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M 296 Mittwoch, den 23. Dezember 1896 23. Jahrgang

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Die ,Fuldaer Zeitung' behandelt die neuesten Tagesfragen i» allgemein verständlicher Weise. Die politischen Nachrichten find kurz und übersichtlich zusammengestellt, den lokalen und provinziellen Vorkommnissen wird große Sorgfalt gewidmet, und auf ein spannendes, sittlich reines Feuilleton besonders Gewicht gelegt. Zahlreiche zuverlässige Mitarbeiter in Berlin sowie in der Provinz setzen uns in den Stand, über alle wichttgen Er­eignisse bedeutend früher zu berichten, als die anderen Blätter.

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Fulda, im Dezember 1896.

Redaktion und Verlag der »Fuldaer Zeituug'.

Pokahonta».

Erzählung aus der Zett der ersten europäischen Ansiedlungen in Nordamerika von Max Benno.

20] ------- (Nachdruck verboten.)

Besonder- in der kleine» katholische« Bemei ide wurde dcS Mädchen mit Hochachtung und Liebe be­handelt. Sie hatte von Anfang an eine große Vor­liebe für den katholischen Gottesdienst, die ergreifenden Teremome» und Gebräuche gezeigt und da man ihr in liebevoller Weise entgegerkam, die Taufe verlangt, welche fie nach vorau-gegasgenem Unterricht durch den Priester erhielt, und in welcher ihr der Name Maria beigelegt worden war. Sie wurde jedoch nach wie vor Pokahontat genannt. Auch die englische Sprache eignete sich da- Mädchen in verhältnißmäßig sehr kurzer Zeit an.

Wieder gingen mehrere Wochen vorüber. Diese Zeit war benützt wordkv, um die reiche Ernte aus einem der drei vor Anker liegende« Schiffe unter* zubringen, wa- aber mrr zm Hälfte gelang. CS wurde dlShalb noch ein zwette- Fahrzeug befrachtet, da- daun auf ausdrückliche Anordnung der Kapitäns zuerst in See stach, während dar andere, um Kollisionen zu ver­meiden, erst acht Tage später nachsolgea sollte.

Die Snfiedler hatte« die Belegenheit zu Nachrichten an Bekannte und Freunde benützt. Da- Ereigniß bildete längere Zett da- Tagesgespräch.

Da wmden die Leute dmch etwa- andere- in eine »gewiffe Aufregung versetzt.

Ma» erfuhr, daß Kcpitä» Edward Smith da- Ikommavdo für längere Zett an einen S "Vertreter

abgegeben hatte und in aller Sülle mit de« zuerst abgrgangenen Schiffe «ach Europa abgereist war.

Diese Nachricht drang auch in da- von Pokahonta» und ihrem Bmder bewohnte Hänschen und rief bei beiden einen grenzenlosen Gefühl-stmm hervor. WHDo- Mädchen war schon dadurch beunruhigt worden, daß Edward während mehrerer Tage nicht mehr erschien. Und nun vollend- diese Botschaft! Der theuere Mann fort nach Europa! Ohne ihr etwa- davon zu sogen und ohne Abschied von ihr! Doch ihr starker, chr opferfreudige- Herz verlor auch dieser Enttäuschung gegenüber die Hoffnung und den Muth nicht. „Den weiße« Häuptling ries wohl eine dringende Pflicht," tröstete sie sich. „Sr wird wiederkomme», wen« da- besorgt ist, wa- zu thun nothwmdig war."

Richt so der Bruder. Dieser wußte recht gut, warum der Kapitän sich so heimlich und schnell davon gemacht hatte. In deffen unentschlossener Wahl zwischen Pokahonta» und der Verlobten in Europa war die Entscheidmg zu Gunsten der letzteren erfolgt. DaS berührte ihn jedoch weniger. Dagegen sah er dadurch seine eigene« Wünsche bedroht «nd darüber gerieth er in eine furchtbare Wmh. Er hatte bereit# für ein Unterkommen auf dem zweiten Schiffe gesorgt, aber diese- war em schwerfällige- Frachtschiff und man konnte voravS sagen, daß er erst mehrere Wochen nach dem vsrau-gefahrene« Schnellsegler in de« europäischen Hafen entlief; wer konnte wiffe«, was draußen indessen geschah.

„Der Elende hat mich zu täuschen gewußt," knirschte er, „aber nun ist auch mein Zagen und Zaudern vorbei. Ich werde drüben nachholen, wo» hier von mir versäumt worden ist. Nette wttd mein werden und wenn ich dem Treulosen bei falsche Herz a«S dem Selb reißen muß."

Ein Gedanke erwachte plötzlich in ihm, der feine Pläne unter Umständen z« unterstütze» versprach: die Schwester sollte ihn begleite». Ein geeignet!- Versteck auf dem Schiffe fand fich sehr leicht. Der Emflohme maßte nicht wenig in die Enge getrieben »erben, wenn Pokahonta- ans dem Schauplatz erschien.

Ungesäumt trat er mit seinem Vorschlag vor die Jungfrau, aber diese schüttelte anfangs ablehnend mit dem Kopf. Du- natürliche Gefühl sagte ihr, daß fie dadurch etwa» unternehme« werde, wa- dem thearen Manne mißfalle« könnte, und da» wollte sie »ich». Der Bruder ließ jedoch nicht nach, ii fie za dringe» und endlich errangen Besorgniß und Sehn­sucht den ®iej. lieber st ine »n Gewißheit grenzende Bermuthunge« über den Grund der heimliche» Abreise bei KkpitänS sagte Falkenauge ihr nichts.

Nach bem Abgang des zweiten Schiffe- waren auch Pokahonta- und ihr Bruder verschwunden. Man sah fie in Jam-Stow« nicht mehr.

7.

Angela Wilton saß am Fenster ihres Stübchens und schaute träumerisch in den heraufsteigenden Abend- nebel hinein. Sie war schwarz gekletdtt und der Widerschein einer tiefen Trauer lag auf ihrem Gesicht.

Eine Saute befand fich ans ihrem Schooß. Langsam glitte« die zarten Finger dmch die Saiten «nd nach einigen wehmüth'g-n Akkorden fang fie:

Abend ist'S, ein tiefes Schweigen Herrscht im dunkelkühlen Wald, Nur der Wind spielt mit den Zweigen Und von fern ein Glöcklein schallt.

Vöglein schlummern süß und träumen Bon d»s LenzeS Herrlichkeit, Welkend Laub ringS auf den Bäumen Trauert still im bunten Kleid.

Noch ein Röslein seh ich blühen. Leise flüstert eS mir zu: „Siehst Du dort die Sterne glühen? Abend ist's, ich geh zur Ruh!" Horch die stolzen Wipfel rauschen Ernst und dumpf wie Klaggesang, Auch mir wird beim heimlich Rauschen Selbst so weh, so bang, so bang!

O Natur in deinem Bilde Spiegelt sich der Menschheit Loos, Blüthenreiche Traumgefilde Birgt der Jugend Zauberschooß.

Doch bald kommt der Herbst gegangen, Knickt ein Blatt um'S andere ab, Von des LebenSgartens Prangen Bleibt llur's Blümlein auf dem Grab!

........■■■■"" ...... S

Angela legte ihr Instrument weg. Ihre Augen waren feucht geworben. ThtSuen rollten über Die bleiche« Wange» herab. „Ja ba» Grab," flüsterte sie, „ba- auch meine Hoffnung, meine LebenSfreube, mein Alle- umschließt. Ei» einsames Grab im Urwald, ba» nicht einmal mit einer Blume, mit keinem Kranze ge­schmückt ist. O nur zu schnell ist bie schreckliche Wirk­lichkeit meiner bangen Ahnung gefolgt! Und nicht nur baS! Aus'» Reue wirb mein Herz dmch peinlichste Aufregungen und Sorgen gequält. Ich sehe mich vor eine verhänguißvolle Entscheidung gestellt. Wa» soll ich thun? Die KindeSpflicht drängt mich zur Erfüllung beS väterlichen Wunsche», aber meine ganze Natur, mein Denken und Fühle» bäume« sich gegen den Mann auf, bem ich vor bem Altäre für'» Leben bie Hand reichen soll. Ich weiß nicht warum. Er war immer freundlich zu mir und bem Vater ertoiel er manchen Dienst, aber dennoch beschlich mich jedeSmal ein gerade­zu beängstigende» Gefühl, wem, er zu uni kam. Sonst hätte ich wohl schon überwunden, dem Vater z« lieb. Mett, Herz ist ja tobt. ES liegt begraben an bem gleichen unbekannten Plätzchen im fernen Urwald, wo bet Verlobte, bem ich Treue geschworen, feine muthige Seele au»gehaucht hat. Ich habe nur noch die Hand zu vergeben, womit Clifford sich zufrieden erklärt hat. Ich werde wohl den Kelch leeren mfiffen, um die Sorgenfalten auf der Stirne de» guten Vater» zu ver­scheuchen, die ich früher nicht sah und deren zu­nehmende Tiefe wohl mit feinem Verlangen, daß ich da» Weib Clifford» werde, in Zusammenhang steht."

Sie wurde in ihrem Jdeengang unterbrochen durch den Eintritt Sir Wilton'», der von einem AuSgang zurückkam. Auf den ersten Blick sah fie, daß da» Gtsicht desselben »och mehr als vorher die Sputen geheimer Unruhe trug.

(Fortsetzung folgt.)

vermischtes.

* Katholizismus «nd Mundsäuluiß der Säuglinge. Den ursächlichenZusammenhang dieser beiden Erscheinungen ermittelt zu haben, ist das Verdienst der Präsidentin eines elsässischen Hebammen-VereinS. In der jüngsten Sitzung deS betreffenden Vereins wurde über die oben genannte Krankheit.— die Mund- fäulniß nämlich — verhandelt, und die Präsidentin erklärte dabei: „Die meisten damit behafteten Kinder sind katholisch. ES ist dieS wohl darauf zurückzuführen, daß bei der katholischen Taufe den Kindern Salz auf die Zunge gelegt wird. Man muß alfo daraus hinwirken, daß dieser Gebrauch eingestellt werde." Die katholische Schriftführerin des Hebammen-VereinS wendete, dem ,Mülh. BolkSblatt' zufolge, ein, daS Salz be­fördere ja die Fäulniß gar nicht; im Gegentheil, es werde gerade gegen die Fäulniß angewendet. Bei der Präsidentin aber blieb nach wie vor der Katholizismus die Ursache der Mundsäulniß: „Wenn daS Salz nicht schuld daran ist," rief sie energisch, „dann kann die Fäulniß von den schmutzigen Händen des Taufenden herrühren." — Interessant wäre eS, zu erfahren, an welcher Hebammen-Anstalt die sonderbare Geburtshelferin ihre Wissenschaft eingetrichtert bekommen hat.

* Ei« Wahlscherz In Nassau war der im Dorfe H. angestellte Pfarrer L. in weiten Kreisen als eigenartige Persön­lichkeit bekannt und wegen seines segensreichen Wirkens allseittg beliebt. Zahlreiche Scherze werden von ihm erzählt, von denen einer mitgetheilt werden mag. Der Pfarrer L. bildete in seiner Gemeinde für sich allein die erste Steuer- und daher auch bei gelegentlichen Wahlen die erste Wahlklasse allein. Bei einer solchen Wahl findet er sich auch ein und antwortet auf die Frage, wen er bestimme: „Herrn Pfarrer L. zu H.", also sich selbst. — „Nehmen Sie die Wahl an, Herr Pfarrer?" — „Nein." — Erstaunen zeigt sich auf dem wettergedräunten Gesicht deS Bürgermeisters, dem ein solcher Fall noch nie vorgekommen ist. Aufgeregt sucht er nach den gesetzlichen Bestimmungen, um zu sehen, was nun zu thun ist. „Da der Gewählte die Wahl ab- l- hnt, schretten wir zu einer Neuwahl. Wen wählen Sie, Herr Pfarrer?" „Herrn Pfarrer L. zu H.", w:r die gleiche Ant­wort. — „Nehmen Sie die Wahl an?" — „Nein". — Er­höhte- Erstaunen und gelinde Verzweiflung malt sich auf der strengen Miene deS Wahlvorstandes. Was nun thun? ES bleibt nichts Andere? übrig, als eine dritte Wahl anzusetzen. Beklommen fragt nun wieder der Bürgermeister: „Wen wählen Sie, Herr Pfarrer, da auch die zwette Wahl kein Ergebniß hat?" — „Herrn Pfarrer L. zu H." — „Nehmen @'e die Wahl an, Herr Pfarrer?" Ja, nachdem ich nun zum dritten Male durch das allfeittge Vertrauen meiner Mitbürger berufen bin, kann ich nicht umhin, die Wahl anzunehmen." SprachS, und befreite den Bürgermeister aus der größten Verlegenheit feines Lebens.

* Nur immer aufrichtig Ein junger Edelmann bat den bekannten Herzog von Marlborough, ihm durch feine Protektion zu einer höheren Stelle zu verhelfen. „Bekomme ich die Stelle, Mylord," sagte er am Schluffe seiner Sitte, „so bringe ich Ihnen tausend Guineen, und sag' auf Ehre keinem Sterblichen ein Wort davon." „Bringen Sie zweitausend Guineen," ant­wortete Marlborough, „und erzählen Sie eS aller Welt."

* Der Probirhuud. Junge Frau (die eben ihrem Hunde von dem gekochten Essen gegeben hat): „Ach Gott, der frißi's wieder nicht, waS wird da erst mein Mann sagen!"