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Umlage Mv Wulöaev Zeitung.

JH 266 Dienstag, den 17. November 1896. 23. Jahrgang

Kurpfuscherei und Aberglaube.

Fast eine halbe Million Mark betrug die jährliche Einnahme bei Gchwindeldoktors Bolbeding in Düffeldorf; ein preußischer Minister bekommt jährlich nnr 36,000 Mark, der Reichskanzler bringt ei nicht weiter all ans 54,000 Mark jährlich, wofür er auch noch gehörig „repräfentiren" muß. Der Schwindler bringt viel mehr em, als die allerbeste ehrliche Arbeit je erreichen kann. Darum haben schon die alten Römer das Sprichwort gehabt, daß die Welt betrogen werden will, und trotz aller sog. Kultsrfortfchritte ist es dabei geblieben: die Dummen werde« nicht alle, mrd die­jenigen, welche die Dummheit ansbeuten, werden auch nicht alle. Der Düffeldorfer Bolbeding fitzt jetzt hinter Schloß und Riegel; aber eine Menge Bolbeding! lassen und „wirken" »och frei in der Welt herum. Ich finde in einer ganzen Reihe von Zeitungen ans der dritten Seite den Bericht über die Entlarvung und Bestrafung Bolbedingl und auf der vierten Seite des­selben Blatte! Ankündigungen von Heilküustlern, die gleich Bolbeding „brii stich" die allerschwerstev Fälle heilen wollen und „Dankjaguugrv" angeblich geheilter Patienten veröffentlichen. Eine von diese« „brieflichen" »esandheitl'Fsdrikeu liegt sogar ganz nahe bei Düssel­dorf. Ich zweifle gar nicht daran, daß fie trotz des Exemprls, dal in ihrer Nachbarschaft statuirt ist, chr „Geschäft" im Bange halten wird. Ja, wen« Bolbe- birg Code b<! Jahres 1900 aus dem Gefängniß ent­lasten wirb, so kann er sein „Geschäft", wenn es ihm beliebt, wieber von vorn anfange», er muß nm daS nöthige Kapital haben, um wieber flott infrriren zu können.

Ob bie Polizei und das Gericht iHv bann nicht abermals faste« werben? Er braucht um ein ganz klein wenig vorsichtiger bie Sache zu betreibe«, dann ist ihm gar nicht beizukommen. Unsere Gesetzgebung ist in diesem Punkte so weitmaschig, baß nur etwas Klugheit und Aufmerksamkeit dazu gehört, um glatt hindurch- znkommev. Der Schäfer Ast hat es bester verstaube», als der Dr. Bolbeding, weil ersterer eigenhändig sein Schwindelgeschäft betrieb, während Bolbeding zu faul und genußsüchtig war, um fich selbst um die 100,000 „briefliche" Prtienteo, die er im Jahre hatte, zu Wanner» und zu bemühe«. Bolbeding ist nämlich nicht etwa vermtheilt worden, weil er den Leuten für die verschiedenartigste« Krankheiten dieselben nichts­nutzige« Pulver schickte, sondern weil er seine Schreiber für fich doktern ließ, ohne auch nm den Schein einer Ankervung und überhaupt einer vernünftigen Geschäfts- führuug zu wahren. Tie Schreiber und Packer chatt», was fie wollten; wen« der Eine nach seinem ganz un­geschulte» Gefühl einen KraukheitSnamen in Kurzschrift auf das Schriftstück setzte, so verstanden die andern diese Kurzschrift nicht und gaben fich auch nicht die Mühe, das Räthsel zu lösen; fie sandten dem Pa- tientes ein! von den vorhandenen Pulvern, wie es ihnen gerade in den Sinn kam oder zur Hand lag, denn e! war ihnen gesagt worden, e! käme auf die Sorte nicht an, da alle vorhandenen Pulver »»- schädlich seien.

Die Schreiber, die gar keine Sachkunde besäße«, vertraten den Doktor persönlich und brnflch durchaus selbstständig; bei der Unterschrift wurde da» „per* (in Bollwacht) vor dem Namen bei Dr. Bolbeding regel­mäßig so angebracht, baß er wie eis Schnörkel vor bem D aussah und also die Patienten nicht in dem Glauben gestört wmden, von dem praktische» Arzt Dr. B. selbst behandrtt zu werde«. Diese grobe» Auswüchse des Schwindel! gäbe» dem Staats- anwatt die Möglichkeit, ans Betrug zu klagen. Aber wen« der Wunderdoktor so schlau gewesen wäre, seinen Patientenbriefen nur ein wenig Auf­merksamkeit oder auch nur den Schein von Auf­merksamkeit zu widmen, so hätte man ihm wegen der gewimtreichen Pfuscherei mtt „Unilpi", „Hoy" und den fünf Allerweltspulver» schwerlich beikommen können. Wir habe» ja die größte Pfuscherfrechett. Ungestraft and unbehindert kann man öffentlich behaupten, daß man die Krancheite» aus den Rackevhame« oder au! noch unappetitlicheren Stoffen erkennen und durch dieses oder jenes Wundermittel Hellen könne; wen» leicht­gläubige Leute daraufhin Geld bezahle«, so muß der Staatsanwatt in der Regel fie ruhig gewähren laffev; denn er vermag nicht de« ersorberlicheu Nachweis zu liefern, daß der Pfuscher wissentlich eine falsche Bor- spiegelung macht. Der Staat hat nicht die Fähigkett, bti Leute vor dem Schwindel zv schützen. Selbstschutz ist nothvendig; aber dma» fehlt es i« de» weiteste» Kreise», avch m hohen Kreffen (Bolbeding hatte z. B. auch eine Prinzessin behandelt). Die Leichtgläubigkeit auf de» Gebiet der Krankeshellmg ist i» neuerer Zett

eher du Zunehme«, abschon doch die steigevde Kultur de» Aberglaube« einschränken sollte.

Der Aberglaube g-decht am besten im Schatten der Unglaubens. In erster Linie gllt das bekatmtlich auf religiösem Gebiete; in der „Stadt der Intelligenz", wo «an das apostolische Glaubensbekmntniß für eine vorsündfluchliche Kuriosität hält, findet man z. B. zahl­lose Hufeisen vor de« Thürschwellen, und fürchterlich aufgeklärte Handlungsreifende wollen nicht da! Hotel­zimmer Rr. 13 bewohnen. In Sache» der Heilkunde herrscht auch weithin der Unglaube; über die wisi-n- schastliche Medizi« und die zünftigen Äerzte wird mächtig gescholten und gespottet. Den geschulten Aerzten wirft man nicht bloß Unfähigkeit vor, fondern sogar „Ver­giftung" der Körper durch ihre scharfen Medizinen, unter Umstände« auch „blutige» Mord" wegen ihrer chirurgischen Eingriffe. Wo dieses Mißtrauen gegen die zünftige Medizi» herrscht, da betrachtet man jeden TodtSlall al! eine» Beweis für die Schlechtigkeit der offiziellen Heilkunst, während jede Genesung nicht dem Arzte und seiner Kunst» sondern der allheilenden Statur zugute geschrieben wird.

Diese scharfen Kritiker und schneidigen Berneiner stelle» nun aber eise sehr große Anzahl von blind­gläubigen Anhängern der „wilden" Heilkünste. Dem Arzte, der auf den Hochschulen ausgebildet und vom Staate geprüft worden ist, trauen sie gar nicht! zu, aber beu marktschreierischen Kurpfuschern alle». Die wissenschaftliche Medizi», welche mit endlosen Mühen danach ringt, für jede einzelne Krankheit eilt klares Bild von Ursachen, Thatb-stand und Folgen aufzustel­len und die für alle obwaltende» Verhältnisse jeweilig paffendste Behandlungsart zu finden und durchzuführen, beschuldigen fie der überlebte» Schablone; aber wenn ein lauter Charlatau sämmtliche Krankheiten und sämmt- liche Individuen über ein und denselben Leisten seiner frei erfundenenMethode oder seiner angeblichen Umversal- heilmittel schlägt, das» beugen fich die abergläubischen Leute vor dieser wunderbaren Einfachheit.

Welch' ein hohe! Maß von Aberglauben gehört nicht dazu, fich bei einem ernsten Leiden einer „brief­lichen" Behandlung anzuvertrauen! Der betreffende Herlkünstlrr erfährt von de« Krankheits-Erscheinungen nnr das, was der Patient ihm witthellt; der Patient ist aber gar nicht fähig, sich selbst ganz unbefangen und mit Sachverstand zu kennzeichne» (Selbstkenntniß ist schwer!), und wal der Patient und seine Umgebung fühle» oder wissen, da! wird bei der schriftliche« Dar­stellung durch eine ungeübte Feder erst recht verwirrt und verzerrt, der „briefliche" Doktor stellt keine wei­teren Fragen nach dem Zustande der betheUigten Körper­organe, sowie nach dem gesammten Kcästebestaud. Er kannund will gar nicht irrdividaalifire», sonder» behandelt den Kranken und die Krankheit nach Schema F.! Zu solcher „briefliches" Kur braucht man keine theueren Heilkünstler, sonders Ian» mit Nachschlagen ht einem „volksthümlichen" Medizinbuche ebenso weit kommen.

Manche treiben ja auch diese „Selbstheilung" an! einem Buche, und dabei könne« sie es natürlich zu nicht! Gutem bringen, well einerseits diese Art Bücher falsch oder wenigstens unzulänglich find und anderer­seits die Patienten höchst selten ihre Krankheit ganz richtig erkenne» könne». Aber alle Bernnnftsgründe helfen «ich» gegen diesen medizinischen Aberglauben der angeblich Ungläubigen. Rur muß man denen, die »och nicht ganz in diese gesährliche Richtung verrannt find, immer wieder das Beispiel von der Uhr Vor­halten. Wenn Du eine kostbare Uhr hast, welche der Heilung bedarf, so gehst Du nicht zu einem Schäfer oder verläßt Dich nicht auf die briefliche Behandlung eines ferne« Uhrkünstlers oder quacksalberst nicht felbst auf Grund eines schlecht verstandenen Büchlein! über Uhr-Mechanik aus'! Gerathewohl an dem empfindliche» Werke herum, sondern läßt einen gelernten Uhrmacher die Uhr nach allen Regeln seiner Kunst behandeln.

Bor allem hüte man fich vor dem Trugschluß, daß alle „Hrikmges", welche ein Pfuscher aufweist, wirk­lich die Folge seiner „Knnst" find. Wie die «eiste« „Dank-Atteste" zu Stande komme«, hat fich in dem Düffeldorfer Prozesse ja deutlich gezeigt. Bei einem Thelle ist es freilich keine „Mache" des Wunderdoktors, aber dann kommt die vorgesaßte Meinung und die Ein- bildnngskraft bei Patienten in'! Spiel. „Man muß daran glauben," heißt ja eine alte Regel. Glaubt man recht steif und fest, so sühtt man zeitwellig eine Er­leichterung, die all Besserung ausposaunt wird, bis der Rückschlag eintritt. Endlich ist zu beachte«, daß die Natur oder vielmehr die göttliche Gnade ost Hei­lungen herbeiführt, woran die gute oder die schlechte Medizin tmschnldig ist. Welch' eia Unfina, die Ge- »esuogen unter dm Händen eines zünftige« Arzte! sammt und sonder! ans die Rechnung der Natur zu setz«, während «an die Gmesungm unter dm Händm

eine! PfujcherS mit Pauken und Trompeten als herr­liche Proben der Hellkunst dies» Mannes hinstellt.

Wenn nur der Düffeldorfer Prozeß wenigstms da! Gute hätte, daß die ßeute über dm wahre« Werth der „öffentlichen Danksagungen" und sonstiger „Zmgniffe über Hellerfolge" aufgeklärt würden! Ei» Heilkünstler, der wirklich etwas leistet, veröffenllicht nicht solche R klamm! Der Leidmde und seine Angehörige« müffen sich hüten, daß fie nicht der Ausbeutungs-Gegenstand werden für die Eitelkeit oder die Habgier ein» Man­nes, der eine schwere Küsst avsübm will, ohne fie ge­lernt zu habe«.

Vermischtes.

dann aber

seinen Handlangen?

Zeuge: Natürlich nicht.

Richter: Natürlich nicht, selbstverständlich nicht. Würde eS korrekt sein, wenn Sie sagten, Sie kennen Herrn

* AlS et« Zeichen der Zeit mag folgende Annonce aus einem Berliner Blatte dienen: „Eine chemische Weingroßhandlung ersten Ranges sucht an allen Orten Deutschlands tüchtige Ver­treter, die speziell in Privatkreisen gut eiugeführt sind, gegen hohe Provision zu engagireu. Off. usw." Guten Appetit!

* Der Holzhacker Kieuspan hat den ganzen Tag im Regen gearbeitet und freut sich, als er hetmkommt, auf die warme Stube und die warme Suppe. Aber er hat die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Die Frau ruft Hinterm Ofen vor: „Schorsch, 'S iS fei' Wasser da. Seh' Du an de Brunnen und hol'S; — Dir macht der Regen doch nix mehr. Du bischt jetzt doch emol naß!" Der Schorsch nimmt den Kübel, läßt ihn voll laufen, kommt zurück, schüttet ihn der Frau über den Kopf und sagt: „So, Gretel, jetzt bischt Du so naß wie ich; jetzt kannscht Du Dir Dei' Wasser selber hole!"

* Zeugenvernehmung. Richter: Sie kennen Herrn Scharf?

Zeuge: Ja.

Richter: Das können Sie beschwören?

<8b^8b » <Ja»

Richter: Sie meinen, Sie sind bekannt mit Herrn Schars? Zeuge: Ja.

Richter: Aha, also Sie kennen ihn nicht, sondern sind nur bekannt mit ihm? Sehen Sie sich vor, Zeuge, es handelt sich um einen Eid! Sie schicken sich an, zu beschwören, daß Sie alle Angelegenheiten des Herrn Scharf kennen. Ja?

Zeuge: Ich denke doch.

Richter: Denken, Sie denken — Sie sollen hier nicht sagen, was Sie denken, sondern auSsagen, waS Sie wissen. Sie wiffen von allen Angelegenheiten des Herrn Scharf?

Zeuge: Ich weiß nicht — . .

Richter: Aha. Also Sie sind keineswegs nut allen seinen Angelegenheiten vertraut.

Zeuge: Mit allen natürlich —

Richter: Halt, nichts weiter: Ja oder nein!

Zeuge: Nein. . „ , ,

Mchter: Dar heißt also, Sie sind durchaus mcht so bekannt mit ihm, wie Sie glaubten.

Zeuge: So allerdings nicht.

Richter: Seh'n Sie, jetzt fangen wir an, uns zu ver­ständigen. Sie können über Herrn Scharfs Handlungen nichts wiffen, so lange Sie nicht mit ihm zusammen sind. Sie können also nicht beschwören, daß Sie ihn kennen.

Zeuge: Wenn Sie'S so meinen —

Richter: Sie schweisen wieder ab. — Ich frage noch ein­mal : Wenn Ste sagen, daß Sie Herrn Scharf kennen, so meinen Sie damit nicht, daß Sie sagen wollen, Sie wissen von allen

Scharf?

Zeuge: Nein.

Richter: Also — kennen Sie Herrn Scharf gar mcht?!

Zeuge: Nein. , ,

Richter: Das dacht' tch nur. Ste kennen thn gar mcht. Das wollt' ich eben von Ihnen hören. Sie können sich setzen,

Zeuge.

Zeuge: Ja . . .

* Tröstliche Zukunft. Georg: „Mütterchen, sag' einmal, bleibt mein kleiner Bruder immer jünger als ich?" — Mutter: „Gewiß, liebes Kind! Warum denn?" — Georg: „O, das tst schön — dann kann ich ihn auch immer durchprügeln."

* Berschnappt. Richter: „Sagen Sie mir, haben Sie da­mals einen falschen Eid abgelegt oder nicht?" - Angeklagter: „Aber erlauben Sie, daS ist ja bereits zwei Jahre her. Wie kann ich mich da noch erinnern, ob der Sid falsch war, ober nicht!"

* Schlechte Ausrede. A. (zu B., der ein Vegetarianer ist und soeben eine Wurst verzehrt): „So, Herr Äräutelmeier, hab' ich Sie endlich einmal erwischt!" — B.: „Da täuschen Sie sich, — ich ess' nur den Knoblauch heraus!"

* Zweifelhafte Versicherung. Mann (sorgenvoll): „Diese heillosen Geschäfte! Ich hab'S bald satt! Mir ist schon alle» gleichgiltig." — Frau: „Aber lieber Mann, Duhast doch mich!" — Mann: „DaS ist wahr. Du bist ja mein alles!

* AnS der Jnstruktionsfinnde. Unteroffizier: „ . .

Also, Knubbe, waS pflanzt der Posten, wenn er was läuft?" — Knubbe schweigt. - Unteroffizier: „Esel, der Posten pflanzt daS Seitengewehr auf, wenn er Gefahr läuft!"

* Au» einer Prüfung. „WaS stellen Sie sich unter , einer Kettenbrücke vor?" - Prüfling: „MehrschtendeelS Basier!"

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