht drückend heiß. Ein leichter Ostwind fegte
den Himmel von Wolken rein und milderte die Gluth der Mittagssonne, die den breiten Rheinstrom und die Kuppen des Siebengebirges beleuchtete.
„Eine schöne Fahrt! nicht wahr, liebes Fräulein Hennig?", sagte die ältere von den zwei Damen, die in dem Wagen saßen. Ihre Miene ließ dabei er- rathen, daß ihre Gedanken weniger vom Zauber der Gegend erfaßt waren, als von einem Verdruß, der fte beschäftigte. „Wie schade, daß Ottilie Grube diesen Blick auf die Berge nicht mitgenießt! Nirgends zeigt sich der Drachenfels gewaltiger als von dieser Seite. Beim Wandern durch das Heisterbacher Thal und das Nachtigallenwäldchen erblickt man den Berg nicht so zu seinem Vortheil."
„O, Fräulein Ottilie Grube hat in Steiermark und auf ihren weiten Reisen in der Schweiz und Oberitalien Besseres geschaut! Unser Rheinland mit seinen Mittelgebirgen kann einem so verwöhnten Auge schwerlich viel Eindruck machen", lautete die trockene Antwort der Gefährtin, deren scharfe Züge zu ihrer Stimme paßten.
„Nicht doch, liebe Hennig! Gestern erst sprach Ottilie wahrhaft begeistert vom Siebengebirge, vom sagenumkränzten Rheine und von den goldenen Domen, die sich in ihm spiegeln. Ich hörte ihr mit Entzücken zu. Sie erinnerte mich an ihren Vater, den gelehrten Professor Dr. Grube, der so fließend und angenehm von seinen schönen Reisen erzählt. Mein seliger Mann hielt große Stücke auf diesen Studienfreund und bewunderte seine Begabung.....Mein Wil
helm war eben so talentvoll!"
Frau Räthin Rehwald versenkte sich mit einem Seufzer in das Andenken ihres Seligen, der vor etwa zehn Jahren gestorben war und feine schwache und gut- müthige Gattin um so vereinsamter zurückließ, als er sie, die in ihrer Jugend sehr hübsch und anschmiegend gewesen war, sehr verwöhnt und umhegt hatte. Als Wittwe entbehrte sie es sehr, nicht mehr der Mittelpunkt des interessanten Verkehrs zu sein, in dem ihr Gatte gelebt hatte. Sie faßte es nicht, weshalb ihr Reichthum und ihre Gastfreundschaft nicht hinreichten, solche Menschen an sich zu fesseln wie einst ihr kluger und einflußreicher Mann, und bedauerte es um so lebhafter, als sie sich früher viel eingebildet hatte auf die „distinguirten Leute" ihres Kreifes, und in ihre Klagen um Wilhelms Verlust mifchte sich stets das Bedauern über das Einst ihrer Umgebung. Ihre Gesellschafterin hatte aber heute nicht Lust, sich damit und mit den Ansichten des unvergeßlichen Wilhelm langweilen zu lassen. Sie zog es vor, eine kleine Wunde, die sie in Frau Rehwald leicht verletzbarem Gemüthe wahrnahm, noch etwas zu reizen und zu vergrößern.
„Fräulein Ottilie Grube mag allerdings von ihres Vaters Begabung profitirt haben, ist aber jedenfalls auch von ihm benachtheiligt. Ich meine, er hat zu sehr in sie hineingeschaut und ihr gestattet, alle ihre Launen zu befriedigen. Der Herr Professor hält sein Erziehungsoerfahren für genial und die Tochter fir einen Ausbund von Talent und Genie. Uns gewöhnlichen Menschenkindern erscheint aber das Fräulein häufig seltsam, auffallend, wenn nicht unangenehm und verletzend.
„Unangenehm oder gar verletzend ist Ottilie Grube nie!" eiferte nun die Frau Räthin, für einige Minuten ihre klagende, melancholische Stimme aufgebend. „Ich kenne meinen lieben Gast schon länger als Sie; ich habe Ottilie auf einer gemeinschaftlichen Reise an den Lago Maggiore und bei einem Besuche in ihres Vaters Hause beobachtet. Ihr Frohmuth verwandelt sich bisweilen in Uebermuth, das ist nicht zu leugnen. Die Eingebungen ihres großmüthigen Herzens werden niemals beirrt durch hergebrachte Formen oder kleine Bedenken. Da sie längst schon ihre Mutter verloren hat, brachte ihr Niemand Rücksichten auf die Ansichten der Welt bei. Aber sie ist voll Liebe und Aufmerksamkeiten für ihre Umgebung, das sagt auch Miß Rich, ihre Gesellschafterin, die Ottilie anbetet."
„Miß Rich ist die albernste Engländerin, die mir noch in diesem an Engländerinnen überreichen Rheingebiete vorgekommen ist! Sie hat kein anderes Verständniß als für getrocknete Blumen, was sie Botanik nennt, und womit sie aller Welt lästig wird."
„Nicht doch, Hennigchen! Miß Rich ist wirklich eine gebildete Botanikerin und verwendet ihre Kenntnisse zur Krankenpflege, für die sie viel Liebe und Ge-