M 301 < Donnerstag, den 31 Dezember 1896 23. Jahrgang
F»li>akkWZkit»ng
mit UnterhaUurrgs-KeUagr „Sterne und Klumeu".
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L Ein neues Jahr!
Noch schmücken die grünen Christbäume im Lichterglanze Hütten und Paläste und man kann die Feier des Jahreswechsels als den Schlußakt des hochheiligen Weihnachtsfestes bezeichnen, denn es deutet gewissermaßen in besonderer Hervorhebung an, daß die Geburt des Welterlösers eine neue Zeitenfolge in der Schöpfungsgeschichte eröffnet hat.
Wie der neue Bund dem alten, so folgt das neue dem alten Jahre. Man könnte daher mit gutem Rechte den Geburtstag des göttlichen Heilandes auch zum Geburtstage jedes neuen Jahres, zum Neujahrs- tage machen. Fasten wir aber das Neujahrsfest am 1. Januar nur als den letzten Akt des hl. Weihnachtsfestes, als den feierlichen Abschluß der hehren Weihnachtswoche aus, oder setzen wir es auch in ihre Mitte, wenn wir etwa lieber das Fest der hl. drei Könige als den Abschluß dieser Festzeit betrachten wollen: so können wir mit dem Kalenderjahre, wie es ist, zufrieden sein und haben den rechten Standpunkt, von dem aus wir das Fest' der Jahreswende gut betrachten können.
Unter dem Christbaume werden alljährlich zahllose gute Vorsätze gefaßt und beim Zusammenklange der Glocke in der Neujahrsnacht mit Begeisterung oder Rührung bekräftigt. Da gelobt so mancher alte Sünder Reue und Besserung; da spricht auch wohl mancher eingefleischte Egoist: „Von nun an will auch ich das Meinige thun, um meinen Mitmenschen leiblich und geistig zu helfen." Da schwört gar mancher Familienvater, der bisher an den Seinen nicht völlig seine Pflicht gethan, der vielleicht durch Trunksucht oder andere Ausschweifungen namenloses Elend über diejenigen, deren Fürsorge ihm anvertraut ist, gebracht hat: „Jetzt aber will ich ein anderer Mensch werden, will wieder gut machen, was ich gefehlt, und Weib und Kind sollen mich wieder achten und lieben lernen!" Und gar mancher, der im Strudel des modernen Lebens ohne äußeren und inneren Halt, ein Spielball seiner Leidenschaften, entfremdet dem beglückenden Glauben seiner seligen Kindheit und den zehn Geboten des Allmächtigen, welche die fromme Mutter ihm gelehrt, sein Dasein wie in einem ewigen Taumel verrauschen läßt, hält dann wohl einen Augenblick inne, ergriffen von einer ungewohnten Rührung und gepeinigt von allerlei Gedanken, lästigen Mahnern, die er heute gar nicht so leicht wie sonst loswerden kann, und auch er bringt es vielleicht zu dem Vorsatze, wenigstens einen Versuch mit einem besseren Leben zu machen. Der Kleinmüthme hinwieder, der leicht verzagt, faßt angesichts bei unendlichen Güte des allbarmherzigen Gottes, der sogar seinen eingeborenen Sohn dahingab, um allen Menschen die verlorene Gnade zurückzubringen, neuen Muth und gelobt sich und Gott, fortan nicht mehr zu zweifeln und zu zagen, sondern mit festem Gottvertrauen gegen alle Anfeindungen von außen und von innen — gegart diese ganz besonders — kräftig anzukämpfen.
Und kommt das nächste Weihnachtsfest, der nächste Jahreswechsel: wie steht es mit all^n diesen Vorsätzen? Wie viele sind gehalten, wie viele nicht? Die letzteren bilden zweifellos leider die übergroße Mehrzahl; sagt doch auch das Sprüchwort: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert." So ist es im Leben des Einzelnen, so । auch im ganzen öffentlichen Leben. Auch hier , zeigt sich alljährlich, wenn wir die Bilanz ziehen, ein großes Defizit; und es mag wohl auch manchesmal den einen oder anderen unter uns, unter denen, die für die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft im christlichen Geiste streiten, ein gewisses Zagen, eine i Furcht, daß doch Alles vergeblich und der Sieg d'»r Mächte des Umsturzes unvermeidlich sei, beschleichen. Aber das ist ebenso verkehrt wie Ueberhebung und allzugroßes Vertrauen auf die eigene Kraft. Kleni- muth und Hochmuth find scheinbar entgegengesetzt, ! aber sie wirken in der gleichen Richtung, beide j „kommen vor dem Fall", und wir müssen ihnen | daher entgegensetzen Muth und Demuth. ,
Wir müssen uns davor hüten, unsere kleinen Erfolge allzu hoch zu ^schätzen und zunächst uns selbst i zuzuschreiben; wir dürfen aber auch nicht verzagen, wenn wir nicht sofort den Erfolg unserer Bestreb- ; *ungen vor Augen sehen. Nicht immer ist das, was i
wir uns wünschen, unserem wahren Heile dienlich, und wir vergessen auch zu oft, daß die ewige Vorsehung mit ganz anderen Zeiträumen rechnet,' als wir kurzlebige Menschen und nervösen Kinder des 19. Jahrhunderts in unserer Ungeduld. Treten wir also ohne Ueberhebung, aber mit Muth und Gottvertrauen in das neue Jahr ein und bewahren mir' in ihm diesen rechten Geist, so wird es uns, wenn es uns auch noch so viel Erdenleid bringt, und dann sogar erst recht, hinanführen zur Sonnenhöhe einer unvergänglichen Seligkeit und es wird dann, wie wir allen unseren Lesern wünschen, für uns alle fein
ein recht glücköringendes Jahr!
[] Das Jahr 1896. n.
Wie das Centrum innerlich feine Festigkeit bewährt hat, so hat es auch in seiner äußerlichen Stärke nichts gegen früher eingebüßt. Bei den Nachwahlen zum Reichstage, deren eine größere Anzahl im letzten Jahre erforderlich waren, hat es seine Mandate behauptet und dabei noch eine größere Stimmenzahl als in früheren Jahren aufgebracht; so war es z. B. in Köln und in Ellwangen. Außerdem hat es auch einen Sitz im Reichstage, nämlich das Mandat sür Mainz gewonnen; hier, wo die Verhältnisse ziemlich int Argen lagen, hat es jetzt den Sozialdemokraten, nachdem der bisherige Abgeordnete Jöst in Folge von Anfeindungen aus dem eigenen Lager sein Mandat niedergelegt hatte, dasselbe in der Stichwahl entriffeir, obwohl die demokratischen Freisinnigen und größten- theils auch die nationalliberalen Wähler massenhaft dem Sozialdemokraten ihre Stimme gaben. Die Nachwahlen in Dortmund und Schwetz bewiesen, ck>aß auch diese Wahlkreise über kurz oder lang den Katholiken zufallen müssen, wenn auch diesmal in Dortmond ein Sozialdemokrat statt des bisherigen national- liberalen Vertreters, in Schwetz ein Vertreter der mischmaschlichen Reichspartei gewählt wurde. Das Mandat für Schwetz ist übrigens abermals vom Reichstage für ungiltig e klärt worden, weil die Regierung diesmal es unterlassen hat, für die Ersatzwahl neue Wählerlisten aufzustellen. Die Katholiken werden hier jedenfalls wieder die größten Anstrengungen machen, um der Reichspartei dies nur noch knapp behauptete Mandat zu entreißen. Sollte es diesmal noch nicht gelingen, so muß das Wahlergebniß wenigstens zeigen, daß in absehbarer Zeit der erstrebte Erfolg doch eintreten wird. Auch int schlesischen Wahlkreise Löw en berg wird das Centrum hoffentlich bei nächster Gelegenheit einen eigenen Kandidaten aufstellen. Bei der letzten Ersatzwahl war die Mehrheit der katholischen Wähler schon sehr ungehalten darüber, daß seitens des Wahlkomitees kein eigener Vertreter des Centrums bestimmt worden war, und sie gaben daher dem freisinnigen Bewerber K o p s ch ihre Stimmen, entgegen der offiziellen Wahlparole, welche den konservativen Kandidaten empfohlen. Uebrigens hat die Stellung, welche die Mehrheit der katholischen Wähler gegen den konservativen Bewerber, zugleich Führer des Bundes der Landwirthe, in diesem Kreise nahmen, diesem Bunde die Lehre gegeben, daß bei der katholischen Wählerschaft auch in ländlichen Kreisen wenig Sympathien für den Bund der Landwirthe bestehen, was bei dessen offenkundigem Bestreben, sich als eine Macht über den Parteien aufzuspielen und diesen Vorschriften zu machen, und bei der oft bewiesenen Gehässigkeit des Bundes und seiner Preßorgane gegen den Katholizismus und das Centrum ganz selbstverständlich ist.
1 Was die politischen Bestrebungen des (Zentrums angeht, so haben wir bereits erwähnt, daß sich die Regierung auf kirchenpolitischem (gebiete gegen die Forderungen des Centrums auch im letzten Jahre völlig ablehnend verhalten hat. Im p reußischen Abgeordnetenhause, wo auch in der vorigen Session wieder größere kirchenpolitische Debatten an die Etatsberathungen sich anknüpften, traten die Minister, namentlich auch der „wohlwollende" Kultusminister Bosse sehr schroff gegen das Centrum auf. Preußen will ein paritätischer Staat sein, aber die preußische Regierung lehnte es nach wie vor ab, Paritäj.zu üben, obwohl die Paritäfsdebatten int
Abgeordnetenhause inIfast niederdrückender Deutlichkeit wieder die Thatsache erkennen ließen, daß die Katholiken in Preußen von allen wichtigen Aemtern beinahe gänzlich ausgeschlossen sind. Allerdings wurde von den Gegnern darauf hingewiesen, daß wir einen katholischen Ministerpräsidenten und einen katholischen Justizminister haben. Was den ersteren angeht, zieht derselbe in kirchenpolitischer Beziehung jedenfalls nicht die nöthigen Konsequenzen aus seinem katholischen Bekenntniß. Herr Schön st edt aber, der Justizminister, macht von seinem Katholikenthum aber überhaupt keinen Gebrauch; seine Kinder läßt er protestantisch erziehen.
Auch in der Schulfrage verhält sich die Regierung seit dem Falle des Zedlitz'schen Volksschulgesetzes nach wie vor ablehnend gegen die Forderungen des Centrums, daß, wie die Verfassung es verlangt, das Volksschulwesen in einem einheitlichen Gesetze geregelt werde. Gleichwohl hat das Centrum und auch die Konservativen, welche ebenfalls ein einheitliches Volksschulgesetz fordern, trotz aller grundsätzlicher Bedenken int Interesse der größtentheils wirklich noth- leidenden Lehrer eifrig mitgearbeitet, um das Lehrer- besoldungsgesetz, das in der vorigen Session dem Landtage vorlag, zu Stande zu bringen. Das Gesetz scheiterte, aber an dem Widerstande der liberalen Bürgermeister im Herrenhause, die damit deutlich bewiesen, wie es mit der so oft gerühmten „Lehr erfreu ndlichkeit" steht. Der Umstand, daß eine Anzahl von Städten durch das Gesetz eine gar nicht einmal so sehr bedeutende Einbuße in ihren bisherigen Staatszuschüffen erleiden sollten, hat genügt, um die Bürgermeister zu bestimmen, die Hoffnungen von Tausenden von Lehrern zu enttäuschen. In dieser Session hat die Regierung nun abermals ein Lehrerbesoldungsgesetz eingebracht, in welchem sie den Forderungen der Städte erheblich entgegenkommt. Ohne Rücksicht darauf, daß die Regierung nicht in gleicher Weise den Forderungen der Konservativen und des Centrums ebenfalls Rechnung trägt, haben auch jetzt wieder diese beiden Parteien ihr Möglichstes gethan, um im Abgeordnetenhause das Zustandekommen des Gesetzes zu sichern und dasselbe auch noch wesentlich zu Gunsten der Lehrer zu verbessern. Es wird sich nunmehr zu zeigen haben, ob int Herrenhause die liberalen Bürgermeister diesem guten Beispiele wenigstens einigermaßen folgen und nicht abermals das Gesetz zu Fall kommen wird.
Deutsche Reich.
Berlin, 30. Dezember.
* Die Kaiserin Friedrich begibt sich Ende Januar zum Besuch ihrer Mutter nach England und beabsichtigt, dort fünf Wochen zu bleiben? Danach wird sie einige Wochen in Italien verbringen und, ehe sie sich wieder nach England zum Regierungsjubiläum der Königin begibt, einige Zeit auf Schloß Friedrichskron verweilen.
* Das Staatsmiuisterium trat heute Nachmittag 2 Uhr unter dem Vorsitze feines Vicepräsidenten v. Bötticher im Dienstgebäude am Leipziger Platz zu einer Sitzung zusammen. In dieser Sitzung wurden, wie alljährlich, die dem Kaiser zu unterbreitenden Vorschläge für Ordensverleihungen, Rangerhöhungen 2C. festgesetzt, nachdem sie vorher von den einzelnen Ressortministern dem Staatsministerium zugegangen sind.
* Der älteste General der preußischen Armee, der am 15. Aug. 1800 geborene General v. Götze, ist zur Zeit an einem heftig auftretenden Katarrh der Luftwege erkrankt. Bei dem hohen Alter und dem gefchwächten Kräftezustand des Leidenden ist eine Gefahr für das Leben nicht ausgeschlossen.
X Nach dem preußischen Kouvertirungs-Ge- setze, welches gestern mit den verschiedenen Ausfüh- rungs-Bestimmungeu amtlich publizirt worden ist, gilt das Angebot, die vierprozentigen Staatspapiere in 3'.'s prozentige Buch schuld en umschreiben zu lassen, ohne Weiteres als angenommen, falls nicht binnen einer dreiwöchentlichen Frist die baare Rüchahlung des Kapitals beantragt wird Dieser Antrag ist nach der vorliegenden Bekanntmachung spätestens am 20. Januar 1897 schriftlich unter Einreichung der Schuldverschreibungen an die Kontrole der Staatspapiere zu