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Samstag, den 5. Dezember 1896.
23. Jahrgang
FuIdaerWZeitling
mit Untechatkmgs-KeUagr „Sterile und fUumen“.________________
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S Der Hafenarbeiter-Streik, der in Hamburg, Bremen und anderen Rordseehäfe« auSzebrochen ist, nimmt immer mehr die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch. Auf eine baldige Ecüdt- suna diese» große» Ausstande» scheint auch nur geringe Au»ficht z« sei». Wenigstens fbb die bisherigen Bemühungen einiger wohlmeinender Hambmger Senatoren, die streikenden Pa.teie« zur Unterwerfung unter ein Schiedsgericht aus vvbetheülgtenMännern zu bewegen, als gescheitert zu betrachten, nachdem die Arbeitgeber dieses Angebot in einer Versammlung einstimmig abgelehnt habe«.
Auch die Arbeiter — chre Beschäftig besteht hauptsächlich in dem Ein- und Ausladen der Sch ssl- frachten — scheine» in ihrer großen Mehrheit mcht eher den Streik beenden zu wolle«, al» bis >hre Fw« deruugm erfüllt find. WmigstmS haben ihre Ler- fammlungea in Hambmg die von den Arbrltaeber« angebotene Erhöhung dek Tagelöhner von 4 Mk. 20 Pfg. auf 4 Mk. 50 Pfg. abgelehnt und an ihrer Forderung, 5 Mk. Tagrlohn, ststgehalten. Ja Bremen ist dagegen der Streik beendet, wie Staatssekretär Bötticher am Donnerstag im Reichstage erklärte, und zwar ans Grund des «vgebote» der Arbeitgeber.
La» nun die Forderung deS 5 Mark-LohneS an- geht, fo könnte man auf dm erstm Bück geneigt fern, eine Lohuerhöhung von 4 Mk. 20 Pfg. auf 5 Mark al» übertrieben hohe Forderung zu betrachten, aber eS ist zn beachten, daß die Arbeiter öfter» keine Be- schäftjgmrg haben. I« Folge d°ffm ioll fick, der Jahr» S- loh« nach Augabe der Arbeiter nnr mtf 800—900 Mk. bela«fen. StaatSfekretär v. Bötticher erklärte allerdmg», der JahreSkohn betrage durchschnittlich, und zwar nicht bloß in besonders günstige« Jahren, wie aus sozial- dewrkratifcher Seite behauptet wurde, 1155 Mk., em Einkommen, daS freilich nicht von vielm andere« Ar- beirerklafien erreicht werde« dürfte. Aber hier steht Behauptung gegen Behauptvng, und wenn Herr v. Bötticher auch v rficherte, seine Angabe beruhe auf amtlichem statistischem Material, so wäre doch w- nächst zu fragen, wie diese» Material beschafft worden ist. Za folchm DurchschnittS-Berechnungm haben wir im allgemeinm wmig Vertrauen, und eS kann ja auch dm Arbkttem, deren Einkowmm unter dem Durch- Wbrittefafre bleibt, geringe« Trost bieteu, daß andere 1155 Mk. und mehr verdienen.
Die abfolvte Höhe de» Lohre» kann aber überhaupt «icht entscheidend sein bei der Beurthrilung der Frage, ob der Streik berechtigt ist oder nicht, und wir bedauern daher, daß Herr v. Bötticher lediglich ans Grund bi 8 LohnbetrageS dm Streik ohne weiteres als unberechtigt bezeichnet hat. Denn worauf e» au- kommt ist dar, ob bte Arbeitgeber so viel verdienen, daß fir dm Arbeitern einen höhere« Loh« zahlen könne«, ohne dadurch ihre« eigmm Gewinn unter ei«m a«gemeffe«en Betrag herabzudrücken. Daß die Arbeitgeber eine gewisse Lohnerhöhung sehr wohl vertrage« könne«, beweist ihr ergm»» Angebot, de« Tagelohn von 4 Mk. 20 Pfg aus 4 Mk. 50 Pfg. zn erhöhen. Ob fie eine noch weitergehmde Lohnerhöhung zugeflehkn körnten, entzieht fich natürlich unserer Bkuriheilung, aber in weiten Ktetsm Hamburg-, und «icht bloß in fozialdrwrk attschm, glaubt man e»
Habm die Arbeiter Erfolg, so würde schon damit der Beweis gelieseit, daß ihre Forderung berichtigt war, benn die Arbettgeber werden fich krinekfallS auf einm Lohnsatz einlaffm, dm fir nicht leiste« könne«. Gmrdsitzlich hat jeder Mensch daS Recht, «ach emer Berbesftrnng seiner Lage zu strebe«, gleichviel, ob fern Einkommen bisher schon ein verhälrnißmäßig gut 8 war oder nicht. Insofern kann man den Hafenarbeitern durchaus keinen Borwurf machm. Es fragt fich nur, ob fie eS fich sorgfältig überlegt habm, ob fie »tt ihrer Forderung von 5 Mk durchdringen können. Wen« fie dies etwa ielbst bezweifel« sollte«, daun wäre er allerdings leichtsinnig von ihnen, ihre Existenz jtnb daS Wohl ihrer Famiüen auls * Spiel zu setzen, um eine solche Erhöhung ihre» Lohne» anzustrebe«, bereit Erreichung ihnen selbst nicht als
wahrscheinlich gilt. Aber «ach Allem, wa» «an au» Hamburg hört, fub bie Arbetter von ber Berechtigung anb Erreichbarkeit ihrer Forbermtge« vollstänbig über- Z eugt, fie hanbeln also mindesten» im gute« Glaube«, und wm« fie fich doch täuschen sollte«, so wärm fie nm zu bebauem, aber nicht zu verdamme«.
Ein andere» ist e», wen« Führer, welche die Ber- hältviffe beff er überschauen und nüchterner mtheilm önntm, gegen ihr bessere» Wissen doch bett Au»stand »lebigen. Allein in Hamburg hrbm auch bie sozial- »emokratische« Führer — wenigsten» öffentlich — bie Arbeiter ermahnt, baS Angebot von Mk. 4,50 oder ein Schiedsgericht anzuuehme«, unb Tom Mann, ber englische Agttator, bet au» Hambmg auSgewiese« würbe, hat bett Streik vermtheilt; freilich nm, weil liefet zu früh auSgebrochen ist. E» wm nämlich ein intemationalet Streik ber Hafenarbeiter, also auch ber mglischen, geplant; bie deutschen haben aber zu rüh loSgeschlagm und dadurch da» Belingen eines «ternationalen, namentlich eine» englischen Hafen- arbeiteraurstande» in Frage gestellt. Dm englische« Hafenarbeiter« ist e» durchaus «icht aigenehm. Richt wmiger lächerlich ist aber auch die Behauptung voa BiSmarckblättem, englische Kapitalisten hätten dm Hambmger Streik avgeftistet, um dadurch bett englische« Seehasdel auf Kosten be? deutschen zu stärkm. Dar hieße doch: m-t dem Feuer spielen, da» ja gm leicht auch nach England hinübergreifm kann. E n Beweis hierfür ist jedenfalls nicht vorhanden, wie auch StaatSf-kretär v. Bötticher im Reichstage zuge- geben hat. Wir schließm mit dem Wunsche, daß doch noch ein Schiedsgericht dem Streik ein Ende bereiten möge, bevor die Erschöpfung der UnterstützmgSkaffm der Streikenden im harten Winter fie und ihre Familie« dem Elende preisgibt.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Dezember.
♦ lieber Retsepläue unsere» Kaiser» ist in au»- wärttgen Kretsm eine Reihe von MMheilungm verbreitet. Der .Standard' will toifien, daß der Kaiser mit seiner Gemahlin und de« älüstrn Söhnen zu dem nächstjährige« Jubiläum der Königin Viktoria nach England kommen werde. Femer will man in türkischen Kreism wiffen, daß der dmtsche Kaiser die Abficht bekannt gemacht hätte, zu Oster« 1898 nach Jerusalem zu reisen, um der Einweihung der neum, großen vrotrstantifchm Kirche beizuwohnen, die auf dm s. Z vom Sultan dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm geschenkten Fundamenten einer aftm Krmz- fahrerktrche ecbavt wird. Der Kaiser würde von dem Präsidenten be» Evangelischen OberkirchemathS Herrn Barkhausen begleitet werbe«. Bei bieser Gelegmheit bürste Kaiser Wilhelm eine Einladung deS Shedire zum Besuche Kairo» erhalten unb annehmeu. Im Falle ber Berhinberung be» Kaiser» soll Prinz Heinrich komme«. _ m
□ I« Berli« wirb in bresm Tage« ber Prozetz gegen bie betben „Journalisten" Leckect unb von Lützow verhandelt, welche bekanntlich vom Auswärtigen Amte ««geklagt find, durch allerlei falsche Meldungen an verschiedene Zeitungen da» Ansehen deS Auswärtigen Amte» geschädigt zu habm. U. a. haben die beiden Angeklagte« s. Z. auch die falsche« Meldungen über dm BreSlauer Zarmtoast m die Wett gesetzt. Dieser Prozeß, welcher Ansang» kaum da» Papier werth zu sein schien, auf dem die Berichte gedruckt wurden, hat gestern eine große politische Bedeutung angenommen. Der Reichskanzler Fürst Hobenlohe warde, aller- ding» in einem unerheblichen Pauste, al» Zuge vernommen, nnd als Zeuge stand femer der SraatSiekretär Frhr. v. Marschall im Mittelpunkt der »erhaublung. Dazu kam noch eine sehr taten ff inte Verhandlung bei Leiter» bet polnischen Polizei, te» Herrn v.Tausch. Wir enthaften un» vorläufig einet eingchend^n Würdigt ng bet Prozeßverhandluvgen, solange bieselbm ihren Abschluß nicht erreicht haben. Doch botf schon heute kurz betont werben, baß als ber eigentliche Angeklagte j-tzt ber Kriminalkommissar v Tausch, bezw. die politische Polizei Merhaupt bastcht, die der Staatssekretär Fryr. v. Rarschall als Zeuge mit m- verhotzlmer Verachtung behandelt. Kaum gmubltch scheint e», daß Herr v. Tausch auf eigene Faust so weitreichende Jntrtguen gegen die höchsten Reichs- und
StaatSbehördm gespounm habm sollte. Man hat dm Eindruck, daß er nur das Werkzeug einer Clique war, bereit Mittelpunkt allerdings noch völlig u’i Dunkel gehüllt ist. Bald scheinten die Fäden der In- riguen m dar BiSmarck'sche, bald in daS Eulen- buraische Lager, da» mit der sogen. Hvfpartei sieichbedeutmd sein dürfte, bald in beide doch so ent» ;egengesktzt scheinmdm Lager hineinzureichm. Herr v. Marschall zeigt fich jedensall» entschloss-«, da» Wespennest einmal gründlich aMzuräuchern: man kann ihm dabei im Jatetesse deS Ansehen» de» Reiches nur den besten Erfolg wünschen, mögen die Perfonm, die in fttz:et Linie die Schuldigen sind, feto, wer fie wollen.
ft Die vudgetrKommtsfiou de» Reichstage» ist am Freitag unter dem Vorsitze d«S Abg. v. Kardorf f znfammevgetreten, um über die geschäftliche Behandlung deS Reichshaushalt»»Etats schlüssig zu werden. Die Hmplreserate sind wie folgt vertheitt: Rtlitär-Etat. Ochmann«: v. PodbielSki (tons ), Dr. Schädler (C -ntc); Extraordtaarium: Dr. Bachem (Crntr); Marine: Dr. Lieber (Centr.) v. Leipziger (kons ); Auswärtiges Amt und Kolonial Etat: P inz Urenberg (Centr), Dr. Haffe (natl ); Reichseisenbahnen: Dt. Pachmcke (hcf. Bg), Baffermanu (mtl.); Post und Telegraph:«: Dr. Paasch- (tat!.), Lingen» (Centr.); ReichSschatzrmt, P nfion»fons», RrichSinvalideusond» : Frhr. v. Gültlingen (Rp). Die Kommission tstrb am 10. Dezember mit bet Berathung beS Militär- Etat S beginnen.
ft Hebet „Kompromißverhandlungm" be» E.ittmmS mit bet Regietvng über bie Juftiztwvklle »eiben in ber P effr allerhand Mittheilun^en verbreitet. So wnd n. A. behauptet, daß da» C ittrum geneigt sei, bie Besetzung ber Strafkammern mit fünf Richter« iwb bte Beseitigung be» ZurMzwaug? gegen äie Presse preiSzug-be«. Alle drese Behauptungen find, wie wir aas'» Bestimmteste versichern können, vollstänbig aus ber Luft gegriffen.
»ernt bie Lehrergehälter an unb für fich — besoubetS auf bem Lande und in dm östlichen Pro- vinzm — schon durchaus unzureichend unb dem Bildungsgrade bet Lehrpersonen nicht angemessen finb, so muß eS um so mehr als eine Ungerechtigkett erkannt werden, daß dmjenigm Lehrer, bie zugleich Kirchmdienste (als Küster oder Organist) zu verrtchte« haben, dieses Rebeueinkommen ganz ober zum Theil auf da» Lehretgehaft angerechnet wnd. Ja dieser ungerechtfertigten Einrechnung ber kirchlichm Em> nahmen auf baS Lehrergehalt ist auch weserttlich ber Giunb zu bett vielm Unzuträglichkeitm zwischen bem Lehrer unb ber Kirchmgemeinbe, wie auch zu der Bestrebung seit«» ber Lehrer, von be« kirchliche« Aemtera beftett zu werben, z« suche«. Da» neue Lehrerde- solduugSgesetz will nun ta 8 4 auch bte Besoldung sür die dm Lehrem pflichtgemäß Übertragenm kirchlichen Dienste regeln, aber «ach bem Entwurf ber Regierung soll daS keineswegs in ber einzig gerechten «eise geschehen, baß be« betreffenben Lehrern bie kirchlichen Smkünste unverkürzt neven einem a«S eichende« Lehrer- gchalte zufließen. Rach dem Entwurf läßt fich vielmehr bie Beeinträchtigutrg beS Grundge- halte« al» Lehret befürchten. I« demvorizm Gef-tzetitwurt hatte allerbtag» bet §4 folgenden Wortlaut: „Bei bauernder Verbindung einer Schul- «ad K.rchenamtkS tritt bem Grundgehalte eine Pension»- berechtigte Zulage Hinz«, welch; mit Rücksicht auf die Mehrarbeit iu angemessener Höhe festgesetzt wird." Diese Fassung hat dmch die Paria- mmtSvethatchliwgm solgmde Abänderung «fahren: „Bei dauernder Berbtodnng eines Schul- und Kerchen- amies soll das Grundgehalt ein entsprechend höherer sein, al» in 8 1 und 2 bestimmt ist." Di ser Wortlaut ist auch tm neuen Gesetzentwurf geblieben. — Während erstere Fassung mehr eine entsprechende Entschädigung für die Kirchendtmste neben dem Lehrergehalte zuficherte, neigt letzterer «ort- laut wichet mehr zu bet Auffassung der B rschmelzi-ng beider Einnahmen hin, so daß be« Schulgrnntndm wiedemm eine günstige Handhabe gegeben wird, die Em -ahme süt d-.e krchlichen Dienste zu kürzen, dezw. die Gxsammtetanahme nicht entsprechend höher zu stellen De« ersteren Wortlaut ist mit- hn unbedingt der Borz.rg zu gebe«. E- ist in ber That nicht arzusthm, weshalb dm L hrern da» Sin- kommen aus Redmämtern so rigoros auf do» Grund-