M 296 - Mittwoch, den 23. Dezember 1896. 23. Jahrgang
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dazu benutzen würden, um mit großen Flotte« im Aegäischm Meere, im Marmarameer und as der östlichen Küste des Mittelländischen Meeret sich festzusetzen. Weiter könnte eS leicht die Eisersucht wecken, wen« Rußland sich etwa Provinzen annektiren wollte. Dos könnte die anderen Mächte bald zum thätigm Eingreifen nicht allem auf den Balkanhalbinfeln, sondern auch iu Persien veranlassen. Und bevor man sie verspeist, kommt doch auch dir- in Frage, daß die türkischen Provinzen nicht allzu leicht zu verdauen find. Auch die Erlaub- niß des freien Durchganges vom Mittelländischen in das Schwarze Meer könnte nicht Raßland allein er- theilt werden, sondern müßte gleichmäßig auch allen übrigen Mächten zugestanden werden.
Da» Blatt bemerkt im Laufe seiner Ausführungen, Rußlands Abficht gehe vielmehr dahin, das türkische Regiment dauernd zu entkräften und diese Politik so weit zu Keibe», bis der Sultan von selbst in eine natürliche und selbstverständliche Abhängigkeit gerathr,
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Dezember.
* Der Reichskanzler Fit st Hohenlohe Hai sich mit der Frau Fürstin nach Podiebrad in Böhmen begeben, um bei seinem ältesten Sohne dir WeihnachtSfeiertage zu verleben. Bon dort aus kehrt dar fürstlich- Paar nach Berlin zurück.
* Abermals wird berichtet, daß Finanzmmister Dr. Miquel amtsmüde sei. Ueber dar Scheitern seiner Automatenvorlage und die Erhöhung der Alterszulagen im LehrerbesoldungSgesrtz soll er verstimmt sein und die Verantwortung für den Ausgleich zwischen Soll und Haben im Staatshaushalt andern Schultern über» laffen wollen. — Daß Herr Miquel über seine letzten parlamentarisches Niederlage» verstimmt sein mag, kann richtig sein. Daß er aber an eine Amtsniederlegung denkt, dürste lediglich Kombination sei».
Die ,Rordd. Allgem. Ztg.' schreibt offiziös: „Die Mitheilungen für die Vertrauensmänner der «ationalliberalm Partei" haben, nach der .National- Zig.', m einer Erörterung über das Scheitern der Justizuvbelle hervorgehoben, daß die Möglichkett einer Verständigung zwischen Regierung und Reichstag „in dem Augenblick unerreichbar erschien, als der Staatssekretär der ReichrjustizamteS sich lediglich an die Vertrauensmänner der TrntrumSpartei gewendet hatte, um den Preis ei«»s etwaigen Kompromisses zu erfahren". Diese thatsächliche Angabe ist unrichtig. Der Staatssekretär ds ReichSjustizamteS ist au irgend eine Partei mtt Anfragen oder Kompro- miß.vnsuchm nicht herangetreten. Nachdem die verbündeten Regierungen ihre Stellung zu den Befchlüffen des Reichstags im Laufe der Verhandlungen bestimmt und unzweideutig kundgegebrn hatten, lag für ihre Vertreter kein Grund vor, ms unter Preisangabe einzelner als unerläßlich bezeichneter Forderungen mit Kompromißverhandlungm vorzugrhen." — So so! Die Regierung hat in Wahrheit sicht den geringsten Grmd, sich io aus'S hohe Roß zu setzen.
st Das Abgeordnetenhaus soll, nach einem in der ,Post' erörterte« Arbeitspläne, in den ersten 8 Tagm nach den WeihnachtSferieu die zweiten Lesungen de» Lehrerbesoldums- und dr» SchulbentilgungSgesetzrS, sowie die erste Lesung deS Etat» erledigen. DaS scheint uns doch wohl kaum möglich zu sein. Was die .Post' über die fernere ArbeitSeintheilung »och bemerkt, hat nur den Werth sehr fragwürdiger Ber- «uthunge« oder Wünsch- und kann daher unerwähnt
□ Politische Zukunftsbilder.
Wenn weder Reichstag »och Landtag gefüllt find und für politische« UnterhaltungSstoff sorgen, so muß die Umschau i« der europäischen Politik dm Stoff- «angel ersetzen, und so ist eS ja auch interessant, dem guten Abdul-Hamid einmal seine Aufmerksamkeit zuzuweuden, vornehmlich, da in letzter Zeit eine allgemeine Aufregung in den Kabineten der europäischen Diplomaten um sich gegriffen hat, die darauf deutlich hindeutet, baß eine große Umwälzung in der Türkei im Werk fei. Die Reise deS russischen Botschafters in Konstantinopel, v. Relidow, sein« Konferenz mit Herrn Schischkm an Ort und Stelle, sowie mit dem Grafen BoluchowSki auf der Rückreise in Wien und die fortgesetzten Berathungen mit dem französischen Botschafter ließen mit Sicherheit darauf schließe«, daß gegen den „kranken" Mann am Bokporus ei» gemeinsamer Schachzug geplant werde. Allerdings bietet nach den vorliegende« Eindrücken ja die ganze Situation die Stimmung, al» ob Rußland urplötzlich aus seiner Reserve hrrausgrtreten sei. Ja, in diplomatischen Kreisen geht sogar die Erzähluug um, als ob dir emo- päischm Mächte eine einmüthige Aktion gegen den Sultan in Konstantinopr! unternehmen wollte». Erstens aber ist das Lied schon alt, und man kannte feine Melodie schon damals, als die Armenier abgeschlachtet wurden. Namentlich war eS die moralische Empör««-; und da» tiefe christliche Mitgefühl, welches die Seelen der europäischen Diplomaten erzittern ließ. Ferner hat man heMe dem ganzen Zukuuftrplan schon eine Gestalt gegeben, die mit zu handgreiflicher Gewißheit auf die Unmöglichkeit feiner Verwirklichung schließen läßt. ,
Danach will man sich denn heute nicht mit leeren Versprechungen der Herrscher» aller Gläubigen abspeisen lassen, sondern — da» ist d»S Evangelium — die Botschafter werden gemeinschaftlich einen Reforwplan auSarbeiten, und der Sultan wird dan« ohne weitere» genöthigt werden, diesen zu ccceptire«. Diese Idee ist ja auch gar nicht so Übel — man entgeht auf solche Weise den bösen Folgen der leidigen Verschleppungs- Politik, natürlich vorausgesetzt, daß man zur festen Durchführung solcher Stellung auch unentwegt ent- schtrffeu wäre. Aber in diesem Punkte ist von einer Mnmüthigkeit unter den eurrpäifche» Staaten leider nicht die geringste Rede; denn die Berichte lasten uns üb-r diesen vollständig tm Such, was wohl mit gleicher Sicherheit uns über ihre Meinungsverschiedenheit in diesem Punkte schließen läßt, wie sie aus der anderen Seite wie ein Mann darüber zusammenstehev, daß der Sultan unbedingt, bevor er Hand an die Reformen, die i« dem Türkmreiche auSgeführt werden wüsten, lege« kann, «och einen tüchtigen Haufen Geld bekommen muß.
Die russische Politik in der türkischen Frage hat aber auch aus marcher Seite schon Krpffchüttel» erregt, abgesehen davon, daß man sogar das Mißtraurn ausgesprochen hat, Rußland, al 8 Führer deS europäischen Diplomatenkorps, hege die Absicht, den Sultan zur Verstärkung der Dardanellen «Forts zu bewegen, um, sollte die englische Flotte einfahren, dieser einen heißen Empfang zu bereiten. In klares Licht wird unserer Erachtens das jüngste diplomatische Manöver Rußland» gestellt durch den letzten Leitartikel der ,Lripz. Volks- zig '. welche wiederum zurückgreist auf den ,Economifi', ein kNglifcheS Fmanzblatt, daS mit voller Unverfrorenheit und, zuröckgrerfend auf die russischen Original- qmlle», seine Meinung m verhohlen äußerte. Danach planen die Räthe de» Zaren ganz und gar nicht die Theilung der Türkei, «och dir Annexion irgend welcher Theile, «och endlich auch nur die Erlaubniß für die Durchfahrt der russischen KrirgSsÄ-ffe durch die Dar- dauellm. Eine solche Theilung lökwe lediglich Rußland von RachtKeil sein, denn sie könnte, wie man die» an de» durch Rußland „Befreiten" Balkanstaaten gesehen hat, leicht dazu führen, daß die übrigen eurr päischm Mächte Eir flußcemren erhieftm. U rd wos dann? Run, sicher würde doch die Folge diesem, daß sie dieCentrm
etwa wie der Maharatjah von Gwolior vorn Bizekönig \ von Indien. Rußland könne dann nach Belieben über E die Kräfte der Türkei verfügen und daS türkische Heer S| orgamsiren, daß eS stark genug würde, um z. B. Per- # sien und Egypten zu erobern und den Bosporus uvd l die Dardanellen vor jeder Durchfahrt zu sichern. SS ä würde ferner die jetzt ganz elende türkische Flotte refor« / miren und könne sie der deutschen überlegen mache». I Diese Auslegung, welche dis russische Politik im.Econo- | mist' findet, hat ja allerdings eine» stark egoistische« ; Beigeschmack, aber sie scheint uns eben dethalb näher | an die Wahrheit zu reichen, al» die übrigen Kund- ■ gedungen anderer Blätter, welche di« Lage nach Mög- - lichkeit verzerrten, während diese Au»führungen eine ß «enSgmde Han-Habs für die-echig-StrllunMsWx, und E Thättgkett Rußland» bieten können.
bleiben. Sicher scheint nur auch uni, daß die Sffsiov über Ostern hinaus dauer« wird. Aber hat da» überhaupt Jemand bezweifelt?
* Da die mit dem 1. Januar 1897 in Kraft tretendes „Bestimmnngen" des vörsengesetze» dem Staate ein schärfere» Aufsichtsrecht über die Börse usb den Landwirthen eine Mitwirkung besonder» in der LntuLg der Produktenbörse zugestehen, ist verschiedentlich der Versuch gemacht worden, die birherigen Börse« durch anderweitig organisirte Zusammenkünfte der handeltreibenden Personen zu ersetzen. So habe» die Mitglieder der Produktenbörse zu Halle einen „Verein der Getreidchändler" zu begründen beschloste», und ähnliche Ansichten sind an der B rliner Produktenbörse erwogen worden. Demgegenüber wird jetzt osfiziös darauf aufmerksam gemacht, daß die Anwendbarkeit des Börsengesetzes und der zu besten Ausführung angehenden Vorschriften nicht dadurch beseitigt wird, daß der Verkehr mit Vermeidung de» Ausdruck» „Börse" in eine von den bisherige« Formen de» Börsenhandels abweichende Form sich kleidet. Tatscheidend ist vielmehr der wirthschastliche Charakter der stattfindenden Geschäft»abfchlüste und Zusammenkünfte von Kaufleute», insbesondere ihre Einwirkung auf die Preisgestaltung außerhalb der an den Abschlüssen unmittelbar betherligten Kreise.
• Der Entwurf eimS neuen RichterbefvldmtgSs Gesetze» wird, wie die,Post' mitthrilt, nach de» Lechnachtsferien dem Landtage zngehen. W-iterem Vernehme« nach sollen im Etat der Justizverwaltung für 1897/98 einige neue Richterstelle», bei dem Kam- rnergerichte die Stelle eine» Staatsanwalts neu eingesetzt werde».
* Für eine Besold«»g»erhöhung der evangelische» Geistliche» har sich abermals, wie btar
von zuverlässiger Seite gemeldet wird, die evangelische Kirchenbehörde bei der Staatsregierung ernstlich bemüht. Ihr Bemühen scheint aber keinen Erfolg gehabt zu habe«.
* Die VII. Kommisfio« de» Herrenhauses für kommunale Ar-gelegenheitm ist für dir eventuelle Borberathung der Entwürfe einer G1ädte»rd»u»g für die Provinz Heffen-Naffau, sowie einer Landgemeinde- Ordnung für dieselbe Provinz verstärkt worden durch die Herrer : Alexis Landgraf vou Hestm-Philipptthal- Barchfeld, Dr. v. Jdell, Graf Maiuschka von Toppolc- zan, Graf zu SolmS-Rödelheim uvd Oberbürgermeister Westerburg.
X Da» Kanonenboot „Hyäne" hat Befehl erhallen, von Kamerun eine Rundreise nach dm vrstafrikmischm Schutzgebieten anzutreten, die sich bi» nach Kapstadt aurdehnen wird. Dabei wird da» Kanonenboot auch Deutsch-Südwestafrika anlaufm, wobei sich Belegenheit finden dürfte, den von Dr. Effer neu entdeckten Augusta-Biktoria-Hafen südlich von der Mündung de» KumneflusfiS zu untersuche» und durch Peilungen usw. festzustellm, ob und wie wett sich jene Bucht zu Hafenzwecken wird verwerthr» laste» oder ob auch ihr die Gefahr, binnen kurzem vollständig zu versandm, droht. Die „Hyä-e" befindet sich bereit» von Kamerun «ach dem Sade» Afrikas unterwegs.
□ Mit 275 gegen 176 Stimmen hat eure 83er- sammlunz der Studirenven der Technischen Hochschule folgenden Antrag abgelehnt: „Die allgemeine Studentenversammlung wolle — ha richtige« Verstand?.iß für den Geist der Zeit und seine An- forderungm an dir akademische Jugend die Errichtung eine» allgemeinen studentische»Ehrengerichts beschließen, besten Funttionm geeignet find, ei» allen Studirenden gemeivsameS, einheitliches Recht in Ehrenangelegenheiten anzubahnm und durch Vertiefung jeglichen Ehrbegriffes auf eine allmähliche Ausrottung de-Duell» hinzuarbeiten." Sämmt- liche Verbindungen, bis auf eine Reformburfchenschast und eine katholifche Verbindung, stimmten g?gm den Antrag. E» ist zu beachte», daß diese Versammlung noch nicht de« vierten Theil der Charlottenburger Studentenschaft umfaßt, die i« ihrer Mehrheit hoffentlich vernünftiger denkt, al» die rauflustig- Majorität jener Versammlung.
* Soeben ist die nme Rangliste der dmtschm Marine für 1897 erfchimm. Aus derselben ergibt sich, daß da- Seeosfiz-erkorps gezmwärtig eine Stärke von 713 aktiven Sreoffizierm hat, während der Nachwuchs aus 124 Seekadetten und 69 Kadrttm besteht.