JH 287
Samstag, den 12. Dezember 1896
23. Jahrgang
uldaerMZeitunls
N
mit zl»terhattn«g»-KrUagr „Kterne mü» Klumr«"
PoKahonta».
Erzählung aus der Zeit der ersten europäischen Ansiedlungen in Nordamerika von Max Benno.
------- (Nachdruck verboten.)
Ehr er jedoch damit fertig war, schwang die Gestalt sich behende auf da» Ufer und nuu erkannte die Schild» waLe, daß feine Bermuthung irrig gewesen. Am Flusse stand ein weiblicher W:sen, da- als Friedens» zetchm einen grünen Zweig emporhielt u?d ihm in Zndtonersprache einige Worte zurief. Diese verstand der Mann nicht. Er rief einigt Kameraden herbei, n«b allmählich fanden diese Leute heraus, daß das Verlangen des Jodianermädchenl in einer Begegnung mit dem Kapitän der Riedcrlaffung bestand.
Na« wurde dar Thor geöffnet und PokahontaS nach dem von Edward Smith bewohnten Blockhaus geführt.
Dieser war, mit Schreiben beschäftigt, noch wach. Er hatte die B.iefe Angelas und WiltouS beantwortet, um mit dem nächsten nach Earopa abgehenden Sch ff: Nachricht zu sende« und in sein Tagebuch einige Em» träge gemacht. m
Er staunte nicht wenig, al» er die Nachricht von de« Vorgefalleue« bekam. War wollte eine indianische Squav nächtlicher Weile bei ihm? An PokahontaS dachte er nicht.
Um so gewaltiger war seine Ueberraschung, als diese 60« Wasser triefend und augenscheinlich in ungeheurer Aufregung in feinem Z mmer erschien. Der Kapuän hatte sich in der letzte« Zeit viele Mähe gegeben, die indianische Sprache zu erlernen, war ihm bis zu einem gewlffeu Grade auch geglückt war. Er konnte sich also mit der Jungfrau verständige«, ohne daß er de« Dol» metscher beizog.
PokahontaS warf fich, als sie sich mit dem «apitäu allem sah, vor diestm auf die Knie nieder und hob die Hände bittend zu ihm empor. Ja ihren Augen standm ThrSnen und mit b«beudev Lippe« stieß sie hervor: „Häuptling der Weißen! Höre «eine Stimme n«d folge ungesäumt meinem Rath, da Du sonst mit all den Deinigen dem Verderben geweiht bist. Ich belauschte den Krieg-rach der weisen Männer unsere» Stammes und habe gehört, wie man Euch alle, Männer, Weiber und Kinder zu vernichte» beschloß. Du kannst Lutes Widerstand leisten, denn ihre Z chl ist zu groß. I» ganzen Schaaren werde« sie über Dich kommen mit Lanze, Tomahawk, Bogen und Pfeil; deshalb beschwöre ich Dich, verwette nicht länger an dieser Küste, sondern fliehe! Rette Dein Leben, so lange e» «och Zsit ist."
Der Kop.tän wurde durch diese Nachricht in be» greift che Aufregung verfetzt, wozu die Persönlichkeit der Ueberbrmgerin nicht wenig beitrug. Seine Fassung verlor er aber doch nicht.
Er hob da» Mäschen vom Bode» auf.
„Du verlangst Unmöglich S von mir, PokahontaS," entgegnete er, „der Pflicht gegenüber kommt das Lebe« bei mit nicht in Betracht. Die werße« Männer weiche« vor kemem Feinde zurück und wäre er auch noch fo furchtbar und stark. Die Rothhäute mögen kommen. Eie möge« da» gegebene Wort breche« und den Frieden störe», wir fürchte« sie nicht. DaS in dem Kampfe vergofsme Blut kommt daun aber über sie. Ich bin nicht unvorbereitet, denn fcho» fett einiger Zrtt ahnte «h, daß eine Gefahr im Anzuge sei. Gleichwohl danke ich Dir, daß Du mich gewarnt haft. Ich ersehe daraus, daß Du ein guter Herz haft und de» Haß Deiner EtammeSgenoffe» gegen dir Blaßgefichter nicht thrilst, Dein Schritt dürfte Dir jedoch selber zum Unheil aus» schlage» and Du darfst eS vielleicht uicht wage», zu de» Deinige« heimzukehren. Für diese» Fall biete ich Dir bei uns eine Freistätte an. Du soll» sicher hier fei». Ich selbst nehme Dich in meinen Schutz."
Die Thränen PokahontaS begannen abermal» zu fließe», der Ausdruck einer liefen Trauer über daS Mißlingen ihres wohlgemeinte» Plane» erschien aus ‘ ihrem Gesichte.
Sie senkte den Kopf. „So möge den« der große
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Geist Dich beschützen," flüsterte fit, „toemt Du der gräßlichen Gefahr nicht au» dem Wege gehe« willst. Deine Güte hat mein Herz mit Freude erfüllt, aber bleibe« kann ich doch nicht. Ich muß wieder heim zu meinem Stamme, wo mir kein Leid augethan wird. Niemand wird daran denken, daß PokahontaS, die Tochter de» Häuptling», eine» Feind zu warnen versucht hat."
Nochmals drang Edward tti fie zu bleiben, aber ohne Erfolg; fie ging und auf chren dringenden Wunsch ließ man sie au» der Stadt.
Sie schlug die Richtung flußaufwärt» em und gönnte sich einige Ruhe bis zum Tag'Saubruch. Dann «ahm sie auf dem gleichen Ufer bleibend den Weg wieder auf.
Gegen Abend jedoch, als sie in die Nähe des In» dianerdorfeS kam, stürzte fie fich wieder in den Fluß und fchwam« an'S jenseitige Ufer, wo in geringer Entfernung der Urwald begann.
Sie fetzte fich unter einem Baume nieder, um ihre Umhüllung zu trockne«, dann aber, e» dämmerte bereits, eilte fie flüchtig wie eine Gazelle davon. Sie war kaum im Dunkel des WaldeS verschwunden, als au» einem dttbten Busche eine menschliche Gestalt hervorkroch.
Der Mond stand schon am Himmel und sein matter Schein firl auf die häßliche» Züge der Indianerin Burga.
Ein tückisch triumphirende» Grinsen zuckte um chren Mund. „Burga ist klug," zischte sie, „sie hat die weiße Taube durchschaut. Sre ließ fich durch die angebliche Krankheit nicht täuschen, wie Pokohattan, der sich für eine« so gar weisen Mann hält. Sie errieth auch die Absicht PokahontaS und ist, wie der Jäger dem Wild, ihre« Spuren gefolgt. Sie konnte e» thun, da der Bruder zu den entfernter lagernde» Stämme« ging und mehrere Tage und Rächte lang nicht heim» ketzren wird. Sie weiß, daß die weiße Taube fich in die Stadt der Blaßgefichter begab, fit braucht daran nicht zu zweifeln, was da- Mädchen dort that: ihr Herz hat fie zu dem weißen Häuptling getrieben, dessen Lebe« fie bedroht weiß. DaS ist unerhört. Eine« solchen Berrath beging eine indianische Squav noch nie, und selbst ihr Vater, der große Häuptling, vermöchte sie vor einer furchtbaren Strafe nicht zu schützen, würde ihre Frevelthtt bei dem Stamme bekannt."
Die Indianerin verstummte und schaute eine Zeit- lang stumm vor fich hin. „Ich kenne ihr Geheimniß," fuhr sie dann wieder fort, „und da» ist gut. Vorerst behalte ich e» für mich. An dem, was fie getha« hat, ist nicht» mehr zu äudem, aber für mich soll e» eine Söffe werden, wenn die weiße Taube meine Pläne zu kreuzen versucht. Nun darfst Du ganz ruhig sein, mein Liebling Blauhals. Burga hat ihr «ort gehalten ! Pokahonta» wird nun zu wählen haben zwischen Dir und einem schrecklichen Tod."
Auch fit entfernte fich und v:rschwand m dem Dunkel der hereinbrechendea Nacht.
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Der Kapitän Edward Smith and der Irländer Bootwell gingen mit einander auf dem Wall auf und ab.
„Richt wahr, Vetter", nahm elfterer das schon St einiger Zeit geführte und ins Stock« gerachtne espräch wieder auf. „Es war doch nicht ohne Ratze«, daß ich mir durch meine Galanterie damals in dem Wigwam be» treu'osen Häuptling» die Gunst der Tochter gewann. Daran, daß ihre Ergebenheit so groß wäre, daß fie bett gefahrvolle« Schritt unternahm, mich zu warne«, hätte ich freilich nicht geglaubt. Umsomehr verdient fie unseren Dank. Nu« find wir gerüstet. Die Frauen, Äinber, Schwache» und Kranken haben fichereS Asyl auf dem Sch ff, welche» auch «n» un äußwsteu Nothsall al» Z.flachtrott dienen wird, in der Stadt aber befhbet sich eine kleine Armee von beherzten Männern, von denen 400 dem Austurm der verrächerische« Rothhäute kein einziger auch nur einen Schritt zurückweiche« wird. Die Woff v find ht besten Zastand gebracht, die Munitionrrattonen auSgtthettt, bte Schildwachrn verdoppelt und alles ist zu dem bevorstehenden Kampfe bereit." ____ _
Em tiefer 6n.fi lag aus Bootwell» Gesicht. „Du haft recht", entgegnete er, .die Jungfrau hat viel für nr» gethan und im Jtteress: unserer Ansidluog anerkenne auch ich ihre That. Aber eine volle Genug» thuuug über fie zu empfinden, vermag ich doch nicht.
Sie ist zu sehr mit dem Bedauern und der Besorgniß für die Zikunst de» armen Geschöpfr» vermischt, bo» vielleicht, ohne der Tragweite ihrer Handlnng-weise bewußt zu sei«, ihre eigene« Stamme»genoss:n verrieth. Auch roemt fie dafür nicht zu büßm haben wird, sehe ich eine andere große Gefahr. Ohne eine« 6eftimm‘en tiefer liegenden Antrieb unternahm da» Niturkind den gefährlichen Schritt nicht. Daß fie e» gethan, bestätigt nur meine B-rrnuthnng, die schon früher in mir auftauchte und die ich Dir jetzt nicht mehr zu verschweige« brauche, da auch sür Dich in dieser B-ziehung kein Z veisel mehr vorhanden sein kann. Aber was soll daraus werden? Da weißt, daß die Erfüllung der geheimen Wünsche und Träume des schönen Indianer- Mädchens unmöglich ist. Der bittere Schmerz der Entsagung wird der Loh» für ihre großmüthige Aus- opfern ig sei«."
„Und das ist es," fuhr er nach einer Paufefort, „toolmir wehe thnt und was mich abermals zu der dringende» Bitte an Drch veranlaßt: Nimm Dein ganze» Pflicht- und R-chtlchkeitlgefühl zusammen und richte Dein Verhalten darnach gegenüber diesem unschuldige» Rmb ei». Eine Ahnung sagt mir, daß man fie hier nicht zum letzte» Mal sah. Vielleicht läßt fich da» Unheil abwenden. 6s wird fie schmerze«, wenn Du fie offen und unumwunden in Deine Verhältnisse einweihft. Jedenfalls mußt Du fo handel«, daß nicht bi» zum letzten Athemzuge das Bewußtsein einer Schuld Dir jede Lebensfreude vergällt."
Die Avkuttst eine» der weiter oben am Fluß ausgestellten Poften unterbrach da» Gespräch.
Dieser brachte die M-ldung, daß aus der andere» Seite bei StrotmS ein Haufe von Indianern, bet sich aber sofort in die Büsche geschlagen habe, entdeckt worden sei. ....
Das war eine Botschaft, bte kein langes Säumen zuließ. c, _ rr ,
Alle Rann würben unter bte Waffen gerufen und auf dem Wille vettheitt.
Der ganze Tag ging jedoch vorüber, ohne daß man weiter etwa» Verdächtige» wahrnahm.
Gleichwohl ließen die Ansiedler in ihrer Wachsam- kett und Vorsicht nicht «ach.
Mit ««brechender Dunkelheit durfte fich bloß ein kleiner Theil der Rche hingeben, alle übrigen biteben auf ihren Posten.
El gab eine dunkle stürmische Nacht. Der Wind fuhr scharf durch da» Geäst der huudettjährigen Bäume und entführte dal vn-welkende Laub durch bie Lust. Eine S unde um die andere verging. Kein Fei»d zeigte sich.
Da wurde die Aufmerksamkeit der Kolonisten plötzlich durch mehrstimmige Anrufe geweckt.
Die äußerstm Schildwache« rannten in eiligem Lauf gegen die Stadt und verlangten Einlaß. Bon bv.fen erfuhr man, daß ein gewaltiger Hanfe von Indianern ben Fluß durchschwommen haben, mtb nach der Bereiniaung mit einer zweiten Schaar, die fich
I auf dem liniert Ufer hrrangeschlichen, gegen die Stadt im Amnge fei. Aus de« vorsichtigen und fast laut-
I losen Bewegungen der Wilden gehe hervor, daß eine Ueberrumpelrmg beabsichtigt sei.
In weniger all zehn Minuten war auf biefe Nachricht hin wi der die ganze «ettheidigungsmannschast auf ben Beinen mtb mit rnurhwller Entschlossenheit und Z «verficht ermattete man den heran rückenden Feind.
Er «eß nicht lang ans fich warte«. Unhörbarem Schatten gleich wälzte fich die Jndianerschaar, welche mehrere Tausend Köpfe zähl« mochte, heran.
»ei« Wort wurde gesprochen. Die »offen aber blitzte« aal ihren Reihen heraus.
Auch die Verteidiger verhielten fich ruhig und still. Im Flüstertöne wurden die «öthigen Befehle ettheilt.
Endlich waren die Rothhäute in Schußnähe gekommen.
Da krachte eine donnernde Salve vom Walle in bie dichtgedrängte Schaar ber Wilden hinein. Ring» durch die Felsenaruppen bei Flusses uab ben »alb wälzte sich dal Echo.
Fast gl-ichzettig aber erschüttette ein »Uber weh» «agenber Rus, ähnlich dem Geheul ber Wöffe, die Lust. ~
«men Augenblick stutzten bte Indianer. Ste sehen fich augenscheinlich in ber Erwartung, bie Stadt Überraschen zu können, getäuscht.